Posts by Valeria Anna

Geschichte: 100 Namen

Ich tippe „Sudan“ in Ecosia ein. Ecosia, weil ich lieber Bäume pflanze, als den Google-MitarbeiterInnen neue Sitzbälle zu finanzieren. Sudan, weil ich nicht weiß, wo das Land genau liegt. Es muss in Afrika sein, aber weiter reicht mein Geografie-Wissen nicht. Ich schlürfe Milchschaum. Ein wenig zu heiß ist er noch, mein Cappuccino. Ich stelle ihn wieder ab. Drücke Enter. Da ist es. Unter Ägypten. Ich schaue wie weit das Land von Österreich entfernt ist. Schon ein Stück. Meine Schultern entspannen sich.
Der Kellner mit der schwarzen Fliege fragt mich, ob bei mir alles in Ordnung ist. Ich schaue noch einmal auf die Entfernung zum Sudan.
„Ja, alles in Ordnung“, sage ich.
„Aber … hätten Sie vielleicht eine Zeitung für mich?“
„Den Standard, den Kurier und die Zeit. Welche hätten Sie denn gerne?“
„Alle bitte.“
„Alle. In Ordnung.“
Er bringt mir den Standard, den Kurier und die Zeit. Ich suche nach Artikeln über den Sudan. Finde keine.
Ich tippe Sudan in Google ein. Nicht wegen den Sitzbällen, aber weil Google hinsichtlich News mit seiner „Schlagzeilen-Funktion“ doch übersichtlicher ist.
Als Notre Dame brannte, wusste ich innerhalb von 10 Minuten alles. Über die Kirche. Über den Brand. Über die Reaktionen von PolitikerInnen und Promis. Ich konnte im Minutentakt verfolgen, wie gut oder schlecht es dem Gebäude gerade ging. Natürlich erfuhr ich auch, wer von meinen Facebook-Freunden schon einmal in Paris war. Denn wenn das nicht der richtige Moment ist, um ein Notre-Dame-Touri-Foto anzubringen, wann dann?
Sudan. Ich drücke Enter. Es gibt Artikel, es gibt Videos. Wenige. Eindeutig nicht auf Kirchenbrand-Niveau. Hauptsächlich von internationalen Medien.
Dann suche ich nach Notre Dame. Aus Interesse. Zweieinhalb Monate nach dem Brand. Googles Schlagzeilen:
„Streit um Wiederaufbau“
„Die Probleme des Wiederaufbaus“
„War eine Zigarette schuld an dem verheerenden Brand?“
Verheerend. Synonym für desaströs, ruinös, tragisch, Verderben bringend, apokalyptisch und salopp gesagt: zum Kotzen. Eine Zigarette, die eine altehrwürdige Kirche zum Brennen bringt, das ist schade – ja. Ein bisschen traurig – das auch. Aber verheerend?
Verheerend ist es, wenn über 100 friedliche DemonstrantInnen getötet werden. Wenn Menschen auf offener Straße erschossen, verstümmelt, vergewaltigt und gefoltert werden. Wenn nicht einmal die Kinder vor schierer Gewalt sicher sind. Wenn auf dich geschossen wird, weil du die Ungerechtigkeiten mit deiner Handy-Kamera festhalten möchtest. Wenn das Internet lahmgelegt wird, um die Leisen stumm zu machen und den Lauten zu erlauben, noch lauter zu werden. Nichts darf nach außen dringen. Aber es ist durchgedrungen. Auch bis zu mir und meinem heißen Cappuccino, knapp 4.000 Kilometer entfernt. Zu mir auf mein iPhone. Kann ich jetzt noch so tun, als würde es mich nicht interessieren? Als wäre in China ein Sack Reis umgefallen oder in Frankreich eine Zigarette auf den Boden?
Zum Kotzen.

Der weißhaarige Mann am Tisch neben mir lehnt sich in meine Richtung.
„Brauchen Sie die Zeitungen alle noch?“
Ich schaue weiter auf mein Handy.
„Nein. Die können Sie gerne haben“, murmle ich.
„Was haben Sie denn gesucht?“
„Den Sudan.“ Ich schaue ihn an. Dunkle Augenringe.
„Da werden Sie eher auf einer Landkarte fündig!“
Er nimmt sich den Kurier.
„Da haben Sie leider recht.“
„Na warum denn leider?“
„Haben Sie nicht gehört, was da los ist?“
„Wo?“
„Im Sudan!“
„Na! Nix habe ich gehört!“
Er schlägt den Kurier auf.
„Da haben wir das ‚leider‘“, nuschle ich.
„Es interessiert mich aber auch nicht, ehrlich gesagt.“
Er hebt sein Kinn. Blättert.
„Das Militär schießt wahllos Leute nieder, Kinder werden vergewaltigt …“
„Es wird schon alles seinen Grund haben“, unterbricht er mich. „Ich würde sagen wir haben unsere eigenen Probleme.“
Die Augenringe verschwinden hinter Zeitungspapier.

Wir haben unsere eigenen Probleme. Ich frage mich, wer „wir“ ist. Wie weit dieses „Wir“ reicht. Mein Hund und ich? Meine Familie und ich? Reicht „wir“ bis an die Grundstücksgrenzen? Bis an die Landesgrenzen?
Oder sind es wir Menschen? Und wenn ja, sind dann wir, der Herr mit seinem doppelten Espresso und ich mit meinem Cappuccino, nicht auch der Sudan? Und wenn wir der Sudan sind, dann ist das was dort gerade passiert doch genau unser Problem. Unser großes Problem.

Omar al-Bashirs Regime wurde gestürzt. Ich suche seinen Wikipedia-Eintrag. Seit 1989 regierte er. Das sind verdammte 30 Jahre. Als ich geboren wurde, war er bereits an der Macht. Die DemonstrantInnen, das sind hauptsächlich junge Menschen, schreibt eine der wenigen Internetquellen, die ich finde. Junge Menschen, die sich seit Monaten versammelt hatten, um friedlich für ihre Freiheit zu kämpfen. Nein, kämpfen ist das falsche Wort. Sie haben gesungen, gemalt, zusammen gegessen. Die Freiheit wurde gefeiert. Sie wollten sie sich nicht erkämpfen. Sie wollten ihr friedlich entgegenfeiern.
In einem Video sagt ein Mann, er hätte den Tod in all seinen Facetten gesehen. Er zeigt sein Gesicht nicht. Seine Stimme bricht. Langsam wische ich mir eine Träne unter meiner Brille weg. Ich habe den Tod noch nie gesehen. Geschweige denn Facetten davon.

„Wir sind der Sudan“ denke ich mir. Ich spüre Gänsehaut.
„Na also soweit kommt’s noch“, sagt der Mann neben mir.
Ich muss es wohl zu laut gedacht haben.
„Wir sind ja nicht schwarz.“
Ich schaue auf meinen Unterarm, der so weiß ist wie die Milch in der Tasse vor mir. Bevor sie den Kaffee berührt hat, natürlich.
Im Sommer werde ich jeden zweiten Tag von jedem dritten Menschen gefragt, warum ich nicht braun bin. Ob ich denn nie in die Sonne gehe. Am liebsten würde ich sagen: „Ich bin halt so geboren, verdammt.“ Und noch ein paar belehrende Worte darüber, wie schädlich das Sonnenbaden als Extremsport ist und dass meine Haut ein halbes Jahr durchgehend Bestrahlung bräuchte, um irgendwann einen anderen Farbton anzunehmen. Meistens lächle ich aber nur. Denke mir den Rest.
Menschen sind schon komisch. Wehe dir, du bist zu dunkel, weil du aus Afghanistan oder der Türkei kommst. Aber wehe dir, du bist im Sommer zu hell, wenn du aus Österreich kommst.
Ich werde nicht braun, bin also erst recht nicht schwarz. Diesbezüglich hat er recht, der Mann.

