Frühstück im 'Vivus'...

Mein Freund liebt Minigolf. Ich teile diese Leidenschaft noch nicht so ganz, aber ich kenne sie wohl bald alle. Die Minigolfplätze. Egal ob irgendwo bei Floridsdorf mit langen, ungepflegten Bahnen, in Nizza auf einem Hügel hinter einem Park, oder auf Teneriffa neben den ganzen Touristen-Bars direkt am Strand.
Am häufigsten waren wir bisher aber im Prater, hinter dem imposanten Riesenrad. Dass sich direkt daneben ein richtig gemütliches Lokal befindet, haben wir jedoch bis vor kurzem nicht wirklich registriert.
Das Vivus befand sich lange Zeit direkt vor unseren Augen, ohne dass wir ihm je Beachtung geschenkt hätten.


Als goodmorningvienna-Frühstücksbloggerin durfte ich dann vor ein paar Wochen das Frühstück im Vivus testen und wir wurden dabei direkt vom Besitzer selbst, Peter Schneider, begrüßt. Er setzte sich auch gleich zu uns, ließ uns in der Karte blättern, erfüllte uns mit den Worten: "Wir sind Dienstleister, alles geht!" jeden Sonderwunsch und war für alle Fragen offen. Er berichtete von seiner beruflichen Vergangenheit und wie er dann aus dem unscheinbaren Häuslein direkt neben dem Minigolfplatz das Vivus zauberte.


Während uns Cappuccino, frisch gepresste Säfte, Spiegeleier mit Speck, Lachs, Sekt und zum Schluss süße Köstlichkeiten serviert wurden, erzählte Peter Schneider weiter und meinte, die Lage des Vivus wäre ein Fluch und ein Segen zugleich. Hinter dem kleinen Gebäude ragt das Riesenrad empor, ein Blick in die andere Richtung und man sieht hübsch gedeckte Tische im Freien, direkt an der Prater Hauptallee. Klingt fast schon kitschig.


Das Problem dabei? Ganz klar das Wetter. Denn wie viele Menschen verirren sich bei Regen oder Kälte schon in den Prater? Noch dazu kommt, dass die Kapazitäten im Vivus drinnen sehr beschränkt sind und draußen sehr viel mehr Gäste Platz haben.
Schon während dem Gespräch merkte man, dass ein großer Wunsch nach Veränderung in der Luft lag. Peter Schneider berichtete, er habe immer wieder hunderte verschiedene Ideen im Kopf, die er versuchte irgendwie umzusetzten. Nachdem er früher bereits einem Wiener Heurigen zum Erfolg verhalf, würde nun auch mit dem Vivus bald ein Schritt in eine andere Richtung gewagt werden. Zu diesem Zeitpunkt konnte er jedoch noch keine genauen Details dazu äußern.
Tatsächlich wurde in der Zwischenzeit das Vivus am 01.08.16. vorübergehend geschlossen und wird ab Mitte September in der Wiener Innenstadt neu eröffnen.

Ich bin schon sehr gespannt, welche neuen Ideen Peter Schneider hier umsetzen wird. Der Service und das Essen haben auf jeden Fall schon einmal gepasst. Außerdem merkt man, dass Tradition und Liebe zur Gastronomie bei ihm groß geschrieben werden, trotzdem aber auch sehr viel Platz für moderne Neuerungen ist.

Bleibt nur noch zu hoffen, dass die neue Location wetterfester, aber trotzdem genauso schön ist wie die alte.

Für alle, die neugierig geworden sind, heißt es nun sich noch bis September zu gedulden und dann (hoffentlich positiv) überraschen zu lassen.

VA

*Ein großes Dankeschön an 'Vivus'

Ganz ihr Fall...

Die Tage tarnten sich als Monate. Morgens war sie voller Euphorie. Abends kam die Ernüchterung. Morgens belebte sie die Chance des Neubeginns. Abends erniedrigte sie die Erkenntnis der Endlichkeit. Die Endlichkeit der Tage. Der Monate. Die Grenzen ihrer Fähigkeiten. Die Unendlichkeit der Dummheit dessen was 'Menschen' genannt und auf die Erde geschickt wurde. 


