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deren Geschichten Wien

Shades Tours Vienna – Das Gesicht der Obdachlosigkeit in Wien

Ganz gespannt suche ich den Treffpunkt am Heldenplatz. In der Hand einer großen, gut gekleideten Frau sehe ich dann das Schild. Shades Tours Vienna. Barbara ist unser Guide. Und Barbara ist der beste Beweis dafür, dass Obdachlosigkeit tatsächlich jede(n) treffen kann. Der beste Beweis dafür, dass obdachlos nicht einfach gleichzusetzen ist mit männlich, versifft, stinkend und alkoholabhängig und wir deshalb mit unseren Vorurteilen sehr vorsichtig sein sollten.

Shades Tours – Entdeckung der facettenreichen Schattenseiten, so heißt es auf der Website. Gegründet wurde Shades Tours von Perrine Schober, welche Tourismusmanagement studiert hat. Während ihres Erasmus Semesters beschäftigte sie sich mit „Tourismus als volkswirtschaftliches Instrument zur Armutsbekämpfung“ und genau in diese Thematik lässt sich das später gegründete Shades Tours als Social Business auch sehr gut einordnen.
Die Touren thematisieren die Obdachlosigkeit in Wien und stellen gleichzeitig ein Geschäftsmodell dar, welches Obdachlosen hilft wieder in der Arbeitswelt Fuß zu fassen und sich als nützliches Mitglied der Gesellschaft zu erleben. Shades Tours ist für sie eine sinnvolle Tätigkeit und gleichzeitig eine hilfreiche Einnahmequelle.

Aus Sicht der Tour-TeilnehmerInnen profitiert man bei Shades Tours von der Unmittelbarkeit. Denn über Obdachlosigkeit reden kann jeder schnell. Ganz anders ist es jedoch die Worte aus dem Mund eines Menschen zu hören, der nicht nur davon gehört/gelesen, sondern es tatsächlich auch erlebt hat.
Am Heldenplatz und bei vier weiteren Stopps erfuhren wir also aus erster Hand, wie das Leben eines Obdachlosen in Wien aussehen kann, welche Möglichkeiten es für sie gibt und wie facettenreich die Schicksale sind. Auch wurde immer wieder ausführlich auf Fragen eingegangen und die zwei Stunden vergingen wie im Flug. Für Einheimische, aber auch für TouristInnen ist es eine tolle Möglichkeit, Wien abseits der ausgetrampelten Pfade zu entdecken und sich gleichzeitig auch noch ein wenig zu bilden und interessante Menschen kennen zu lernen.

Nach der Führung hatte ich die Möglichkeit Barbara noch ein paar persönliche Fragen zu stellen. Besonders bewegt hat mich ihre Geschichte, weil wir uns immer so sicher sind, dass ein Studium uns jegliche Türen öffnet. Dass Obdachlosigkeit nur etwas für VersagerInnen ist, die ihr Leben nicht in den Griff bekommen. Es steckt jedoch viel mehr dahinter und so individuell wie Menschen mit Wohnungen sind, so individuell sind selbstverständlich auch jene, die kein Zuhause haben.

Barbara war selbstständig. Sie hatte ihre eigene kleine Galerie in Wien und ist zudem Akademikerin. Doch auch selbstständigen AkademikerInnen bleiben unerwartete Schicksalsschläge nicht erspart.

Ereignisse, die das Leben von heute auf morgen komplett verändern

Auf meine Brustkrebs-Diagnose und auf die Bekanntgabe des sehr umfangreichen Therapieplans folgte bald der notwendige Entschluss, mein Unternehmen aufzulösen. Gott Sei Dank ist mir dies ohne Schulden gelungen. Ich habe mich dann in Behandlung begeben und hatte zu dieser Zeit auch noch meine Wohnung. Ich habe von Monat zu Monat gelebt, habe gerade meine Miete bezahlen können, aber es ist nichts übrig geblieben. Gegen Ende der Behandlung hat der Inhaber meiner Wohnung beschlossen diese zu verkaufen. Ich hätte vor Gericht um eine Ersatzwohnung streiten müssen, hatte dazu aber weder die Ressourcen, noch die Kraft. Außerdem hatte ich kein Geld, um die Kaution und die Provision für eine neue Wohnung zu bezahlen. Und plötzlich stehst du da und hast keinen Platz mehr zum Schlafen.