Ich denke an meine Kindheit. Als ich einmal der Balthasar der „Heiligen Drei Königen“ war. In der Garderobe ist eine Frau zu mir hergekommen und hat mein Gesicht ungefragt schwarz angemalt. Nachdem wir in gefühlt 100 Wohnungen gesungen hatten, nahm ich den Bus nach Hause. In der hintersten Reihe saßen drei meiner Klassenkameraden. Sie tuschelten, zeigten auf mich und lachten.
„Was ist denn mit euch?“, habe ich sie gefragt.
„Du bist schwarz!“, hat einer gerufen und sofort wieder losgeprustet.
Ich hatte nicht mehr daran gedacht. Ich hatte keine Ahnung, dass ich schwarz war. Weil ich mich logischerweise nicht anders gefühlt habe. Nicht anders verhalten habe. Ich war noch derselbe Mensch.
„Und du bist weiß!“, habe ich damals geschrien und bin bei der nächsten Station ausgestiegen.

Wir sind ja nicht schwarz.
„Aber wir sind die gleichen Menschen!“, erwidere ich ca. fünf Minuten zu spät. Der alte Mann reagiert nicht. Ist vertieft in seine Lektüre.
Ich bin nicht schwarz, aber wenn ich mich schwarz anmale, bin ich schwarz und bin trotzdem noch ich. Also finde ich, dass das Argument „Wir sind ja nicht schwarz“ nicht nur nicht zählt, sondern kein Argument ist.
„Wir sind der Sudan“, sage ich noch einmal. Bewusst laut.
Der Mann grunzt und schüttelt den Kopf.

Ich möchte mehr wissen, informiert sein. Aber „Live Ticker Sudan“ spuckt in der Suchmaschine nur „Fußball: Sudan“ aus. Die Live-Ticker und Live-Streams vom Brand in Notre Dame sind immer noch aufrufbar. Sogar auf meinbezirk.at.
Aber was interessiert uns schon das Geschehen im Sudan? Die Hintergründe, die Entwicklungen. Das Wie und das Warum. Wir könnten im schlimmsten Fall ja daraus lernen. Nämlich warum unsere Demokratie so heilig ist und die Freiheit zerbrechlicher als ein rohes Ei. Wer will das schon.

Instagram. Hashtag #SudanUprising. Die Menschen sind aktiver als die Medien. Betroffene, Angehörige und solche wie ich, die dem Ganzen nicht einfach die kalte Schulter zeigen wollen. Können. Auch wenn es weit weg ist. Auch wenn wir nicht schwarz sind. Raise Awareness heißt es überall. Wenn es die Medien schon nicht ausreichend machen, dann wir! Ich teile einen Post.
Blau sind viele Profilbilder auf Instagram. Blau war angeblich die Lieblingsfarbe des 26-jährigen Mannes Mohamed Mattar. Einer der friedlichen Demonstranten. Der niedergeschossen wurde, weil er versuchte zwei Frauen zu beschützen. Mein Profilbild blau färben. Das ist das Mindeste, das ich tun kann. In diesem Moment. Hier. In diesem Café. Mit meinem Cappuccino, den ich kalt werden habe lassen.

Da stehen sie. Unter einem Instagram-Post. 100 Namen. In Klammern daneben die Lebensjahre. Da stehen 100 Namen von 100 toten Menschen. Menschen, die starben, weil sie der Freiheit entgegenfeierten. Der Jüngste war sechs Jahre.
100 Namen.
Wenn ich ganz schnell mit zwei Fingern auf und ab scrolle, verschwimmen sie immer mehr. Immer mehr. Bis ich sie nicht mehr sehe. Bis es keine Namen mehr sind. Keine Namen, keine Toten.

Ich winke dem Kellner.
„Noch einen Cappuccino, bitte.“

Warum ich ab sofort schlechte Texte schreiben werde

Ich schreibe nicht.
Und ich habe gute Ausreden dafür. Ja, wirklich. Ich kann nicht schreiben, wenn noch jemand im selben Raum sitzt. Wenn es zu laut ist, die To-do-Listen zu lang sind, meine Stimmung nicht gut ist, der Raum zu warm, der Sitz zu unbequem, die Neurodermitis zu stark juckt, ich zu müde bin, es zu spät ist,…

Ich schreibe nicht. Und auch wenn das alles ganz fantastische Ausreden sind, so sind sie nicht der entscheidende Grund, warum ich nicht schreibe.
Ich schreibe nicht. Weil in meinem Kopf eine Wächterin sitzt, die mir zu verstehen gibt, dass ich nur schreiben soll, wenn ich gut schreibe. Das Problem ist, dass ebendiese Wächterin diesbezüglich sehr streng ist. Was gut ist. Was schlecht ist. Zufrieden ist sie nie. Naja, manchmal vielleicht. Für fünf Minuten. Aber bei genauerem Betrachten dann doch wieder nicht. Verdammt frustrierend, wenn man doch eigentlich schreiben will. Viel schreiben will, gut schreiben will, erfolgreich schreiben will. Oh, genau da liegt ja der Fehler. Solange ich gut schreiben will, werde ich gar nicht schreiben. Das ist mir inzwischen klar. Solange ich erfolgreich schreiben will -was auch immer das sein soll- werde ich erst recht nicht schreiben. Minus schreiben quasi.

Schreiben an sich ist ja einfach. Man setzt einen Buchstaben nach dem anderen auf eine weiße Fläche. Es tippt sich so leicht. Aber ich habe über die Jahre hinweg das Schreiben zu etwas gemacht, was mich einschüchtert. Zu etwas Großem. Etwas, das ich mir zuerst verdienen muss. Etwas, das manche haben und ich nicht. Ein komplett falscher Ansatz. Ich behalte Ideen in meinem Kopf. Schreibe in meinem Kopf. Bin Schreiberin in meinem Kopf. Und wenn es dann darauf ankommt. Wenn ich die Tastatur vor mir sehe, dann sehe ich keine Buchstaben mehr. Sondern Hürden. Dann blockiert mein ganzer Körper und es geht nicht. Nein, ich kann keine Buchstaben aneinanderreihen. Und wenn ich das so sage, so schreibe, merke ich wie lächerlich das ist.
Meine Selbstzweifel langweilen mich. Sie sind ausgelutscht, wenig originell und keiner hat etwas davon. Ich muss eine Entscheidung treffen. Ich kann entweder schlechte Texte schreiben. Und dafür schreiben. Oder einfach gar keine Texte mehr schreiben.

Wenn ich mich selbst vor diese Entscheidung stelle, dann merke ich, dass es sowieso nur eine Antwort gibt. Ich meine, ich könnte mich schon noch ein bisschen weiter in Selbstmitleid suhlen. Ich könnte mir schon noch ein bisschen länger vorstellen, wie einfach es doch wäre meinen größten Traum aufzugeben. Ich kann mir schon noch ein bisschen einreden, dass ich das doch sowieso gar nicht will. Weil ich doch eh nie weiß was ich will. Aber ich könnte auch einfach einmal ehrlich sein. Könnte mir eingestehen, dass es schon einen Grund hat, warum ich andere so sehr dafür bewundere, wenn sie von einer Lesung zur anderen reisen. Wenn sie mir mit ihren eigenen Büchern in der Hand auf Instagram entgegen strahlen. Dass es schon einen Grund hat, wenn es sich ein bisschen wie Verliebtsein anfühlt, wenn ich einen Text schreibe und die passenden Wörter finde.

Darum ist die Entscheidung eh klar. Ich werde schlechte Texte schreiben. Ich werde so viele schlechte Texte schreiben wie notwendig sind. 100, 1000, ganz egal. Jedes Mal, wenn die Tastatur zu Hürden wird, die Wächterin im Kopf zu mir spricht und mein ganzer Körper blockiert kann ich dann sagen: „Chill, ich will eh nichts Gutes schreiben. Ich schreibe jetzt einen schlechten Text.“ Und dann werden sich hoffentlich alle beruhigen und mich einfach schreiben lassen. Schlecht schreiben. Aber schreiben.

