valeriannala
meine Worte

All die Dinge die wir haben

Ich gehe die Straße entlang. Einen Karton in der einen Hand, das Handy in der anderen, die Tasche um die rechte Schulter. Ich komme von der Post, bin auf dem Weg zum Billa. Mit schnellem Schritt, beschäftigt wie immer.

Eine junge Frau hält mich auf. Ich ertappe mich, wie ich mir denke: „Oh Mann, nicht schon wieder eine die 50 Cent will.“, aber bleibe trotzdem stehen. Sie fragt mich ganz freundlich nach einer Arbeit. Ob ich denn niemanden kennen würde, der eine Putzfrau bräuchte. Sie würde gerne arbeiten. Müsse arbeiten. Sie habe eine depressive Mutter und eine 1-jährige Tochter. Habe nicht genug Geld für die Miete. Auch wenn es nur 220€ wären.

Sie sagte, sie habe vor kurzem ihren Job verloren. Habe keine Arbeitserlaubnis mehr. Würde sie erst wieder in ein paar Wochen erhalten. Sie sagte, sie wäre schon lange auf der Straße unterwegs, aber keiner höre ihr zu. Ich wäre die Erste. Die Erste, die überhaupt zuhört. Dabei würde sie so gerne reden. Dabei bräuchte sie so dringend Hilfe. Niemand höre ihr zu. „Erniedrigend ist das.“, sagte sie. „Man fühlt sich wertlos.“

Wertlos. Weil keiner hinsieht. Weil keiner zuhört. Ich verstehe sie. Und denke gleichzeitig daran wie oft ich schon weggesehen habe. Wie ich zwar zumindest versuche jede bettelnde Person wahrzunehmen und wenn es angebracht ist zu grüßen, aber wie ich doch immer wieder am liebsten wegsehen möchte.

Ich nehme sie mit in den Billa. Wir suchen Windeln und Babynahrung für ihre Tochter. Sie sagt, sie brauche nichts zu essen, solange sie alles habe, um sich um ihre Tochter zu kümmern.
Leider werden wir im Billa nicht fündig. Ich gebe ihr das Bargeld, das ich noch habe, damit sie sich die Sachen irgendwo anders kaufen kann.

Ich setze meinen Einkauf fort. Ich kam mir davor komisch vor, neben ihr die Avocados abzutasten und sie für nicht gut zu befinden.
Ich setze meinen Einkauf fort. Und ich denke mir, ich könnte mich doch eigentlich gut fühlen, dass ich ihr zumindest ein bisschen geholfen habe. Aber ich will mich nicht gut fühlen, nicht auf ihre Kosten.

Ich denke darüber nach, wie viel ich eigentlich habe. Wie viel ich besitze und wie unbeschwert ich mein Leben leben kann. Ich denke darüber nach, wie oft ich neidisch auf Menschen war, die sich alles leisten können. Die ständig nur um die ganze Welt fliegen. First Class natürlich. Die in den schönsten Hotels übernachten und die teuersten Kleider tragen.

Diese Frau hat auch mir geholfen. Sie hat mir geholfen, wieder einmal ein bisschen dankbarer zu sein. Wieder einmal den Blick auf das zu richten, was ich alles habe. Mir hat es nie an irgendetwas gefehlt. Und wenn mir eines bei meinen Umzugsvorbereitungen bisher klar geworden ist: Ich habe nicht nur alles was ich brauche. Ich habe viel zu viel.

Als Kind habe ich den Satz: „Komm, iss das jetzt, die Kinder in Afrika haben gar nichts und wären froh darüber.“ gehasst. Immer diese Kinder in Afrika. Wer waren die überhaupt?
Aber wir müssen nicht einmal bis nach Afrika reisen. Denn sie sind realer als wir oft glauben. Diese Menschen, die gar nichts haben. Und wahrscheinlich sehen wir genau darum so gerne einfach nicht hin. Weil es dann nicht Teil unserer Realität ist. Weil man es dann nicht an sich und das eigene geregelte Leben herankommen lassen muss.
Aber wenn man es zulässt, dass die Armut ein Gesicht bekommt. Eine Geschichte erzählt. Dann berührt das. Dann beginnt man vieles zu überdenken. Zu relativieren.

