valeriannala
meine Worte

Unsere Diagnose

Es war Mitte Juli. Das glaube ich zumindest. Manchmal spielt meine Erinnerung an gewisse Ereignisse verrückt. Nicht weil sie unbedeutend waren – im Gegenteil. Gerade weil sie so bedeutend und überwältigend waren, dass vieles einfach keine Rolle mehr spielte. Ich konnte nie wirklich etwas mit dem Ausdruck „ohne Zeit und Raum“ anfangen. So etwas kann man schließlich nicht begreifen, nicht fassen. Aber es gibt sie wirklich. Diese Momente, in denen man das Gefühl hat, dass es nicht von Bedeutung ist, welchen Tag wir schreiben. Egal welches Jahr. Egal wo man sich befindet und mit wem. Weil ein bestimmtes Gefühl einfach so omnipräsent ist, dass es alles andere irgendwie verschwimmen lässt. Mitte Juli. Mitte August. Ich weiß nur, dass es Sommer war.

Ich setzte mich auf die kleine hölzerne Bank vor dem großen Dom in unserer Stadt. Als Kind betete ich jeden Abend vor dem Einschlafen. Ein Vater Unser und dann noch ein paar Sätze. Hauptsächlich immer dasselbe. Dass es mir und meiner Familie gut geht, dass wir keinen Krieg erleben müssen und so weiter. Irgendwann habe ich diese Angewohnheit dann verloren. Obwohl es früher für mich unverständlich war, wie jemand nicht an Gott glauben konnte, war ich mir irgendwann nicht mehr sicher, ob ich es selbst noch tat. Ob es nicht kindisch war, naiv. Ob sich nicht nur die Schwachen an einen Gott als Hoffnungsschimmer klammerten. Und dann kommt man in eine Situation in der Rationalität so schmerzhaft ist, dass Hoffnungsschimmer mit Handkuss entgegengenommen werden und es dir scheiß egal ist wie kindisch, naiv oder schwach das tatsächlich ist.
Dies war der Moment, als ich wieder zu beten begann. An einem wunderschönen sonnigen Tag. Auf einer hölzernen Bank vor dem Dom. Ich betete, dass die Bauchschmerzen einfach nur Bauchschmerzen waren. Ich betete, dass alles was bisher vermutet wurde nur ein Missverständnis war. Ich betete, dass diese Diagnose die große Erlösung brachte und nicht die totale Vernichtung. Ich saß eine Weile da. Fühlte mich hilflos, machtlos, allein gelassen. Ich schrieb ihm eine SMS. Er war nicht da. Hatte sich für eine Woche nach Italien vertschüsst. Männertrip. Zum denkbar ungünstigsten Zeitpunkt. Aber Kopfmenschen bemerken oft nicht, wann Herzmenschen sie brauchen.

Meine Nachricht blieb unbeantwortet. Er hatte versprochen trotzdem so gut es ging für mich da zu sein, aber das hatte er wohl vergessen. Es tat weh zu wissen, dass die wichtigste Ansprechperson, der Mensch, auf den man sich doch eigentlich am meisten verlassen können sollte, scheinbar gerade etwas Besseres zu tun hatte.

Ich saß noch eine Weile da und wusste nicht, ob ich schon bereit dafür war nach Hause zu gehen. Ich wusste genau, dass mich die Realität dort erwarten würde. Egal ob es gute oder schlechte Nachrichten waren – ich musste sie annehmen. Und auch wenn ich probierte mir meinen Optimismus zu wahren, so merkte ich doch, dass sich dieses „Sie müssen mit allem rechnen.“ des Arztes richtig in meinen Kopf eingebrannt hatte. Nicht nur sie musste mit allem rechnen. Auch wir mussten es.

Nach ein paar Minuten schaffte ich es dann. Aufzustehen. Nach Hause zu gehen. Der Realität entgegen, um zu sehen, mit was mich das Leben überraschen wollte. Ab einem gewissen Punkt bleibt einem ja gar nichts anderes übrig. Solange wir leben gibt es immer nur eine Richtung und die ist nach vorne. Egal wie lange ich hier noch sitze, egal wie sehr ich versuche die Welt anzuhalten oder den Rewind-Knopf zu drücken, ich werde immer als Verliererin vom Platz gehen.

