valeriannala
deren Geschichten

Polyamorie – Was es bedeutet mehrere Männer zu lieben

Kaum etwas war wichtiger. Irgendwann würde ich die Liebe meines Lebens finden. Ich weiß gar nicht woher diese übertrieben romantische Vorstellung von Liebe in meiner Jugend überhaupt kam. Die 3-Monats-„Beziehungen“ meiner KlassenkameradInnen fand ich ziemlich lächerlich und mir war klar: Wenn ein Freund, dann musste es schon der Richtige sein.
Eine Freundin war dann fast schon sauer auf mich, als ich irgendwann doch begann Jungs zu küssen, die mir eigentlich ziemlich egal waren. Im Sinne von: „Wenn selbst du nicht mehr romantisch bleibst, dann sind wir ja alle verloren.“ Aber man lernt auch schon als Jugendliche schnell, dass Traumprinzen nicht an jeder Ecke auf einen warten und man aber trotzdem keine Nonne sein möchte.

Man wird älter. Reifer. Macht Erfahrungen. Zieht daraus Schlüsse. Bei manchen scheitert eine Beziehung nach der anderen. Manche genießen es alleine zu sein. Genießen es einfach hin und wieder auf irgendwelche Liebeleien zurück zu greifen. Manche führen lebenslange Beziehungen und lügen sich dabei schlichtweg nur selbst an. Und manche. Wenige. Führen eine lebenslange Beziehung und sind glücklich.
Eines ist jedoch sicher. Ganz ohne irgendeine Form von Liebe kann und will niemand sein. Die Frage ist nur, wie man diese Liebe leben will. Und vor allem auch: kann. Dass es dabei nicht nur einen Weg gibt, zeigt Keas polyamore Lebensweise.

Sie hat sich Zeit genommen mir meine fast schon naiven Fragen zum Thema zu beantworten. Und auch wenn ich es mir wohl nicht vorstellen könnte, parallel mehrere Beziehungen zu führen, haben mich ihre Antworten doch sehr zum Nachdenken angeregt. Weil eben jeder Mensch anders ist und in unserer Gesellschaft trotzdem ein Beziehungs-Konzept über alle gestülpt und als „richtig“ gefeiert wird. Aber es ist nun einmal nicht immer alles schwarz/weiß. Erst recht nicht die Liebe.

Wie würdest du selbst Polyamorie definieren?

„…frei strömende Liebe zu mehreren ParterInnen“

Für mich bedeutet Polyamorie so viel wie frei strömende Liebe zu mehreren PartnerInnen – Im Gegensatz zu einer „offenen Beziehung“ geht es nicht nur um sexuelle Interaktionen, sondern darum, parallel in mehrere Menschen verliebt zu sein.

Ich muss aber dazu sagen, dass ich glaube, dass das Konzept der romantischen Liebe ein konstruiertes ist. Ich denke, die Art, wie man seine Freunde, seine Eltern und seine PartnerInnen liebt, ist grundsätzlich die Gleiche. Liebe ist Liebe – ein Zustand der Hingabe, des Geben-Wollens. Den Unterschied macht der Sex, der berauschende Cocktail an Hormonen, die ausgeschüttet werden, wenn wir jemandem körperlich nah sein wollen oder sind. Diese Schmetterlinge im Bauch hat der Mensch verknüpft mit dem Ideal der romantischen Liebe – dabei handelt es sich, glaube ich, einfach um ein Phänomen, bei dem wir auf jemanden treffen, den wir sehr stark begehren und den wir gleichzeitig als Menschen und Freund hoch schätzen. Trifft beides zusammen, nennen wir das verliebt-sein. Und es fühlt sich ja auch großartig an, die Schmetterlinge, die weichen Knie, das ganze Programm. Das haben wir natürlich nur dann, wenn zu der Liebe, der Wertschätzung und dem Gefühl, Werte und Ansichten zu teilen, das Begehren kommt. Denn das sexuelle Beisammensein löst ja auch Bindungshormone aus. Deshalb hofft bei den sogenannten „Friends with benefits“ auch nicht selten einer von beiden doch auf mehr – die Grenzen sind eben fließend.

