Posts in meine Worte

Stundenglas

„Einmal 55 Minuten, bitte!“, sagt Fynn.
„Gute Wahl! Sehr gerne!“, erwidert der Mann hinter der Theke. „Darf’s auch ein bisschen mehr sein?“
„Ja, natürlich! Geben Sie mir ruhig mehr!“
„Schön, danke! Bitte sehr, eine Stunde! Geht es so, oder brauchen Sie ein Glas?“
„Gerne ein Glas!“
Der Mann reicht Fynn ein Einmachglas mit einer Stunde.

Fynn hat das Auto verkauft und den Campingstuhl tiefer gelegt. Einmal war er so tief, dass er bis zur Hälfte im Sand untergegangen ist. Die Beine hatten es dann nicht mehr so weit. Strand zwischen den Zehen zerreiben ist noch besser als baumeln.
Man darf nicht denken, Fynn wäre faul. Fynn wandert auf Berge, er tritt in Pedale. Wenn er Lust hat, rennt er sogar viele Kilometer. Mit Pausen dazwischen.

Fynn hat heute zehn Mal tiefer geatmet als andere und 40.000 Gedanken weniger gedacht. Diese waren umso lieber. Fynn baut Sandschlösser und die mit Luft.
Fynn wäre 35, wenn er sich über Geburtstage ärgern würde. Aber Geburtstage sagen ihm nur, dass er schon länger atmet als im Jahr zuvor. Und ein langer Atem ist gut.

Fynn spaziert an wuselnden Menschen vorbei, die auf ein „Hallo!“ von Fremden mit „Nein, danke!“ antworten. Er verlässt die Einkaufsstraße und sucht sich im Park eine Bank. Da packt er das Einmachglas aus und öffnet es. Eine Stunde hat er jetzt. Eine Stunde sitzt er und schaut und atmet.
Eine Frau setzt sich neben ihn. Mit einem Glas, das die kleine Schwester von Fynns sein könnte. Darin haben höchstens zehn Minuten Platz. Sie öffnet es. Atmet durch die Nase ein und durch den Mund aus.
Sie blickt auf sein Einmachglas und dann in sein Gesicht.
„Darf ich Ihnen bitte kurz mein Handy geben?“, fragt sie und er hätte nicht Ja gesagt, wenn ihre Augen nicht gefleht hätten.
Fynn hat kein Handy mehr. Fynn hat Festnetz. Ein altes Modell!
Die Frau schaut auf sein Handgelenk, wo keine Uhr sitzt. Ja nicht einmal ein Bräunungsstreifen.
Fynn kennt die verstohlenen Blicke auf sein Handgelenk und er würde lügen, wenn er sagte, dass er nie absichtlich kurze Hemden trug.
Die Frau weint und Fynn ist beschämt. In dem Park auf diesen Bänken weinen öfters Menschen. Aber Fynn hat noch nie mit einem von ihnen geredet. Meistens weinen die Menschen, wenn sie sich zum ersten Mal seit längerem wieder Zeit leisten können. Auch wenn es nur fünf Minuten sind.
Die Weinenden mit wenig Zeit sitzen auf Bänken. Die mit keiner Zeit sind nie auf Bänken, immer auf Beinen.
Fynn sitzt oft auf Bänken. Aber nie weinend. Er hat Zeit. Fynn liegt in Liegen an Seen und in Hängematten in Gärten. Mit Sonnenhut und Strohhalm im Mund, der wirklich aus Stroh ist. „Geht es Ihnen gut?“
„Das würde ich nicht sagen.“
„Was würden Sie denn sagen?“
Die Frau erzählt ihm, dass sie Termine hat. Fast jeden Tag. Nur manchmal am Sonntag nicht. 25 Termine hat sie diese Woche.
Und Fynn sagt: „Puh!“
Sie sagt, dass sie Chefin ist. 35 Angestellte.
Und Fynn sagt: „Puh!“.
Sie sagt, dass sie den Jahresurlaub verplant hat. Reisen. Nah und fern. Eine Freundin heiratet in einer großen Finca.
„Puh!“
Sie sagt die Pferdestärken des Mercedes hätten sich im Zweijahrestakt erhöht und Fynn sagt: „Puh!“
Sie sagt: „Ich weiß!“
Sie sagt fünf Stunden Schlaf und tippt auf ihre Rolex.
Fynn sagt nichts.
„Ich kann ihn nicht entwirren. Den Knäuel in meinem Kopf. Das Pochen in der Brust und den Krampf im Bauch.“
„Armut macht krank“, sagt Fynn und die Frau nickt.
Er schenkt ihr fünf Minuten. Schließlich hat er dann immer noch 55 und die wollte er ursprünglich ja.
Sie lächelt, bedankt sich. Gibt die fünf Minuten in die Handtasche und sagt, sie hebt sie sich für später auf.
Nach zehn Minuten ist ihr Einmachglas leer und sie steht auf. Sagt noch einmal danke und geht.
„Ihr Handy …“, ruft Fynn, als die Frau schon fast außer Sichtweite ist. Aber dann legt er es neben sich auf die Bank. Er denkt sich, wenigstens die Freude könnte er ihr lassen. Er würde es später natürlich wegschmeißen, damit sie es auf keinen Fall finden muss, wenn sie umkehrt und es sucht.