"Wir steuern auf die Endlichkeit zu, weißt du das?", sagte sie zu ihrem Freund.
"Was meinst du?"
"Eh nur das."
"Dass die Welt untergehen wird?"
"Nein."
"Was dann?"
"Lass es."
"Okay."

Es war einer dieser jämmerlichen Versuche ihre innere Welt nach außen zu tragen. Versuche, die inzwischen so selten geworden waren wie Schnee an Weihnachten. Diese ihre Welt, sie war zu langsam. Diese ihre Gedanken, sie waren zu abnorm. Sie wollte es ihnen nicht antun. Sie wollte das was täglich in ihr umherschwirrte nicht ungeschützt nach draußen lassen. "Kondome für Gedanken.", dachte sie sich. Sie lächelte. Und war wieder in ihrer Welt. War wieder an einem sicheren Ort.

Das war am Montag. Montag war gut. Montag kam in ihrer Rangliste gleich nach dem ersten Tag eines Monats. Am liebsten hatte sie jedoch den 1. Jänner. Den 1. Jänner verbrachte sie nie im Bett. Nie mit Schmerzen im Kopf und Übelkeit im Magen. Am 1. Jänner war sie voller Euphorie. Nie schien die Endlichkeit ferner. Auch wenn es Abend wurde, wusste sie, es gäbe noch viele Abende. Auch wenn das Ende des Monats nahte, wusste sie es gäbe noch viele Monate.
Es war Montag. Montag war gut. Sie sah nur ein Problem in diesem Montag. Es war der letzte Montag des Jahres. Es war Dezember. Dezember konnte sie nicht ausstehen.

"Eigentlich sollte ich den Dezember dafür lieben, dass er mit den 1. Jänner näher bringt.", sagte sie zu ihrem Freund.
Wo war das Kondom für ihre Gedanken?
"Was meinst du?"
"Eh nur das."
"Eh nur was?"
"Lass es."
"Okay."

Diese Autofahrt. An diesem Montag. Dem letzten Montag im Dezember, war anders als sonst. Bereits zwei Mal hatte sie einen Schritt vor die Tür gewagt. Bereits zwei Mal hatte sie etwas aus ihrer Welt preisgegeben. Das war zwei Mal zu viel.

Er war ihr Freund. Seit fünf Jahren. Kennt man einen Menschen nach fünf Jahren? Ist es Liebe, wenn man sich nach fünf Jahren noch immer ein Badezimmer teilt?
Sie hatte einmal gelesen Kommunikation wäre das Wichtigste in einer Beziehung. Sie dachte sich dann, man sollte Kommunikation besser definieren.
Manche Paare kommunizieren aneinander vorbei.
Manche Paare reden. Aber sie kommunizieren nicht.
"Erst wenn man gemeinsam angenehm schweigen kann, kann man gemeinsam angenehm reden.", hatte ihr Freund einmal gesagt.
Vielleicht mochte sie ihn darum so gerne.
Er war der einzige Mensch, der angenehm war.
Der einzige Mensch, vor dem sie nur ihre abnormen Gedanken verstecken wollte, nicht aber ihre Existenz.
Bei ihm konnte sie sein. Wer auch immer. Wie auch immer.
Vielleicht war das keine Liebe wie die von anderen. Aber es war immerhin ihre.

Diese Autofahrt. An diesem Montag. Dem letzten Montag im Dezember war also anders.

"Aber.", sagte sie.
"Aber?"
"Aber ich mag den Dezember nicht."
"Den mögen viele nicht."
"Ich mag ihn besonders nicht."
"Warum nicht?"
"Lass es."
"Okay."

