Posts in deren Geschichten

Amina: Wie man trotz fehlender Mutter, Krieg und einem Selbstmordversuch glücklich sein kann

Bosnien. 1990. Eine Frau, die beschließt sich nicht von den vorherrschenden patriarchalen Strukturen unterdrücken zu lassen, verlässt das Land. Sie ist 22 und lässt eine 4-jährige Tochter zurück. In der Schweiz will sie sich ein neues Leben aufbauen. Eine Wohnung finden. Arbeiten. Doch dort wird sie von der Polizei aufgegriffen und des Landes verwiesen. In Vorarlberg findet sie ihre neue Heimat. Mit dem Wunsch, aber den fehlenden Möglichkeiten, die kleine Tochter zu sich zu holen.

Diese kleine Tochter war Amina (Name geändert) Eine erwachsene Frau, die mir nun mit ihrem warmen Lächeln gegenübersitzt. Sie will mir ihre Geschichte erzählen. Andere Menschen dadurch erreichen. Ihnen helfen und zeigen, dass Kinder unter bestimmten Umständen einfach mehr Aufmerksamkeit und eine gute Bezugsperson brauchen.

4 Jahre war Amina, als sie in Bosnien zurückgelassen wurde. Dort lebte sie mit ihrer Großmutter und ihren Tanten unter einem Dach. Sie versuchte stets so brav wie möglich zu sein. Wollte niemandem zur Last fallen. Wann ihre Mama wieder auftauchen würde, wusste sie nicht. Und obwohl sie sich umgeben von ihrer Familie nie einsam gefühlt hat, war doch ständig dieses Gefühl der Traurigkeit da, keine Mutter in ihrem Leben zu haben.

Woman reading diary

 

„Ich hatte das Gefühl, dass ich an dem Tag als meine Mama ging, meine Kindheit verloren habe. Ich war kein Kind mehr.“

 

Zwei Jahre später ist der Krieg ausgebrochen. Da war ich gerade einmal 6. Und ich habe die Welt nicht mehr verstanden. Auf einmal war dieses komische Gefühl der Angst da. Wir haben Soldaten und Panzer gesehen und stundenlang Schüsse und Bombengeräusche gehört. Und man wusste nicht, wie nah es ist und ob es zu uns kommt oder nicht.

Ich habe mir dann schon als Kind immer gedacht, diese Welt muss ein bisschen verrückt sein. Wenn Menschen andere Menschen umbringen und keiner der Erwachsenen sagen kann, warum überhaupt.
Am Abend wurden die Matratzen im Wohnzimmer ausgelegt, das Essen war immer Polenta. Und Polentabrot. Das habe ich gehasst.

Im Herbst 1995 sind die Amerikaner gekommen, nachdem sie drei Jahre lang zugeschaut und immer wieder Waffen geschickt haben. Nach drei Jahren sind sie gekommen und haben die Helden gespielt. Und der Krieg war vorbei.
Nur kurze Zeit nach dem Ende des Kriegs, ich war gerade 9 Jahre alt, stieg meine Mama vor dem Haus aus einem alten Auto aus und fragte: „Wo ist mein Kind?“

Sie sagte sie wolle mich mitnehmen, nach Österreich. Zu meinem neuen Stiefvater und dem kleinen Stiefbruder.
Bosnien zu verlassen war für mich der zweite große Schock in meinem Leben. Ich habe nicht nur eine Person verloren, sondern alle.

 

„Ich habe mir Österreich so vorgestellt wie das Schlaraffenland, wo es alles gibt.“

 

In Österreich wohnten wir in einer Wohnung, in der man nicht weiß, wer nebenan wohnt. Einen Garten hatten wir keinen und auch keine Kühe. Es war alles ganz neu für mich.

Aber auch in Österreich war ich stets auf mein Verhalten bedacht. Ich muss brav sein, damit mich meine Mama liebhat. Das dachte ich zumindest. Mir war nicht bewusst, dass sie mich so oder so liebt und ich ihr nichts beweisen muss. Mit dem Stiefbruder war es auch schwer, weil ich immer so eifersüchtig auf ihn war. Und wenn ich einmal nicht brav war und meine Mama mit mir schimpfen musste, habe ich mir immer gedacht: Jetzt hast du mich 5 Jahre nicht gesehen, wie kannst du nur so mit mir tun? Das ist sicher, weil du mich nicht liebst. Sie ist mir oft noch wie eine Fremde vorgekommen, obwohl ich sie über alles geliebt habe. Ich wollte am liebsten wieder zurück nach Bosnien.

Der größte Schmerz jedoch war die Sorge um meine Familie in Bosnien. Ich habe gewusst, die haben es nicht so gut und nicht so schön wie ich hier. Darum fühlte ich mich auch nicht berechtigt glücklich zu sein.

 

„Ich habe mit 9 Jahren zum ersten Mal ein Kinderbuch in den Händen gehalten.“

 

Kinderbuch

Innerhalb von drei Monaten konnte ich richtig gut Deutsch. Als ich dann in die Schule gekommen bin, sind wir in die Bücherei gegangen und ich habe die ganzen Bücher gesehen und dachte ich bin im Paradies.
Ich habe über alles gestaunt. Über die Bücher und dass man in der Schule gesungen hat und Werkunterricht gehabt hat und Turnen und alles war so schön.

In der Hauptschule wollte ich dann einfach dazugehören. So wie alle anderen sein. Es war mir peinlich zu sagen, ich bin nicht von da. Zum Glück habe ich den Nachnamen von meinem Stiefvater übernommen. Und wenn ich nichts gesagt habe, hat es auch niemand bemerkt. Aber ich habe mich trotzdem anders gefühlt. Meine Eltern hatten auch kein Geld für Markenklamotten und in der Hauptschule war es sehr wichtig, was man anhatte und welchen Beruf die Eltern haben.
Mit 14 durften alle aus meiner Klasse ausgehen. Ich musste um 9 zu Hause sein. Alle haben sich am Montag erzählt was sie am Wochenende gemacht haben und ich konnte nie mitreden und so gehört man automatisch nicht dazu.
Wir hatten ein paar Mädchen in der Klasse, die waren die Coolen und sie haben von ihren Freunden erzählt und wen sie geküsst haben. Ich konnte damit aber noch nichts anfangen. Einmal hat jemand zu mir gesagt: „Schon klar, dass du keinen Freund hast mit so einer hässlichen Zahnspange und wie du immer angezogen bist.“ Und das glaubt man dann auch. Ich dachte mir: Scheiße, was ist, wenn sie recht haben?
Die Lehrer in der Hauptschule haben uns auch nichts fürs Leben vermittelt. Es ging nur um den Schulstoff. Es hätte mich mehr interessiert, wie ich besser mit anderen auskommen kann.

Von den Lehrern hat man gehört: „Jetzt habt ihr es noch gut, aber später kommt dann der Ernst des Lebens.“ Meine Mama hat immer gesagt, dass ich mich als Ausländerin noch mehr anstrengen muss. Ich habe von allen Seiten nur immer gehört: „Es wird schwer, schwer, schwer.“ Und dass ich langsam wissen muss, was ich mit meinem Leben machen möchte. Ich wusste nicht einmal wer ich bin, woher sollte ich wissen was ich einmal werden will? Ich bekam richtige Zukunftsängste.

 

„Ich habe mir gedacht hier in Österreich müsste eigentlich jeder überglücklich sein. Jeder müsste jeden Tag lachen und sich freuen. Weil man hier alles hat. Und da habe ich mich gefragt warum das eigentlich nicht so ist.“

 

Irgendwann kamen dann die ersten Gedanken, dass es besser wäre, wenn ich gar nicht da wäre.
Ich habe das immer überspielt, habe das unbeschwerte Mädchen gespielt. Ich dachte, dass ich die Einzige mit Problemen bin. Jeder kommt aus der perfekten Familie, jeder hat es schön. Keiner hat jemals über ein Problem erzählt. Da will man nicht die Einzige sein, die über Sorgen redet. Da spielt man halt mit.

Ich habe mich mehr und mehr gefragt was es für einen Sinn hat auf der Welt zu sein. Wenn ich eh nicht dazugehören kann.
Dann habe ich im Stillen für mich beschlossen, dass ich gehe. Dahin, wo ich hergekommen bin. Und damit meinte ich nicht Bosnien, sondern für mich war das damals Gott.

Mit 15 Jahren habe ich beschlossen: Ich nehme mir das Leben.

 

„Ich war so in Angst vor dem Leben.“

 

Ich habe so getan als würde ich in die Schule fahren und bin aber zwei Haltestellen weiter ausgestiegen. Meine Freundin hat mich gefragt was ich mache und ich habe gesagt ich habe meine Jause vergessen, ich gehe noch in die Bäckerei und komme später. Ich bin ausgestiegen und zu der Autobahnbrücke gegangen. Am liebsten hätte ich jemanden gehabt, der kommt und sagt: „Alles ist gut, du musst das nicht machen.“ Ich habe so geweint. Ich wollte das eigentlich gar nicht. Aber ich dachte ich muss. Und ich habe mich so alleine gefühlt. Durch das Weinen konnte ich gar nicht mehr klar denken. Ich war dann oben und es ist nicht lange gegangen bis ich hinuntergesprungen bin.

dark lights night

 

„Es ist ein Wunder, dass ich jetzt hier sitze.“

 

Es sollte vielleicht nicht sein. Ich glaube man kann sich nicht einfach so aussuchen, wie man stirbt.
Ich bin im Spital aufgewacht, nachdem ich 7 Tage im Koma war. Ich habe kaum etwas gesehen, mein ganzes Gesicht war geschwollen. Ich weiß noch, dass meine Mama neben mir gesessen ist und ich zuerst nicht gewusst habe wo ich war. Meine Mama hat mich umarmt und geküsst und gesagt: „Alles wird gut, Ich bin da. Alles wird gut, mach dir keine Sorgen.“ Sie hat mich festgehalten und mir das immer wieder gesagt.

Die ersten drei Monate durfte ich nur liegen. Ich wäre beinahe gelähmt gewesen. Ich durfte nicht aufrecht sein, damit es verheilt. Ich war insgesamt fünf Monate im Krankenhaus und unglaublich froh, dass ich noch am Leben war.
Meine Mama war jeden Tag da. Sie hat mich aber nicht gefragt, warum ich es gemacht habe. Bis heute nicht.

Danach bin ich in die psychiatrische Abteilung gekommen. Auch dort hat mich keiner direkt angesprochen, warum ich gesprungen bin. Sie haben so getan als wäre das nicht passiert. Und ich habe mich immer gefragt „Hey, wieso fragt mich keiner?“ Ich hätte es mir gewünscht. Es hat auch niemand gefragt wie es in Bosnien war und was ich dort erlebt habe.

Oder wie die Beziehung zu meiner Mama ist. Ich war eine Nummer. Die Antidepressiva bekommen hat und Bäume gemalt hat, welche irgendwie interpretiert wurden.

