valeriannala
meine Worte

Sieben Fragen

Sie schrieb sie auf. Schwarz auf weiß. Und fragte sich, wann sie das letzte Mal einen Stift in der Hand gehalten hatte. Wann sie das letzte Mal ein Blatt glattgestrichen und es dann mit Wörter befüllt hatte. Die Tippserei am Laptop kommt viel besser den Gedanken im Kopf hinterher. Wenn sie wieder einmal zu schnell sind. Aber vielleicht sollten Worte gar nicht so schnell geschrieben werden wie Gedanken rasen können.
Sie schrieb sie auf. Schwarz auf weiß. Sieben Fragen. Vielleicht auch sechseinhalb. Je nachdem, ob man die Letzte als Teil einer anderen sehen wollte oder nicht. Sie sagte sich es wären sieben. Sieben Fragen, die sie nun anstarrten. Das Fragezeichen jedes Mal wunderschön geschwungen. Fast schon gemalt. Fragen, die sie sich schon lange stellte. Fragen, vor die sie das Leben unweigerlich gestellt hatte.

Was machst du da?

Irritiert blickte sie auf und versuchte die helle Stimme zu orten. Sie hatte gedacht sie wäre alleine auf ihrer Parkbank. Nun blickte sie ein kleiner Junge von der Seite mit großen braunen Augen an.

Ähm, ich schreibe.
Was schreibst du?

Kinder und ihre Neugier. Sie fragte sich, wann genau im Leben diese verloren ging. Wann im Leben der meisten der Zeitpunkt gekommen war, an dem sie sich dachten sie dürften nun keine Fragen mehr stellen. Vor allem nicht Fremden. Vor allem nicht solche, die irgendwie blöd sein könnten. Bloßstellend.

Fragen.
Warum schreibst du Fragen?
Weil ich sie keinem stellen kann.

In diesem Moment wurde ihr bewusst, dass auch sie diesen Zeitpunkt längst passiert hatte. Dass es sogar so weit gekommen war, dass sie die Fragen aufschrieb. Für sich. Im Stillen. Um keinen damit zu belästigen, sich damit keinem aufzudrängen.

Warum kannst du sie keinem stellen?

Sie merkte, dass sie wohl beginnen sollte keine Antworten mehr zu geben, die geradezu nach noch mehr Fragen schrien.

Weil es meine Fragen sind.
Magst du sie vielleicht mir stellen?
Das ist lieb. Aber ich kann dir diese Fragen nicht stellen.
Warum nicht?
Weil es meine Fragen sind.

Der junge senkte den Kopf. Sah auf seine baumelnden Beine.

Ich glaube nicht, dass dir die Fragen ganz alleine gehören.
sagte er leise vor sich hin.

Sie klappte ihr kleines Büchlein zu. Das Letzte was sie wollte, war einen kleinen Jungen traurig zu machen. Mitten in einem Park. An einem wunderschönen Tag. Aus einer Laune heraus. Weil sie zu sehr mit sich selbst beschäftigt war und der Junge sie aus ihren sowieso nur kreisenden Gedanken riss.

Ich kann dir die Fragen nicht stellen, weil es meine Fragen sind. Nicht weil sie mir gehören. Aber weil sie mich betreffen. Mein Leben. Und weil sie darum niemand so gut beantworten kann wie ich selbst.

Der Blick des Jungen wieder neugierig. Gespannt.

Und, hast du die Antworten schon?
Manchmal ja und manchmal nein. Ich dachte ich hätte sie gefunden. Und dann schienen sie plötzlich doch nicht mehr richtig zu sein. Dann hatte ich keine mehr.
Das ist traurig. Du hast die Antworten verloren.
Ja, so kann man das wohl sagen. Ich habe die Antworten verloren.

Es schien den Jungen traurig zu machen, dass sie ihre Antworten verloren hatte.

Ich glaube, dass du sie wieder finden wirst. Die Antworten. Dieses Mal die richtigen Antworten. Die bleiben dann.

Sie lächelte.

Und wenn du sie gefunden hast. Was machst du dann mit ihnen?

Sie dachte sich, dass seine Fragen eindeutig besser waren als ihre.

Wenn ich sie gefunden habe, dann habe ich Klarheit.
Und was machst du dann mit der Klarheit?

Viel, viel besser.

Ich lebe mein Leben.

Der Junge dachte nach.
Sie beobachtete ihn. Seine roten Haare, die helle Haut, die kleine Nase, die er nun fragend rümpfte. Dieser Minimensch hatte es innerhalb weniger Minuten geschafft ihren gesamten Plan auf den Kopf zu stellen. Ja sogar in Frage zu stellen.
Sie aufschreiben. Schwarz auf weiß. Damit sie endlich greifbar waren. Die sieben Fragen. Und dann hier sitzen und nachdenken. Nachdenken, so lange bis sie kommen würden. Die Antworten. Weil sie jetzt einfach kommen mussten. Weil es so nicht weitergehen konnte. Dinge passieren mussten.

Tust du das denn etwa jetzt nicht?
Tu ich jetzt was nicht?
Dein Leben leben. Du lebst doch gerade. Sonst wärst du ja tot.

Kindliche Weisheit. Meist wenig ausschweifend und direkt auf den Punkt.

Ja das ist richtig, ich lebe. Ich lebe mein Leben. Jetzt gerade.

Der Junge sprang von der Parkbank auf. Stellte sich vor sie hin. Hüpfte auf und ab. Freudig, geradezu elektrisiert.

Wir haben sie gefunden! Wir haben sie gefunden!
Wir haben wen gefunden?
Deine Antworten! Wir haben sie gefunden!

Er rannte davon. Sie sah ihm verdutzt hinterher. Brauchte einen Moment. Öffnete dann noch einmal ihr Büchlein und sah sich die Fragen an. Die sieben Fragen. Die sieben wunderschön geschwungenen Fragezeichen.

Hinter jedes schrieb sie nun „Ich lebe mein Leben. Jetzt gerade.“
Sie sah sich die Seite an. Sieben Fragen. Sieben Antworten.

Wir haben sie gefunden.

?

VA

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2 Comments

  • Reply
    Marie
    5. Juni 2017 at 12:10

    Den Text habe ich gerne gelesen. Sehr gut geschrieben!!

    • Valeria Anna
      Reply
      Valeria Anna
      7. Juni 2017 at 9:37

      Vielen lieben Dank :)!

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