valeriannala
meine Worte

Kurzgeschichte: 100 Namen

Ich tippe „Sudan“ in Ecosia ein. Ecosia, weil ich lieber Bäume pflanze, als den Google-MitarbeiterInnen neue Sitzbälle zu finanzieren. Sudan, weil ich nicht weiß, wo das Land genau liegt. Es muss in Afrika sein, aber weiter reicht mein Geografie-Wissen nicht. Ich schlürfe Milchschaum. Ein wenig zu heiß ist er noch, mein Cappuccino. Ich stelle ihn wieder ab. Drücke Enter. Da ist es. Unter Ägypten. Ich schaue wie weit das Land von Österreich entfernt ist. Schon ein Stück. Meine Schultern entspannen sich.
Der Kellner mit der schwarzen Fliege fragt mich, ob bei mir alles in Ordnung ist. Ich schaue noch einmal auf die Entfernung zum Sudan.
„Ja, alles in Ordnung“, sage ich.
„Aber … hätten Sie vielleicht eine Zeitung für mich?“
„Den Standard, den Kurier und die Zeit. Welche hätten Sie denn gerne?“
„Alle bitte.“
„Alle. In Ordnung.“
Er bringt mir den Standard, den Kurier und die Zeit. Ich suche nach Artikeln über den Sudan. Finde keine.
Ich tippe Sudan in Google ein. Nicht wegen den Sitzbällen, aber weil Google hinsichtlich News mit seiner „Schlagzeilen-Funktion“ doch übersichtlicher ist.
Als Notre Dame brannte, wusste ich innerhalb von 10 Minuten alles. Über die Kirche. Über den Brand. Über die Reaktionen von PolitikerInnen und Promis. Ich konnte im Minutentakt verfolgen, wie gut oder schlecht es dem Gebäude gerade ging. Natürlich erfuhr ich auch, wer von meinen Facebook-Freunden schon einmal in Paris war. Denn wenn das nicht der richtige Moment ist, um ein Notre-Dame-Touri-Foto anzubringen, wann dann?
Sudan. Ich drücke Enter. Es gibt Artikel, es gibt Videos. Wenige. Eindeutig nicht auf Kirchenbrand-Niveau. Hauptsächlich von internationalen Medien.
Dann suche ich nach Notre Dame. Aus Interesse. Zweieinhalb Monate nach dem Brand. Googles Schlagzeilen:
„Streit um Wiederaufbau“
„Die Probleme des Wiederaufbaus“
„War eine Zigarette schuld an dem verheerenden Brand?“
Verheerend. Synonym für desaströs, ruinös, tragisch, Verderben bringend, apokalyptisch und salopp gesagt: zum Kotzen. Eine Zigarette, die eine altehrwürdige Kirche zum Brennen bringt, das ist schade – ja. Ein bisschen traurig – das auch. Aber verheerend?
Verheerend ist es, wenn über 100 friedliche DemonstrantInnen getötet werden. Wenn Menschen auf offener Straße erschossen, verstümmelt, vergewaltigt und gefoltert werden. Wenn nicht einmal die Kinder vor schierer Gewalt sicher sind. Wenn auf dich geschossen wird, weil du die Ungerechtigkeiten mit deiner Handy-Kamera festhalten möchtest. Wenn das Internet lahmgelegt wird, um die Leisen stumm zu machen und den Lauten zu erlauben, noch lauter zu werden. Nichts darf nach außen dringen. Aber es ist durchgedrungen. Auch bis zu mir und meinem heißen Cappuccino, knapp 4.000 Kilometer entfernt. Zu mir auf mein iPhone. Kann ich jetzt noch so tun, als würde es mich nicht interessieren? Als wäre in China ein Sack Reis umgefallen oder in Frankreich eine Zigarette auf den Boden?
Zum Kotzen.