 

„Unser Denken kreiert die Wirklichkeit.“

 

Ich habe mir immer gedacht, hoffentlich weiß niemand was ich gemacht habe. Hoffentlich sieht es mir niemand an. Ich habe mich geschämt dafür.

Jetzt denke ich mir: Vielleicht hat es das gebraucht. Um mich wieder auf den Boden zu holen. Heute liebe ich das Leben mehr denn je. Es besteht aus mehr als nur ernst sein, arbeiten, sich um das Geld sorgen machen und alles so schwernehmen.
Ich habe für mich festgestellt: Unser Denken kreiert die Wirklichkeit. Weil wenn ich ständig denke es ist schwer und ich bin nicht gut und nur mir passiert etwas Schlechtes, dann ist das auch so. Es liegt an jedem selbst, was er aus seinem Leben macht.

happy woman fall

Wenn ich heute über meine Träume und Ziele nachdenke, dann frage ich mich: Was könnte dich daran hindern dies zu erreichen? Ändere es! Und was könnte hilfreich sein? Dann tu es!

Ich glaube Teenager brauchen manchmal jemanden, der ihnen sagt: „Es wird alles gut und nimm es nicht so ernst!“ Außerdem sollte man mehr über Probleme reden können und auch einmal sagen können „Heute geht es mir nicht gut“ oder „Zu Hause ist es gerade nicht so toll“.

Ich hätte von Anfang an jemanden zum Reden gebraucht, wie ich als Kind nach Österreich gekommen bin. Da war ich alleine in meinem Heimweh, in meinem Schmerz. Da hätte man schon ansetzen sollen.
Wenn ich an all die Flüchtlingskinder denke. Was die alles erlebt und gesehen haben und jetzt ganz alleine damit sind…

 

Amina

Ein Leben mit Kompromissen

Carolin ist 20 Jahre und leidet seit ihrer Geburt an einer seltenen neurologisch bedingten Art des Muskelschwunds -genannt Spinale Muskelatrophie (SMA). Für Carolin bedeutet dies ein ständiges Angewiesensein auf Hilfe im Alltag. Sie kann nicht gehen, ist in ihrer Bewegungsfreiheit sehr eingeschränkt und eine Heilung ist ausgeschlossen.

Auf ihrem Blog sprach sie im Mai dieses Jahres zum ersten Mal öffentlich über ihre Krankheit. „Weil es nichts Schlimmes ist“ war der Titel und sollte Bewusstsein für SMA schaffen, sowie Carolin dabei helfen sich nicht mehr hinter Ausreden zu verstecken und für Klarheit bei den LeserInnen zu sorgen.

Ihre Geschichte hat mich damals schon berührt und tut es jetzt noch viel mehr. Denn ihre Antworten zu meinen Fragen treffen mitten ins Herz und ihre optimistische und gleichzeitig realistische Lebenshaltung ist mehr als nur bewundernswert.

Wann hast du als Kind das erste Mal bemerkt, dass du „anders“ bist?

Das ist eine ziemlich gute Frage. Tatsächlich kann ich mich an kein Schlüsselerlebnis oder dergleichen erinnern, in dem mir meine Andersartigkeit plötzlich bewusst wurde. Tief im Inneren war mir immer klar, dass ich nicht so wie der Rest in meinem Umfeld bin und auch nie sein werde. Sogar, als ich noch gar nicht wusste, wie meine Krankheit überhaupt heißt und wodurch sie verursacht wird. Allerdings sind solche Abweichungen für ein Kind im Alter von ungefähr 5 Jahren nicht wirklich relevant. Ich war eben ich und die Anderen waren die Anderen. Besonders viele Gedanken zum Thema Behinderung habe ich mir in meiner Kindheit daher nicht gemacht. Stattdessen standen ganz normale Dinge im Fokus. Beispielsweise war ich verrückt nach Barbiepuppen und hielt Weihnachten für den wichtigsten Tag im Jahr – so wie fast jedes andere Mädchen eben auch.

Inwiefern bist du anders aufgewachsen als andere Kinder?

Ich war immer viel unter Erwachsenen. Meine Eltern, Oma und Opa, Tanten und Onkels, sowie Krankengymnasten, Ärzte oder Krankenschwestern. Die wenigste Zeit verbrachte ich unter Gleichaltrigen und um ehrlich zu sein, ist es heute noch genauso. Ich würde nicht behaupten, dass mir das geschadet hat, doch diese Tatsache führte dazu, dass ich mich schon sehr früh, sehr viel erwachsener benahm. Gefühlt verhielt ich mich also immer 3-4 Jahre reifer, als ich eigentlich war. Und das ist nicht meine subjektive Einschätzung, sondern wurde mir immer wieder von Fremden gesagt. Als ich noch kleiner war, musste ich leider oft ins Krankenhaus, fing mir des Öfteren Erkältungen oder Lungenentzündungen ein. Bei einer Erkrankung wie SMA ist jede Infektion der Atemwege lebensbedrohlich und damals war ich leider in keiner guten Verfassung. Mittlerweile bin ich in dieser Hinsicht ein wenig robuster geworden, wobei ich mich noch immer leicht anstecke. Damit muss ich leben.

CarolinArt SMA Interview

Aus diesem Grund (und weil ich es rein körperlich einfach nicht bewältigt hätte) bekam ich zwölf Jahre lang Hausunterricht erteilt. Die Schule habe ich immer geliebt, denn ich war wissbegierig, wollte unbedingt Neues lernen und schrieb stets gute, bis sehr gute Noten. Zwar konnte mich Mathematik nie begeistern, dafür waren die sprachlichen Fächer (Deutsch und Englisch) etwas, bei dem ich so gut wie immer glänzen konnte. Der Hausunterricht hatte natürlich Vor- und Nachteile. Beispielsweise war das Verhältnis zu meiner Lehrerin sehr gut. Dadurch, dass ich die einzige Schülerin war, konnte sie besonders gut auf mich eingehen, mir manche Dinge mehrfach erklären. Und manchmal sind wir auch ein wenig vom Thema abgekommen, redeten einfach über Gott und die Welt. (Meinem Bildungsstand schadete das übrigens keineswegs!) Der größte Nachteil hingegen waren, wie ihr euch sicherlich denken könnt, die fehlenden Mitschüler. Besonders als Jugendliche wünschte ich mir oft ganz normalen Unterricht in einer ganz normalen Klasse. Ich sehnte mich nach dem Gekicher und Getuschel, nach den Schwärmereien und Grüppchenbildungen, die den Schulalltag ausmachen. Zumindest stelle ich es mir bis heute so vor.

Trotz allem war die Schulzeit einer der schönsten Abschnitte meines Lebens. Auch wenn es viele Leute gab, die mir meinen Weg immer wieder erschweren wollten oder erschwert haben. Hausunterricht ist in Deutschland eigentlich als vorübergehende Lösung für spezielle Krankheitsfälle gedacht, doch bei mir ging es einfach nicht anders. Manche Leute wollten das nicht akzeptieren. Die einzige Alternative wäre ein Internat gewesen, was bedeutet hätte, dass ich meine Familie hätte verlassen müssen. Aber sollte nicht jedes Kind, egal ob gesund oder nicht, die Möglichkeit bekommen, zuhause aufzuwachsen? Meine Eltern haben sich damals quer gestellt – mit Erfolg.

Achja, falls es nun so rüberkommen mag; ich hatte als Kind durchaus auch Freunde. Zugegeben, nicht viele Freunde, dafür aber gute Freunde, zu denen ich noch heute regelmäßig Kontakt halte. Zwar sehen wir uns nicht sehr häufig, doch ich möchte diese Menschen niemals missen!

 Wie hast du die Zeit des Erwachsenwerdens erlebt?

Es fühlte sich an, als wäre ich nicht Teil dieser Welt.

Auch für mich war die Pubertät eine Achterbahnfahrt der Gefühle. Nach außen hin ließ ich mir davon jedoch kaum etwas anmerken. Bis auf einige Phasen, in denen ich auf jeden Satz mit Widerworten oder frechen Kommentaren antwortete, bekamen meine Eltern von emotionalem Chaos kaum etwas zu spüren. Insgeheim fühlte ich mich aber oft sehr einsam und ausgegrenzt. Besonders ein Sommer ist mir in Erinnerung geblieben. Damals war ich 14 oder 15 Jahre und während alle meine Freundinnen ihre Ferien mit den anderen Jugendlichen im Freibad verbrachten, saß ich nur zuhause und wartete darauf, dass sich jemand bei mir meldete. Sich daran erinnerte, dass ich auch noch existierte. Auf Partys war ich ebenfalls nicht anwesend, weswegen ich eigentlich nie richtig mitreden konnte. Es fühlte sich an, als wäre ich nicht Teil dieser Welt. Natürlich hatte ich trotzdem Kontakt zu Freunden und Gleichaltrigen, doch gelegentliche Besuche können die Erfahrungen, die man als Teenager normalerweise macht, nur schwer ersetzen.

Ich war kritisch, erkannte mehr Problemzonen, als Dinge, die ich an mir mochte.

Zu diesen sozialen Problematiken kam schließlich noch die körperliche Umstellung. Während ich dabei zusehen musste, wie meine Freundinnen vor meinen Augen allmählich von Mädchen zu Frauen wurden, Brüste und Taille bekamen, tat sich bei mir rein gar nichts. Menschen mit SMA sind aufgrund der fehlenden Belastung der Knochen etwas kleiner, als gesunde Personen. Außerdem fällt es mir schwer, Gewicht zuzulegen. Ich bin also extrem dünn und bekam, bis ich 17 war, deswegen nichteinmal meine Periode. Als Teenie hasste ich dieses kindliche Äußere und versuchte, mit Schminke von meinen schmächtigen Körper abzulenken. Ich war kritisch, erkannte mehr Problemzonen, als Dinge, die ich an mir mochte. Die dürren Arme und Beine, die fehlenden Rundungen, die große Nase und die Zahnlücke, welche mir im Netz ständig Häme einhandelte… all diese Eigenschaften machten es mir zeitweise sehr schwer, mich selbst zu akzeptieren.

Mittlerweile habe ich mich mit meinem Erscheinungsbild arrangiert. Natürlich wäre es schön, als 20-jährige auch einen etwas fraulicheren Körperbau zu besitzen, doch ich kann mich trotzdem attraktiv fühlen und habe meine Vorzüge zu schätzen gelernt.

Insgesamt war ich trotz diverser Höhen und Tiefen immer ein glücklicher Teenager. Zweifel sind in diesem Alter ganz normal und die Tatsache, dass ich damit ebenfalls zu kämpfen hatte, zeigt doch nur, dass sich Menschen mit Behinderung in dieser Hinsicht nicht vom Rest unterscheiden.

Ist es für Menschen mit SMA schwerer einen Partner zu finden?

Ein Date in einer Bar oder einem Café? Könnte eventuell peinlich werden, wenn deine Mutter am selben Tisch sitzt und dir die Nase putzen muss.

