valeriannala
meine Worte

The Social Smile

Sie hatte sich ihr Outfit schon Tage im Voraus gedanklich zurecht gelegt. Schließlich zog sich der Perfektionismus bei ihr durch alle Lebensbereiche und besonders bei solchen Anlässen wollte sie nichts dem Zufall überlassen. 
Ein typischer Abend, der geprägt war vom Sehen und Gesehenwerden. Vom Treffen alter Bekanntschaften, Freunde, Feinde und Liebschaften. Keine dieser anonymen Partys, bei denen man sich mit seinen Homies auf der Tanzfläche aufführt wie einer der ersten Menschen. Sondern eine bei der man jährlich zumindest einmal der Gesellschaft beweist, dass man noch lebt, nicht fett geworden, aber gerade super glücklich und erfolgreich ist. 

Sie strich sich ihr neues, kurzes, nach „ich bin nicht fett geworden“ schreiendes Kleid zurecht, wuschelte sich noch einmal durchs Haar um den bemüht-unbemühten Look zu perfektionieren und schritt selbstsicher auf ihren Heels in den überfüllten Raum.
Die ersten bekannten Gesichter, die ersten „Heeeeys!“, die ersten musternden Blicke von der Seite. Laute Musik, heitere Stimmung, ein paar Grad zu viel. Sie war betrüchtern, wie sie es gerne nannte. Weder betrunken, noch nüchtern. So dass man vieles ertragen konnte, aber nicht alles. So dass man vielleicht ein bisschen mehr redete als normal, aber nie zu viel sagen würde.

Betrüchtern betrachtet war es die gleiche Veranstaltung wie jedes Jahr. Betrüchtern betrachtet waren es die selben Menschen, die Musik war wie immer, die Preise vielleicht ein bisschen höher, aber die Schlange an der Bar trotzdem noch viel zu lang. Aus irgendeinem Grund hatte sie genau das immer geliebt. Diese Beständigkeit. Dass alles immer so blieb wie es war. Egal wohin sie ging, egal wie lange sie weg war. Und doch war dieses Mal irgendetwas anders.

Vielleicht müssen sich nicht immer äußere Umstände verändern, damit im Innern ein Umbruch passiert. Vielleicht ändern nicht immer die Zeiten sich, aber manchmal die Zeiten dich. Denn zwischen all diesen „Heeeey-schon-lange-nicht-mehr-gesehen-wie-gehts-dir-gut-mir-auch-suuuuuuper“s begann sie sich zu fragen, wie viele alte Bekanntschaften, alte Freunde, alte Feinde und alte Liebschaften man ertragen konnte. Sie begann sich zu fragen, ob sie immer schon so viele Worte für bedeutungslose Gespräche verschwendet hatte. Sie begann sich zu fragen, ob ihr Lächeln schon immer so verkrampft war, wenn wieder einmal einer nicht verstand was ihr Studium denn „bringt“ oder irgendeinen Satz von sich gab, bei dem sie sich im Grab umgedreht hätte. Wenn sie denn tot gewesen wäre. Tot durch bösartigen Lachmuskel-Tumor. Oder so.

Bereits im Alter von 6-8 Wochen sind wir dazu in der Lage. Das „soziale Lächeln“ hat sich zu diesem Zeitpunkt entwickelt und wir lächeln nicht mehr nur weil wir gerade gefurzt oder uns unseres Urins entledigt haben. Dann lächeln wir, weil wir auf unsere soziale Umgebung reagieren, weil wir in Interaktion treten, Bindungen aufbauen.

„Den Babys macht das wahrscheinlich noch Spaß!“, dachte sie sich, als sie den gefühlt 100. Small Talk hinter sich gebracht hatte und trotzdem an dem Abend noch nicht wirklich bereichert oder klüger geworden war. Sie hatte keinen Bock mehr sozial zu lächeln. Keinen Bock mehr zu sehen, geschweige denn gesehen zu werden, sich gedanklich zu notieren wer alles fett geworden war und wer momentan gerade glücklicher oder erfolgreicher schien als sie. Fassaden sind etwas Schreckliches. Sie stets poliert und blank zu halten noch viel schrecklicher.

Betrüchtern betrachtet hätte sie das nüchtern nie ausgehalten und um sich zu betrinken war es jetzt auch schon zu spät (und zu teuer). Da es auch keine Aussicht mehr auf „sich mit den Homies auf der Tanzfläche wie die ersten Menschen aufführen“ gab, beschloss sie zu gehen.
Ein paar soziale Lächeln wurden noch in den dunklen Raum geworfen, damit im Nachhinein keiner behaupten konnte sie sei nicht brav in Interaktion getreten.

Sie trat hinaus ins Freie und statt dem dunklen, stickigen Raum sah sie nun die Weiten des Himmels und atmete langsam die frische Luft ein. Es war noch relativ weit nach Hause und das Minikleid um die Jahreszeit wohl nicht unbedingt die klügste Entscheidung. Aber manchmal, wenn die Gedanken in ihrem Kopf kreisten wie Propeller, das Herz sich schwerer anfühlte als Beton und sie nicht wusste wo ihr Platz in dieser Welt war, hatte sie das Bedürfnis zu gehen. Auf ihren eigenen Beinen und dann am besten so weit bis alles wieder Sinn ergab.

Unter ihr der Beton. Über ihr der Himmel. Sternenklare Nacht. Überwältigend der Vollmond. Sie richtete ihren Blick nach oben und sah all die Sterne. Die funkelnden Beweise dafür, dass es mehr gab, als nur diese Welt hier unten. Viel mehr. Und wie jedes Mal wenn sie sich der Unendlichkeit des Universums bewusst wurde, spürte sie, dass der Platz für sie auf dieser Welt hier war.

Sie lächelte.
Zum ersten Mal in dieser Nacht.

VA

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6 Comments

  • Reply
    Ann Katrin
    23. Januar 2016 at 14:43

    So ein schönes Outfit! und so die schöne! 🙂

    Liebe Grüße,
    http://letusbeyoungforever.blogspot.de

  • Reply
    Fräuleins Tagebuch
    25. Januar 2016 at 10:12

    Wow, der Text ist unglaublich schön geschrieben! Mir gefällt die Message total gut. Diese Situationen kennt wohl jeder. Sich bewusst zu machen, wie viel Kraft diese Fassaden rauben und wie egal sie einem eigentlich sein sollten, finde ich deshalb besonders interessant.

    Liebe Grüße!

  • Reply
    Sarah
    31. August 2016 at 9:04

    einfach nur baaaaaaam – tolle worte, weiter so !!

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