Der weißhaarige Mann am Tisch neben mir lehnt sich in meine Richtung.
„Brauchen Sie die Zeitungen alle noch?“
Ich schaue weiter auf mein Handy.
„Nein. Die können Sie gerne haben“, murmle ich.
„Was haben Sie denn gesucht?“
„Den Sudan.“ Ich schaue ihn an. Dunkle Augenringe.
„Da werden Sie eher auf einer Landkarte fündig!“
Er nimmt sich den Kurier.
„Da haben Sie leider recht.“
„Na warum denn leider?“
„Haben Sie nicht gehört, was da los ist?“
„Wo?“
„Im Sudan!“
„Na! Nix habe ich gehört!“
Er schlägt den Kurier auf.
„Da haben wir das ‚leider‘“, nuschle ich.
„Es interessiert mich aber auch nicht, ehrlich gesagt.“
Er hebt sein Kinn. Blättert.
„Das Militär schießt wahllos Leute nieder, Kinder werden vergewaltigt …“
„Es wird schon alles seinen Grund haben“, unterbricht er mich. „Ich würde sagen wir haben unsere eigenen Probleme.“
Die Augenringe verschwinden hinter Zeitungspapier.

Wir haben unsere eigenen Probleme. Ich frage mich, wer „wir“ ist. Wie weit dieses „Wir“ reicht. Mein Hund und ich? Meine Familie und ich? Reicht „wir“ bis an die Grundstücksgrenzen? Bis an die Landesgrenzen?
Oder sind es wir Menschen? Und wenn ja, sind dann wir, der Herr mit seinem doppelten Espresso und ich mit meinem Cappuccino, nicht auch der Sudan? Und wenn wir der Sudan sind, dann ist das was dort gerade passiert doch genau unser Problem. Unser großes Problem.

Omar al-Bashirs Regime wurde gestürzt. Ich suche seinen Wikipedia-Eintrag. Seit 1989 regierte er. Das sind verdammte 30 Jahre. Als ich geboren wurde, war er bereits an der Macht. Die DemonstrantInnen, das sind hauptsächlich junge Menschen, schreibt eine der wenigen Internetquellen, die ich finde. Junge Menschen, die sich seit Monaten versammelt hatten, um friedlich für ihre Freiheit zu kämpfen. Nein, kämpfen ist das falsche Wort. Sie haben gesungen, gemalt, zusammen gegessen. Die Freiheit wurde gefeiert. Sie wollten sie sich nicht erkämpfen. Sie wollten ihr friedlich entgegenfeiern.
In einem Video sagt ein Mann, er hätte den Tod in all seinen Facetten gesehen. Er zeigt sein Gesicht nicht. Seine Stimme bricht. Langsam wische ich mir eine Träne unter meiner Brille weg. Ich habe den Tod noch nie gesehen. Geschweige denn Facetten davon.

„Wir sind der Sudan“ denke ich mir. Ich spüre Gänsehaut.
„Na also soweit kommt’s noch“, sagt der Mann neben mir.
Ich muss es wohl zu laut gedacht haben.
„Wir sind ja nicht schwarz.“
Ich schaue auf meinen Unterarm, der so weiß ist wie die Milch in der Tasse vor mir. Bevor sie den Kaffee berührt hat, natürlich.
Im Sommer werde ich jeden zweiten Tag von jedem dritten Menschen gefragt, warum ich nicht braun bin. Ob ich denn nie in die Sonne gehe. Am liebsten würde ich sagen: „Ich bin halt so geboren, verdammt.“ Und noch ein paar belehrende Worte darüber, wie schädlich das Sonnenbaden als Extremsport ist und dass meine Haut ein halbes Jahr durchgehend Bestrahlung bräuchte, um irgendwann einen anderen Farbton anzunehmen. Meistens lächle ich aber nur. Denke mir den Rest.
Menschen sind schon komisch. Wehe dir, du bist zu dunkel, weil du aus Afghanistan oder der Türkei kommst. Aber wehe dir, du bist im Sommer zu hell, wenn du aus Österreich kommst.
Ich werde nicht braun, bin also erst recht nicht schwarz. Diesbezüglich hat er recht, der Mann.