Wann und warum kam für dich der Zeitpunkt an dem du bemerkt hast, dass es für dich die richtige Art und Weise zu leben/zu lieben ist?

„Da ahnte ich zum ersten Mal, dass die Vorstellung, eine solche Situation erfordere in jedem Fall eine Entscheidung, gar nicht wahr sein muss.“

Ich glaube, dass ich vom Wesen her immer schon ein Herz hatte, das groß genug für mehrere Menschen ist. Allerdings hatte ich bis Mitte zwanzig noch sehr klassisch bis konservative Vorstellungen von „Beziehung“. Monogam, möglichst lang und erfüllt, so sollte Paarbeziehung für mich sein.

Mit meinem ersten Freund versuchte ich mich in dieser Disziplin, vier Jahre lang. Nach zwei Jahren entwickelte ich Liebesgefühle für einen anderen Mann, was mich damals in tiefe Gewissensbisse und Verzweiflung stürzte. Wenn ich doch meinen Freund liebte, wieso löste dann dieser andere Mann in mir auch so intensive Gefühle aus? Ich dachte, mit meiner Beziehung müsse etwas nicht stimmen. Mit dem anderen Mann kam es nie zum Austausch von Zärtlichkeiten und ich merkte, dass ich immer noch in meiner Beziehung zuhause war – sie ging weiter, es nahm ihr nichts weg. Die Liebesgefühle existierten einfach parallel.

Da ahnte ich zum ersten Mal, dass die Vorstellung, eine solche Situation erfordere in jedem Fall eine Entscheidung, gar nicht wahr sein muss.

Meinem Ex-Freund gegenüber habe ich das nie zugegeben – ich war noch zu jung und ängstlich, schließlich hatten wir uns ja auf ein monogames Zusammenleben verständigt.

Erst viele Jahre später fand ich dann zu meiner eigenen Vorstellung von Liebe. Dabei mündete das gar nicht in einem so ausschweifenden Leben, wie die meiste Leute meinen, die von meinem Liebeskonzept Wind bekommen. Ich liebe seit fünf Jahren zwei Männer. Zwischendurch gab es noch kleinere Romanzen, aber auch die kann ich an einer Hand abzählen. Damit will ich nicht verurteilen, wenn andere das noch bunter leben – das muss einfach jede und jeder für sich entscheiden.

Kea Polyamorie Frau

Gibt es quasi einen „Hauptmann“ und mehrere andere Männer oder sind alle auf einer Stufe?

Das ändert sich, das ist nichts Statisches. Da ich bereits verheiratet war, als ich mich in meinen Freund verliebt habe, gab es da sicher eine Art Hierarchie. Auch, weil ich mit meinem Mann die meiste Zeit in einer gemeinsamen Wohnung gelebt habe und mein anderer Partner in einer anderen Stadt gewohnt hat. Trotzdem gab es unterschiedlich intensive Phasen. Ich zitiere dazu gern Bernd Nitzschke: „Es gibt keine festen, nur fließenden Beziehungen. Der Wunsch nach einer festen Beziehung ist ein Widerspruch in sich.“ Das gilt ja für monogame, wie offene, wie Poly-Beziehungen: Wenn zwei oder mehr Menschen aufeinander treffen und gemeinsam ihr Leben gestalten, verändert sich immer wieder die Dynamik.

Wie findet man Männer, die sich ebenfalls auf eine polyamore Beziehung einlassen wollen?

Bei mir hat es sich einfach aus dem Leben heraus ergeben – ich bin offen mit meinen Gedanken zur Liebe umgegangen und meine beiden Männer und das Beziehungsgeflecht ist dann daraus gewachsen.

Im Internet wurde mir die Singlebörse okcupid als Plattform empfohlen, auf der sich besonders viele Polys tummeln sollen. Darüber hinaus gibt es auch Stammtische oder Foren zum Thema, das Internet macht heute zum Glück vieles möglich.

Wie reagieren die Männer, wenn du ihnen von der Polyamorie erzählst?