Denn meine Selbstzweifel langweiligen mich und so sehr ich mir immer wieder sage „Du hast es ja eh schon versucht, aber es klappt halt nicht.“, weiß ich, dass das eine Lüge ist. Ich habe bei Weitem noch nicht alles versucht, um dort hinzukommen, wo ich sein möchte. Um am Ende die zu sein, die von einer Lesung zur anderen reist und ihr eigenes Buch anstrahlt, als wäre es ein Vollmilch-Schoko-Donut.

Aber das soll vorerst gar nicht das Ziel sein. Schreiben darf für mich nichts Großes sein. Nichts das andere haben und ich nicht. Ich habe es. Ja, ich kann tatsächlich tippen.
Vorerst schreibe ich also. Schlechte Texte. Schlechte Sätze, schlechte Wörter. Am besten jeden Tag. Und dann werde ich sehen, wohin mich das bringt.

VA

Geschichte: Belvedere

Konrad wohnt in der lebenswertesten Stadt der Welt und weiß ganz genau wie viele Schritte es von seiner Altbau-Wohnung im 4. Bezirk bis zur Parkbank beim Schloss sind. Konrad weiß ganz genau welche Abstufungen von Grau und Blau der Wiener Himmel kennt. Ungewohnt blau ist er aktuell, der Wiener Himmel. Mit kitschig türkisen Nuancen, die sich unauffällig in das Farbenspiel mischen.
Auf seiner Parkbank sitzend liest Konrad die heutige Gratiszeitung. So aufmerksam wie man sonst höchstens die AGB liest. Nicht einmal auf Seite 4 ist er, als sich ein junger Mann neben ihn auf die Bank setzt. Ohne zu fragen. Auf seine Parkbank.
Konrad hat graue Haare, die eher weiß sind. Aslan hat dunkles Haar, welches Konrad zu schwarz ist. Auf die Parkbank ein paar Meter weiter hatten Vögel geschissen, darum hat sich Aslan zu Konrad gesetzt. Er streckt seine Beine aus. Vergräbt die Hände in seiner Jackentasche. Schließt die Augen und lässt die Sonne seine Lider wärmen. Konrad sieht ihn sich eine Millisekunde aus dem hintersten Augenwinkel aus an. Dann beschäftigt er sich weiter intensiv mit seiner Lektüre. Er blättert mit Audio-Kommentar.

„Alles nehmen’s uns weg. Man liest‘s ja immer wieder.“
Konrad murmelt in seinen nicht vorhandenen Bart. Die Falten seiner Stirn graben sich ein wenig tiefer in seine Haut. Viele Falten hat er. Auf der Stirn. Zwischen den Augen. Nur ganz zarte Linien sieht man um die Mundwinkel.
„Nehmen, nehmen, nehmen. Herkommen, da in unser gemachtes Nest. Und dann alles nehmen. So haben die sich das vorgestellt. Diese Leut von irgendwo. Wo sie halt alle her sind. Immer wieder liest man‘s. Schwarz auf Weiß. Ich mein ich erfind‘ das ja nicht.“
Konrad schnaubt. Konrads Hände krallen sich in den Boulevard-Journalismus. In seinen Augen spiegeln sich Schlagzeilen. Schwarz auf Blau.

Aslan sitzt auf Konrads Parkbank. Die Hände in der Jackentasche. Die Beine ausgestreckt. Geschlossene Augen, Wärme auf den Lidern.
„Unfreundlich sind’s dann auch noch. So richtig arrogant. Undankbar. Aber kein Wunder. Da wo die herkommen kennen’s halt keinen Anstand.“
Konrads Lippen verkrampfen. Konrad spuckt, während er spricht. Seine Worte werden lauter.
„Das Schlimmste ist aber, dass die alle unsere Fraun‘ belästigen. Da, man liest’s ja überall. Die wissen nicht wie man mit einer Frau anständig umgeht. Mit unseren Fraun‘.“
Konrad fährt die Ellbogen Richtung Aslan aus. Millimeter für Millimeter. Berühren will er ihn nicht. Aber er soll ruhig spüren, wem diese Parkbank schon seit Jahrzehnten gehört.
„Keinen Platz haben wir für die! Wir sind ja nicht die Mutter Theresa unter den Ländern. Und eine Abstellkammer sind wir auch keine!“
Konrad stampft mit seinem Fuß auf. Grunzt. Er rückt ein wenig weiter nach rechts.

Konrad blättert zur nächsten Seite. Hebt das Kinn und schaut durch sein unsichtbares Monokel. Menschen in Abendkleidern und Anzügen lächeln ihm mit gebleichten Zähnen entgegen. Er grinst zurück.
„Na da schau an. Da haben’s wieder mal einen netten Ball gefeiert. In der Hofburg. Da! Ja, da sieht man mal was Anstand ist. Da könnten die sich eine Scheibe abschneiden.“
Bis über beide Ohren. Ja wirklich beide, strahlt der Bundeskanzler. Die Champagnerflasche in der rechten Hand. Die Fliege sitzt am rechten Ort. Ganz adrett.
„Gentlemen sind das!“
Konrad nickt ein paar Mal. Das Nicken hält bis zur nächsten Seite und wird zum Kopfschütteln.
„Und dann sowas von unseren Steuergeldern! Wird denen da das Essen geschenkt! Ich glaub‘s ja nicht. Und wieder diese Gutmenschen. Sollen’s doch gemeinsam mit dem Pack dahin wo die herkommen. Keine Ahnung woher. Aber da sollen’s hin. Die Depperten und die Gutmenschen. Wofür brauchen wir die guten Menschen da?“
Konrads Nasenflügel flattern, die Lippen verkrampfen, die Falten werden tiefer. Konrad spuckt, während er spricht. Er hält die Tabloid-Zeitung, als wäre sie im Berliner-Format.
Die Ellbogen zittern schon. Aber Konrad bleibt stark. Seine Augen stur auf die größten Buchstaben gerichtet.
„Es reicht! Wir haben genug. Genug von denen!“
Konrads Hand landet auf einem bunten Bild.
„Wegen denen ist hier nichts mehr sicher! Die Frauen trauen sich ja nicht mehr auf die Straße!“

Auf der Wiese vor dem Schloss rennen kleine Kinder schreiend auf und ab. Eines pflückt eine Blume aus dem penibel gepflegten Garten. Obwohl da „Betreten verboten“ steht. Die Mütter sitzen auf einer Parkbank einige Meter entfernt und tratschen. Sie tragen Sonnenbrillen und lachen im Abstand von zwei Minuten schrill auf. Sie haben Frozen Yogurts mit drei Toppings in ihren Händen. Nehmen im Abstand von vier Minuten einen Bissen.

„Nichts ist mehr sicher! Verschwinden sollen’s endlich. Alle!“
Konrads Nasenflügel flattern, die Lippen verkrampfen, die Falten werden tiefer. Konrad spuckt, während er spricht. Er schlägt die Zeitung zu. Rammt dabei seinen rechten Ellbogen in Aslans Oberarm.
Konrad dreht sich zu Aslan. Seine Augen wandern von Aslans zu dunklen Haaren über seine Stirn. Zu seinen zu dunklen Augen, zu seiner zu großen Nase, zu seinen zu schmalen Lippen.
Aslan nimmt die Kopfhörer aus den Ohren.
„Entschuldigung, haben Sie mit mir gesprochen?“
Konrads Kopf ist ganz rot. Die Falten zwischen seinen Augen erinnern an den Grand Canyon.
Er sagt nichts.

„Schöne Aussicht, nicht wahr?“
Aslan lächelt. Macht mit dem Kopf eine Bewegung in Richtung Schloss Belvedere.
Konrad verharrt. Seine Augen weit aufgerissen. Er findet langsam seine Blässe wieder. Aber die Mundwinkel keinen Weg nach oben.
Er schaut kurz zum Schloss. Dann auf das Titelblatt der Zeitung auf seinem Schoß.