Fynn spürt, dass die 55 Minuten um sind und steht auf. Wenn er Sekundenzeiger hören könnte, würden sie ihm den Takt angeben. Aber er geht in seinem Rhythmus. Ein Schritt pro Herzschlag.
Fynn spaziert zum Restaurant, in dem man auf den ersten Kaffee 17 Minuten wartet. Es ist direkt an der Promenade. Hier flanieren mehr Menschen ohne Uhren und Autos als an jedem anderen Ort der Stadt.
17 Minuten schaut er den Wellen zu und lacht jedes Mal, wenn er das Geräusch von überschwappendem Wasser hört.
„Den Fisch bitte!“, sagt er zur Kellnerin.
„Sehr gerne! Aber nur damit Sie es wissen, der ist recht schnell fertig. Ich hoffe das ist in Ordnung für Sie.“
„Wann stört mich nie!“, schmunzelt Fynn.
Fynn trinkt Kaffee, bestellt sich eine hausgemachte Limonade, die 19 Minuten auf sich warten lässt. Der Fisch kommt irgendwann und das ist genau richtig. Fynn isst.

Fynn weiß nie, was er als Nächstes tut. Er schreibt sich nur mehr Worte in den Kalender, die ihm Freude machen. Zum Beispiel Listen über Dinge, die er nicht machen muss. Aber schon auch könnte, wenn er wollte. Oder Listen mit Namen, die lustig klingen wie John Glör und Listen mit Farbneuschöpfungen. Zum Beispiel Vergissdasdochblau, Lachrosa oder Schneegelb.

Fynns Momente passieren ohne Publikum. Er teilt nur mit Menschen, die da sind. Erst vergangenes Jahr – als er noch ein Handy hatte – ist ihm die letzte Person entfolgt, und hat somit die dritte Null auf seinen Instagram-Account geschrieben. Das hat er gefeiert, indem er einem Freund einen langen Brief geschrieben hat. Manchmal hat er sich verschrieben. Aber er hat die Fehler drinnen gelassen, weil er so großzügig ist.

Fynn ist stolz auf sich, weil er es heute geschafft hat nichts zu schaffen. Ihm ist nur aufgefallen, dass er seinen linken großen Zehen schöner findet als den rechten. Darüber hat er viel nachgedacht. Aber das kann passieren und darf auch sein.

Fynn schläft auf der Couch ein. In der Nacht wechselt er ins Bett und schaut noch ein bisschen zur Decke. Er denkt an die Frau im Park und schämt sich fast, weil er so reich ist. Er hofft, dass sie an dem Tag zumindest einmal noch ausgeatmet hat.
Er hofft, dass er sie wiedersieht.
Vielleicht, denkt er sich, sollte er ihr Leben kaufen und es ihr schenken.

