Fingerbeeren kann man nicht essen, aber manchmal schmecken. In jeder Fingerbeere stecken 700 Berührungs- und Druckrezeptoren. 700 deiner Rezeptoren könnten mich berühren. 700 Mal 10.
Ich wurde schon lange nicht mehr berührt. So: Finger auf Haut. Aber auch so nicht: Rasen, pochen, kribbeln. Das Herz. Der Bauch.

Auf Fingerbeeren sind Papillarleisten. Deine sind besonders. Meine auch. Und die von allen. Noch nie. Wirklich noch nie gab es zwei Menschen mit demselben Fingerabdruck.
Wie schön ist der Gedanke, dass du mit deiner Einzigartigkeit über meine Hülle streichen könntest. Könntest.

Berührungsversuch 1:
„Können wir darüber reden?“, frage ich dich. „Worüber?“
„Über das, worüber wir nicht reden.“
„Wir reden über alles.“
„Darüber nicht.“
„Worüber?“
„Das was zwischen uns steht.“
„Ich sehe nichts.“

Ei, Larve, Puppe. Sie haben mir aus dem Kokon geholfen und dann war ich da.

Versuch 2:
Es ist dunkel genug. Ich betrunken genug. Er schön genug und seine Worte sagen nichts, aber zumindest nichts Schlechtes. Ich lächle und spiele mit Locken, die ich nicht habe. Er kommt näher. Er legt Fingerbeeren auf Stoff. Verschleierte Einzigartigkeit. Lippen. Ein stets paarweise vorkommendes Organ. Weich. Ich kann damit Nahrung aufnehmen, Laute bilden und ich kann dich küssen. Oder ihn. Lippen kommen paarweise vor und tanzen zu viert. Meine sind seinen nah und ich rieche Hopfen. Die Paare umschließen sich. Speichel und Zunge, zwei Mal zu viel Zähne. Fingerbeeren drücken gegen Stoff, drücken mich an ihn.

Lippen im Quartett und Hüften bewegen sich als eine. Im Inneren kein Kribbeln. Außen keine Einzigartigkeit auf Haut. Ich werde nicht berührt, obwohl ich berühre. Es blieb ein Versuch.

Mein Körper ist von einer wachsartigen Schicht umhüllt. Die Hautschicht ist so einzigartig wie ein Fingerabdruck. Ein chemisches Profil aus Kohlenwasserstoffen.

Versuch 3:
„Das berührt mich so“, sagt Tante Pia jedes Mal, wenn Flüchtlinge gezeigt werden. Wenn sie Zäune sieht, durch die Kinder ihre Gesichter quetschen. Mit Dreck an den Wangen, mit nassen Augen und dicken Lippen, die paarweise auftreten. Das berührt sie so. Neben meinem Milchkaffee liegen Schlagzeilen und Bilder. Menschen stehen in Käfigen und von der anderen Seite wird ihnen Essen in Plastiksäcken zugeworfen. Ich lese, dass Menschen kommen, um sie zu beschimpfen. Sie wollen keine Kinder mit dreckigen Wangen und erst recht keine Menschen, die nicht mehr Kinder sind. Ich löffle Milchschaum und es berührt mich nicht. Kein Kribbeln, kein Pumpen. Selbst für das Schaudern ist es schon zu normal.

Wir sind sozial. Wir schauen aufeinander, weil wir eins sind. Gebe ich auf sie acht, gebe ich auf mich acht. Alleine bin ich nichts. Gemeinsam sind wir alles.

Versuch 4:
Vor uns stehen Limonaden und Kuchenstücke. Ich frage, wie es ihr geht. Sie fragt mich auch. Wir sagen gut. Sie erzählt von Kindern und Augenringen. Von Autositzen und Marmelade im Haar. Ich erzähle von dir. Erzähle, dass mich deine Einzigartigkeit nicht mehr berührt.
Sie schmatzt. „Vielleicht solltet ihr etwas Neues ausprobieren. Die Routine durchbrechen.“ Wenn du mich nicht in der Routine berührst, wann dann?
„Kannst du nicht mit ihm darüber reden?“
Kann ich. Aber Worte rennen gegen Mauern und bleiben liegen.
Ich erzähle ihr von den Lippen.
„Oh mein Gott! Weiß er davon?“
„Nein.“

„Gut. Oder vielleicht nicht? Vielleicht wäre es besser, wenn du es ihm sagst. Dann weiß er, dass es kurz vor 12 ist!“
Ich schaue auf die Uhr und es ist Viertel nach vier.
Ich erzähle ihr Gefühle. Sie hört sie. Sagt Sachen wie: „Das wird schon wieder.“ Und: „Du bist eh so schön und schlau.“ Und: „Ach, wenn du einmal Kinder hast, ist das alles nicht mehr wichtig.“ Sie hört Gefühle, aber will sie nicht haben.

Ich bin krank. Und wenn ich krank bin, sind alle in Gefahr. Eine wird zu zwei und dann sind bald zweihundert infiziert. Sie haben versucht mich zu retten. Jetzt ist es an der Zeit, dass ich sie rette.

Versuch 5:
„Glaubst du, es wird besser?“, frage ich im Bett und du schließt die Augen.
„Was denn?“
„Das was nicht gut ist.“
Du drehst dich zur Wand.
„Wird es von alleine besser, wenn man es lange genug ignoriert?“, frage ich mehr mich als dich.
„Wir ignorieren nichts.“
„Wie wird es besser?“
„Wie wird was besser?“

Ich werde ihn verlassen. Den Staat. Die Kolonie. Ich habe kein Gepäck. Ich muss nur gehen. Ein Schritt. Zwei Schritte. Drei Schritte. Vier …

Letzter Versuch:
Momente haben Tage angesteckt. Ich weiß nicht, wann die schlechten Tage zu schlechten Wochen geworden sind und dann die Monate infiziert haben.
„Ich werde dich verlassen.“
„Was?“, rufst du.

„Ich werde gehen.“ „Achso. Wohin gehst du?“ „Raus!“
„Dann bis später!“
Ich werde ihn verlassen.

4365 Schritte zähle ich, da sehe ich den Menschenfuß. Ich krabble auf ihn zu, auf ihn hinauf. Ganz oben mache ich eine Pause. Ich bin müde. Ein bisschen weiter noch. Dann lege ich mich hin.

Ich sitze auf Mamas Terrasse. Nackte Zehen spielen mit Kieselsteinen und ich beobachte sie dabei. Hätte ich den Kopf nicht hängen lassen, hätte ich sie nie gesehen. Ich halte den Fuß still. Sie krabbelt auf den Rist, es kribbelt, sie verweilt. Ihre Hautschicht auf meiner. Eine Sekunde lang.

Zwanzig Zentimeter neben meinem Fuß bleibt sie liegen und rührt sich nicht mehr. Ich warte. Stupse sie mit der Fingerbeere an.
Die Ameise ist tot.

.

*Dieser Text wurde mit dem 3. Platz beim zeilen.lauf Kurzgeschichtenwettbewerb ausgezeichnet und wird im dazugehörigen Sammelband veröffentlicht.

Leave A Comment

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*