valeriannala
meine Worte

Perfektion an der Leine

Was macht man mit Sätzen, die man schon immer gehört, aber noch nie geglaubt hat? Auf grüne Wäscheleinen hängen. Aber ohne Klammern, damit es authentisch bleibt. Zwischen ihr und dem Glück stehen nur drei Worte. Das letzte ist genug. Die ersten sind nicht gut. Die hängen aber nicht an Leinen. Erst recht nicht wie Wäsche. Die stehen mit roter Kreide auf nassem Asphalt. ‚Nach welcher Perfektion strebst du eigentlich, wenn es überhaupt keine gibt?‘, fragt sie die Stimme. Schon immer gehört. Noch nie geglaubt.

Sie hängt Sätze auf Wäscheleinen. Wort für Wort. Wie einzelne kleine schwarze Socken. Die sind die schlimmsten. Und wenn sie dann da hängen ohne Klammern. Dann fallen Socken so leicht wie Tropfen in der Regenzeit. Dann fallen Worte. Nacheinander. Dann machen Sätze keinen Sinn mehr. Sie kann sie nicht mehr glauben. Bis ein Anderer sie wieder ausspricht. Bis ein Anderer sie wieder überzeugen mag. Ihr schöne wahre Dinge sagt. Sie hängt sie dann auf Wäscheleinen. Wort für Wort. Socke für Socke.

Nach welcher Perfektion? Das weiß sie nicht. Da sind so viele. Sie will sie alle. Sie sind verankert, festgefahren. Fixe Bilder. Gemälde im Kopf. Abgemagerte Figuren von Egon Schiele und irgendwo die Seerosen von Monet. Festgesaugt. Blutegel. Eklig, hartnäckig, kräfteraubend. Wohin damit? Vielleicht behalten. Weil verankert ja auch Anker heißt. Den Anker, den braucht sie. Sie weiß nicht wo es neue gibt. Sie sucht ein Ankerfachgeschäft. Bleibt dann doch bei den abgemagerten Seerosen und den Egeln. Die sind schon da.

Drei Worte weniger und alles wäre anders. Alles gut. Nicht nicht genug. Drei Worte weniger und sie bräuchte keine Wäscheleinen. Sie bräuchte keine schönen wahren Dinge hören. Sie hätte sie schon immer geglaubt. Drei Worte weniger und sie wäre ihr eigener Anker. Den Schiele, den würde sie verkaufen. ‚Nach welcher Perfektion strebst du eigentlich?‘. Sie klaubt die kleinen schwarzen Socken vom Boden auf. Setzt sie zurück auf die Wäscheleine und macht sie mit Klammern fest. Am Boden lacht das Rot auf nassem Asphalt.

 

VA

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2 Comments

  • Reply
    Ernold
    30. Juni 2017 at 4:35

    Perfektion an der Leine….
    …oder… teils uralte Grundgedankenmuster lassen grüßen! Längst nicht mehr zeitgemäß für ein Jetzt…. aber dennoch weniger Aufwand sie zu behalten, als wenigstens ab und an im Laden „Leben“ neue zu besorgen.
    Und so hängen wir sie wieder hinauf auf die Wäscheleine, den „roten Faden“ der sich durchs Leben zieht und nutzen sie ohne Unterlass….
    Schon der Titel Deines Beitrages hat mich neugierig gemacht liebe Valeria…
    Danke für diesen Blog mit großem Tiefgang, zugleich aber Zärtlichkeit sprachlicher Berührung

    • Valeria Anna
      Reply
      Valeria Anna
      2. Juli 2017 at 19:38

      Vielen Dank für deinen Kommentar :)!

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