Text veröffentlicht in „DUM – Das ultimative Magazin“ #95 „Statussymbole“

Sie sagen sie wird

Sie sagen

Bitte leiser träumen
bitte nur tröpfchenweise in die Form gießen
bitte verbarrikadieren
bitte qualvoll in Plastiktüten ersticken
bitte zuschütten mit Imperativen
bitte ausräuchern und stinken lassen
bitte aushungern, verdursten und ertrinken lassen
bitte versiegen lassen, Quellwasser vergiften
bitte leiser träumen
kleiner
bitte zurückdrängen
bitte in der Reihe tanzen und stromschwimmen lernen
bitte weiß sein, bitte Mann sein
bitte schwarze Schafe scheren, bitte zum Teufel scheren
bitte Stein, Papier ohne Schere spielen
bitte verbrennen, ausbrennen, einbrennen
bitte leiser träumen
kleiner träumen
nur nach Seesternen greifen
bitte zurückhalten, bitte Vorrang geben
Stopp!
bitte einordnen, Reißverschluss
bitte drinnen bleiben
nicht anfragen, nachfragen, hinterfragen
bitte hinnehmen
bitte leise träumen
Leise jetzt!

Sie wird

Wahrscheinlich nicht über Linien malen
wahrscheinlich normschön
wahrscheinlich Fehlersuchbild, Lebensziel: ausmerzen
wahrscheinlich vor dem inneren Auge in Auge
Zahn um Zahn Kampf gegen den Ur-Sinn
wahrscheinlich nicht an die Ecken
wahrscheinlich in Formatvorlagen schreiben
mit blauen Augen lauten Mündern horchen
wahrscheinlich ein Rädchen bleiben
den Kopf stecken in den
Sand
knirscht zwischen den Zeitzähnen
wahrscheinlich Herz auf lautlos

Vielleicht

Vielleicht flüstern?
Vielleicht verbalisieren, artikulieren
vielleicht ausbrechen, die Bitten erbrechen
vielleicht Hand heben und vortreten
vielleicht Reihen austanzen
vielleicht fallend aus Rahmen Bögen machen
im Auge landen
vielleicht um Wege wandern,
vielleicht auf den Zeiger gehen
vielleicht den Kopf dick machen
den eigenen Sinn erfassend leben
vielleicht wieder sich setzen
auf müpfige Borsten
vielleicht Luft holen und ausspucken
Träume kreischen

Wenn sie es versucht

Wenn sie es versucht
versucht es sie wenn
dann nur drei Meter
auf Zehenspitzen zu tragen
Könnte zu weit gehen
könnte man sehen
könnte man Finger zeigen
könnte man sagen
bitte
Wenn sie es versucht
versucht es sie wenn
dann nur drei Meter
leise
Könnte man hören

Ankommen

Ziellinien sind schwarz-weiß
dahinter trägt keiner Uniform
dahinter hat keine sich totgeschwiegen
hat niemand sich aus dem Staub
Luftschlösser gemacht
dahinter hat keine Seele sich bitten lassen
weißen Schafen zu folgen
und Bälle flach zu spielen
die nur hoch ins Glück geworfen
werden können
Bitte laut träumen
größer
wahrscheinlich Fehler machen
wahrscheinlich über Ränder stolpern
Vielleicht in Strömungen ringend
es immer versucht haben

Nicht drinnen

Der Anfang war Wuhan und ORF. 35 Bagger bauen Krankenhäuser. Wir schüttelten unsere Köpfe.
Der Anfang war Shanghai und Ö3 im Wartezimmer der Ärztin. Die Frau sagte Ausgangssperre. Nur Supermarkt. 

Dann war bei uns nur Grippe, aber bitte Hände waschen. Dann war lieber nicht in den Öffis Stangen angreifen und Knöpfe drücken. Manche gaben dir nicht mehr die Hand. Manche sind halt übervorsichtig, hat man da noch gesagt. 
Öfters Hände waschen. Am besten desinfizieren. Dann erste Hamsterkäufe: Desinfektionsmittel. Beim DM leere Regale. Kopfschütteln, aber ich habe Seife gekauft. Die mildeste, weil angeordnete 20 Sekunden mit viel Seife ständig und immer. Neurodermitis-Hände mögen Wasser immer ständig nicht, erst recht nicht mit Seife und 20 Sekunden. 