Mir ist es schon oft passiert, dass mich Männer angeschrieben oder angesprochen haben, die mein Liebesmodell für eine Art Freifahrtsschein hielten, nach dem Motto „Das Buffet ist eröffnet.“ Aber nur weil ich Liebe oder Sex mit mehr als einem Partner teilen kann, heißt das nicht, dass ich ständig dieses Bedürfnis habe.

Natürlich gibt es auch Männer, denen ich begegnet bin, die mit meiner Vorstellung von Beziehung nicht klarkamen und die sich, auch aus Angst vor Verletzung, dann distanziert haben.

Wie reagieren andere Menschen, wenn du ihnen von der Polyamorie erzählst?

Freunde und Bekannte waren und sind immer sehr neugierig, fast alle kennen die Probleme klassischer Beziehungen und sind interessiert, wie eine Alternative aussehen könnte. Deshalb habe ich mich jetzt auch entschieden, offen darüber zu reden – ich will nicht missionieren, ich will nur denen, die auf der Suche sind, zeigen, dass es auch anders geht und dass das gesellschaftlich propagierte Modell nur eine von mehreren Perspektiven ist.

Inwiefern spielt Eifersucht eine Rolle?

Oh, eine Große! Das überrascht sicher die meisten. Es gibt natürlich Polys, die wirklich keinerlei Eifersucht kennen: Jennifer Rostock zum Beispiel, die in ihrem großartigen Interview mit Visa Vie auf Youtube so viel Tolles über dieses Liebesmodell sagt!

Ich beneide das ein bisschen, denn ich selbst bin sogar ziemlich eifersüchtig – deswegen kann ich im ersten Schritt den Gedankengang vieler Menschen auch verstehen. Sexuelle Exklusivität soll vor dem schmerzhaften Gefühl der Eifersucht schützen.

Ich habe dieses Gefühl irgendwann für mich hinterfragt und habe gemerkt, dass das viel mehr mit mir zu tun hat, als mit meinem Partner. Je mehr ich mich liebe, umso freier kann ich meinen Partnern ihre Erfahrungen gönnen. Je mehr ich an mir zweifle, umso mehr brauche ich die Bestätigung von außen. Außerdem werden wir die Sicherheit, die Bestätigung und die Liebe, die wir suchen, wenn wir sexuelle Treue verlangen, dort niemals finden. Einfach, weil es keine Sicherheit gibt. Das Leben funktioniert nicht so und die Liebe schon einmal gar nicht. Wo wir sie finden können, ist bei uns selbst.

„Ich sehe Eifersucht also eher als Einladung, mich in Selbstliebe zu üben, anstatt Regeln für meinen Partner aufzustellen.“

Meist reagiere ich am Anfang trotzdem sehr eifersüchtig auf neue Begegnungen. Das Ego meldet sich, die Verlustangst klopft an. Dann kümmere ich mich gut um mich selbst, bis das Gefühl abflaut – und das tut es immer. In der dritten Phase entwickele ich dann Neugier. Das mündet meistens in einem „Wie ist es denn so, erzähl doch mal!“-Gespräch. Die können unglaublich bereichernd und auch erotisch sein!

Solche Gespräche haben mir eine ganz neue Tiefe und Intimität mit meinen Männern ermöglicht. Ich empfinde es als großen Vertrauensbeweis, wenn mir der andere von seinen Erlebnissen erzählt – ich darf diese Seiten sehen, er zeigt sich mir mit seinen Wünschen und Träumen. Das schafft unglaublich viel Nähe – so viel mehr, als ich sie in meinem monogamen Beziehungsversuch erfahren habe.

Vielleicht unterschätzen wir manchmal, wie sehr Begehren und Trieb doch Teil des Menschseins sind. Wenn wir sie dauerhaft unterdrücken, unterdrücken wir einen großen Teil von uns. Jetzt habe ich das Gefühl, dass sich zwei Menschen begegnen, ohne Angst, dafür mit viel Freiheit – und paradoxer Weise erschafft genau diese Freiheit ein wahnsinnig tiefes Gefühl von Verbundenheit.

Welche Vorteile und welche Nachteile siehst du in der Polyamorie?