Ganz klar: Ja. Allerdings bin ich der Meinung, dass diese Aussage nicht speziell auf Leute mit SMA, sondern auf alle Behinderungen zutrifft. Leider wird das Thema Behinderung und Liebe bzw. Sexualität in unserer Gesellschaft noch immer tabuisiert. Ich kann niemandem verübeln, dass er in einer Beziehung zu einer beeinträchtigten Person zunächst eine große Hürde sieht. Das ist es auch, keine Frage. Allerdings liegt die Problematik oftmals auch darin, dass man zwar für seine Stärke und die Art, wie man mit der Krankheit umgeht, bewundert wird, in den Augen der „Gesunden“ jedoch trotzdem anders wahrgenommen wird. Man ist einfach nur eine Freundin, ein Kumpel – niemand, den man ernsthaft als Partner in Betracht ziehen könnte. Diese Option scheint bei vielen schon beim Wort „Behinderung“ von Vornherein wegzufallen. Zu abschreckend ist der Gedanke der Pflege.

Selbstverständlich gibt es Ausnahmen. Ich freue mich für alle Betroffenen, die bereits ihr Liebesglück gefunden haben! Generell ist es als beeinträchtigte Person, die ständig in Begleitung von Eltern, Angehörigen oder Pflegepersonal sein muss, aber deutlich schwerer, mit neuen Leuten in Kontakt zu kommen. Ein Date in einer Bar oder einem Café? Könnte eventuell peinlich werden, wenn deine Mutter am selben Tisch sitzt und dir die Nase putzen muss. Außerdem wird jemand im Rollstuhl natürlich kaum angeflirtet.

Aus diesem Grund hatte ich noch nie eine Beziehung. Das ist völlig okay so. Irgendwann wird sich schon noch jemand finden, der mich so mag, wie ich bin.

In der Zwischenzeit würde ich mir wünschen, dass unsere Gesellschaft offener wird und innere Werte eine größere Rolle spielen. 

Wie sieht dein Alltag aus? Welche Einschränkungen erlebst du?

Den Großteil des Tages verbringe ich zuhause an meinem Computer, blogge, höre Musik, schaue Serien oder lese. Dabei bediene ich den Laptop lediglich mit einem Daumen. Texte tippe ich ausschließlich mit Hilfe einer speziellen Bildschirmtastatur. Das ist zwar mühsam und dauert doppelt so lange, doch ich liebe das Schreiben dennoch.

Im Moment habe ich ziemlich viel Freizeit, da ich bisher keinen Arbeitgeber finden konnte, der bereit wäre, mich anzustellen. Das Problem hierbei ist, dass ich nicht Vollzeit und nur im Home Office tätig sein kann. Viele Firmen denken, das wäre eine Hürde und wollen kein Risiko eingehen, obwohl sie meine Grafikdesign-Arbeiten gut finden. Das ist natürlich besonders deprimierend. Allerdings möchte ich mich davon nicht entmutigen lassen, weswegen ich weiterhin fleißig Bewerbungen abschicke.

Ansonsten ist mein Alltag aber sehr unspektakulär. Ich muss 24h betreut werden, da ich alleine so gut wie gar nichts selbstständig machen kann. Als Kind hatte ich noch deutlich mehr Bewegungsfreiheit, konnte selbstständig schreiben oder meinen Kopf ohne Stütze halten. Diese Fähigkeiten verkümmern, je älter ich werde.

Ich vermeide es, wenn möglich, essen zu gehen. Mir ist es immer etwas peinlich, mich in der Öffentlichkeit füttern zu lassen, da man dabei gerne von den anderen Gästen angestarrt wird. Das kann unangenehm sein. Lieber lasse ich mir mein Essen im Restaurant für zuhause einpacken. Kinoabende, Partys, Ausflüge etc. sind für mich zudem eher die Ausnahme, als die Regel. Jede Reise ist mit enorm viel Aufwand und Planung verbunden, da ich einige medizinische Geräte besitze, die ich täglich benötige. Beispielsweise muss ich nachts mit einer Beatmungsmaske beatmet werden, damit die Sauerstoffversorgung auch im Tiefschlaf gewährleistet ist. Ohne diese Maske kommt es zu Aussetzern, die meinen Gesundheitszustand längerfristig schwächen.

Ich muss dazu sagen, dass das Leben mit SMA kein schlechtes ist. Man muss nur bereit sein, Kompromisse einzugehen und erfinderisch sein. 

Wie gehen die Menschen auf der Straße mit dir um?

Zum Glück musste ich, bis auf einige gaffende Blicke, in der Öffentlichkeit noch nie schlechte Erfahrungen machen. Meistens sind Fremde doch sehr zuvorkommend und freundlich. Allerdings scheuen sie sich auch ein wenig davor, mich anzusprechen. Ich glaube, viele Menschen sind sich nicht sicher, wie sie auf mich reagieren sollen. Deswegen freue ich mich immer, wenn jemand ganz ungezwungen ein Gespräch anfängt. Als ich in Italien war, hat mich eine Verkäuferin beispielsweise ganz unvermittelt auf meine schönen blonden Haare und blauen Augen angesprochen. Diese kleine Geste hat mir wirklich den Tag versüßt.

Wie hättest du gerne, dass die Menschen mit dir umgehen?

Ich möchte gerne als eine vollwertige, erwachsene und selbstständige Persönlichkeit wahrgenommen werden, die über ihr eigenes Wohl entscheiden kann. Potenzielle Arbeitgeber sollen mich ausschließlich nach meinen Fähigkeiten bewerten, nicht nach meiner Einschränkung. Es wäre schon hilfreich, wenn die Menschen mehr Vertrauen in uns, körperlich Behinderte, hätten. Wir können mehr Leistung erbringen, als die Allgemeinheit denkt.

Was hilft dir mit den Schwierigkeiten der Krankheit zurecht zu kommen?

Das Internet ermöglicht es mir, in eine Welt einzutauchen, in der es keine Grenzen gibt.

Mein Computer. Das Internet ist seit jeher mein Tor zur Welt und ohne moderne Technik sähe mein Leben sehr trist aus. Die sozialen Medien bringen viele Schattenseiten mit sich und über manche Entwicklungen unserer digitalen Gesellschaft kann ich nur den Kopf schütteln, doch trotzdem möchte ich sie keinesfalls missen! Dafür profitiere ich viel zu sehr von den Möglichkeiten, die mir Computer, Apps und Co. eröffnen. Manchmal frage ich mich daher, was ich gemacht hätte, wäre ich vor fünfzig oder sechzig Jahren geboren worden. So ganz ohne Computer und Smartphone. Alleine die Vorstellung ist deprimierend. Das Internet ermöglicht es mir, in eine Welt einzutauchen, in der es keine Grenzen gibt. Dank des Bloggens kann ich mich zudem mit Leuten austauschen, die die gleichen Interessen haben. Das ist das Schönste daran!

Allerdings habe ich Angst vor dem Tag, an dem ich nicht mehr genug Kraft haben werde, um meinen Laptop eigenhändig bedienen zu können. Hoffentlich gibt es bis dahin eine zuverlässige und bezahlbare Augensteuerung für den Mac.

Was hättest du gerne, dass andere Menschen über deine Krankheit wissen?

Ich weiß nicht. Darüber habe ich mir noch nie konkrete Gedanken gemacht. Ich glaube aber, es wäre wichtig, den Leuten zu vermitteln, dass jeder Mensch und jede Erkrankung anders ist. Es wird gerne versucht, Behinderungen in verschiedene Kategorien einzuteilen. Sehbehindert, geistig behindert, körperlich gehandicappt etc. Ich verstehe die Intention dahinter, aber eine zufriedenstellende Umsetzung ist praktisch unmöglich! Das ist, als würde man Äpfel mit Birnen vergleichen. Obwohl beide in der Mobilität eingeschränkt sind und sich manche Symptome, sowie Problematiken sicherlich überschneiden, liegen alleine zwischen einer Person mit Querschnittslähmung und einer Person mit SMA Welten. Sogar wenn die selbe Diagnose erstellt  wurde, kann sich diese von Fall zu Fall ganz anders äußern. Daher sollte immer versucht werden, auf das Individuum einzugehen und die Situation den Umständen entsprechend anzupassen.

Spinale Muskelatrophie betrifft etwa eines von 10.000 Neugeborenen und ist unheilbar. Da die Krankheit somit sehr selten ist, findet sie kaum Platz im Bewusstsein der Bevölkerung. Dementsprechend ist auch die Forschung noch weit davon entfernt, ernsthafte Erfolge verzeichnen zu können. Ich glaube, es wäre gut, wenn sich einfach mehr Menschen über die Existenz von SMA bewusst werden.

Was möchtest du anderen Menschen mit SMA mit auf den Weg geben?

Du bist nicht alleine. Ja, der Alltag ist oftmals kein Kinderspiel, doch irgendwie geht das Leben immer weiter. Mach dir nicht zu viele Gedanken um die Zukunft, sondern genieße jeden Moment.

Wie schwer war es für dich als Bloggerin öffentlich über deine Krankheit zu schreiben?

Sehr schwer. Lange Zeit war das Internet der einzige Ort, an dem ich mich nicht von anderen Menschen unterschied. In meinen Augen war die Behinderung nicht relevant für mein Dasein als Bloggerin bzw. hatte ich immer den Eindruck, dass eine solche Einschränkung nicht in die perfekte Bloggerwelt passt. Doch mit der Zeit habe ich sehr viele nette Leute kennengelernt. Oft erhielt ich auch persönliche Fragen, auf die ich jedoch nicht eingehen konnte, ohne Details über meine Behinderung preiszugeben. Es fühlte sich falsch an meinen Lesern diesen wichtigen Aspekt meines Lebens zu verschweigen. Ich habe wirklich lange darüber nachgedacht, ob ich etwas so Privates mit der ganzen Welt teilen möchte. Schließlich habe ich mich dafür entschieden und es seither kein einziges Mal bereut.

Inwiefern hat sich für dich und deine Arbeit als Bloggerin seitdem etwas verändert?

Zunächst muss ich erwähnen, dass die Reaktionen auf mein „Outing“ überwältigend ausfielen! Nie im Leben hätte ich mit so viel Zuspruch gerechnet. Die zahlreichen Kommentare bedeuten mir viel. Endlich kann ich ganz offen gegenüber meinen Lesern sein oder auch Themen ansprechen, die ich vorher gemieden hätte. Das Bloggen ist dadurch deutlich entspannter geworden. Davon abgesehen hat sich jedoch kaum etwas verändert. Meine Follower gehen genauso mit mir um, wie zuvor und das gibt mir ein gutes Gefühl.

Danke Carolin!
Hier geht’s zu Carolins Blog.