Am Anfang war es aufregend. Es war wie Ibiza, nur ganz anders. Pressekonferenzen schauen, als wären sie die EM oder eine Reality TV Show, die real ist. 
Dann Desinfektionsgeruch im Bus. Dann auch Handy desinfizieren. Dann Gerüchte. Wien wird Shanghai. Gerücht 1: Ausgangssperre. Gerücht 2: Vorrat von 14 Tagen. Gerücht 3: Bargeld abheben. Dann Panik. Habe die Panik nicht verstanden. Und wozu Bargeld? Dann Fotos auf Instagram von leeren Regalen und vollen Einkaufswagen. Dann gab es irrationale Menschenschlangen, manchmal Haufen. Manchmal wie der Start eines Einkaufswagen-Rennens. Schüttelnde Köpfe. Dann war Klopapier Gold. Nein, zuerst war Klopapier Mangelware, dann fragten sich alle: „Warum Klopapier?“, und kauften Klopapier. Dann war Klopapier weg und cool. Bis alle Klopapier-Witze gelacht worden waren. Jetzt ist Klopapier sowas von März. Und Nudeln. Nudeln gab es halt nur noch Dinkel und Marken, die noch teurer sind als Barilla. Warum kosten manche Nudeln so viel und wer kauft die eigentlich? Dann war Bananenbrot cool und jetzt gerade Hefe. Wir hatten immer genug Nudeln und Klopapier und Hefe, aber nie einen Hamster. Wie cool sind wir eigentlich? Hamster-Wortspiele sind auch nicht mehr cool.
Hefe ist so April. Ich backe Osterzopf mit Hefe, auf der Germ steht. Frage mich, was als Nächstes cool wird. Wenn alle Teige gebacken sind. Zoom. Ich habe bis vor kurzem noch nie von Zoom gehört und jetzt zoomt alles, aber vor allem alle. Alle machen Fotos davon und ich denke mir: „Ah okay, ich habe das Sterben von Skype verpasst.“ 

Menschen sagen Qwarantäne und Qwarantenne und Karantäne und schreiben es mit einer Zahl wie z.B. 13904 dahinter, um zu zeigen wie lange schon. Tage zählen. Quarantäne kommt von vierzig Tage. Man beachte, dass sie in die Fastenzeit fällt und 20+20 vierzig ist.

Ich mache jeden Tag ein Home-Workout. Im selben Raum ist mein Home-Office. Im selben Raum esse ich Home-baked Kuchen. Wir haben echt eine kleine Wohnung. Merke ich, während Draußen keine Option ist. Draußen ist da, wo die Nachbarin im Fenster sitzt, obwohl das gleichzeitig ihr Drinnen ist. Ihr Übergang vom Drinnen zum Draußen. 
Draußen riecht die Luft nach ewigem Sonntag. Ich gehe durch eine Straße und alle klatschen. Ich tue so, als würde ich nicht wissen, dass es 18 Uhr ist und fühle mich, als hätte ich gerade etwas Tolles gemacht und würde nicht nur mit pickelverdeckender Mundschutzmaske zum Interspar spazieren.
Beim Home-Workout lacht immer derselbe Trainer aus YouTube. Mein Freund grüßt ihn schon. Mein Freund sagt: „Baby, ich habe die Nachbarin nackt gesehen“. Aber das passiert, wenn alle immer drinnen sind. In ihren Fenstern. Und so viele Fenster sich gegenseitig anstarren. In wie vielen Fenstern wurde ich schon von Menschen nackt gesehen, die andere Baby nennen?  

Meine Gefühle fahren Wilde Maus, aber so neu ist das gar nicht, nur jetzt intensiver. Manchmal weiß ich nicht, wie ich mich fühlen soll und probiere, was kommt. Heute könnte ich wütend sein, gestern hatte ich Angst und vorgestern habe ich mich gefreut, dass ich nirgends hingehen muss und alles lustig ist. 