Ich denke an meine Kindheit. Als ich einmal der Balthasar der „Heiligen Drei Königen“ war. In der Garderobe ist eine Frau zu mir hergekommen und hat mein Gesicht ungefragt schwarz angemalt. Nachdem wir in gefühlt 100 Wohnungen gesungen hatten, nahm ich den Bus nach Hause. In der hintersten Reihe saßen drei meiner Klassenkameraden. Sie tuschelten, zeigten auf mich und lachten.
„Was ist denn mit euch?“, habe ich sie gefragt.
„Du bist schwarz!“, hat einer gerufen und sofort wieder losgeprustet.
Ich hatte nicht mehr daran gedacht. Ich hatte keine Ahnung, dass ich schwarz war. Weil ich mich logischerweise nicht anders gefühlt habe. Nicht anders verhalten habe. Ich war noch derselbe Mensch.
„Und du bist weiß!“, habe ich damals geschrien und bin bei der nächsten Station ausgestiegen.

Wir sind ja nicht schwarz.
„Aber wir sind die gleichen Menschen!“, erwidere ich ca. fünf Minuten zu spät. Der alte Mann reagiert nicht. Ist vertieft in seine Lektüre.
Ich bin nicht schwarz, aber wenn ich mich schwarz anmale, bin ich schwarz und bin trotzdem noch ich. Also finde ich, dass das Argument „Wir sind ja nicht schwarz“ nicht nur nicht zählt, sondern kein Argument ist.
„Wir sind der Sudan“, sage ich noch einmal. Bewusst laut.
Der Mann grunzt und schüttelt den Kopf.

Ich möchte mehr wissen, informiert sein. Aber „Live Ticker Sudan“ spuckt in der Suchmaschine nur „Fußball: Sudan“ aus. Die Live-Ticker und Live-Streams vom Brand in Notre Dame sind immer noch aufrufbar. Sogar auf meinbezirk.at.
Aber was interessiert uns schon das Geschehen im Sudan? Die Hintergründe, die Entwicklungen. Das Wie und das Warum. Wir könnten im schlimmsten Fall ja daraus lernen. Nämlich warum unsere Demokratie so heilig ist und die Freiheit zerbrechlicher als ein rohes Ei. Wer will das schon.

Instagram. Hashtag #SudanUprising. Die Menschen sind aktiver als die Medien. Betroffene, Angehörige und solche wie ich, die dem Ganzen nicht einfach die kalte Schulter zeigen wollen. Können. Auch wenn es weit weg ist. Auch wenn wir nicht schwarz sind. Raise Awareness heißt es überall. Wenn es die Medien schon nicht ausreichend machen, dann wir! Ich teile einen Post.
Blau sind viele Profilbilder auf Instagram. Blau war angeblich die Lieblingsfarbe des 26-jährigen Mannes Mohamed Mattar. Einer der friedlichen Demonstranten. Der niedergeschossen wurde, weil er versuchte zwei Frauen zu beschützen. Mein Profilbild blau färben. Das ist das Mindeste, das ich tun kann. In diesem Moment. Hier. In diesem Café. Mit meinem Cappuccino, den ich kalt werden habe lassen.

Da stehen sie. Unter einem Instagram-Post. 100 Namen. In Klammern daneben die Lebensjahre. Da stehen 100 Namen von 100 toten Menschen. Menschen, die starben, weil sie der Freiheit entgegenfeierten. Der Jüngste war sechs Jahre.
100 Namen.
Wenn ich ganz schnell mit zwei Fingern auf und ab scrolle, verschwimmen sie immer mehr. Immer mehr. Bis ich sie nicht mehr sehe. Bis es keine Namen mehr sind. Keine Namen, keine Toten.

Ich winke dem Kellner.
„Noch einen Cappuccino, bitte.“

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