ASYL-KILLER (25) WURDE IN ANSTALT EINGEWIESEN
„Ja, ja. Schöne Aussicht“, sagt Konrad.

Gedichtzyklus: Bittere Existenz

Bittere Existenz Gedichte Valeria
Dein Schrei in die Welt
lässt Freudentränen
Dämme brechen
Dein Mund
schnappt erste Luft
Ein Fisch an Land
hier wirst du leben
Der Haken ist
du wirst nicht bleiben
Deine Arme rudern
dein Kopf – deine Achillesferse
riecht so rein
Süß bist du
sagen immer alle
wenn du liegst
als Käfer auf dem Rücken
Du kotzt
auf weiße hübsche Westen
und sie tätscheln
dich ganz sanft
wenn du geräuschvoll
leerst den Darm
War und wird
sind für dich nur ist
Jetzt bist du
hungrig und bist laut
Mit Händen voller Dreck
tappst du auf unberührte Wände
Für deine Eltern
bist du
Kunst

Bittere Existenz Gedichte Valeria

Du musst
so viel machen
haben und haben wollen
Du bist was du erreichst
das erreichst du nie
Du bist nie
Du bist besser als andere
schlechter als andere
Auf keinen Fall
bist du
genug
Du musst haben
um zu sein
Du musst sein
was du hast
Du bist dein Job
deine Laster
dein Geld
deine Ziele
Wenn du das nicht bist
dann bist du
nichts
Du hast

Bittere Existenz Gedichte Valeria
Haben ist verlieren
Ein Schritt davor:
vielleicht verlieren
Das ist schlimmer
das ist Angst
Du tunkst dich
in volle Kaffeebecher
wie ein hartes Croissant
Versinkst in Bürostühlen
ertrinkst in Weinflaschen
Du willst mehr
aber um keinen Preis
Kein Schritt zu weit
Heimat ist ein Schoßhund
Du brauchst
die Grenzen der Länder
für deine Grenzen im Kopf
Neu ist schlechter
anders gefährlich
Fremd ist nur
was man sich nicht traut
zu kennen
Das Leben ist
kein Stein auf dem anderen
Du willst Stillstand, mein Herz
Status quo
Bist du dann tot?
Die Angst trägt gerne rot

Bittere Existenz Gedichte Valeria
Du hast Raupen im Bauch
die in den Brustkorb wandern
sich vermehren
den Raum in dir sprengen
Deine Seele ist kochende Milch
auf die du nicht achtest
Eingebrannte Flecken
Schwarz
Die Angst ist dein Käfig
du schlägst zwischen Gitterstäbe
bleibst im Leeren hängen
Du bist deines Friedens Schmied
kennst dein Handwerk nicht
Hassen ist so einfach
wie furzen
und stinkt noch mehr
Du ekelst dich
Willst allen alles nehmen
um es in dein tiefes Loch
zu schmeißen
Schwarz
Weißt du
du hasst dich
am meisten ja selbst

Bittere Existenz Gedichte Valeria
Früher oder später
schnappt dein Mund
letzte Luft
Blumen auf Erde
Erde zu Erde
Am Anfang
am Ende
sind wir alle
gleich
nichts
Die Leere in dir
war nie voller als jetzt
Tod ist Stillstand, mein Herz
Das wolltest du doch?
Kein Anders
kein Verändern
Das wird dann so bleiben
Du wirst nichts
Nichts wird
übrigbleiben
Hättest du
wärst du
vielleicht hätte doch
eines gewährt
Liebe
ist manchmal
immer
alles
Du bist bitter im Abgang
warst nie lieblich im Jetzt
Ruhe in Frieden
der Krieg ist vorbei

Geschichte: Toter Winkel

Lisas BH ist offen. Zwei Sekunden nachdem die Wohnungstür hinter ihr zufällt. Noch bevor die Pumps in die Ecke fliegen. Sie lässt ihn da hängen. Den BH. Unter der Bluse. Sie zieht am Reißverschluss, steigt aus dem Bleistiftrock. Enthäuten. Wirft den Blazer und die Tasche auf den Stuhl im Vorzimmer. Lisa holt ein dunkles Bier aus dem Kühlschrank. Setzt sich mit weißer Bluse, offenem BH und nackten Beinen auf die Couch. Sie hat die angenehme Unterhose an. Die, die nicht so sexy ist. Die verwaschen ist. Aber eben angenehm. Unter den Rock sieht ja keiner.

„Weißt du, was das Gute an der angenehmen Unterhose ist?“, fragt Lisa.
„Abgesehen davon, dass sie angenehm ist?“
„Ja, abgesehen davon.“
„Die ist ein wenig breiter als die sonstigen Fäden zwischen den Beinen, die sich Unterhosen nennen. Die zwickt nicht. Außerdem stehen keine Haare auf der Seite raus, auch wenn ich mich länger nicht mehr rasiert hab.“
„Praktisch.“
„Ja, voll.“
Lisa zieht die angenehme Unterhose ein wenig weiter hoch. So, dass die kleine Bauchspeckrolle darin Platz hat. Dann lehnt sie sich zurück. Nimmt einen großen Schluck vom Bier. Rülpst laut.
„Weißt du noch, wie du mir das Rülpsen beigebracht hast?“
„Wie könnte ich das vergessen?“
„Naja, eh schlecht wahrscheinlich. Ich hab mich ja nicht so gut angestellt am Anfang.“ Lisa nimmt einen Schluck, rülpst noch lauter.
„Es war aber auch nicht leicht. Umso besser, dass ich es jetzt so gut kann!“
„Umso besser.“
„Ich könnte es aber keinem beibringen. Also unsere Kinder …“
Lisa trinkt. Verschluckt sich und schafft den Rülpser nicht. Die Flasche knallt sie auf den Couchtisch.

Lisa watschelt ins Vorzimmer, kramt in ihrer schwarzen Aktentasche.
„So eine Aktentasche brauchen Sie. Blabla. Weil Sie dann seriöser aussehen. Blabla. Und als Frau ist das sogar noch wichtiger. Blabla. Und außerdem. Blabla …“
„Ärgere dich doch nicht schon wieder über die Verkäuferin!“
„Alle finden die Tasche großartig.“
„Ist doch gut!“
„Nein. Ich bin ein Opfer von manipulativen Verkäuferinnen. Aber wer weiß, vielleicht wäre ich mit einem roten Fjällräven Kånken Rucksack inzwischen Barista mit Vollbart. Und mit einer pinken Chloé Tasche Fashion-Bloggerin. Da bin ich froh, dass ich seriös aussehe.“
Lisa spürt die iPhone-Oberfläche zwischen ihren Fingern. Mit dem Handy in der Hand rennt sie auf nackten Zehenspitzen zurück zur Couch.
Ihr rechter Daumen scrollt durch Instagram, ihr linker Arm bewegt sich zum Bier.
„Wie gut, dass die mich nicht sehen können.“
„Wer denn?“
„Na, die da!“
Lisa tippt mit ihrem Zeigefinger auf den Bildschirm.
„Die ganzen fröhlichen Leute da. Auf Instagram. Mit ihren Fitness Goals und Acai Bowls und Flugtickets. Und die, die immer so abartig peinlich in die Kamera labern, obwohl sie nichts zu sagen haben. Aber absolut nichts.“
Lisa klickt die App weg.
„Gut, dass die mich nicht sehen können. Gut, dass die Aktentaschen-Verkäuferin mich nicht sehen kann und die Julia, die jetzt gegenüber von mir am Schreibtisch sitzt. Habe ich dir das schon erzählt? Dass die jetzt in der Arbeit gegenüber von mir am Schreibtisch sitzt?“
„Nein, hast du noch nicht.“
„Die Julia sitzt jetzt gegenüber von mir am Schreibtisch. Gut, dass die alle mich nicht sehen können. In meiner angenehmen Unterhose.“
Sie zieht die angenehme Unterhose wieder über die kleine Bauchspeckrolle.
„Gut, dass sie die Schamhaare nicht sehen können, die da auf der Seite fast rauskommen. Und dass der BH unter der Bluse offen ist und meine Brüste gar nicht mehr so weit oben sitzen. Gut, dass sie mich nicht rülpsen hören können und gut, dass sie dich nicht …“
Lisa springt auf und kratzt sich am Hinterkopf.
„Bier auf Wein, das lass sein. Wein auf Bier, … Na passt! Trinken wir Wein!“