Es ist nicht mehr Anfang. Nicht mehr Wuhan oder Shanghai. Nicht mehr weit entfernt oder Grippe mit gewaschenen Händen. Es ist nicht mehr aufregend und Pressekonferenzen sind mühsam zwischen so vielen Österreichern und Österreicherinnen, zwischen so viel Danke an und Danke für und Gott sei Dank auch Danke an alle, die hier leben. Und dann immer diese Kriegserklärungen. Das Internet ist auch nicht mehr originell und die schlauen Menschen auf Twitter sind für die mentale Gesundheit fast noch schädlicher als hassende Kartoffeln auf Facebook. Alle wissen mehr besser. Zum Beispiel wie lange es noch dauert. Zum Beispiel wie richtig die Maßnahmen sind. Zum Beispiel was danach passiert. Zum Beispiel, ob man gerade positiv sein darf, oder nicht. Ich schwinge hin und her. Zwischen dankbar sein, dass es mir besser geht als vielen anderen, und mich selbst bemitleiden, dass ich keinen Balkon habe. Dass vor meiner Haustüre der Lidl ist und eine Straße. Dass mein Draußen nicht grün ist. Und schön. Und Bergluft mit Plätschern.  

Gute Sachen passieren viele. Das Klatschen. Aber manche finden das blöd, denn wer kann sich vom Klatschen ernähren? Das Singen. Aber manche sind wienerisch und schreien: „Gusch!“, und generell ist das Singen eh schon wieder vorbei. Das Helfen. Viele Gläser sind halbvoll, viele halbleer. Das Schlimmste ist der Wettkampf im Selbstisolieren, im Gehorchen, im Brav sein. Als wären wir alle Kinder der Regierung. Kinder, die beim Papa Rudi und Papa Basti petzen, wenn andere zwei Mal am Tag spazieren gehen und fünf Atemzüge mehr frische Luft inhalieren. Die zusehen, wie mit dem Lineal die Social Distance gemessen wird, als würde man ein Snickers zwischen Geschwistern teilen. 
Mit großem Garten und Pool und Wiese und allem, kann man mit den dicksten Fingern zeigen. Finger zeigen aus Fenstern auf Straßen. Finger zeigen in Bildschirme. Je verzweifelter die Zeiten, desto mehr Finger. Ist andere schlecht zu machen, um sich besser zu fühlen, wirklich das Menschlichste an Menschen? 

Am Anfang war es aufregend. Es war wie Ibiza, nur ganz anders. Aber jetzt ist es mittendrin und so viele Tage mit Mon und Diens und Donners und Frei und Sams und Sonn vergehen und dazwischen liegt irgendwo der Mittwoch, aber nicht mehr in der Mitte. Ich denke an draußen und rieche Kino-Popcorn, obwohl das nur ein anderes Drinnen ist.

Als ich mich fragte, wo draußen ist, saß ich 10 Minuten vor weißem Word und schrieb dann: Nicht drinnen. Aber jetzt muss ich meiner Einfallslosigkeit sagen, dass nicht einmal das stimmt. Draußen ist viele andere Drinnens und natürlich auch draußen mit solchen, die irgendwo anders drinnen sind. 

Wir sind mittendrin und wann und wie wir rauskommen weiß niemand.