Er war ihr unbekannt. Dieser Drang verstanden werden zu wollen. Damals vielleicht. Mit neun oder zehn. Da hatte sie es ständig probiert. Bei ihren Eltern. Bei ihren Freunden. Damals wollte sie verstanden werden. Damals offenbarte sie ihre verrücktesten Gedanken. Sie wollte die Welt begreifen. Das Leben verstehen und vom Leben verstanden werden. Als Kind war das noch okay. Irgendwie zumindest. Sie fand keine Antworten. Kein Verständnis. Aber immerhin war es okay. Sie war ja ein Kind. Kinder sind 'halt Kinder'. Nicht verrückt.
Mit 16 war dann nichts mehr okay. Menschen sagten, sie wäre komisch. Menschen sagten, sie solle aufhören so viel zu denken. So viel zu sagen. Über das Leben. Über den Sinn. Über so viel Tiefgründiges. Sie solle normal sein. So wie alle anderen.
Ein Mensch, den sie zu dieser Zeit besonders mochte, sagte: "Der Einzige, der dich je ficken wird, ist dein beschissener Verstand."
Seitdem wollte sie niemanden mehr mögen. Seitdem wollte sie für niemanden mehr existieren. Niemanden mehr an ihrer Welt teilhaben lassen. Die Kindheit war vorbei. Ihr Schutzschild. Es war endlich. Sie war jetzt eine Verrückte. Und begann sich verrückt mit der Endlichkeit zu beschäftigen.  

Irgendwann kam ein Mann und sagte ihr, er möge sie. Sagte ihr, sie könne schweigen, wenn sie das wollte. Das war angenehm.

An diesem letzten Montag im Dezember war alles anders.
Sie redete öfters. Das war nicht das Problem. Sie hatte sich ein ganzes Repertoire an Sätzen wie "Mir geht es gut, danke, dir?" und "In der Arbeit läuft es gut, aber es gibt viel zu tun." und "Ja, unfassbar was wieder überall auf der Welt passiert." und "Ja, mir hat der andere Tatort-Hauptdarsteller auch besser gefallen." zurecht gelegt. Sie redete, aber sie kommunizierte nicht. Sie hatte es perfektioniert. So überlebte sie.
Mit ihrem Freund kommunizierte sie öfters. Das war nicht das Problem. Sie kommunizierte mit ihren Umarmungen.  Mit dem Tonfall, in dem sie Sätze formulierte. Mit Handlungen. Mit ihrem Gesichtsausdruck. Er war ein guter Zuhörer.
Ihre kleine innere Welt. Diese behielt sie jedoch beinahe immer für sich. Zumindest wollte sie diese vor ihm nicht in Worte verpacken. Worte konnten nicht zurückgenommen werden, sobald sie einmal ausgesprochen waren. Sie wollte nicht, dass sie Worte wieder zur Komischen, zur Verrückten machten. Manchmal schenkte sie ihm Sätze aus ihrer Welt. Dann ließ sie sie stehen. Er wusste, dass er sie stehen lassen musste. Sie hatten ausgemacht, sie bräuchte nur "Lass es." zu sagen. Dann würde er es lassen. Immer. Das war ihre Absicherung. Sie nahm diese ernst. Er sagte es wäre okay.

"Wann hört man auf sich so richtig zu freuen?"
"Worüber?"
"Generell. Wieso freuen sich erwachsene Menschen nicht mehr?"
"Ich freue mich über manche Sachen."
"Aber so richtig, weißt du. Wie ein Kind. Ein kleines. Es freut sich über die winzigsten Dinge so sehr, dass es beinahe durchdreht. Es freut sich von innen und strahlt nach außen. Ich sehe selten solche Menschen."
"Hm."
"Menschen freuen sich über Dinge. Kurz. Und dann wollen sie mehr."
"Oft schon. Aber immer?"
"Wann hast du das letzte Mal richtige Schmerzen gespürt?"
"In meinem Fuß."
"Ich meine nicht deinen Fuß. Ich meine dein Herz. Dieses Gefühl, das einem den Atem raubt."
"Gott sei Dank schon länger nicht mehr. Ich freue mich, dass alles gut läuft. Siehst du, erwachsene Menschen freuen sich noch!" Er lächelte.
"Aber wieso spürt man den Schmerz nicht mehr so wie früher? Wenn man verletzt wird zum Beispiel. Warum lässt mich das kalt?"
"Man lernt. Erfahrung macht stark. Der Schmerz ist trotzdem noch da. Wir können einfach besser damit umgehen."
"Aber das Gefühl. Wir müssen doch Freude und Schmerz fühlen können. So richtig."
"Wieso müssen wir Schmerz fühlen können?"
"Heißt das, Gefühle sind endlich?"
"Wie meinst du das?"
"Lass es."
"Ich will es verstehen."
"Lass es."
"Okay."