Lisa holt eine Flasche. Und zwei Gläser. Stellt sie auf den Couchtisch. Leert Wein in eines davon und trinkt daraus.
„Da geht das mit dem Rülpsen jetzt nicht so gut.“
„Man muss ja nicht immer rülpsen.“
„Stimmt.“

Lisa fährt mit dem Zeigefinger über ihre Schenkel. Von einem Muttermal zum nächsten. „Weißt du, manchmal frage ich mich, ob ich es verhindern hätte können.“
„Wovon redest du?“
„Manchmal sehe ich mir alte Fotos an. Und probiere herauszufinden, wann es angefangen hat. Und ob ich es verhindern hätte können.“
„Schatz, ich kann dir nicht folgen.“
Lisa seufzt.
„Die Cellulite. Da, schau!“
Sie quetscht ein bisschen Fett zwischen Daumen und Zeigefinger.
„Und da hinten muss ich nicht einmal quetschen. Da sieht man alles auch einfach so. Ich meine – wann genau ist das passiert? Ich hätte es verhindern müssen …“
„Cellulite ist kein Bürgerkrieg.“
„Wenn du wüsstest.“
Lisa beißt an ihren Nägeln.
„Aber man kämpft halt mit ungleichen Mitteln. Was will man machen.“ Sie zuckt mit den Schultern.
„Aber die da.“ Lisa zeigt auf das Handy, welches verkehrt auf dem Tisch liegt. „Die sehen den Bürgerkrieg eh nicht. Auch die Julia nicht. Und alle. Die sehen höchstens die Krater, die nach den Bombeneinschlägen übrigbleiben. Aber auch nur an meinen besten Tagen.“
„An den besten?“
„Wenn ich mich gut fühle und im Schwimmbad sogar ohne Handtuch zum Kiosk gehe.“

Lisa stellt das Weinglas weg. Sie runzelt die Stirn, steht auf, stapft ins Schlafzimmer, setzt sich im Schneidersitz auf den Boden. Vor den großen Spiegel, der schräg an der Wand lehnt. Sie schaut in braune Augen und bewegt sich nicht. Braune Augen tasten einen kleinen Körper ab. Drei Minuten vergehen. Dann spaziert sie zur Couch zurück.
„Was hast du da gemacht?“
„Hm, nichts eigentlich.“
„Aber?“
„Manchmal muss ich in den Spiegel schauen.“
„Einfach so?“
„Aber mit anderen Augen.“
„Wie meinst du das?“
„Ich muss mich so ansehen, als wäre ich nicht ich. Und als nicht ich, sehe ich mich.“
„Und dann?“
„Dann finde ich mich schöner. Und stärker. Und schlauer. Und ziemlich gut. Dann denke ich mir, dass die Frau da – die darf gar nicht so traurig sein.“
Lisas Blick verfängt sich in leerer Luft. Die nackten Zehen graben sich in den Teppich. Flauschig.
„Sie darf. Aber sie sollte es nicht. Wirklich nicht.“
„Einmal ist eine Träne am Spiegel hängengeblieben. Ich weiß nicht, wie sie das geschafft hat. Aber sie hat es geschafft und sie hat eine Spur hinterlassen. Eine leicht schwarze Salz-Spur. Ich hab sie nicht weggewischt.“
„Warum nicht?“
„Sie erinnert mich an meine Traurigkeit.“
„Ist das gut?“
„Manchmal mag ich daran erinnert werden.“
„Warum?“
Lisa springt von der Couch auf. Wandert im Kreis.
„Langsam nervt mich deine Fragerei!“
„Okay.“
„Sagst du jetzt nur ‚okay‘?“
Stille.
„Hallo?“
Stille.
„Ich hab nicht gesagt, dass du gehen darfst!“, flüstert Lisa.
„Nie hab ich das gesagt, verdammt!“, schreit sie.

Auf der Couch greift Lisa nach ihrem Handy. Sie öffnet Instagram und wählt ein Foto aus. Sie hat es in der Mittagspause gemacht. Ein Selfie. Ihr lachender Mund. Zwei Augen hinter einer Sonnenbrille.
„Gut, dass die da nicht hören, dass ich dich anschreie.“
Lisa schreibt ‚Good day‘ in das Feld neben ihrem Foto.
„Es tut mir leid, dass ich dich anschreie.“
„Ist schon okay.“
Lisa gibt ein Sonnen-Emoji dazu. Drückt auf ‚Teilen‘. Wirft das Handy neben sich aufs Polster. Vergräbt den Kopf zwischen den Beinen. Dann steht sie auf, schlurft in die Küche, macht den Kühlschrank auf. Ihre Augen wandern vom obersten bis zum untersten Fach.
„Ich sollte öfters einkaufen. Ich sollte gesünder essen. Wieder mit dem Sport anfangen.“
„Du solltest nicht schon morgens Angst vor dem Tag haben.“
„Ja, das auch.“
Sie schließt den Kühlschrank. Geht zurück ins Wohnzimmer.
„Langsam wird es Zeit, Lisa.“
„Ja, das auch. Manchmal denke ich mir eh, dass es das doch nicht gibt. Dass ich nichts schaffe …“
„Du schaffst das.“
„Aber daran ist das mit dir schuld.“
„Du schaffst das.“
„Das mit dir ist daran schuld. Du weißt eh.“
„Du schaffst das.“
„Du weißt eh! Mich zu wenig. Dich zu viel. Oder zu lange …“
„Liebe.“
„Ja, das mit der Liebe.“

Lisa trägt ihr Weinglas in die Küche. Lässt das Zweite unbenutzt auf dem Couchtisch stehen. „Mach dann bitte das Licht aus, wenn du ins Bett kommst!“
Sie reibt sich die Augen, schleicht ins Schlafzimmer. Sie zieht die Bluse und den BH aus. Lässt sich ins Bett fallen. Die angenehme Unterhose darf bleiben. Das sehen die ja nicht.

Am nächsten Morgen hat sie Angst vor dem Tag.
Aber immerhin brennt das Licht im Wohnzimmer noch.

 

Geschichte: Wer kehrt?

Herr Witzmann, Frau Mähr und Herr Ulrich sind Nachbarn. Sie leben in einer kleinen Vorstadt, in der die Luft rein ist, die Bäume grün sind und der Rasen saftig. In einem Reihenhaus mit rotem Dach.

Herr Witzmann hat damals, bereits am ersten Tag nach seinem Einzug, eine Reihe Büsche in den Garten gepflanzt. Zwischen seinem und der von der Frau Mähr.
„Man muss ja nicht alles voneinander sehen“ hat der Herr Witzmann damals gesagt. Während die Frau Mähr ihn beim Büsche pflanzen beobachtet hat. Verlegen gegrinst hat er. Und seine Hand, mit Dreck unter den Fingernägeln, hat eine komische Bewegung in Richtung der Büsche gemacht. Die Büsche waren zu Beginn noch Baby-Büsche. Baby-Büsche, die bereit waren, ihre ehrenvolle Aufgabe als Sichtschutz anzutreten. Frau Mähr hat nur genickt, auch gegrinst und sich dann in den Liegestuhl gesetzt. Sie hat ihr T-Shirt hochgezogen, bis über den schwabbeligen Bauch. Und sie hat sich die Sonne darauf scheinen lassen. Das hat der Herr Witzmann gesehen und den Baby-Büschen noch ein bisschen mehr Dünger gegeben.