Text veröffentlicht in UND-Heft #8 Beilage: „Draußen, wo ist das?“

Geschichte: Verbrechen

Seitdem ich es gesehen habe, beobachte ich dich. Wie du morgens die Vorhänge aufziehst. Die mit den blauen Blumen. Dann kippst du das Fenster. Das ist in deinem Schlafzimmer. Ob du es da getan hast, weiß ich nicht.
Die Haare verteilen sich auf deinem Kopf wie Smarties auf einem Schokokuchen. Ein paar mehr könnten es schon sein. Aber bunt sind sie nicht, sondern dieses Nichtsfarben. Weder schwarz noch braun. Noch grau. Jeder zweite Mann auf der Straße hat es. Auch die Geheimratsecken sind wenig originell, aber dafür kannst du nichts.
Ich will nicht, dass es mir auffällt. Dass du große Hände hast. Weil sie es sind, die es getan haben.
Du hast einen Pyjama an, den Leute in Filmen tragen. Ich denke mir: Wer hat im echten Leben so etwas an? Du. Einen Flanell-Pyjama, bei dem das Oberteil zur Hose passt.
Deine Frau steht durchschnittlich 20 Minuten nach dir auf. Am Wochenende sind es nur 10 Minuten, weil du da auch später aufstehst. Heute ist Wochenende. Hast du es an einem Wochenende getan? In diesen 10 Minuten? Du hast es schon öfters getan.
Deine Frau trägt Nachthemden aus Seide. Ihr habt euch gefunden.

Du wechselst das Fenster. Machst Kaffee, holst Milch und Orangensaft und Butter aus dem Kühlschrank. Und Käse und Wurst. Du holst Gebäck, Marmelade, Nutella. Immer noch Flanell-Pyjama. Ein Mädchen kommt in die Küche und reibt sich die Augen. Du hebst sie hoch und drückst ihr einen Kuss auf die Wange. Ihre braunen Locken kitzeln dich. Du lachst und sie vergräbt ihr Gesicht in deinem Nacken. Deine Frau kommt mit einem Jungen an der Hand. Er lässt sie los, rennt zum Tisch und greift zum Nutella-Glas, aber du nimmst es ihm weg.
Ich sehe dich, wie du mit dem Löffel in deinem Kaffee rührst. Schwarz. Du beißt von einem Croissant ab, streichst dir einen Brösel von der Lippe. Würdest du mit diesen Lippen sagen, was du getan hast? Wenn ich dich fragte. Vor deiner Frau. Vielleicht würde sie dich schlagen, dir Frühstück ins Gesicht spucken.
Dein Messer fährt über die glatte Oberfläche der Butter, hinterlässt Muster. Dann tunkst du es in rotes Gelee. An deinem rechten Ringfinger glänzt dickes Gold.

Ich gehe weg vom Fenster und lasse euch Sonntag leben. Aber ich habe es nicht vergessen. Ich weiß, was du getan hast.

An Wochentagen bringt ihr das Mädchen und den Jungen in den Kindergarten. Entweder du mit deinem Auto oder sie mit ihrem. Ihr arbeitet beide in einem Büro und managt oder controllt irgendetwas, habt ihr einmal gesagt. Aber was ihr da wirklich macht, habt ihr nicht gesagt. Eure Büros liegen zwar in derselben Richtung, aber ihr fahrt mit zwei Autos, weil ihr wollt flexibel sein, habt ihr einmal gesagt.

So oft habe ich noch nicht mit euch gesprochen, aber einmal, ganz am Anfang, da habt ihr euch vorgestellt. Und du hast mir deine Hand entgegengestreckt und ich habe dir auch meine gegeben und wir haben gedrückt. Da wusste ich noch nicht, wozu diese Hand in der Lage war. Deine dreckige, widerliche Hand. Niemals hätte ich sie berührt, gedrückt. Hätte ich es damals schon gewusst.
Manchmal winkst du mir zu, wenn ich im Garten sitze. Eine Hand, die locker zum Zeichen des Grußes wackelt und gleichzeitig so Niederträchtiges vollbringen kann.
Einmal haben wir uns im Supermarkt getroffen und da waren eure Kinder dabei, die gequengelt und an euren Ärmeln gezogen haben, während ihr mir das mit euren Jobs und euren Autos erzählt habt. Da wusste ich immer noch nicht, was du getan hast. Oder tun werden würdest. Ich habe euch von meinem Job erzählt und warum ich ein Öffi-Ticket habe. An diesem Abend habt ihr mir Freundschaftsanfragen auf Facebook geschickt und da hat dann alles begonnen.