Ich ging also nach Hause. Weniger weil ich wollte, mehr weil ich musste. Und was dann kam war zu viel, um noch alles davon genau zu wissen. Gekoppelt mit ein paar wenigen „Highlights“, an die ich mich noch ganz genau erinnere.

Meine Mum, die Couch und ich. Sie bat mich zu ihr auf den Schoß. Sie sprach.

Ich verstand ganz genau was sie meinte. Diese ewige Ungewissheit brachte uns alle seit Tagen um den Verstand. Sie fraß uns auf. So richtig von innen nach außen. Man begann Ärzte zu hassen, die prinzipiell nichts dafür konnten. Ärzte, die sich in ihrem tollen Medizinstudium zwar jede Menge Fachwissen angeeignet hatten, aber Empathie noch nicht einmal buchstabieren konnten. Kommunikationsfähigkeiten auch ‚Setzen 5!‘.

Sie sprach weiter.

Die erste Träne ließ sich nicht mehr verkneifen. Sie bahnte sich den Weg über meine Wange. Ich musste in einem schlechten Film gelandet sein. War doch so, oder?! Versteckte Kamera und der Redaktion fiel vielleicht dieses Mal nichts Besseres ein, als einen richtig, richtig schlechten Scherz zu machen.

Sie sprach weiter.

Da war sie also. Die Klarheit. Die Realität. Die beschissenen 5 Buchstaben die in unser aller Köpfe schon die ganze Zeit herumschwirrten, aber niemand auch nur annähernd gewagt hatte auszusprechen. Krebs. Wieso kann Krebs nicht einfach nur ein verdammtes kleines Tier sein und dabei bleiben? Wer hatte sich diesen Schwachsinn mit der Krankheit ausgedacht? Krebs. Die ersten Assoziationen die man mit Krebs hat sind nicht schön. Kahle Köpfe, abgemagerte Menschen in Krankenhauskleidung, unfähig etwas zu tun. Chemotherapie. Eine schwindende körperliche Existenz. Tod. Jeder kannte die Geschichten darüber. Niemand will darin eine Rolle spielen. Auch nicht als Angehörige.

Ich fragte wie schlimm es sei. Ich wusste nicht was ich sonst sagen sollte. Wusste nicht wie man mit so etwas umgeht. Ich wollte das Glas wieder halb voll machen. Ich wollte die Worte hören: ‚Aber keine Angst, sie wird’s schaffen!‘.

Sie sprach weiter.

Endstadium. Ich wollte dieses Wort nicht hören. Weder Krebs, noch Endstadium noch irgendein Stadium, noch Metastasen, noch Eierstöcke.

In diesem Moment brach irgendetwas in mir. Zum einen ein Staudamm, was zur Folge hatte, dass meine schüchternen Tränen regelrecht zu Strömen wurden. Aber noch etwas anderes brach. Ich wusste nicht ob es mein Herz war, mein Optimismus, mein Glaube an das Gute in der Welt oder einfach alles was man Gemeinhin als Seele bezeichnet. Ich fühlte einen Schauer oberhalb der Brust, gleichzeitig eine Übelkeit im Magen und ein Schmerz, den ich in dieser Form noch nicht kannte.

Wir saßen da und weinten. Meine Mum und ich. Ich weiß nicht wie lange. Irgendwann kam dann mein Bruder und nahm uns beide in den Arm. Hatte er es bereits begriffen? Wusste er, genauso wie wir, was auf uns zukommen würde? Ab wann ist man alt genug um den nahenden Tod zu verstehen? Jemals?

Ich war in meinem Zimmer. Keine 2 Stunden waren vergangen seit dem Gespräch mit meiner Mum. Ich lag in meinem Bett. In geliebter Embryonalstellung und kuschelte mit meinem Teddybären aus Kindheitstagen. Ich brauchte ihn jetzt. Scheiß drauf wie alt ich war. Ich lag da und starrte mein Handy an. Wartete auf eine Nachricht von ihm. Er hatte mir immer noch nicht auf meine letzte SMS geantwortet. Es machte mich zuerst nur traurig, doch je länger ich wartete, desto wütender wurde ich. Ich rief ihn an. Er nahm nicht ab. Noch einmal.