Sie ärgerte sich darüber, dass an diesem letzten Monat im Dezember alles anders war. Sie saß im Auto. Neben ihm. Sie saß und wollte Antworten. Zum ersten Mal seit vielen Jahren. Weil sich Tage als Monate tarnten. Jeder Tag war gleichzeitig ein 1. und ein 31. Der Morgen war schön, der Mittag befremdete sie und der Abend machte ihr Angst.
Und jetzt war Montag. Das war gut. Eigentlich. Aber es war Dezember. Das war schlecht. Es war der letzte Montag im Dezember und dieser Montag war gefühlt ein ganzer Monat. Es wurde ihr zu viel. Sie verstand nicht einmal mehr ihre eigene Welt. Ihr eigenes kleines System. Weil in letzter Zeit alles intensiver geworden war. Eine intensive Langeweile. Ein intensiver Trott. Sie wusste nicht mehr wo die Unendlichkeit aufhörte und die Endlichkeit begann. Oder war es umgekehrt?

Es war der Dienstag nach dem Montag. Der Tag nach der Autofahrt ohne Gedankenkondom.
Sie saß am Nachmittag alleine zu Hause. Eigentlich wollte sie sich die Jane Austen DVD ansehen. Bevor sie es jedoch schaffte die Fernbedienung zu finden, sah sie eine Dokumentation. Über Fallschirmspringer. Solche die einfach aus einem Hubschrauber oder Flugzeug springen. Freier Fall. Ein endlicher Fall. Denn schließlich öffnet sich dann ja der Fallschirm.
An diesem Dienstag nach dem Montag begann sie nachzudenken. Über das Fallen. Das Fallen war eines der endlichsten Dinge, über die sie je nachgedacht hatte. Man fällt vom Stuhl, vom Tisch, aus dem Bett. Manche fallen einfach um. Nie jedoch fällt man lange. In dem Moment in dem man merkt, dass man fällt, ist das Fallen meist schon wieder vorbei. Aber wenn man irgendwo fallen würde. Bewusst. Lange. Ohne Fallschirm.
Sie könnte Unendlichkeit erreichen, dachte sie sich. Sie könnte fallen und würde das Ende des Falles nie miterleben. Sie fragte sich, warum sie diese Idee noch nicht früher gehabt hatte. 27 Jahre war sie nun. Noch nie war ihr der Gedanke gekommen die Qual der Endlichkeit mit einem solch simplen Prinzip der Unendlichkeit zu durchbrechen. Das Gefühl einen Platz auf dieser Welt zu finden hatte mit ihrer Kindheit geendet. Aber dieses Fallen, diese Unendlichkeit würde sie nutzen. Das konnte ihr niemand nehmen.

"Ich werde fallen.", sagte sie zu ihrem Freund an diesem Abend.
"Dann werde ich dich auffangen."
"Das wirst du nicht können."
"Das werde ich müssen."
"Das wirst du nicht können."
"Wohin fällst du?"
"Lass es."
"Okay."

Er hatte Angst gehabt vor diesem Tag. Er hatte ihn kommen sehen. Er hatte immer schon gespürt, dass diese Welt nicht die ihre war. Dass irgendetwas an dieser Frau zu besonders war. Selten hatte sie im Außen gelebt. Manchmal schenkte sie ihm Sätze aus ihrer Welt. Er liebte es, wenn sie das tat. Er liebte es, sie zu kennen und doch immer Neues über sie zu erfahren. Sie hatte ihn vom ersten Tag an fasziniert. Weil sie anders war. Auf eine wunderbare Art und Weise. Weil sie manchmal Fragen stellte, die sich keiner fragen traute. Weil sie nie nur an der Oberfläche blieb, sondern in allem was sie tat die Tiefe suchte.
Er hatte Angst gehabt vor diesem Tag. Vor dem Tag, an dem sie beschließen würde wo anders hin zu gehen. An einen Ort, an den er sie nicht begleiten können würde. An einen Ort, an dem man bemerken würde wie wertvoll ihr Lächeln ist. Wie intensiv ihre Umarmungen und Küsse sind. Wie bedeutsam ihre Gedanken aus ihrer eigenen kleinen Welt sind.
Er war sich nicht sicher, ob er sie aufhalten durfte. Ob es fair war, sie hier weiter kämpfen zu lassen. Aus egoistischen Gründen. Nur weil er die Trostlosigkeit eines Lebens ohne ihr nicht ertragen würde.

