Posts in meine Worte

Gerade noch und nicht mehr

Schon lange nervt mich der Baulärm. Um 22 Uhr sollte doch Schluss sein. Aber das ist ihnen egal. Den anderen ist auch egal nach 22 Uhr zu schreien, zu streiten. Und weil ihnen das egal ist, habe ich sie einmal nach 22 Uhr angeschrien. Wahrscheinlich ging das zu weit. Oder gerade noch nicht. Vielleicht wäre das Ganze ja erträglicher, wenn ich nicht in einer 48m²-Wohnung säße, ohne Balkon, alle Fenster kennen nur eine Richtung. Baustelle. Und dahinter graue Wände. Vielleicht wäre dann alles besser. 

Sie liegen in Zelten. Ob man es in Zelten überhaupt Quadratmeter nennt oder nur 1-Mann, 2-Mann und in ihrem Falle halt 3-Familien in 4-Mann? Sie haben Dreck im Gesicht. Frischer Dreck und 3-Tage-Dreck. Sie stehen in Schlangen. Für Essen, für alles. Ich weiß nicht viel über sie, weil hier nennt man sie nur „die in Moria“. Masse. Ohne Namen. Manchmal Gesichter, aber es waren schon so viele, dass sie zu einem werden. Ein Gesicht für eine Masse. Ich kenne sie nicht. Aber ich bin ein Mensch und sie auch. Mehr braucht es nicht. 

Was nicht gut ist, fragst du? Wo man da überhaupt anfängt. Vielleicht bei der To-do-Liste ganz oben und wenn man unten ist, hat man vergessen, wie man atmet. Gut, dass ich keine Zeit habe, das alles zu hinterfragen und selbst wenn, würde ich es verstecken hinter Bildschirmzeit 4 Stunden und 26 Minuten und mich danach so richtig bedauernswert fühlen. 

Zeit ist ein relatives Konstrukt. Ein absurdes. Wenn man auf einer Insel sitzt und sonst nichts. Sie warten. Warten und wissen nicht mehr worauf. Sie warten auf Essen, auf Antworten, auf Erklärungen, Erlösung, vielleicht sogar auf eine Entschuldigung, aber das wäre naiv. Sie warten auf eine Zukunft. Die vielleicht keine sein wird. Sie wissen nicht wo oder wie, wann erst recht nicht. Und sie wissen nicht, wozu sie da sind, wenn ihnen gesagt wird, dass sie nirgends sein sollten.

Ich habe keine Ahnung, wie sich mein Leben in den nächsten Jahren entwickeln wird. Was das große Ziel sein soll, dem ich hinterherjage. Ich weiß nicht einmal, wo ich wohnen möchte. Vielleicht irgendwo am Meer. In einem anderen Land wäre schon cool. Auf jeden Fall ohne Baulärm. Ja, ich glaube irgendwo am Meer wäre schön. 

„Das Meer hat unterschiedliche Funktionen, je nachdem wer du bist“, sagt er. Er, der alleine dort ist. Seit 8 Monaten. Das Meer ist die Badewanne. Eine salzige Dusche ohne Privatsphäre. Das Meer ist eine Waschmaschine. Kleidung wird gewaschen, Menschen werden gewaschen, Tränen weggewaschen, Perspektiven auch. Am anderen Ufer standen sie. Träumten davon, über das Wasser an einen sicheren Ort zu gelangen. Das Meer hat damals zuerst ihre Angst verschluckt, weil die Verzweiflung zu groß war, dann Hoffnung geschenkt, aber viele Leben getrunken. Vielleicht werden die Leichen angespült. An wunderschönen Stränden. 

Am Tag nach dem Putzen ist die Wohnung nicht mehr sauber. Putzen ist die undankbarste Tätigkeit, die ich mir vorstellen kann und ich kann mir viel vorstellen. Selbst die kleine Wohnung frisst Stunden. Stunden, in denen mir mein Rücken weh tut und ich so viel Sinnvolleres tun könnte. Wenn ich bei maximal guter Laune anfange zu putzen, dann ende ich maximal bei eher schlechter Laune. Die einzige Genugtuung: Es ist erledigt. Aber es wird wiederkommen. Der Dreck wird schneller zurückkommen, als es mir lieb ist. 

Es regnet viel. Wenn es regnet, wird Erde zu Gatsch. Die Kinder spielen dann vielleicht im Gatsch. Weil Kinder eben spielen. Die anderen warten im Gatsch. Den Dreck werden sie sich von der Haut waschen. Sie werden ihn austauschen gegen die Nässe des Salzwassers, aber sie werden nie sauber sein. Wenn sie in fünf Jahren noch leben sollten, wird der Dreck noch in ihren Zellen hängen. Wer einmal Dreck ist, wird Dreck bleiben. 

Ich brauche einfach meine Privatsphäre, weißt du? Einen Raum für mich. Wo ich mich zurückziehen kann, die Türe schließen. Und einen Balkon. Am besten eine Dachterrasse. Es ist alles viel zu eng. Ich will hinausgehen und durchatmen. Über Dächer blicken, in die Ferne schauen. 

Die Menschen in Moria sind Nummern. Sie haben keine Bedürfnisse. Sie hätten schon, aber Nummern haben das nicht. Nummern dürfen keinen Platz einfordern, würdevolle Verhältnisse und all das. Nummern sterben nicht, sie werden ausgetauscht.
Moria ist kein sicherer Ort. Moria ist kein Campingplatz, kein Schulausflug, es ist wie Fegefeuer und ist Europa dann Gott? Moria ist kein sicherer Ort. Moria könnte der Name eines kleinen Mädchens sein und klingt schön. Aber kleine Mädchen in Moria wurden vergewaltigt und auch größere Buben. Traumata reichen zurück bis in die Heimatländer. Reichen zurück bis zu ihren Haustüren, aus denen sie gegangen sind, ohne zu oft zurückzuschauen. 