Ich sehe, wie ihr mit zwei Gläsern Rotwein an eurem dicken Holztisch sitzt. Du, deine Frau. Die Kinder wahrscheinlich im Bett. Du versteckst das, was in zehn Jahren ein Bierbauch sein wird, unter einem gebügelten Hemd mit grauen Linien. Ihr sprecht und ich frage mich, was die Worte sind, die über eure Lippen fallen. Ich frage mich, ob du diese Worte vor ihr schon ausgesprochen hast. Ob du sie je Klang werden hast lassen, oder ob sie nur als zusammengesetzte Buchstaben in deinem Kopf existieren. Ob sie es weiß. Ob sie es auch gesehen hat.

Ihr knabbert an Brotstangen. Sie lacht viel und irgendwann küsst ihr euch. Es wird unangenehm euch zuzusehen. Aber ich weiß, was du getan hast. Und das ist viel unangenehmer. Für sie. Für uns alle. Ich verachte dich dafür. Ich will, dass du dafür büßt. Ich will, dass du Sirenen näherkommen hörst und durch Gitterstäbe deine Hände faltest und sie um Verzeihung bittest. Wann hast du es getan?, frage ich die Fensterscheibe, während du deine Frau küsst. Warum tut niemand etwas dagegen?
Ihr lasst den Wein stehen und geht ins Schlafzimmer. Du ziehst die Vorhänge mit den blauen Blumen zu.

Irgendwo. Irgendwann.
Zwischen Nutella-Gläsern, kitzelnden Locken, Rotwein und Familienautos hast du dich vor deinen Computer gesetzt. Vielleicht im Büro oder auf der Couch oder in deinem Schlafzimmer. Das weiß ich nicht. Du hast deine Pratzen auf der Tastatur platziert. Vielleicht nur die Zeigefinger. Vielleicht asdf und jklö. In deinen Augen hat sich Licht und Blau gespiegelt. Du hast die Tasten gedrückt, die dich zum Täter machten. Einzeln: harmlos, unverfänglich. Aber wenn du sie aneinanderreihst, sind sie Macht. Du demonstrierst.

„Die hässliche Fotze gehört so lange hart gefickt bis sie den Mund nicht mehr aufmachen kann.“

Du kannst dich nicht verstecken. Ich habe es gesehen. Ich kenne deine Verbrechen.

Journal: Alles ist jetzt

Die Tage sind wie Kaugummi, der schon zu lange im Mund war. Geschmacklos, zäh. Ich kann lange Fäden ziehen, die irgendwann reißen und mir das Kinn verkleben. Aber die Tage sind nicht nur Kaugummi. Sie sind auch Wasser. Sie fließen. Und das Einzige was wir tun können, ist uns treiben zu lassen.

Es war nie anders. Es wäre eine Illusion zu glauben, damals hätte es gestern und morgen gegeben. Eine Illusion zu glauben, es hätte tausende Orte gegeben, an denen du sein hättest können. Es gab schon immer nur jetzt und hier.

Mein Kalender ist leergefegt. Ein paar Termine liegen noch wie einzelne Staubkörner herum. Aber nur, weil sie noch nicht offiziell eingesaugt wurden. Ich stehe morgens auf und weiß, ich muss heute nirgends sein. Ich habe nicht „mehr Zeit“ -wie das alle sagen. Ich habe gleich viel Zeit wie immer, ich kann nur Prioritäten neu ordnen. Kann vierundzwanzig Stunden frisch anstreichen. Das ist auch nichts Neues. Es war nie anders. Es lag immer schon an mir, meine Lebenszeit für mich bedeutungsvoll zu leben.

Mir ist nicht langweilig. Mir war seit meiner Kindheit nicht mehr langweilig. Es stapeln sich Listen mit Dingen, die ich tun sollte und trotzdem fühlt sich alles an wie Aufatmen. Ich kann aufatmen, ausatmen. Weil die ganze Welt steht und ich sie so vielleicht endlich einholen kann. Weil ich nirgends sein muss. Nirgends hinrennen muss. Weil ich nirgends sein darf und das kann auch eine Erleichterung sein. Ich liebe meine Freiheit, aber zwischendurch ist es tatsächlich angenehm, keine Wahl zu haben, weil die Entscheidung dann immer auf das Jetzt fällt.