Sie wollte am Freitag fallen. Am letzten des Monats. Im Dezember. Kein Tag eignete sich besser. Sie wollte tief fallen. Nicht einfach nur von einer Mauer. Auch nicht von einer Brücke. Das Wasser schien ihr für die Unendlichkeit kein guter Ort zu sein.
Sie wollte am Freitag fallen. Am letzten des Monats. Im Dezember. Am Morgen. Das passte zwar nicht ganz in ihr System. Aber sie wollte nicht, dass ein Feuerwerk ihren Weg in die Unendlichkeit begleitete. Sie beschloss ganz früh zu gehen, damit es noch dunkel war. Sie würde sich sagen können, es wäre Abend. Der letzte Abend der letzten Woche im letzten Monat des Jahres.
Sie wusste von welchem Aussichtspunkt sie fallen wollte. Er war ganz in der Nähe und sie war vor fünf Jahren mit ihrem Freund dort hinauf gewandert. Sie merkte an diesem Tag zum ersten Mal, dass er ein angenehmer Mensch war.

Es war Freitag. Drei Uhr morgens. Sie brauchte keinen Wecker. Ihr Körper fühlte, dass es Zeit war. Sie putzte sich die Zähne, kämmte ihr Haar. Sie zog ihre Kleidung an. Sie hatte sie sich vor dem Schlafengehen zurechtgelegt.
Kurz bevor sie das Schlafzimmer verlassen wollte, hörte sie ihren Freund.

"Bevor du fällst. Sieh bitte in deine Hosentasche."
"Okay."
"Ganz sicher?"
"Versprochen!"
"Gut. Dann fall schön!"
"Das werde ich."

Sie wanderte den Weg hinauf. Setzte einen Fuß vor den anderen. Sie war gespannt wie es sich anfühlen würde. Das Fallen. Und die Unendlichkeit. Gespannt wie es sein würde ohne Menschen. Ohne die Gewissheit, die Komische unter ihnen zu sein. Dann dachte sie an den angenehmen Menschen in ihrem Leben. Sie überlegte, ob sie ihn vielleicht fragen hätte sollen, ob er mit fallen möchte. Aus Höflichkeit.

Es war noch nicht hell geworden. Der Aussichtspunkt und sie. Sie waren ganz alleine. Unter ihnen lag das Dorf. Mitten in der Nacht strahlte es eine Ruhe aus, die ihr gefiel. Es war eine wunderbare Nacht um zu fallen. Sie konnte die Unendlichkeit des 1. Jänners beinahe riechen.
Sie kletterte über das Geländer und hielt sich von der anderen Seite fest. Sie blickte hinunter. Es würde ein langer Fall werden. Genauso wie sie es wollte.
Sie war bereit.

Sie griff in ihre Hosentasche. Das hatte sie ihm versprochen.
Sie zog einen kleinen, gefalteten Zettel hervor.
Hatte er vergessen, dass sie im Fallen keine Einkaufslisten mehr brauchen würde?

Sie stand an der Kippe. Zwischen stehen und fallen. Sie musste nur noch springen. Nur noch einen ganz kleinen Schritt nach vorne gehen. Sie warf den Zettel ohne ihn zu lesen den Abhang hinunter. Er segelte. Sie sah wie er das Fallen genoss.

...