Er sagte Hey. Er lebte also noch. Gut für ihn.

Ich sagte Hey. Er fragte Was gibt’s. Partymusik im Hintergrund.
Ich fragte ob ich störe. Er sagte nein, sie wären grad im Auto auf dem Weg zum Essen. Er fragte warum ich anrief. Mein Kloß im Hals war zu groß für eine Antwort. Er fragte noch einmal. Ich fragte mit zitternder Stimme, ob er nicht die Musik leiser drehen könnte. Er hörte mich nicht gut. Ich fragte noch einmal. Er sagte nein, das ginge nicht. Ich sagte Okay. Er fragte mich noch einmal weshalb ich anrief. Ich erzählte es ihm. Die fünf Buchstaben. Krebs. Und auch Metastasen und Endstadium. Ich begann zu weinen. Fragte ihn, ob er denn nicht jetzt wenigstens die Musik leiser drehen konnte. Ich sagte ihm, dass ich ihn brauchte. Das geht nicht, ich sitz hier ganz hinten und kann nicht einfach sagen, dass sie nur wegen mir die Musik leiser drehen müssen.

Das war er. Dieser eine Satz, den ich mein ganzes Leben nicht mehr vergessen werde. Ich kannte seine Kälte inzwischen. Aber in diesem Moment hatte sie einen neuen Höhepunkt erreicht. Er wusste wie unglaublich viel sie mir bedeutete.
Ich wusste jedoch nicht was mehr weh tat. Die Tatsache, dass ich meine über alles geliebte Oma mit großer Wahrscheinlichkeit verlieren würde, oder dass es meinen Freund scheinbar nicht einmal interessierte.

Ich schrie ihn an und hörte nicht einmal mehr, ob er noch etwas zu sagen hatte. Meine Mum klopfte an die versperrte Tür. Probierte mich zu beruhigen.

Hör auf! Lass ihn! Das bringt nichts!

Ich schrie weiter. Weinte. Das war ihm egal.

Bitte! Ich kann mir das nicht mit anhören wie du leidest! Bitte leg auf und lass mich rein! Bitte. Vergiss ihn jetzt einfach!

Ich legte auf, warf mein Handy auf den Boden, warf mich selbst auf den Boden.

Mach jetzt sofort auf! Ich weiß wie es dir geht! Mir tut es genau so weh. Sie ist meine Mutter!

Sie hatte recht. Was bildete ich mir ein meinen Schmerz über den Schmerz der anderen zu stellen. Wir steckten da gemeinsam drinnen. Es war unser Leid.
Ich sperrte die Türe auf und fiel meiner Mum um den Hals.

Wenn er es nicht kann,… Wenn er so tut, dann lass ihn. Lass ihn in Ruhe bis er wieder kommt und dann kannst du mit ihm reden. Aber so… Das bringt nichts. Das macht dich kaputt.

Sie hatte recht. Wie immer hatte sie recht. Aber als Herzmensch konnte ich nicht verstehen was mein Kopfmensch mir antat. Wie man so sein konnte. So kalt. Wie er mich so im Stich lassen konnte.

Ich hielt meine Mum so fest ich konnte. ‚Eine Mutter ist auch dann da, wenn dir jeder andere Vollidiot das Herz bricht.‘, dachte ich mir. Und sie, sie würde vielleicht ihre verlieren.

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3 Comments

  • Reply
    steffi
    10. Juli 2017 at 11:31

    wow was für ein berührender Post.. ich hab Tränen in den Augen und ich fühle mit dir..

    ich wünsche alles erdenklich Gute.. ihr schafft das!

    • Valeria Anna
      Reply
      Valeria Anna
      12. Juli 2017 at 0:02

      Vielen Dank <3
      Es ist schon 5 Jahre her und wir haben es geschafft - wenn man es so nennen mag. Sie ist jetzt halt nicht mehr da.

  • Reply
    konrad
    7. November 2017 at 0:18

    danke, valeria.
    ich weiß von dir über deine mum.
    du scheinst eine starke frau zu sein.
    alles liebe …

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