Die Tage sind Wasser. Sie fließen. Ich merke wie ich mehr fließe. Ich habe nicht mehr oder weniger Zeit. Ich habe nicht mehr oder weniger Leben. Es wird alles anders, aber das war nie neu. Es ist schon immer alles anders geworden und so wird es auch immer sein.

Es war nie anders. Ich musste noch nie überall gleichzeitig sein. Ich musste noch nie jemandem zeigen, was ich alles tun kann. Ich habe mich bisher bewusst dafür entschieden und die Welt wie sie jetzt ist, hat mir gezeigt, dass es auch anders geht.

Ich darf in meinem Rhythmus atmen, ich darf langsam sein, ich darf fließen.

Alles wird gut. Alles war gut. Meistens sind wir im Wird oder War. Beim Morgen oder beim Gestern. Aber es IST alles gut, weil alles jetzt ist.

Text veröffentlicht in Flow Magazin Ausgabe #50

Extrem empfindlich

Wenn ich in dich hineinsteche wird es rot. Nicht gleich. Wenn ich tief hineinsteche aber. Wir kennen uns lange, immer anders. Ich sehe deine Haare nur, wenn ich sie vor das Licht halte. Wenn ich sie berühre, spüre ich sie nicht. Du bist das, was man weiß nennt, aber weiß bist du nicht. Hell. Aber weiß? Du bist eine Mischung aus beige und rosa und ja okay, ein bisschen weiß und an einigen Stellen rot und braune Punkte hast du auch. Zu sagen du wärest weiß ist Wortfaulheit. Für Wände gibt es verschwenderisch viele Nuancen. Eierschalengelb und Vergissmeinnichtblau und all das. Für dich gibt es Schubladen mit Stempeln. Du trägst meine Farbe.

Deine Oberfläche ist Schleifpapier und Brennnessel. Manchmal hält er meine Hände ganz fest. Und ich sage er muss sie loslassen. Meine Arme sind schwächer. Dann werde ich böse, damit er mich lässt. Nur kurz, sage ich. Dann kratze ich dich. Kurz. Noch ein bisschen länger. Weil es zu kurz war. Du bist für Millisekunden dankbar. Dann fliegt die Zufriedenheit zwischen zwei Kratzbewegungen davon und kommt erst wieder, wenn meine Nägel auf dir landen und sich in dich hineinbohren. Vor, zurück. Danach bist du erst recht nicht weiß. Du bist rot. Befriedigt, wie nach einer ganzen Tafel Schokolade. Da war Genuss, aber da ist auch Reue. Du bist rot oder sogar das nasse Rot. Manchmal landet etwas anderes Nasses auf dir. Dort wo ich dich nicht sehen kann, weil du zu nah an meinen Augen bist.

Wenn ich nur etwas, nur eine einzige Sache ändern könnte, dann wärst das du. Dich würde ich ändern. Weil du viele Baustellen bist und sich jede davon wie die Sagrada Familia anfühlt. Weil du mich lautlos anschreist und ich nichts höre. Du reizt mich. Beißend deine Worte. Rot dein Ausdruck. Eitrig, wenn ich dich ausdrücke. Ich pikse dich mit Nadeln, kratze mit Nägeln. Er sagt Nicht! Hält meine Hände. Wahnsinnig ist das! Aber ich kann ja nicht aus der Haut fahren. Ich verletze dich. Und du mich. Du hast angefangen! Woher kommt deine Wut? Ich schlafe mit Samthandschuhen. Verdammt. Jede Tube heißt ‚extrem empfindlich‘. Ich springe selbst bei 30 Grad nicht in Pools. Ich weiß, dass du Tomaten, Seife und Abwasch nicht magst. Versteh mich nicht falsch, wenn ich mich an jede Millisekunde Dankbarkeit klammere, auch wenn sie dir weh tut.

Du trägst meine Farbe. Du trägst mich. Erträgst mich. Ich streiche sanft über Schleifpapier. Wir werden uns haben bis Würmer dich fressen oder Feuer dich fängt.

Text veröffentlicht in Literaturzeitschrift &Radieschen  #53 „Haut & Haar“