Begonnen hat die Erfahrung nicht so gut, denn ich wurde Anfang Mai obdachlos. Das ist genau der Zeitraum, in dem das Winterpaket weg fällt. Das heißt, die Betten der Stadt Wien reduzieren sich von 1100 auf nur mehr 400. Die Betten waren zu dem Zeitpunkt komplett ausgelastet. Ich war komplett verzweifelt und habe dann zum Teil in Parks und zum Teil in Hostels übernachtet. Nach zwei Wochen gab es dann jedoch wieder Betten in den Schlafstellen. 

Der Alltag in der Obdachlosigkeit

Ganz wichtig für mich war, mir Strukturen zurecht zu legen. Ich habe wieder begonnen zu studieren und viel Zeit auf der Uni verbracht. Außerdem habe ich ehrenamtlich in Flüchtlingseinrichtungen gearbeitet. Zudem hatte ich einen Kulturpass, welchen Menschen mit geringem Einkommen erhalten können. Damit hatte ich in Wien Zugang zu jedem Museum, wo ich auch viel Zeit verbrachte. Ich wollte einfach so wenig Zeit wie möglich in den Tageszentren verbringen. Die Schicksale am Abend/in der Nacht mitzubekommen war mir genug. 
Ich habe also versucht mir in meinem Leben eine Struktur beizubehalten und dann habe ich im Radio von Shades Tours gehört und gleich zum Hörer gegriffen. Perrine Schober war sehr aufgeschlossen, wir haben uns getroffen und kurze Zeit später hat dann auch schon die Einschulung begonnen. Shades Tours hat mir geholfen Geld zusammen zu sparen. Inzwischen habe ich nach eineinhalb Jahren Obdachlosigkeit wieder eine Wohnung. Wir werden jedoch bei Shades Tours nicht einfach wieder rausgeschmissen, sobald wir wieder eine Wohnung haben. 

Bei der Tour habe ich auf jeden Fall auch gelernt, dass Obdachlose in Wien wirklich schon sehr gut unterstützt werden. Barbara erklärte uns, dass im Grunde niemand hungern muss. Es sei allerdings selbstverständlich eine Holschuld, weshalb man sich auch darüber informieren und sich ein wenig in der Stadt bewegen müsse. Auf die Frage, was in Wien noch verbessert werden könne, meinte Barbara:

Zu überlegen ist sicher, wie es mit der Betten-Anzahl im Sommer aussieht. Es sind doch wirklich um einiges weniger als im Winter. In jedem Fall sollte die Stadt Wien auch das Housing First Prinzip weiter führen bzw. ausbauen. Bei Housing First werden Gemeindewohnungen zur Verfügung gestellt, um sie vor der Wartezeit -normalerweise 2 Jahre- an geeignete Personen weiterzugeben. Dadurch verkürzt sich also die Wartezeit bis zur eigenen leistbaren Gemeindewohnung. 

Barbaras Zukunft

Es ist schwierig zu sagen, wie meine Zukunft aussehen wird. Momentan mache ich eine Ausbildung zur Fremdenführerin, welche noch 1,5 Jahre dauert und ich hoffe, dass ich dadurch wieder zu Einkünften komme. 

Was ist momentan deine größte Angst?
Dass ich nie mehr Arbeit finde. Ja, die Arbeitssituation ist wirklich meine größte Sorge. 

 

Termine und Tickets (15€) gibt es auf shades-tours.com
Für Unternehmen und Gruppen ist sicher auch die Option gemeinsam in einer Sozialeinrichtung zu kochen interessant.

 

 

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