Frau Mähr hat sich jeden Tag die Sonne auf den Bauch scheinen lassen. Bis eines Tages Herr Ulrich auf der anderen Seite auch angefangen hat Baby-Büsche in einer Reihe aufzustellen.
„Man muss ja nicht alles sehen“, hat Frau Mähr ihm zugerufen, ihn angelächelt und dann wieder an ihrer Bauch-Bräune gearbeitet.

Hier leben die drei. Jeder für sich. In ihren kleinen Oasen. Seit über 30 Jahren. Inzwischen trennen erwachsene Büsche ihre drei Gärten. Keiner sieht zu viel vom anderen. Aber schalldicht sind die Büsche halt nicht. So hört Frau Mähr, wie Herr Witzmann zwei Mal die Woche den Rasen mäht und Herr Ulrich hört in unregelmäßigen Abständen, wie Frau Mähr auf ihrer Mundharmonika übt.

An diesem Tag übt Frau Mähr auf ihrer Mundharmonika und Herr Witzmann hat auch schon den Rasen gemäht. An diesem Tag geht Herr Ulrich vor die Haustür und schüttelt den Kopf. Mindestens fünfzig Mal. Hin und her schüttelt er den Kopf.
Dann klingelt er bei der Frau Mähr.

„Hast du den Grünschnitt vor die Tür gestellt, Elke?“
Eine Frau mit roten Blumen oder Marmeladenflecken auf dem Kleid schaut ihn mit weit aufgerissenen Augen an.
„Grünschnitt? Ja klar, habe ich den Grünschnitt vor die Tür gestellt. Damit ich ihn nicht vergesse mitzunehmen.  Aber danke, dass du mich erinnerst. “
Sie tätschelt Herrn Ulrich den Oberarm.
„Nein, nein, nein!“
Er schiebt Frau Mährs Hand zur Seite.
„Wir haben da ein Problem!“
„Na, was haben wir denn für ein Problem?“
„Bitte schau dich doch einmal auf dem Vorplatz um. Da wird einem ja schlecht!“
Herr Ulrich steigt ungeduldig von einem Bein auf das andere. Frau Mähr streckt ihren Kopf durch die Tür nach draußen. Sieht Grünschnitt über den kompletten Vorplatz verstreut.
„Also ich war das nicht. Sicher nicht. Ich bin ja keine Wahnsinnige!“
„Es hat keiner gesagt, dass du das …“ er kreist mit seinem rechten Zeigefinger die komplette Verwüstung ein „… warst. Aber es ist dein Grünschnitt.“
„Na, aber sicher nicht nur meiner. Schau doch wie viel das ist. So viel Grünschnitt bringe ich alleine doch nie zusammen.“
Sie lacht und zeigt Zähne mit rotem Lippenstift oder Marmelade drauf.
„Drei Ästchen sind von mir. Ja, das gebe ich zu. Drei Ästchen. Aber der Rest …“
„Na, drei Ästchen sind ja nicht nichts. Und der Thomas hat auch einen Haufen draußen gehabt. Das habe ich gestern Abend noch gesehen.“
„Drei Ästchen ruinieren aber keinen ganzen Vorplatz! Na, dann rede ich halt auch noch mit dem Thomas!“

kurzgeschichte wer kehrt

Herr Ulrich stapft zur nächsten Haustür. Frau Mähr schlüpft in ihre neongelben Gummistiefel. Sie stapft hinterher. Herr Ulrich klingelt. Herr Witzmann öffnet die Tür.
„Ist es schon wieder soweit?“
„Was soll schon wieder soweit sein?“
„Na, die Hausversammlung?“
„Nix Hausversammlung. Krisenversammlung eher. Schau dir einmal den Vorplatz an.“
Herr Witzmann streckt seine Nase neugierig einen Meter aus der Tür hinaus. Dreht seinen Kopf in beide Richtungen.
„Ich habe es ja eh schon immer gesagt“ meint er dann.
„Was hast du immer gesagt?“
„Na, dass man den Grünschnitt nicht einfach so vor der Tür stehen lässt. War sicher der Wind.“
„Hast du in letzter Zeit Grünschnitt rausgestellt?“ Herr Ulrichs Miene bleibt streng.
„Ja, schon.“
„Aber?“
„Aber sicher nicht so viel wie die Elke!“
„Aber sicher mehr als ich!“
„Weiß doch nicht, wie viel du rausgestellt hast!“
„Vier Äste circa.“
„Auf einmal sind es vier …“ murmelt Frau Mähr im Hintergrund.
„Circa habe ich gesagt!“
„Ich meine, eigentlich ist es ja egal wer wie viel da rausgestellt hat. Wir haben einen Vorplatz voller Grünschnitt. Weil jeder vorübergehend was hingestellt hat. Und der Wind über Nacht alles verteilt hat. Jetzt müssen wir das halt kehren. Jeder vor seiner Haustüre. Ende“ stellt Frau Mähr klar und stemmt ihren Arm in die breite Hüfte.
„Soweit kommt’s noch! Ich kehre sicher nicht deinen Müll weg!“ Herr Ulrich ballt eine Faust.
„Es ist ja nicht nur ihrer, sondern genauso auch deiner.“
„Ja und deiner! Ihr könnt euch ja die Arbeit teilen!“
„Na, warum denn bitte? Wieso sollten wir deinen Müll auch noch wegkehren?“
„Weil es hauptsächlich eurer ist! Meine fünf Ästchen machen den Braten auch nicht mehr fett.“
„Auf einmal sind es fünf …“ schreit der Herr Witzmann.
„Siehst du deine fünf Ästchen da? Ha? Zeig sie mir! Dann kannst du sie wegräumen und wir machen den Rest.“
Der Herr Ulrich rennt wild herum, sammelt fünf Äste ein und legt sie direkt vor seine Haustür.
„So und jetzt viel Spaß beim Kehren.“
„Ich kehre sicher nichts“ sagt die Frau Mähr.
„Wenn einer so kindisch ist … Die fünf Äste sind sicher nicht deine fünf Äste. Also kehr zuerst vor deiner eigenen Haustür, dann kehre ich vor meiner.“
„Und dann ich vor meiner! Punkt.“ Herr Witzmann verschränkt die Arme vor seiner Brust. Dann Frau Mähr. Dann Herr Ulrich.
„Ich kehre als Allerletzter! Das ist euer Müll! Meinen habe ich schon weggemacht. Das ist mein letztes Wort.“

Herr Ulrich dreht sich um und marschiert davon. Herr Witzmann und Frau Mähr starren beide noch eine Weile mit gerunzelter Stirn auf den Boden. Bevor sie in ihre Häuser zurückkehren und dabei so laut wie möglich aufstampfen. Wobei das mit Frau Mährs Gummistiefeln wenig bedrohlich klingt.

Vor dem Reihenhaus mit dem roten Dach liegen Äste und Laub und Nadeln. Wild verstreut. Doch keiner kehrt und niemand kümmert sich.
Zwei Tage lang nicht, drei Tage lang nicht, drei Wochen nicht, sieben Wochen nicht. Der Grünschnitt wird mehr und mehr Braunschnitt. Schon drei Mal sind Leute gekommen und haben noch ein bisschen vom eigenen Grünschnitt dazugelegt. Weil es praktisch ist. Und weil der Vorplatz aussieht wie eine Grünschnitt-Annahmestelle.
Den Herrn Witzmann stört das nicht, weil er es lieber ignoriert, als sich die Hände schmutzig zu machen. Die Frau Mähr stört das nicht, weil sie eh nirgends mehr hingehen muss und im Garten ist der Müll ja nicht. Den Herrn Ulrich stört das nicht, weil er gerne stur ist und auch sieben Wochen später noch der Meinung ist, dass er seinen Müll eh schon weggeräumt hat.