Jeder Mensch sollte ein Dach über dem Kopf haben. Nahrung und alles was nötig ist um das eigene Kind zu versorgen.
Einige meiner Freunde erhalten seit kurzem „Bildungskarenz“. Mehrere hundert Euro im Monat. Einfach so. Ohne dass sie es wirklich bräuchten und ohne dass sie dafür wirklich etwas tun müssen.
Und währenddessen kann sich eine Frau auf der Straße keine Windeln leisten.

Wir haben nicht nur alles was wir brauchen.
Wir haben viel zu viel.
Und trotzdem noch viel weniger als andere.
Neid und Hass. Das alles entsteht aus ‚haben‘.
Macht haben. Länder haben. Geld haben. Besitz haben.
Wann, frage ich mich, werden wir endlich beginnen weniger haben zu wollen und viel mehr zu sein?

VA

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4 Comments

  • Reply
    Catherine
    15. Juni 2016 at 12:12

    ganz ganz toller Blogbeitrag, einer meiner Lieblingseinträge bisher überhaupt. Ich denke es sind wichtige Fragen die man sich dabei stellt, wieso wollen wir immer nur mehr und mehr und wieso ist es so schwer zufrieden zu sein mit dem was wir doch alles haben, weil wir doch so viel mehr haben als viele andere Menschen auf dieser Welt. Wieso glauben wir das ein bisschen Hilfe und Unterstützung für andere uns schadet? Weil wir doch irgendwie alle viel zu sehr auf uns fokusiert sind. Danke für diesen Beitrag und den Reminder wieder mal mehr auf andere zu achten.

    • Valeria Anna
      Reply
      Valeria Anna
      17. Juni 2016 at 9:39

      Hallo Catherine,
      vielen lieben Dank, das freut mich sehr zu hören 🙂
      Ja da hast du vollkommen recht. Wir konzentrieren uns viel zu oft auf das "mehr haben" anstatt auf das was schon da ist und vergessen dann ganz auf jene Leute, die wirklich nichts haben und für die jeder Tag ein Kampf ist.
      Ganz liebe Grüße,
      VA

  • Reply
    Anna
    15. Juni 2016 at 13:21

    "Wann, frage ich mich, werden wir endlich beginnen weniger haben zu wollen und viel mehr zu sein?" So wahr und so wundervoll geschrieben. Danke für diesen tollen Text!
    Ich verstehe, was du darüber sagst, dass es schwer ist der Armut ins Gesicht zu blicken. Ich finde, man fühlt sich manchmal einfach hilflos. Oder man hat fast ein bisschen Angst, dieser Realität ins Auge zu blicken. Armut ist nicht nur in Afrika, sondern (wie du sagst) auch vor unserer Haustür – aber wir wollen sie nicht sehen. Aus Selbstschutz, Hilflosigkeit oder Ignoranz? Ich weiß es nicht. Aber ich glaube, Leuten so zuzuhören wie du es getan hast und zu versuchen, auch schon im Kleinen etwas zu bewirken, ist schon mal ein guter Anfang in die richtige Richtung.
    Ganz liebe Grüße! 🙂

    • Valeria Anna
      Reply
      Valeria Anna
      17. Juni 2016 at 9:43

      Hallo Anna,
      vielen Dank für deine lieben Worte!
      Ja wahrscheinlich hat man oft genau vor diesem "anfangen" am meisten Angst. Ich denke mir so oft, dass es so viele Menschen sind, die ich jeden Tag in Wien auf der Straße sehe, dass ich sowieso nichts machen kann. Aber wenn sich das jeder denkt, dann wird das Problem, dass manche alles haben und manche gar nichts, immer weiter bestehen.
      Ganz liebe Grüße,
      VA

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