Polyamorie – Was es bedeutet mehrere Männer zu lieben

Kaum etwas war wichtiger. Irgendwann würde ich die Liebe meines Lebens finden. Ich weiß gar nicht woher diese übertrieben romantische Vorstellung von Liebe in meiner Jugend überhaupt kam. Die 3-Monats-„Beziehungen“ meiner KlassenkameradInnen fand ich ziemlich lächerlich und mir war klar: Wenn ein Freund, dann musste es schon der Richtige sein.
Eine Freundin war dann fast schon sauer auf mich, als ich irgendwann doch begann Jungs zu küssen, die mir eigentlich ziemlich egal waren. Im Sinne von: „Wenn selbst du nicht mehr romantisch bleibst, dann sind wir ja alle verloren.“ Aber man lernt auch schon als Jugendliche schnell, dass Traumprinzen nicht an jeder Ecke auf einen warten und man aber trotzdem keine Nonne sein möchte.

Man wird älter. Reifer. Macht Erfahrungen. Zieht daraus Schlüsse. Bei manchen scheitert eine Beziehung nach der anderen. Manche genießen es alleine zu sein. Genießen es einfach hin und wieder auf irgendwelche Liebeleien zurück zu greifen. Manche führen lebenslange Beziehungen und lügen sich dabei schlichtweg nur selbst an. Und manche. Wenige. Führen eine lebenslange Beziehung und sind glücklich.
Eines ist jedoch sicher. Ganz ohne irgendeine Form von Liebe kann und will niemand sein. Die Frage ist nur, wie man diese Liebe leben will. Und vor allem auch: kann. Dass es dabei nicht nur einen Weg gibt, zeigt Keas polyamore Lebensweise.

Sie hat sich Zeit genommen mir meine fast schon naiven Fragen zum Thema zu beantworten. Und auch wenn ich es mir wohl nicht vorstellen könnte, parallel mehrere Beziehungen zu führen, haben mich ihre Antworten doch sehr zum Nachdenken angeregt. Weil eben jeder Mensch anders ist und in unserer Gesellschaft trotzdem ein Beziehungs-Konzept über alle gestülpt und als „richtig“ gefeiert wird. Aber es ist nun einmal nicht immer alles schwarz/weiß. Erst recht nicht die Liebe.

Wie würdest du selbst Polyamorie definieren?

„…frei strömende Liebe zu mehreren ParterInnen“

Für mich bedeutet Polyamorie so viel wie frei strömende Liebe zu mehreren PartnerInnen – Im Gegensatz zu einer „offenen Beziehung“ geht es nicht nur um sexuelle Interaktionen, sondern darum, parallel in mehrere Menschen verliebt zu sein.

Ich muss aber dazu sagen, dass ich glaube, dass das Konzept der romantischen Liebe ein konstruiertes ist. Ich denke, die Art, wie man seine Freunde, seine Eltern und seine PartnerInnen liebt, ist grundsätzlich die Gleiche. Liebe ist Liebe – ein Zustand der Hingabe, des Geben-Wollens. Den Unterschied macht der Sex, der berauschende Cocktail an Hormonen, die ausgeschüttet werden, wenn wir jemandem körperlich nah sein wollen oder sind. Diese Schmetterlinge im Bauch hat der Mensch verknüpft mit dem Ideal der romantischen Liebe – dabei handelt es sich, glaube ich, einfach um ein Phänomen, bei dem wir auf jemanden treffen, den wir sehr stark begehren und den wir gleichzeitig als Menschen und Freund hoch schätzen. Trifft beides zusammen, nennen wir das verliebt-sein. Und es fühlt sich ja auch großartig an, die Schmetterlinge, die weichen Knie, das ganze Programm. Das haben wir natürlich nur dann, wenn zu der Liebe, der Wertschätzung und dem Gefühl, Werte und Ansichten zu teilen, das Begehren kommt. Denn das sexuelle Beisammensein löst ja auch Bindungshormone aus. Deshalb hofft bei den sogenannten „Friends with benefits“ auch nicht selten einer von beiden doch auf mehr – die Grenzen sind eben fließend.

Wann und warum kam für dich der Zeitpunkt an dem du bemerkt hast, dass es für dich die richtige Art und Weise zu leben/zu lieben ist?

„Da ahnte ich zum ersten Mal, dass die Vorstellung, eine solche Situation erfordere in jedem Fall eine Entscheidung, gar nicht wahr sein muss.“

Ich glaube, dass ich vom Wesen her immer schon ein Herz hatte, das groß genug für mehrere Menschen ist. Allerdings hatte ich bis Mitte zwanzig noch sehr klassisch bis konservative Vorstellungen von „Beziehung“. Monogam, möglichst lang und erfüllt, so sollte Paarbeziehung für mich sein.

Mit meinem ersten Freund versuchte ich mich in dieser Disziplin, vier Jahre lang. Nach zwei Jahren entwickelte ich Liebesgefühle für einen anderen Mann, was mich damals in tiefe Gewissensbisse und Verzweiflung stürzte. Wenn ich doch meinen Freund liebte, wieso löste dann dieser andere Mann in mir auch so intensive Gefühle aus? Ich dachte, mit meiner Beziehung müsse etwas nicht stimmen. Mit dem anderen Mann kam es nie zum Austausch von Zärtlichkeiten und ich merkte, dass ich immer noch in meiner Beziehung zuhause war – sie ging weiter, es nahm ihr nichts weg. Die Liebesgefühle existierten einfach parallel.

Da ahnte ich zum ersten Mal, dass die Vorstellung, eine solche Situation erfordere in jedem Fall eine Entscheidung, gar nicht wahr sein muss.

Meinem Ex-Freund gegenüber habe ich das nie zugegeben – ich war noch zu jung und ängstlich, schließlich hatten wir uns ja auf ein monogames Zusammenleben verständigt.

Erst viele Jahre später fand ich dann zu meiner eigenen Vorstellung von Liebe. Dabei mündete das gar nicht in einem so ausschweifenden Leben, wie die meiste Leute meinen, die von meinem Liebeskonzept Wind bekommen. Ich liebe seit fünf Jahren zwei Männer. Zwischendurch gab es noch kleinere Romanzen, aber auch die kann ich an einer Hand abzählen. Damit will ich nicht verurteilen, wenn andere das noch bunter leben – das muss einfach jede und jeder für sich entscheiden.

Kea Polyamorie Frau

Gibt es quasi einen „Hauptmann“ und mehrere andere Männer oder sind alle auf einer Stufe?

Das ändert sich, das ist nichts Statisches. Da ich bereits verheiratet war, als ich mich in meinen Freund verliebt habe, gab es da sicher eine Art Hierarchie. Auch, weil ich mit meinem Mann die meiste Zeit in einer gemeinsamen Wohnung gelebt habe und mein anderer Partner in einer anderen Stadt gewohnt hat. Trotzdem gab es unterschiedlich intensive Phasen. Ich zitiere dazu gern Bernd Nitzschke: „Es gibt keine festen, nur fließenden Beziehungen. Der Wunsch nach einer festen Beziehung ist ein Widerspruch in sich.“ Das gilt ja für monogame, wie offene, wie Poly-Beziehungen: Wenn zwei oder mehr Menschen aufeinander treffen und gemeinsam ihr Leben gestalten, verändert sich immer wieder die Dynamik.

Wie findet man Männer, die sich ebenfalls auf eine polyamore Beziehung einlassen wollen?

Bei mir hat es sich einfach aus dem Leben heraus ergeben – ich bin offen mit meinen Gedanken zur Liebe umgegangen und meine beiden Männer und das Beziehungsgeflecht ist dann daraus gewachsen.

Im Internet wurde mir die Singlebörse okcupid als Plattform empfohlen, auf der sich besonders viele Polys tummeln sollen. Darüber hinaus gibt es auch Stammtische oder Foren zum Thema, das Internet macht heute zum Glück vieles möglich.

Wie reagieren die Männer, wenn du ihnen von der Polyamorie erzählst?

Mir ist es schon oft passiert, dass mich Männer angeschrieben oder angesprochen haben, die mein Liebesmodell für eine Art Freifahrtsschein hielten, nach dem Motto „Das Buffet ist eröffnet.“ Aber nur weil ich Liebe oder Sex mit mehr als einem Partner teilen kann, heißt das nicht, dass ich ständig dieses Bedürfnis habe.

Natürlich gibt es auch Männer, denen ich begegnet bin, die mit meiner Vorstellung von Beziehung nicht klarkamen und die sich, auch aus Angst vor Verletzung, dann distanziert haben.

Wie reagieren andere Menschen, wenn du ihnen von der Polyamorie erzählst?

Freunde und Bekannte waren und sind immer sehr neugierig, fast alle kennen die Probleme klassischer Beziehungen und sind interessiert, wie eine Alternative aussehen könnte. Deshalb habe ich mich jetzt auch entschieden, offen darüber zu reden – ich will nicht missionieren, ich will nur denen, die auf der Suche sind, zeigen, dass es auch anders geht und dass das gesellschaftlich propagierte Modell nur eine von mehreren Perspektiven ist.

Inwiefern spielt Eifersucht eine Rolle?

Oh, eine Große! Das überrascht sicher die meisten. Es gibt natürlich Polys, die wirklich keinerlei Eifersucht kennen: Jennifer Rostock zum Beispiel, die in ihrem großartigen Interview mit Visa Vie auf Youtube so viel Tolles über dieses Liebesmodell sagt!

Ich beneide das ein bisschen, denn ich selbst bin sogar ziemlich eifersüchtig – deswegen kann ich im ersten Schritt den Gedankengang vieler Menschen auch verstehen. Sexuelle Exklusivität soll vor dem schmerzhaften Gefühl der Eifersucht schützen.

Ich habe dieses Gefühl irgendwann für mich hinterfragt und habe gemerkt, dass das viel mehr mit mir zu tun hat, als mit meinem Partner. Je mehr ich mich liebe, umso freier kann ich meinen Partnern ihre Erfahrungen gönnen. Je mehr ich an mir zweifle, umso mehr brauche ich die Bestätigung von außen. Außerdem werden wir die Sicherheit, die Bestätigung und die Liebe, die wir suchen, wenn wir sexuelle Treue verlangen, dort niemals finden. Einfach, weil es keine Sicherheit gibt. Das Leben funktioniert nicht so und die Liebe schon einmal gar nicht. Wo wir sie finden können, ist bei uns selbst.

„Ich sehe Eifersucht also eher als Einladung, mich in Selbstliebe zu üben, anstatt Regeln für meinen Partner aufzustellen.“

Meist reagiere ich am Anfang trotzdem sehr eifersüchtig auf neue Begegnungen. Das Ego meldet sich, die Verlustangst klopft an. Dann kümmere ich mich gut um mich selbst, bis das Gefühl abflaut – und das tut es immer. In der dritten Phase entwickele ich dann Neugier. Das mündet meistens in einem „Wie ist es denn so, erzähl doch mal!“-Gespräch. Die können unglaublich bereichernd und auch erotisch sein!

Solche Gespräche haben mir eine ganz neue Tiefe und Intimität mit meinen Männern ermöglicht. Ich empfinde es als großen Vertrauensbeweis, wenn mir der andere von seinen Erlebnissen erzählt – ich darf diese Seiten sehen, er zeigt sich mir mit seinen Wünschen und Träumen. Das schafft unglaublich viel Nähe – so viel mehr, als ich sie in meinem monogamen Beziehungsversuch erfahren habe.