Bald liegt da ziemlich viel Grünschnitt von Herrn Witzmann, Frau Mähr, von irgendwelchen Fremden und drei oder vier oder fünf Ästchen von Herrn Ulrich. Da klingelt es bei Letzterem an der Tür. Ein Mädchen steht da. Sie hat ein paar Fetzen Laub im Haar und einen Kratzer auf der Wange.
„Hi. Könnten Sie bitte den Müll vor Ihrer Tür wegräumen?“ fragt sie.
„Wer bist du, dass du mir das sagen kannst?“
„Emma.“
„Und?“
„Emma reicht.“
„Nicht, dass dich das etwas angehen würde. Aber das ist nicht mein Müll, weißt du.“
„Das hat die Frau im Haus neben dir auch schon gesagt. Und der Mann bei der Tür davor auch.“
„Diese zwei … Die sollen einmal vor ihrer eigenen Haustüre kehren, bevor sie …“
„Kehren kann man den Haufen da sowieso nicht mehr. Da braucht es inzwischen schon ein bisschen mehr als einen Besen.“
„Ziemlich frech bist du. Kümmere dich bitte um deine … Hausaufgaben. Oder was auch immer. Das hier verstehst du sowieso nicht.“
„Dass es keiner von euch schafft den Müll vor der eigenen Haustür wegzuräumen? Nein, das verstehe ich wirklich nicht“ sagt sie und schaufelt sich mit den Händen wieder einen Weg durch das Gestrüpp frei.

Über die nächsten Tage hinweg kommen vereinzelt Kinder zum Reihenhaus mit dem roten Dach. Jedes nimmt nur einen Ast mit. Eine Handvoll Laub. Kein Kind kommt ein zweites Mal. Aber es werden mehr. Und zwischendurch kommen auch Erwachsene und Familien. Sie räumen den Vorplatz leer.

Herr Witzmann, Frau Mähr und Herr Ulrich beobachten das Geschehen durch ihre Fenster. Der Herr Witzmann glaubt, dass die Frau Mähr das organisiert hat, weil sie sich selbst die Hände nicht schmutzig machen will. Die Frau Mähr glaubt, dass der Herr Ulrich alle bezahlt hat. Denn der hat ja einen Mercedes in der Garage stehen. Der Herr Ulrich glaubt, dass das Mädchen dahintersteckt und das eine ganz bösartige Aktion ist. Er hat durch das Fenster ein paar Fotos von den Rebellen gemacht. Und auch schon angefangen den Leserbrief für die Krone zu schreiben.

Nach ein paar Tagen ist der Grünschnitt weg. Es liegen nur noch einzelne Reste herum. Der Herr Witzmann bemerkt es als Erster. Er schaut draußen nach links und rechts, packt seinen Besen und kehrt vor seiner Haustür. Dann geht er in seinen Garten. Schaut durch ein kleines Loch in den Büschen. Ob die Frau Mähr eh da sitzt. Die sitzt da mit hochgezogenem T-Shirt. Dann ruft der Herr Witzmann einen Freund an und erzählt ihm laut, dass er gerade den Vorplatz gekehrt hat. Da springt die Frau Mähr auf und das T-Shirt bleibt an ihrem üppigen Busen hängen. Sie bemerkt es aber noch rechtzeitig, bevor sie den Besen packt und vor die Tür geht. Dann kehrt sie.

Und sie denkt sich, dass sie ja eigentlich auch noch beim Herrn Ulrich kehren könnte.

Wenn sie schon dabei ist.

Amina: Von Bosnien nach Vorarlberg

Bosnien. 1990. Eine Frau, die beschließt sich nicht von den vorherrschenden patriarchalen Strukturen unterdrücken zu lassen, verlässt das Land. Sie ist 22 und lässt eine 4-jährige Tochter zurück. In der Schweiz will sie sich ein neues Leben aufbauen. Eine Wohnung finden. Arbeiten. Doch dort wird sie von der Polizei aufgegriffen und des Landes verwiesen. In Vorarlberg findet sie ihre neue Heimat. Mit dem Wunsch, aber den fehlenden Möglichkeiten, die kleine Tochter zu sich zu holen.

Diese kleine Tochter war Amina (Name geändert) Eine erwachsene Frau, die mir nun mit ihrem warmen Lächeln gegenübersitzt. Sie will mir ihre Geschichte erzählen. Andere Menschen dadurch erreichen. Ihnen helfen und zeigen, dass Kinder unter bestimmten Umständen einfach mehr Aufmerksamkeit und eine gute Bezugsperson brauchen.

4 Jahre war Amina, als sie in Bosnien zurückgelassen wurde. Dort lebte sie mit ihrer Großmutter und ihren Tanten unter einem Dach. Sie versuchte stets so brav wie möglich zu sein. Wollte niemandem zur Last fallen. Wann ihre Mama wieder auftauchen würde, wusste sie nicht. Und obwohl sie sich umgeben von ihrer Familie nie einsam gefühlt hat, war doch ständig dieses Gefühl der Traurigkeit da, keine Mutter in ihrem Leben zu haben.

Woman reading diary

 

„Ich hatte das Gefühl, dass ich an dem Tag als meine Mama ging, meine Kindheit verloren habe. Ich war kein Kind mehr.“

 

Zwei Jahre später ist der Krieg ausgebrochen. Da war ich gerade einmal 6. Und ich habe die Welt nicht mehr verstanden. Auf einmal war dieses komische Gefühl der Angst da. Wir haben Soldaten und Panzer gesehen und stundenlang Schüsse und Bombengeräusche gehört. Und man wusste nicht, wie nah es ist und ob es zu uns kommt oder nicht.

Ich habe mir dann schon als Kind immer gedacht, diese Welt muss ein bisschen verrückt sein. Wenn Menschen andere Menschen umbringen und keiner der Erwachsenen sagen kann, warum überhaupt.
Am Abend wurden die Matratzen im Wohnzimmer ausgelegt, das Essen war immer Polenta. Und Polentabrot. Das habe ich gehasst.

Im Herbst 1995 sind die Amerikaner gekommen, nachdem sie drei Jahre lang zugeschaut und immer wieder Waffen geschickt haben. Nach drei Jahren sind sie gekommen und haben die Helden gespielt. Und der Krieg war vorbei.
Nur kurze Zeit nach dem Ende des Kriegs, ich war gerade 9 Jahre alt, stieg meine Mama vor dem Haus aus einem alten Auto aus und fragte: „Wo ist mein Kind?“

Sie sagte sie wolle mich mitnehmen, nach Österreich. Zu meinem neuen Stiefvater und dem kleinen Stiefbruder.
Bosnien zu verlassen war für mich der zweite große Schock in meinem Leben. Ich habe nicht nur eine Person verloren, sondern alle.

 

„Ich habe mir Österreich so vorgestellt wie das Schlaraffenland, wo es alles gibt.“

 

In Österreich wohnten wir in einer Wohnung, in der man nicht weiß, wer nebenan wohnt. Einen Garten hatten wir keinen und auch keine Kühe. Es war alles ganz neu für mich.

Aber auch in Österreich war ich stets auf mein Verhalten bedacht. Ich muss brav sein, damit mich meine Mama liebhat. Das dachte ich zumindest. Mir war nicht bewusst, dass sie mich so oder so liebt und ich ihr nichts beweisen muss. Mit dem Stiefbruder war es auch schwer, weil ich immer so eifersüchtig auf ihn war. Und wenn ich einmal nicht brav war und meine Mama mit mir schimpfen musste, habe ich mir immer gedacht: Jetzt hast du mich 5 Jahre nicht gesehen, wie kannst du nur so mit mir tun? Das ist sicher, weil du mich nicht liebst. Sie ist mir oft noch wie eine Fremde vorgekommen, obwohl ich sie über alles geliebt habe. Ich wollte am liebsten wieder zurück nach Bosnien.

Der größte Schmerz jedoch war die Sorge um meine Familie in Bosnien. Ich habe gewusst, die haben es nicht so gut und nicht so schön wie ich hier. Darum fühlte ich mich auch nicht berechtigt glücklich zu sein.