„Polyamorie lässt die Menschen freier sein und gibt ihnen gleichzeitig viel mehr Verantwortung.“

Das ist natürlich sehr subjektiv. Für MICH fühlt es sich sehr nah und warm und offen an, für andere wäre eine solche Beziehung die Hölle. Ich denke, das Wichtigste ist, dass Menschen glücklich sind in ihren Partnerschaften. Ob die nun poly, offen oder monogam sind.

Wobei ich mittlerweile das Konzept „Beziehung“ und all die Erwartungen, die damit verknüpft sind, auch immer mehr in Frage stelle – warum sind wir nicht einfach nur Liebende? Wir Menschen brauchen immer Etiketten, um zu begreifen. Wenn irgendwo „fester Freund“ draufsteht, dann hat etwas für uns eine andere Wertigkeit – warum?

Die heutige Paarbeziehung und Kleinfamilie kommt der menschlichen Psyche nicht unbedingt entgegen. Sollten für mein Leben noch Kinder vorgesehen sein, möchte ich sie in einer größeren Gemeinschaft aufwachsen sehen. Natürlich braucht es dafür kein Poly-Konzept, auch eine simple WG kann da Abhilfe schaffen. Aber für mich zeigt sich an dieser Stelle, dass dieses ständige Beisammensein, dem sich viele Paare aussetzen, fast schon ein Garant ist für Frust und Überdruss.

Darüber hinaus braucht Liebe zwar Intimität, Erotik aber entsteht durch Distanz, wie Esther Perel in ihrem fantastischen TED Talk über das Begehren in Langzeitbeziehungen erklärt. Und wie soll man diese beiden Komponenten in einem Leben realisieren, in dem das Paarsein so viel Raum einnimmt? Ich weiß noch, dass ich vor einigen Jahren von einem Künstler-Ehepaar las, die gemeinsame Kinder hatten, aber nie zusammen lebten. Papa ging nach dem Abendessen in seine Wohnung. Ich weiß noch, dass ich das damals unglaublich wagemutig, aber hinreißend fand. Ich kann also nur dafür plädieren, sich ein eigenes Liebesmodell zu suchen – unabhängig von den gesellschaftlichen Vorgaben. Was gibt es Persönlicheres, als die Liebe?

Polyamorie lässt die Menschen freier sein und gibt ihnen gleichzeitig viel mehr Verantwortung. Denn sie erfordert Mut: Mut, zur eigenen Lust und Liebe zu stehen, Mut, sich Konventionen zu widersetzen, Mut, intensive Beziehungsgespräche und Intimität zuzulassen, Mut, der eigenen Eifersucht zu begegnen und sich mit ihr auseinanderzusetzen. Der Weg ist nicht leicht – aber man wird reich belohnt!

 

 

Kea schätze ich übrigens nicht nur aufgrund ihrer Offenheit bezüglich ihrer Liebensweise sehr. Sie ist zudem eine äußerst intelligente und beeindruckende Frau, die auf ihrer Website kea-schreibt.de ganz besondere Texte schreibt und sich für feministische Themen stark macht.

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3 Comments

  • Reply
    Ernold
    16. Juni 2017 at 10:00

    Liebe Valeria Anna!
    Ich habe grade Deinen Blog über Kea und die Polyamorie gelesen.
    Und nochmal… Und nochmal…
    Viele Punkte darin sprechen Dinge, Zwänge, Begrenzungen, Mängel einer einstigen Anpassung an. Glaubenssätze, Grundsatzgedanken.
    Im Gegenzug bergen sie – selbst wenn man nun Polyamorie nicht vollständig / umfassend lebte – viele Anstöße auf einem Weg in ein entspannteres, befreiteres Leben.
    Ein Credo, dass ich seit beginn meines Bloggens hochhalte.
    Darf ich diesen Deinen Beitrag inhaltlich (selbstverständlich mit entsprechendem Verweis / Link auf Deine Seite) in einen Thrmenblog einbinden?
    Zudem freue ich mich schon, was ich dort noch alles entdecken werde…

  • Reply
    Adelhaid
    26. Juni 2017 at 23:15

    Herzerfrischend.

    • Valeria Anna
      Reply
      Valeria Anna
      2. Juli 2017 at 19:36

      Dankeschön!

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