Vielleicht unterschätzen wir manchmal, wie sehr Begehren und Trieb doch Teil des Menschseins sind. Wenn wir sie dauerhaft unterdrücken, unterdrücken wir einen großen Teil von uns. Jetzt habe ich das Gefühl, dass sich zwei Menschen begegnen, ohne Angst, dafür mit viel Freiheit – und paradoxer Weise erschafft genau diese Freiheit ein wahnsinnig tiefes Gefühl von Verbundenheit.

Welche Vorteile und welche Nachteile siehst du in der Polyamorie?

„Polyamorie lässt die Menschen freier sein und gibt ihnen gleichzeitig viel mehr Verantwortung.“

Das ist natürlich sehr subjektiv. Für MICH fühlt es sich sehr nah und warm und offen an, für andere wäre eine solche Beziehung die Hölle. Ich denke, das Wichtigste ist, dass Menschen glücklich sind in ihren Partnerschaften. Ob die nun poly, offen oder monogam sind.

Wobei ich mittlerweile das Konzept „Beziehung“ und all die Erwartungen, die damit verknüpft sind, auch immer mehr in Frage stelle – warum sind wir nicht einfach nur Liebende? Wir Menschen brauchen immer Etiketten, um zu begreifen. Wenn irgendwo „fester Freund“ draufsteht, dann hat etwas für uns eine andere Wertigkeit – warum?

Die heutige Paarbeziehung und Kleinfamilie kommt der menschlichen Psyche nicht unbedingt entgegen. Sollten für mein Leben noch Kinder vorgesehen sein, möchte ich sie in einer größeren Gemeinschaft aufwachsen sehen. Natürlich braucht es dafür kein Poly-Konzept, auch eine simple WG kann da Abhilfe schaffen. Aber für mich zeigt sich an dieser Stelle, dass dieses ständige Beisammensein, dem sich viele Paare aussetzen, fast schon ein Garant ist für Frust und Überdruss.

Darüber hinaus braucht Liebe zwar Intimität, Erotik aber entsteht durch Distanz, wie Esther Perel in ihrem fantastischen TED Talk über das Begehren in Langzeitbeziehungen erklärt. Und wie soll man diese beiden Komponenten in einem Leben realisieren, in dem das Paarsein so viel Raum einnimmt? Ich weiß noch, dass ich vor einigen Jahren von einem Künstler-Ehepaar las, die gemeinsame Kinder hatten, aber nie zusammen lebten. Papa ging nach dem Abendessen in seine Wohnung. Ich weiß noch, dass ich das damals unglaublich wagemutig, aber hinreißend fand. Ich kann also nur dafür plädieren, sich ein eigenes Liebesmodell zu suchen – unabhängig von den gesellschaftlichen Vorgaben. Was gibt es Persönlicheres, als die Liebe?

Polyamorie lässt die Menschen freier sein und gibt ihnen gleichzeitig viel mehr Verantwortung. Denn sie erfordert Mut: Mut, zur eigenen Lust und Liebe zu stehen, Mut, sich Konventionen zu widersetzen, Mut, intensive Beziehungsgespräche und Intimität zuzulassen, Mut, der eigenen Eifersucht zu begegnen und sich mit ihr auseinanderzusetzen. Der Weg ist nicht leicht – aber man wird reich belohnt!

 

 

Kea schätze ich übrigens nicht nur aufgrund ihrer Offenheit bezüglich ihrer Liebensweise sehr. Sie ist zudem eine äußerst intelligente und beeindruckende Frau, die auf ihrer Website kea-schreibt.de ganz besondere Texte schreibt und sich für feministische Themen stark macht.

Shades Tours Vienna – Das Gesicht der Obdachlosigkeit in Wien

Ganz gespannt suche ich den Treffpunkt am Heldenplatz. In der Hand einer großen, gut gekleideten Frau sehe ich dann das Schild. Shades Tours Vienna. Barbara ist unser Guide. Und Barbara ist der beste Beweis dafür, dass Obdachlosigkeit tatsächlich jede(n) treffen kann. Der beste Beweis dafür, dass obdachlos nicht einfach gleichzusetzen ist mit männlich, versifft, stinkend und alkoholabhängig und wir deshalb mit unseren Vorurteilen sehr vorsichtig sein sollten.

Shades Tours – Entdeckung der facettenreichen Schattenseiten, so heißt es auf der Website. Gegründet wurde Shades Tours von Perrine Schober, welche Tourismusmanagement studiert hat. Während ihres Erasmus Semesters beschäftigte sie sich mit „Tourismus als volkswirtschaftliches Instrument zur Armutsbekämpfung“ und genau in diese Thematik lässt sich das später gegründete Shades Tours als Social Business auch sehr gut einordnen.
Die Touren thematisieren die Obdachlosigkeit in Wien und stellen gleichzeitig ein Geschäftsmodell dar, welches Obdachlosen hilft wieder in der Arbeitswelt Fuß zu fassen und sich als nützliches Mitglied der Gesellschaft zu erleben. Shades Tours ist für sie eine sinnvolle Tätigkeit und gleichzeitig eine hilfreiche Einnahmequelle.

Aus Sicht der Tour-TeilnehmerInnen profitiert man bei Shades Tours von der Unmittelbarkeit. Denn über Obdachlosigkeit reden kann jeder schnell. Ganz anders ist es jedoch die Worte aus dem Mund eines Menschen zu hören, der nicht nur davon gehört/gelesen, sondern es tatsächlich auch erlebt hat.
Am Heldenplatz und bei vier weiteren Stopps erfuhren wir also aus erster Hand, wie das Leben eines Obdachlosen in Wien aussehen kann, welche Möglichkeiten es für sie gibt und wie facettenreich die Schicksale sind. Auch wurde immer wieder ausführlich auf Fragen eingegangen und die zwei Stunden vergingen wie im Flug. Für Einheimische, aber auch für TouristInnen ist es eine tolle Möglichkeit, Wien abseits der ausgetrampelten Pfade zu entdecken und sich gleichzeitig auch noch ein wenig zu bilden und interessante Menschen kennen zu lernen.

Nach der Führung hatte ich die Möglichkeit Barbara noch ein paar persönliche Fragen zu stellen. Besonders bewegt hat mich ihre Geschichte, weil wir uns immer so sicher sind, dass ein Studium uns jegliche Türen öffnet. Dass Obdachlosigkeit nur etwas für VersagerInnen ist, die ihr Leben nicht in den Griff bekommen. Es steckt jedoch viel mehr dahinter und so individuell wie Menschen mit Wohnungen sind, so individuell sind selbstverständlich auch jene, die kein Zuhause haben.

Barbara war selbstständig. Sie hatte ihre eigene kleine Galerie in Wien und ist zudem Akademikerin. Doch auch selbstständigen AkademikerInnen bleiben unerwartete Schicksalsschläge nicht erspart.

Ereignisse, die das Leben von heute auf morgen komplett verändern

Auf meine Brustkrebs-Diagnose und auf die Bekanntgabe des sehr umfangreichen Therapieplans folgte bald der notwendige Entschluss, mein Unternehmen aufzulösen. Gott Sei Dank ist mir dies ohne Schulden gelungen. Ich habe mich dann in Behandlung begeben und hatte zu dieser Zeit auch noch meine Wohnung. Ich habe von Monat zu Monat gelebt, habe gerade meine Miete bezahlen können, aber es ist nichts übrig geblieben. Gegen Ende der Behandlung hat der Inhaber meiner Wohnung beschlossen diese zu verkaufen. Ich hätte vor Gericht um eine Ersatzwohnung streiten müssen, hatte dazu aber weder die Ressourcen, noch die Kraft. Außerdem hatte ich kein Geld, um die Kaution und die Provision für eine neue Wohnung zu bezahlen. Und plötzlich stehst du da und hast keinen Platz mehr zum Schlafen.

Begonnen hat die Erfahrung nicht so gut, denn ich wurde Anfang Mai obdachlos. Das ist genau der Zeitraum, in dem das Winterpaket weg fällt. Das heißt, die Betten der Stadt Wien reduzieren sich von 1100 auf nur mehr 400. Die Betten waren zu dem Zeitpunkt komplett ausgelastet. Ich war komplett verzweifelt und habe dann zum Teil in Parks und zum Teil in Hostels übernachtet. Nach zwei Wochen gab es dann jedoch wieder Betten in den Schlafstellen. 

Der Alltag in der Obdachlosigkeit

Ganz wichtig für mich war, mir Strukturen zurecht zu legen. Ich habe wieder begonnen zu studieren und viel Zeit auf der Uni verbracht. Außerdem habe ich ehrenamtlich in Flüchtlingseinrichtungen gearbeitet. Zudem hatte ich einen Kulturpass, welchen Menschen mit geringem Einkommen erhalten können. Damit hatte ich in Wien Zugang zu jedem Museum, wo ich auch viel Zeit verbrachte. Ich wollte einfach so wenig Zeit wie möglich in den Tageszentren verbringen. Die Schicksale am Abend/in der Nacht mitzubekommen war mir genug. 
Ich habe also versucht mir in meinem Leben eine Struktur beizubehalten und dann habe ich im Radio von Shades Tours gehört und gleich zum Hörer gegriffen. Perrine Schober war sehr aufgeschlossen, wir haben uns getroffen und kurze Zeit später hat dann auch schon die Einschulung begonnen. Shades Tours hat mir geholfen Geld zusammen zu sparen. Inzwischen habe ich nach eineinhalb Jahren Obdachlosigkeit wieder eine Wohnung. Wir werden jedoch bei Shades Tours nicht einfach wieder rausgeschmissen, sobald wir wieder eine Wohnung haben. 

Bei der Tour habe ich auf jeden Fall auch gelernt, dass Obdachlose in Wien wirklich schon sehr gut unterstützt werden. Barbara erklärte uns, dass im Grunde niemand hungern muss. Es sei allerdings selbstverständlich eine Holschuld, weshalb man sich auch darüber informieren und sich ein wenig in der Stadt bewegen müsse. Auf die Frage, was in Wien noch verbessert werden könne, meinte Barbara:

Zu überlegen ist sicher, wie es mit der Betten-Anzahl im Sommer aussieht. Es sind doch wirklich um einiges weniger als im Winter. In jedem Fall sollte die Stadt Wien auch das Housing First Prinzip weiter führen bzw. ausbauen. Bei Housing First werden Gemeindewohnungen zur Verfügung gestellt, um sie vor der Wartezeit -normalerweise 2 Jahre- an geeignete Personen weiterzugeben. Dadurch verkürzt sich also die Wartezeit bis zur eigenen leistbaren Gemeindewohnung. 

Barbaras Zukunft

Es ist schwierig zu sagen, wie meine Zukunft aussehen wird. Momentan mache ich eine Ausbildung zur Fremdenführerin, welche noch 1,5 Jahre dauert und ich hoffe, dass ich dadurch wieder zu Einkünften komme. 

Was ist momentan deine größte Angst?
Dass ich nie mehr Arbeit finde. Ja, die Arbeitssituation ist wirklich meine größte Sorge. 