Er hatte Angst gehabt vor diesem Tag und er würde sie nicht gehen lassen. Nicht nur aus egoistischen Gründen. Nicht nur weil er sie brauche. Weil die Welt sie brauchte. Mehr Menschen wie sie. Mehr Wunder.
Er überlegte wie er es auf ihre Art machen konnte. Er überlegte wie er sie aufhalten konnte, ohne sie erst recht zum "Fallen" zu bringen. Wie sie es nannte.
Er dachte nach. Dann lächelte er. So würde es auf jeden Fall funktionieren. Auch in ihrem.

Er schrieb einen kleinen Zettel, faltete ihn und steckte ihn in ihre Hosentasche:
Lass es!

Prioritäten ändern dich...

"Leben heißt Veränderung", las ich auf einer Karte und klebte sie sofort auf meine Zimmertür.


Leben heißt Veränderung.
Momentan verändert sich vieles.
Die geplante Unsicherheit rückt immer näher.
Und früher hätte mir das Angst gemacht.
Früher hätte es mich nervös gemacht, dass jetzt jeder gespannt meinen nächsten Schritt erwartet.
Doch momentan, da liebe ich es.
Ich liebe es, dass alles offen ist.
Denn wenn alles offen ist, dann ist auch alles möglich. 

Es fühlt sich an, als wäre ich endlich angekommen.
An diesem Punkt an dem ich nichts mehr muss.
An dem es nichts mehr gibt auf das ich warten sollte.
Das ich abwarten sollte.
Ich bin brav zur Schule gegangen, ich habe brav mein Studium absolviert (bald).
Erwartungen von außen erfüllt, könnte man sagen.
Und jetzt liegt alles an mir.
Jetzt habe ich es in der Hand.
Ich spüre es mehr denn je - was ich aus meinem Leben mache, ist meine Entscheidung.
Viele kleine Entscheidungen.

Keine Ausreden, kein Bedauern.
Weil ich nicht eines Tages mit ungelebten Träumen in meinem Herzen sterben möchte.
Weil wenn man den Kopf nur ein paar Zentimeter hebt, der Horizont ein ganz anderer ist.
Wenn alles offen ist, dann ist auch alles möglich.
Und ist das nicht das was das Leben ausmacht?
Diese Ungewissheit. Das Planen, mitten hinein in die Unsicherheit.
Weil man nie weiß wann ein Anfang ein Ende nimmt, oder ein Ende einen Anfang findet.
Manchmal macht mir das noch Angst.
Und dann frage ich mich: "What would you do, if you were not afraid?"
Dann tu ich es. Meistens.

Momentan verändert sich vieles.
Dinge die früher wichtig waren, sind es nicht mehr.
Noten sind nicht mehr wichtig.
Die viele Kleidung in meinem Schrank ist nicht mehr wichtig.
Weniger ist fast immer mehr.
Dinge die früher vielleicht nicht so wichtig waren rücken in den Vordergrund.
Prioritäten ändern sich.
Prioritäten ändern dich.

Leben heißt Veränderung.
Für jeden von uns.
Geplant oder ungeplant.
Keiner weiß mit Sicherheit was der nächste Tag bringt.
Und wie man damit umgeht, ist das was uns schlussendlich ausmacht.
Das was schlussendlich unser Leben bestimmt.


Wenn alles offen ist, dann ist auch alles möglich.

What would you do, if you were not afraid?

VA

All die Dinge die wir haben...

Ich gehe die Straße entlang. Einen Karton in der einen Hand, das Handy in der anderen, die Tasche um die rechte Schulter. Ich komme von der Post, bin auf dem Weg zum Billa. Mit schnellem Schritt, beschäftigt wie immer.


Eine junge Frau hält mich auf. Ich ertappe mich, wie ich mir denke: "Oh Mann, nicht schon wieder eine die 50 Cent will.", aber bleibe trotzdem stehen. Sie fragt mich ganz freundlich nach einer Arbeit. Ob ich denn niemanden kennen würde, der eine Putzfrau bräuchte. Sie würde gerne arbeiten. Müsse arbeiten. Sie habe eine depressive Mutter und eine 1-jährige Tochter. Habe nicht genug Geld für die Miete. Auch wenn es nur 220€ wären.