 

„Ich habe mit 9 Jahren zum ersten Mal ein Kinderbuch in den Händen gehalten.“

 

Kinderbuch

Innerhalb von drei Monaten konnte ich richtig gut Deutsch. Als ich dann in die Schule gekommen bin, sind wir in die Bücherei gegangen und ich habe die ganzen Bücher gesehen und dachte ich bin im Paradies.
Ich habe über alles gestaunt. Über die Bücher und dass man in der Schule gesungen hat und Werkunterricht gehabt hat und Turnen und alles war so schön.

In der Hauptschule wollte ich dann einfach dazugehören. So wie alle anderen sein. Es war mir peinlich zu sagen, ich bin nicht von da. Zum Glück habe ich den Nachnamen von meinem Stiefvater übernommen. Und wenn ich nichts gesagt habe, hat es auch niemand bemerkt. Aber ich habe mich trotzdem anders gefühlt. Meine Eltern hatten auch kein Geld für Markenklamotten und in der Hauptschule war es sehr wichtig, was man anhatte und welchen Beruf die Eltern haben.
Mit 14 durften alle aus meiner Klasse ausgehen. Ich musste um 9 zu Hause sein. Alle haben sich am Montag erzählt was sie am Wochenende gemacht haben und ich konnte nie mitreden und so gehört man automatisch nicht dazu.
Wir hatten ein paar Mädchen in der Klasse, die waren die Coolen und sie haben von ihren Freunden erzählt und wen sie geküsst haben. Ich konnte damit aber noch nichts anfangen. Einmal hat jemand zu mir gesagt: „Schon klar, dass du keinen Freund hast mit so einer hässlichen Zahnspange und wie du immer angezogen bist.“ Und das glaubt man dann auch. Ich dachte mir: Scheiße, was ist, wenn sie recht haben?
Die Lehrer in der Hauptschule haben uns auch nichts fürs Leben vermittelt. Es ging nur um den Schulstoff. Es hätte mich mehr interessiert, wie ich besser mit anderen auskommen kann.

Von den Lehrern hat man gehört: „Jetzt habt ihr es noch gut, aber später kommt dann der Ernst des Lebens.“ Meine Mama hat immer gesagt, dass ich mich als Ausländerin noch mehr anstrengen muss. Ich habe von allen Seiten nur immer gehört: „Es wird schwer, schwer, schwer.“ Und dass ich langsam wissen muss, was ich mit meinem Leben machen möchte. Ich wusste nicht einmal wer ich bin, woher sollte ich wissen was ich einmal werden will? Ich bekam richtige Zukunftsängste.

 

„Ich habe mir gedacht hier in Österreich müsste eigentlich jeder überglücklich sein. Jeder müsste jeden Tag lachen und sich freuen. Weil man hier alles hat. Und da habe ich mich gefragt warum das eigentlich nicht so ist.“

 

Irgendwann kamen dann die ersten Gedanken, dass es besser wäre, wenn ich gar nicht da wäre.
Ich habe das immer überspielt, habe das unbeschwerte Mädchen gespielt. Ich dachte, dass ich die Einzige mit Problemen bin. Jeder kommt aus der perfekten Familie, jeder hat es schön. Keiner hat jemals über ein Problem erzählt. Da will man nicht die Einzige sein, die über Sorgen redet. Da spielt man halt mit.

Ich habe mich mehr und mehr gefragt was es für einen Sinn hat auf der Welt zu sein. Wenn ich eh nicht dazugehören kann.
Dann habe ich im Stillen für mich beschlossen, dass ich gehe. Dahin, wo ich hergekommen bin. Und damit meinte ich nicht Bosnien, sondern für mich war das damals Gott.

Mit 15 Jahren habe ich beschlossen: Ich nehme mir das Leben.

 

„Ich war so in Angst vor dem Leben.“

 

Ich habe so getan als würde ich in die Schule fahren und bin aber zwei Haltestellen weiter ausgestiegen. Meine Freundin hat mich gefragt was ich mache und ich habe gesagt ich habe meine Jause vergessen, ich gehe noch in die Bäckerei und komme später. Ich bin ausgestiegen und zu der Autobahnbrücke gegangen. Am liebsten hätte ich jemanden gehabt, der kommt und sagt: „Alles ist gut, du musst das nicht machen.“ Ich habe so geweint. Ich wollte das eigentlich gar nicht. Aber ich dachte ich muss. Und ich habe mich so alleine gefühlt. Durch das Weinen konnte ich gar nicht mehr klar denken. Ich war dann oben und es ist nicht lange gegangen bis ich hinuntergesprungen bin.

dark lights night

 

„Es ist ein Wunder, dass ich jetzt hier sitze.“

 

Es sollte vielleicht nicht sein. Ich glaube man kann sich nicht einfach so aussuchen, wie man stirbt.
Ich bin im Spital aufgewacht, nachdem ich 7 Tage im Koma war. Ich habe kaum etwas gesehen, mein ganzes Gesicht war geschwollen. Ich weiß noch, dass meine Mama neben mir gesessen ist und ich zuerst nicht gewusst habe wo ich war. Meine Mama hat mich umarmt und geküsst und gesagt: „Alles wird gut, Ich bin da. Alles wird gut, mach dir keine Sorgen.“ Sie hat mich festgehalten und mir das immer wieder gesagt.

Die ersten drei Monate durfte ich nur liegen. Ich wäre beinahe gelähmt gewesen. Ich durfte nicht aufrecht sein, damit es verheilt. Ich war insgesamt fünf Monate im Krankenhaus und unglaublich froh, dass ich noch am Leben war.
Meine Mama war jeden Tag da. Sie hat mich aber nicht gefragt, warum ich es gemacht habe. Bis heute nicht.

Danach bin ich in die psychiatrische Abteilung gekommen. Auch dort hat mich keiner direkt angesprochen, warum ich gesprungen bin. Sie haben so getan als wäre das nicht passiert. Und ich habe mich immer gefragt „Hey, wieso fragt mich keiner?“ Ich hätte es mir gewünscht. Es hat auch niemand gefragt wie es in Bosnien war und was ich dort erlebt habe.

Oder wie die Beziehung zu meiner Mama ist. Ich war eine Nummer. Die Antidepressiva bekommen hat und Bäume gemalt hat, welche irgendwie interpretiert wurden.

 

„Unser Denken kreiert die Wirklichkeit.“

 

Ich habe mir immer gedacht, hoffentlich weiß niemand was ich gemacht habe. Hoffentlich sieht es mir niemand an. Ich habe mich geschämt dafür.

Jetzt denke ich mir: Vielleicht hat es das gebraucht. Um mich wieder auf den Boden zu holen. Heute liebe ich das Leben mehr denn je. Es besteht aus mehr als nur ernst sein, arbeiten, sich um das Geld sorgen machen und alles so schwernehmen.
Ich habe für mich festgestellt: Unser Denken kreiert die Wirklichkeit. Weil wenn ich ständig denke es ist schwer und ich bin nicht gut und nur mir passiert etwas Schlechtes, dann ist das auch so. Es liegt an jedem selbst, was er aus seinem Leben macht.

happy woman fall

Wenn ich heute über meine Träume und Ziele nachdenke, dann frage ich mich: Was könnte dich daran hindern dies zu erreichen? Ändere es! Und was könnte hilfreich sein? Dann tu es!

Ich glaube Teenager brauchen manchmal jemanden, der ihnen sagt: „Es wird alles gut und nimm es nicht so ernst!“ Außerdem sollte man mehr über Probleme reden können und auch einmal sagen können „Heute geht es mir nicht gut“ oder „Zu Hause ist es gerade nicht so toll“.

Ich hätte von Anfang an jemanden zum Reden gebraucht, wie ich als Kind nach Österreich gekommen bin. Da war ich alleine in meinem Heimweh, in meinem Schmerz. Da hätte man schon ansetzen sollen.
Wenn ich an all die Flüchtlingskinder denke. Was die alles erlebt und gesehen haben und jetzt ganz alleine damit sind…

 

Amina