 

Termine und Tickets (15€) gibt es auf shades-tours.com
Für Unternehmen und Gruppen ist sicher auch die Option gemeinsam in einer Sozialeinrichtung zu kochen interessant.

 

 

Dominik & die Magersucht: Wenn Perfektion dein Leben bestimmt

Vor kurzem habe ich bereits über eine junge Frau berichtet, welche es aus einer Essstörung hinein in ein gesundes Leben voller Selbstliebe geschafft hat und nun ein Vorbild für viele Frauen ist. Stichwort Frauen. Denn tatsächlich verbinden wir mit Essstörungen primär weibliche Personen, weil alleine schon in der Betitelung derer als „schönes Geschlecht“, ein gewisser Druck liegt und die Photoshop-Körper in den Medien ihren Rest dazu beitragen. Doch nicht nur Frauen rutschen in diese gefährliche, in manchen Fällen sogar tödliche, Krankheit ab.
Deshalb freut es mich, dass Dominik auf mich zugekommen ist und gerne mit mir und euch seine Geschichte teilen wollte. Eine Geschichte, die Betroffenen Mut machen und bei Außenstehenden für mehr Bewusstsein sorgen soll.

Der Weg hinein in die Magersucht & die Realisation

Es war mehr oder weniger ein schleichender Prozess. Ein Teufelskreis, in den ich mich sukzessive hineinbegeben habe.
Im Sommer 2012 hat sich beruflich bei mir einiges geändert. Ich habe von einer Bank auf dem Lande in ein Finanzinstitut in die Großstadt gewechselt. Neue Kollegen, neue Kunden, neue Aufgaben und mehr Verantwortung. Noch dazu kam, dass die Uhren in einer Großstadt etwas anders/schneller ticken als auf dem Land. Bedingt durch meinen Perfektionismus ging es los: Ich konzentrierte mich nur noch auf die Arbeit, hatte das Bedürfnis immer gut und gepflegt auszusehen. Ich habe kaum noch etwas gegessen. Alles sehr selektiv und gesund im Sinne von ballaststoffreich, eiweißreich, wenig Fett. Parallel dazu war ich, typisch für diese Krankheit, vom Sport besessen. Ich hatte nur noch die Arbeit und den Sport im Kopf. Essen war für mich eher lästig. Zudem habe ich es mir durch meine damalige „krankhafte Disziplin“ selbst auferlegt, erst dann etwas zu essen, wenn alle Aufgaben des Tages mit Bravour erledigt wurden. Somit gab es in den seltensten Fällen die erste und somit auch einzige Mahlzeit vor 22:00 Uhr. In diesem Anfangsstadium der Magersucht lernte ich sehr schnell den Hunger zu unterdrücken und merkte leider nicht, was ich mir damit eigentlich antat und wo das alles noch hinführen würde.
Ein weiterer Punkt, der das Ganze förderte, war die Tatsache, dass ich immer mehr darauf angesprochen wurde.

„Die „Stimme der Magersucht“ ist leider so gepolt, dass es ihr gut geht, wenn es einem selbst schlecht geht“

Vereinfacht ausgedrückt: Kommentare à la ‚Hey, du hast ja ganz schön abgenommen, ist alles in Ordnung mit dir?‘, oder ‚Dom, ich mach mir langsam sorgen um dich, an dir ist ja gar nichts mehr dran.‘ sind Wasser auf die Mühlen der Essstörung. Ich fühlte mich bestätigt, dass mein Vorhaben mit diszipliniertem Sport und perfektionistischer Arbeit gut auszusehen, so langsam aber sicher Wirkung zeigte.

Ich glaube den einen Auslöser für die Essstörung gibt es nicht. Vielmehr ist es ein komplexes Zusammenspiel von Körper und Psyche, Sportbesessenheit, Perfektionismus, Zwängen, krankhafter Disziplin und selbst auferlegten rigiden Strukturen im persönlichen Alltag. Dennoch, ein (Teil-)Auslöser für mich war das Mobbing, welches ich in der frühen Schulzeit erlebte. Leider hatte ich schon immer ein kleines Problem mit einer falschen Fettverteilung meines Körpers, was sich in etwas ausgeprägteren Brüsten widerspiegelte. Das war natürlich für die Mitschüler im Schwimmunterricht ein gefundenes Fressen mich damit aufzuziehen. Es gab eine Zeit in der Schule, da ging es mir damit sehr schlecht, ich war traurig und ratlos. Meinen Eltern erzählte ich davon nichts. Als ich mir nicht mehr zu helfen wusste, klebte ich jeden Morgen vor der Schule meine linke und rechte Brust mit Klebeband ab und fixierte sie so, dass man es auch unter engeren Pullis/Hemden/T-Shirts nicht mehr sehen konnte. Hinzu kommt, dass ich in der Schule, während der Ausbildung und während meines anschließenden Studiums, immer in allem die Note 1 haben und immer und ohne Ausnahmen der Beste sein wollte. Sobald ich eine 2, oder tatsächlich mal eine 3 bekommen habe, war das der Weltuntergang für mich. Ich machte mir tagelang schlimmste Vorwürfe und steigerte das Lernpensum dann erst recht, obwohl bis dato bereits die 24 Stunden eines Tages für mich zu wenig waren.

Die Entwicklung

Dominik Essstörung Männer magersucht
Dominik während seiner Magersucht

Dann ging eigentlich alles recht schnell. Das passt zu mir und meinem Perfektionismus. Wenn ich etwas mache, muss es immer perfekt sein. Ganz oder gar nicht eben. Dies galt leider auch für meine Magersucht. Ich reduzierte mein Essen weiter. Aß eigentlich nur noch rohes Gemüse. Steigerte meinen täglichen Sport und fühlte mich durch mein diszipliniertes Verhalten bestätigt und mental allen anderen überlegen.
Ich fing an mich täglich zu wiegen mit dem Ziel, mein Gewicht jeden Tag zu reduzieren. Im April 2013 konnte ich meine Arbeit nicht mehr ausüben bzw. hat mich meine Mutter nach Gesprächen mit den Personalverantwortlichen aus der Bank heraus geholt. Zu Hause hatte ich leider nur noch mehr Zeit Sport zu treiben und meinen Alltag sehr streng zu strukturieren. Zeit, die ich auch damit verbrachte alle Lebensmittel und Inhaltsstoffe zu studieren und mich nur noch mit Kalorien und gesunder Ernährung zu befassen.
Im Mai 2013 hatte ich meinen ersten Klinikaufenthalt, den ich leider nach zwei Wochen schon wieder abgebrochen habe. Ich möchte das Konzept der Klinik nicht verurteilen oder behaupten, die Ärzte wären überfordert gewesen. Es lag einfach daran, dass mir zu diesem Zeitpunkt das Wichtigste fehlte -die persönliche Krankheitseinsicht. Somit wehrte ich mich gegen alles und jeden, der mir in der Klinik etwas sagen wollte. Ja selbst die Worte meiner Eltern hörten sich in meinen Ohren einfach nur falsch an. Nachdem ich wieder zu Hause war, trennte sich auch meine damalige Partnerin von mir und zog aus der gemeinsamen Wohnung aus. Dann wohnte ich alleine, Freunde hatten sich ebenfalls von mir distanziert. Und so machte ich „munter“ weiter.

„Gegen Ende wog ich nur noch 37 Kg im Alter von 24 Jahren bei einer Größe von 168cm.“

Ich bin zu Hause zusammengebrochen und kam mit einem Rettungswagen sofort ins Krankenhaus. Im Hintergrund haben meine Mutter und mein Stiefvater wirklich alles mögliche unternommen, um mir irgendwie zu helfen. Es muss wirklich grausam für meine Eltern gewesen sein zu sehen wie sich der eigene Sohn „absichtlich“ in den Tod hungert. Das Leid meiner Eltern auf der einen Seite und ihre Machtlosigkeit gegen meine Sturheit auf der anderen Seite, tun mir heute noch unglaublich weh. An dieser Stelle, das ist mir besonders wichtig, möchte ich euch beiden für eure Hilfe, eure Kraft, euer Durchhaltevermögen und eure Unterstützung danken! Leider kann ich meine Dankbarkeit gar nicht in Worte fassen.

Der Weg aus der Magersucht

Dann hatte ich die Möglichkeit noch einmal in eine Spezialklinik für Essstörungspatienten zu gehen. Es war definitiv meine letzte Chance! Natürlich weigerte ich mich zunächst mit allen Mitteln. Letztlich entschloss ich mich, auch dank der Überzeugungsarbeit meiner Eltern, noch einmal in die Klinik zu gehen.

Bedingt durch mein sehr starkes Untergewicht ging es erst einmal darum, dass ich an Gewicht zunehme, um überhaupt erst therapiefähig zu werden. Und ich glaube bis heute, genau hier war der alles entscheidende Wendepunkt zurück in mein neues/gesundes Leben. Klar, von rohen Zucchini zu Hause zurück zu normalen Mahlzeiten mit all den verbotenen Lebensmitteln wie Käse, Butter, Brötchen & Co. war die absolute Hölle für mich. Und als ich in der Anfangszeit des Klinikaufenthaltes morgens und abends jeweils 150% der Richtmenge essen musste, zusätzlich Zwischenmahlzeiten aufgebrummt bekommen habe und mich nur noch eine halbe Stunde am Tag außerhalb des Klinikgeländes aufhalten durfte, um durch Spaziergänge nicht noch zusätzlich Kalorien zu verbrennen, hatte ich nur eine Möglichkeit. Ich dachte mir:

„Ok Dominik, du kannst das jetzt alles wieder abbrechen und heimfahren. Dann wirst du weiter machen wie bisher und lange wirst du diesen Zustand definitiv nicht mehr überleben und deine Eltern werden das kommende und alle weiteren Weihnachtsfeste mit großer Wahrscheinlichkeit ohne dich feiern! Oder du reißt dich jetzt zusammen, befolgst die Anweisungen – auch wenn ich mich wirklich wie ein gemästetes Schwein fühlte – und wirst wieder gesund!“

Ich habe mich für Letzteres entschieden. Ich machte mir in der Klinik eine Liste mit all den schönen Dingen, die ich gerne als „neuer“ und gesunder junger Mann mit Normalgewicht unbedingt machen möchte. Ich malte mir aus, was mich wohl noch alles Wundervolles und Spannendes in meinem restlichen Leben erwarten würde, wenn ich wieder gesund bin. Eine Leidenschaft, die mir zum damaligen Zeitpunkt enorm Kraft gab, war der Wunsch – so banal es auch klingt – mit dem Produkt „Kaffee“ zu arbeiten: Kaffee selbst zu rösten, als Barista hinter der Siebträgermaschine zu stehen, oder vielleicht ein eigenes Café zu eröffnen. Und somit kaufte ich mir mein erstes (Kaffee-)Buch von Johanna Wechselberger in der örtlichen Bücherei in Rosenheim. Titel des Buches: „Das Kaffeebuch – für Anfänger, Profis und Freaks“.