Sie sagte, sie habe vor kurzem ihren Job verloren. Habe keine Arbeitserlaubnis mehr. Würde sie erst wieder in ein paar Wochen erhalten. Sie sagte, sie wäre schon lange auf der Straße unterwegs, aber keiner höre ihr zu. Ich wäre die Erste. Die Erste, die überhaupt zuhört. Dabei würde sie so gerne reden. Dabei bräuchte sie so dringend Hilfe. Niemand höre ihr zu. "Erniedrigend ist das.", sagte sie. "Man fühlt sich wertlos."

Wertlos. Weil keiner hinsieht. Weil keiner zuhört. Ich verstehe sie. Und denke gleichzeitig daran wie oft ich schon weggesehen habe. Wie ich zwar zumindest versuche jede bettelnde Person wahrzunehmen und wenn es angebracht ist zu grüßen, aber wie ich doch immer wieder am liebsten wegsehen möchte.

Ich nehme sie mit in den Billa. Wir suchen Windeln und Babynahrung für ihre Tochter. Sie sagt, sie brauche nichts zu essen, solange sie alles habe, um sich um ihre Tochter zu kümmern.
Leider werden wir im Billa nicht fündig. Ich gebe ihr das Bargeld, das ich noch habe, damit sie sich die Sachen irgendwo anders kaufen kann.

Ich setze meinen Einkauf fort. Ich kam mir davor komisch vor, neben ihr die Avocados abzutasten und sie für nicht gut zu befinden.
Ich setze meinen Einkauf fort. Und ich denke mir, ich könnte mich doch eigentlich gut fühlen, dass ich ihr zumindest ein bisschen geholfen habe. Aber ich will mich nicht gut fühlen, nicht auf ihre Kosten.

Ich denke darüber nach, wie viel ich eigentlich habe. Wie viel ich besitze und wie unbeschwert ich mein Leben leben kann. Ich denke darüber nach, wie oft ich neidisch auf Menschen war, die sich alles leisten können. Die ständig nur um die ganze Welt fliegen. First Class natürlich. Die in den schönsten Hotels übernachten und die teuersten Kleider tragen.

Diese Frau hat auch mir geholfen. Sie hat mir geholfen, wieder einmal ein bisschen dankbarer zu sein. Wieder einmal den Blick auf das zu richten, was ich alles habe. Mir hat es nie an irgendetwas gefehlt. Und wenn mir eines bei meinen Umzugsvorbereitungen bisher klar geworden ist: Ich habe nicht nur alles was ich brauche. Ich habe viel zu viel.

Als Kind habe ich den Satz: "Komm, iss das jetzt, die Kinder in Afrika haben gar nichts und wären froh darüber." gehasst. Immer diese Kinder in Afrika. Wer waren die überhaupt?
Aber wir müssen nicht einmal bis nach Afrika reisen. Denn sie sind realer als wir oft glauben. Diese Menschen, die gar nichts haben. Und wahrscheinlich sehen wir genau darum so gerne einfach nicht hin. Weil es dann nicht Teil unserer Realität ist. Weil man es dann nicht an sich und das eigene geregelte Leben herankommen lassen muss.
Aber wenn man es zulässt, dass die Armut ein Gesicht bekommt. Eine Geschichte erzählt. Dann berührt das. Dann beginnt man vieles zu überdenken. Zu relativieren.

Jeder Mensch sollte ein Dach über dem Kopf haben. Nahrung und alles was nötig ist um das eigene Kind zu versorgen.
Einige meiner Freunde erhalten seit kurzem "Bildungskarenz". Mehrere hundert Euro im Monat. Einfach so. Ohne dass sie es wirklich bräuchten und ohne dass sie dafür wirklich etwas tun müssen.
Und währenddessen kann sich eine Frau auf der Straße keine Windeln leisten.

Wir haben nicht nur alles was wir brauchen.
Wir haben viel zu viel.
Und trotzdem noch viel weniger als andere.
Neid und Hass. Das alles entsteht aus 'haben'.
Macht haben. Länder haben. Geld haben. Besitz haben.
Wann, frage ich mich, werden wir endlich beginnen weniger haben zu wollen und viel mehr zu sein?

VA
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