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Dominik heute

Ich habe es geschafft! Nach gut 7 Monaten Klinikaufenthalt und einer Gewichtszunahme von tollen 30 Kilogramm sitze ich jetzt gerade am PC und schreibe diesen Beitrag über meine vergangene Magersucht. Und ja, die Liste wurde erfolgreich abgearbeitet. Getreu dem Motto: Vom Banker zum Barista, bereite ich heute mit großer Leidenschaft leckere Kaffeespezialitäten für meine Gäste zu. Jetzt stehe ich hinter der Siebträgermaschine, besuche die besten Röstereien Deutschlands, verkoste Kaffee in meiner heimischen Kaffeebar und übe gerade fleißig an meinen Latte-Art-Skills.

„Also nicht Augen zu und durch, sondern Augen auf und rein!“

Natürlich gibt es auch heute immer wieder schwierige Momente, in denen eine leise „Essstörungs-Stimme“ zu mir spricht. Es wäre gelogen zu behaupten, ich bin zu 100% geheilt. Auch gebe ich ehrlich zu, dass ich nicht gerade mit dem größten Grinsen im Gesicht in eine McDonalds-Filiale zum Burger essen gehe. Aber ich mache es, verdammt ich mache es! Wenn ich merke, dass mir mal wieder etwas schwer fällt, wie zum Beispiel Butter aufs Brot zu schmieren, oder Sahne in die Tomatensoße zu geben, oder einfach mal auswärts essen zu gehen -dann, ja genau dann mache ich es! Hier gibt mir die Aussage einer Psychotherapeutin und Ärztin immer wieder die nötige Kraft. Sie sagte: „Wenn ihr spürt, dass ihr zum Beispiel vor bestimmten Lebensmitteln wieder eine Angst entwickelt, dann esst ihr sie erst recht und das für mindestens eine Woche. Denn einmal ist keinmal! Also nicht Augen zu und durch, sondern Augen auf und rein!“

Die Vorurteile anderer

Leider gab es zur damaligen Zeit viele „Besserwisser“, die für diese Art der Erkrankung keinerlei Verständnis aufbringen konnten und es tatsächlich zum Teil auch nicht wollten. Ich kann es gar nicht mehr zählen, wie oft ich mir den nervenden Kommentar „Iss doch einfach mal was!“ anhören musste. Selbst meine Eltern, und das tut mir ziemlich weh, mussten sich aus dem Bekanntenkreis nicht selten so dermaßen unqualifizierte Kommentare anhören, dass einem schlecht wurde. Aussagen wie zum Beispiel: „Ja kocht ihr nichts zu Hause?“, oder „Du musst deinem Sohn einfach jeden Tag was kochen, dann geht das schon wieder“. Ein Extrembeispiel erlebte ich in einer Tankstelle, in der ich regelmäßig meine Zigaretten kaufte. Plötzlich wurde ich von einer Mitarbeiterin nicht mehr bedient. Nachdem ich ihre Kollegin fragte, was denn plötzlich los sei, bekam ich als Antwort, die Mitarbeiterin würde mich nicht mehr bedienen wollen, da sie sehr sauer auf mich sei. Wie könne ich mich nur absichtlich so zu Tode hungern, während andere Menschen in Afrika an Hungertod sterben, weil sie kein Essen haben. Das ist einfach nur Naivität und mangelndes Verständnis.

Was andere über die Krankheit wissen sollten

Ich würde mir von anderen Menschen mehr Sensibilität und Verständnis für das Thema Essstörung/Magersucht wünschen. Aber das ist unglaublich schwierig, denn die Magersucht ist eine unglaublich komplexe psychische Krankheit. Zum einen möchte ich die Außenstehenden in Schutz nehmen, da sie, egal was sie machen, sich gegenüber einem Betroffenen kaum richtig verhalten können. Das bedeutet: loben sie ihn, wie toll er doch abgenommen hat, bestätigt ihn das und er macht weiter. Weisen sie den Betroffenen mit Entsetzen darauf hin, dass er sehr abgemagert aussieht, ist das für die Magersucht ebenfalls eine Bestätigung und der Erkrankte macht auch in solch einem Fall weiter.
Deshalb würde ich mir einfach nur wünschen, dass die Magersucht (bzw. auch generell psychische Erkrankungen) akzeptiert werden und Anerkennung finden. Die Magersucht ist zwar im ersten Moment nicht sichtbar, aber definitiv gefährlicher als ein gebrochener Arm oder ein eingegipster Fuß.

Seine Botschaft an Männer/Frauen mit Essstörungen

„Du musst es wollen, du musst es mit aller Kraft wollen…“

Ich möchte diesen Beitrag primär dazu nutzen um zu zeigen, dass es auch einen Weg aus der Magersucht, einen Weg aus der Essstörung zurück in ein neues, normales und wunderbares Leben gibt. Ich will vor allem Mut machen! Habt keine Angst vor Rückschlägen, sie machen euch nur stärker!
Wenn ich zurückblicke, ist die persönliche Krankheitseinsicht der erste und wichtigste Schritt in ein gesundes Leben. Du musst es wollen, du musst es mit aller Kraft wollen, denn du hast es verdient gesund und munter am Leben teilnehmen zu dürfen!
Auch war ich damals unglaublich froh, dass mich meine Mutter und mein Stiefvater unterstützt und zu jeder Zeit an mich geglaubt haben. Deshalb: wenn ihr die Möglichkeit bekommt, Hilfe in Anspruch zu nehmen, sei es durch die Familie, durch Freunde, durch die Partnerin, den Partner oder natürlich durch Kliniken, Ärzte und Psychologen – nehmt sie an!

„Ich weiß, das ist nicht einfach, aber denkt immer daran: Sich einzugestehen krank zu sein ist keine Schwäche, es ist eure überlebenswichtige Stärke!“

 

Morena Diaz – Influencerin mit Speckröllchen, Schokolade und ganz viel Selbstliebe

 

„Ich bin mittlerweile felsenfest davon überzeugt, dass es Makel gar nicht gibt. (…) Cellulitis, Dehnungsstreifen, lose Haut, Bauchspeck – all diese Sachen werden als Makel angesehen. Aber das nur, weil die Gesellschaft uns das so eintrichtert, um Geld zu machen.“ – Morena

Morena Diaz betrieb wahnhaft Sport und kontrollierte strikt ihr Essen. Sie schlitterte in eine Essstörung, kämpfte sich den Weg zurück in ein gesundes Leben und ist nun durch Instagram und ihren Blog ein großes Vorbild für viele. Ein Vorbild, weil sie es geschafft hat ihren Körper so zu lieben wie er ist. Weil sie es nicht nur sagt, sondern die Fotos auf denen sie sich selbstbewusst präsentiert, auch der Beweis dafür sind. Sie steht zu sich und ihrem Körper. Genau so wie er ist und möchte auch andere Frauen dazu motivieren gegen den Magerwahn und für mehr Selbstliebe zu kämpfen.

Morena Diaz Bikini

Von der Essstörung zur bedingungslosen Selbstliebe

Morena: Der Auslöser war definitiv als ich gemerkt habe, dass ich mit meiner ungesunden Lebensweise nicht mehr weiter machen konnte. Die Essattacken, unter denen ich litt, kamen anfangs selten vor und wurden dann mit der Zeit mehr und mehr. Irgendwann war ich soweit, dass ich nicht nur eine Essattacke in der Woche hatte, sondern praktisch jeden Tag, manchmal sogar mehrere täglich. Bei jeder Essattacke litt ich wahnsinnig darunter und nahm mir jedes einzelne Mal vor, endlich damit aufhören zu wollen. Irgendwann konnte ich wirklich nicht mehr und entschied mich, irgendetwas ändern zu müssen. Zur gleichen Zeit wurde mir das Buch „intuitiv Abnehmen“ empfohlen. Als ich das gelesen habe, wurde mir vieles bewusst. Es hat mich darin bestärkt, der Essstörung den Kampf anzusagen und so lernte ich ganz langsam, wieder auf meinen Körper zu hören. Ich erlaubte mir nach und nach alle Lebensmittel, die ich mir verboten hatte und versuchte, auf mein Hunger- und Sättigungsgefühl zu hören. Klar ging es nicht gerade von heute auf morgen besser, aber mit der Zeit habe ich gelernt, dass ich mehr bin als mein Gewicht und mein Aussehen und dass die bedingungslose Selbstliebe das Rezept für ein glückliches Ich ist. Also habe ich weiter gekämpft und herausgefunden, was mich glücklich macht.

Paradoxe Bewunderung & unterirdische Kommentare

Ich bin zufällig über Instagram auf Morena gestoßen und war sofort begeistert von ihrem Selbstbewusstsein und ihrer Botschaft. Gleichzeitig zeigte mir jedoch der Umstand, dass Morena als besonders mutig gefeiert wird, wie gestört unsere Gesellschaft tatsächlich ist. Denn Morena ist nicht ansatzweise dick. Sie hat ganz normale Rundungen. Ganz normale Speckröllchen, wie sie nun einmal so gut wie jede(r) im Sitzen hat.
Eine Frau mit ganz normalem Körper wird also als mutig und bewundernswert gefeiert, wenn sie sich in der Öffentlichkeit so zeigt wie sie ist und dazu steht. Ich finde sie auch mutig und bewundernswert, denke mir jedoch gleichzeitig wie paradox das Ganze doch ist.

Noch paradoxer wird es jedoch, wenn man gewisse Aussagen bezüglich Morenas Körper liest. Denn auch immer mehr Medien werden auf sie aufmerksam. Manche LeserInnen-Kommentare unter den Beiträgen? Traurig.
Neben einem kindischen ‚Boa ist die dick mann.‘-Kommentar, gab es noch ganz andere „Highlights“: ‚Eigentlich ein hübsches Mädel. Es ist schade, dass sie ihren Körper so verwahrlosen lässt.‘ und ‚Die Dame sollte ihre Ernährung umstellen und mal Sport machen. Es sieht sehr ungesund und krank aus.‘ Ein weiterer sprach von 20kg Übergewicht, was mich mehr als nur schockierte.
20 Kilo Übergewicht. Ungesund und krank. Das Einzige was ungesund und krank ist, ist was unsere Gesellschaft aus vielen Menschen gemacht hat.

Morena: Ja, das (die negativen Kommentare) lese ich ab und an. Jedoch überwiegen die lieben Kommentare und das zählt für mich. Ich lasse mich mittlerweile nicht mehr von diesen beleidigenden Worten runterziehen weil ich selbstbewusst und stark genug bin, diese zu ignorieren. Ich möchte einzelne aber hin und wieder thematisieren um zu zeigen, dass es immer Gegner im Leben geben wird, man sich jedoch nicht von denen abbringen lassen soll.

Morena Diaz Lachen

Morena als Vorbild in der Online-Welt und im Klassenzimmer

Morena ist durch ihren Beruf als Lehrerin auch abseits des Internets in einer Vorbild-Funktion.

Morena: Ja, ich habe solche Themen auch schon einmal im Unterricht angesprochen, als Bedarf da war. Da ich aber relativ junge Kinder habe und merke, dass der Bedarf in meiner jetzigen Klasse nicht da ist, spreche ich es auch noch nicht an. Ich versuche aber ein positives Vorbild in dieser Hinsicht zu sein und esse auch mal Schokolade in der Pause oder gehe praktisch immer ungeschminkt zur Arbeit. Die Kinder werden vor allem in diesen Jahren geprägt, auch das Umfeld macht viel aus. Wenn ich auch indirekt positiv beeinflussen kann, mache ich das ganz bewusst und manchmal vielleicht auch unbewusst.

„Kill diets“

Besonders jetzt, da der Frühling zurück ist und der Sommer mit großen Schritten näher kommt, sind die Frauenzeitschriften wieder voll davon. Diäten und Abnehmtipps ohne Ende. Quasi die Einstiegsdroge für jede Essstörung. Der Auslöser für jeden kritischen ‚Bin ich okay so?‘-Blick in den Spiegel. Ja, da draußen verdienen tatsächlich viele gutes Geld mit unseren Selbstzweifeln. Mit diesen Makeln von denen wir gar nicht wüssten, dass sie welche sind, wenn es uns nicht irgendjemand eingeredet hätte.
Neben diesen ganze Diät-Plänen ist es daher eine schöne Abwechslung Morena auf Instagram mit einem Becher Eis in der Hand posen zu sehen oder zwischendurch einmal zu lesen: ‚Ich esse einfach intuitiv.‘ Weil intuitiv das Beste ist. Sich nicht komplett einschränken. Alles mit Maß. Auf den Körper hören wann er Hunger hat und was er gerade braucht. Ausgewogen. Die Balance finden, die Körper und Seele glücklich macht.

Morena: Ich esse eigentlich ganz normal. Normal ist relativ und kann für jeden was anderes bedeuten aber für mich bedeutet es, dass ich mir nichts verbiete und es jeden Tag anders aussieht. Ich fühle mich nicht mehr gezwungen jeden Tag Salat oder Gemüse zu essen. Wobei ich schon viel Wert darauf lege, über die gesamte Woche verteilt genug davon zu essen. Gesundheit ist mir wichtig aber übertreiben möchte ich es nicht, denn dann fängt der Zwang wieder an. Ich habe aber ein ziemlich hektisches Leben momentan und bin viel unterwegs, weshalb es manchmal auch einfach ein Sandwich sein muss. Ich esse immer mal wieder Schokolade. Eigentlich fast jeden Tag ein bisschen, aber so artet die Nascherei nicht mehr in Essattacken aus und das ist einfach die Balance für mich.
Mit dem Sport habe ich es ähnlich. Ich habe eingesehen, dass ich es für die Gesundheit mache und nicht um abzunehmen und da ist auch die Einstellung einfach so wichtig! Ich wechsle immer mal wieder ab, denn ohne diese Abwechslung wäre ich auf Dauer nicht motiviert. Ich gehe, wenn ich Zeit habe, 2-3x in der Woche ins Fitnessstudio. Kann aber auch sein, dass ich mal eine Woche überhaupt nicht dazu komme, weil mein Leben wie gesagt sehr hektisch ist. Mir macht das aber nichts mehr aus. Ansonsten gehe ich gerne Laufen und ab und an mal zum Squash. Aber mehr als 3x Sport insgesamt in der Woche liegt zeitlich definitiv nicht drin.

Morena Diaz Essen

Morena ist eines dieser Vorbilder, von denen ich mir mehr wünsche. Für mich, für alle anderen, für meine Tochter, wenn ich irgendwann einmal eine haben sollte.

Ich bin froh, dass ich Morena „gefunden“ habe. Ich bin froh, dass sie schon bald 50k Follower auf Instagram hat und jeden Tag Frauen inspiriert, motiviert, unterstützt und auffängt. Ich freue mich, dass sie mir hier ein paar Fragen beantwortet hat und wünsche ihr für die Zukunft weiterhin einen großartigen Erfolg mit dem was sie macht!

Morena: Der Grund, wieso die meisten von uns unzufrieden mit dem eigenen Körper sind ist, dass wir uns mit der Gesellschaft und / oder dem Schönheitsideal der Gesellschaft vergleichen. Wir haben ein Bild im Kopf und dieses Bild bringt uns dazu, uns minderwertig zu fühlen, was absolut doof ist. Das müsste nicht so sein. Wir sollten endlich alle begreifen, dass wir unterschiedlich sind und dass das okay ist und genau deshalb sollten wir uns nicht mehr vergleichen. Mit keinem Ideal und mit keiner Person. Aufhören damit! Selbstliebe ist meiner Meinung nach die Basis, um mit Glück und Erfolg und vor allem mit einem Seelenfrieden durch das Leben zu gehen.

 

Morenas Blog: m0reniita.com
Morenas Instagram: @m0reniita
Copyright aller Fotos liegt bei Morena Diaz.

Nicole (20) – Mein Leben mit Borderline, Schizophrenie und Asperger

In der Reihe „Diagnose: Mensch.“ erzählen Betroffene von psychischen Erkrankungen ihre Geschichte. Die Einleitung und den ersten Beitrag findest du hier

 

Nicole (20)
„Denn ich habe lange genug versucht, wie alle anderen zu sein. Ich möchte einfach ich sein. Egal wie seltsam ich auch bin.“

 

Die Erkrankung, die ich schon am längsten habe ist die Schizophrenie. Die wurde festgestellt, als ich 10 Jahre alt war. Damals habe ich das alles abgetan als normale Fantasie. Doch dann wurde es schlimmer. Ich begann Leichen zu sehen und wahrhaftige Monster, ich konnte nicht schlafen und hatte vor allem Angst. Und ich hörte Stimmen. Schizophrenie ist für mich, als wäre der Teufel in einem Selbst. Es fühlt sich an, als hätte sich mein Körper gegen mich verschworen. Aber manchmal ist es auch so, dass mich das „Monster“ in meinem Inneren versteht. Oft rede ich tagelang nur mit ihm. Schizophrenie ist für mich nicht immer schlecht.

Die Borderlinestörung habe ich zum ersten Mal wirklich bewusst wahrgenommen, als ich mir bereits meine Arme und Beine aufgeschnitten habe und mich bewusst umbringen wollte. Damals war ich 14 und bin gerade sexuell belästigt wurden. Ich kam in die Klink. Da wurde ich mehreren Tests unterzogen, die schließlich alle Borderline ergaben. Meine Borderline Störung ist für mich eine seltsame Angelegenheit. Mein Körper ist manchmal mein ärgster Feind und dann wieder mein bester Freund. Manchmal ist es wie ein Kurzschluss im Kopf, der einen verrückt macht.

Die Asperger-Autismus Diagnose habe ich erst seit kurzem. Sie wurde während meiner ambulanten Therapie diagnostiziert. Ich habe es an meinem sehr schlechten Sozialverhalten gemerkt. Ich habe kaum bis gar kein Verständnis für Dinge, die in meinem Alter ganz normal sind. Für mich ist Asperger ein Zeichen von wahrer Besonderheit. Es ist zwar anstrengend, aber dennoch lohnenswert. Denn Asperger hat mich oft beschützt, mich Menschen einfach so an den Hals zu werfen.

Mein Alltag gestaltet sich oft schwierig, da ich manchmal nicht weiß, in welcher Stimmung ich heute sein werde. Wenn ich in guter Stimmung bin, kann das auch schnell mal umschlagen und ich bin sofort aggressiv und verletzend. Aber wenn ich dann meinen Verlobten um mich habe, weiß ich, dass er mir helfen kann. Er bietet in diesen unsicheren Zeiten einen unvergleichlichen Schutz, auf den ich niemals mehr verzichten möchte. Manchmal ist es so, dass ich voller Tatendrang bin und am liebsten alles sofort erledigen möchte. Aber dann gibt es wiederum Tage, an denen ich noch nicht einmal aufstehen kann.Wenn es mir halbwegs gut geht, kann ich sogar für ein paar Minuten außerhalb der Arbeit mit Menschen umgehen. Aber meistens habe ich Angst vor ihnen.
Beziehungen sind auf vielen Ebenen schwer. Zu meinen Eltern habe ich ein gutes Verhältnis, auch wenn ich manchmal sehr bösartig auf scheinbar harmlose Dinge reagiere. Ich bin seit kurzem erst geschieden, nachdem ich 2 Jahre lang von meinem Ex nur geschlagen und misshandelt wurde. Einen Job habe ich auf den normalen Wegen nicht gefunden, aber eine sehr liebe Betreuerin des Arbeitsamtes hat mich schließlich in eine Ausbildung für Menschen mit psychischen Erkrankungen eingliedern können. Dort lerne ich den Beruf der Mediengestalterin und habe dabei verlässliches Betreuungspersonal an meiner Seite. Auch später werde ich diese Betreuung haben, denn ich gelte als behindert und kann nicht wie andere Menschen arbeiten.

Durch meine Asperger Störung habe ich eine Inselbegabung. Das heißt, dass ich auf einem Gebiet besonders begabt bin. Das ist bei mir die Sprache. Ich habe einen sehr hohen IQ und das merkt man auch. Leider, muss ich dazu sagen. Denn durch mein Verhalten und meine Wortwahl gelte ich als arrogant und bin selbst auf der Arbeit unbeliebt. Aber das macht mir nichts aus. Denn ich habe lange genug versucht, wie alle anderen zu sein. Ich möchte einfach ich sein. Egal wie seltsam ich auch bin.
Gefühle sind oft Mangelware bei mir. Aber wenn sie mal auftreten, dann heftig und mit allen Facetten. Oft führt das auch dazu, dass ich mich vor lauter Stress selbst verletzen muss. Für solche Situationen habe ich immer ein Buch bei mir. Ebenso mein Smartphone, um mir alles genau aufzuschreiben, damit ich es später mit meiner Therapeutin durchsprechen kann.

Seit 7 Jahren bin ich in Therapie – heute bin ich 20. Es hilft mir sehr, wenn ich Ratschläge bekomme, wie ich mit  mir selbst und den Menschen da draußen umgehen kann. Ich habe mich früher oft selbst verletzt. Wollte sterben, um endlich die Menschen von der Qual meines Daseins zu befreien. Wenn ich frische Narben habe, dann ziehen die Eltern ihre Kinder immer weg und schauen mich böse an. Das ist sehr verletzend.
Mit Mobbing wurde ich in der Schule auch oft konfrontiert. Das waren scheußliche Sachen, die tief in der Seele weh tun.
Heute verletze ich mich ab und zu immer noch selbst, aber es ist sehr viel besser geworden. Ich habe meinen Verlobten, der mich versteht und mich nimmt wie ich bin. Und ich habe eine Familie, die immer hinter mir steht.

Wenn ihr auch betroffen seid, ist mein Rat für euch: Niemals aufgeben. Niemals Nachgeben. Kämpft um euer Leben.

 

Nicole schreibt auf dem Blog: nicolelostinbooks

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