Du hast noch nie von ihnen gehört? Von den Staubläusen. Das sind so kleine Dinger. Wenn man Wände nicht beachtet, fallen sie gar nicht auf. Wenn sie auffallen, kann man nichts anderes mehr sehen. Ich jage sie täglich, ich ekel mich, aber inzwischen habe ich den Kampf gegen sie fast schon aufgegeben.

„Ich werde mich nie an gebrochene Kinderseelen gewöhnen“, sagt die Psychologin, die in Moria arbeitete. Aber sie habe sich an Kakerlaken und Ratten in den Zelten der Kinder gewöhnt. Und an die Krätze. 

„Jetzt nehmen sie immer die Kinder her“, sagt die Frau in der Bluse mit Blumenprint zum Herrn neben ihr und ich lausche.
„Eine Frechheit immer die Kinder zu zeigen.“
„Ja, wirklich. Was wollen sie denn erreichen? Mitleid etwa?“
„Das wäre ihnen gerade recht.“
„Und jetzt noch das Feuer. Das haben die ja selbst gelegt.“
„Damit wollen sie uns bestechen. Na, ganz sicher nicht. Was zu weit geht, geht zu weit. Da helfen Kinderbilder auch nichts!“

Kinder verletzen sich selbst. Jugendliche wollen nicht mehr leben. Sie haben Alpträume und wenn sie aufwachen, kann sie niemand in den Arm nehmen, wiegen und zuflüstern: „Alles ist gut.“. Weil nicht alles gut ist und das Aufwachen nur ein luzider Alptraum ist. Kinder sind seit einem Jahr hier und gehen nicht zur Schule. Bildungslos, heimatlos, chancenlos, haltlos. Los los los los los los.

Ich kann es nicht mehr hören. Das Geräusch von Dosen, die geöffnet werden. Erfrischend klingt das, sagen die meisten. Knack. Zisch. Für mich ist dieser Klang zur Verhöhnung geworden. Die Menschen, die im Lokal unter uns sitzen. Draußen an den Plastiktischen. Sie verhöhnen mich, weil ich sie hören muss und nicht schlafen kann. In den eigenen vier Wänden wird man verhöhnt und schön langsam fällt mir das Dach auf den Kopf. 

Man sagt immer „ein Dach über dem Kopf“. Und sie haben auch Köpfe, die genau so sind wie unsere. Genau so unterschiedlich. Aber Köpfe ohne Dächer. Weil Dächer gesprengt wurden, oder keinen Schutz mehr boten. Es wird kälter, weil es Herbst ist und sie werden frieren.

Verdammt, wieso muss ich heute schon meinen Schal tragen? Er macht meine Haare elektrisch und war nicht noch vor fünf Minuten Sommer?

Es gibt nicht genügend Platz in der Sonne. Das merke ich, als ich rund um den Block spaziere und eine Bank suche. Das bringt Balkonlosigkeit so mit sich. Man erfährt es von der Wetterapp oft zu spät, dass die Sonne scheint. Und dann findet man keinen Platz, an dem man sich das Gesicht wärmen lassen kann und dann stellt man sich halt auf den Gehsteig. 

Sie sagen, kein Platz. Sie sagen, dann kommen ja alle. Sie sagen Kriminalität und nicht unsere Werte und unser Land und unsere Leute. Kultur all das. Sind unsere Leute der Martin und die Sandra, die gerne All-inclusive-Urlaub in Ägypten und Après-Ski ohne Skifahren machen? Dann bin ich nicht unsere Leute, weil ich mag das nicht. Ist unsere Kultur Lederhose und Stelze, weil dann bin ich nicht unsere Kultur, weil ich Vegetarierin bin und mich nie in eine Lederhose quetschen würde, aber sogar noch eher als in ein Dirndl. Wo ist die Grenze von denen zu wir und unsere?

Plötzlich sind wir ein Risikogebiet. Ich habe noch nie in einem Risikogebiet gewohnt. Man könnte Angst bekommen, aber man könnte auch im 1. Bezirk einen Aperol Spritz trinken und Letzteres macht irgendwie mehr Sinn. Wenn ich eh schon unterwegs bin. 

An der Ecke hängt ein Wahlplakat. An welcher? An jeder Ecke hängt ein Wahlplakat. Auf diesem ist in der Mitte eine Linie, die trennt. Rechts ist das gute Leben mit Porzellan und Marmorkuchen und natürlich weißes Lächeln und blonde Haare. Links sind eine schreiende Frau und ein dunkel gekleideter Mann, mit dunklem Bart und dunklen Augen und der Blick ist auch dunkel. Und solche Plakate haben sie mehrere. Immer mit Linie, die das eine vom anderen abgrenzt. Immer mit Extremen. Rechts das, was sich als Sicherheit verkleidet und gut ist, weil es gleich ist und links das Böse, das immer fremd ist. Das Fremde, das immer böse ist. Und das ist nicht mehr gerade noch. Grenzen verschieben sich, wenn es langsam passiert. 

„Könntest du bitte noch ein Stück rüberrutschen?“, fragt mich die Frau, als ich endlich einen Platz in der Sonne gefunden habe.
„Ja klar, ein bisschen geht noch.“

Sie sprechen über Menschen wie über Bananen. 
„Magst du eine Banane?“ 
„Nein, Bananen sind grauslich, die mag ich nicht.“ 
Oder: „Nein, ich hab keinen Hunger.“
Oder: „Ja klar, gib mir eine Banane, ich hab noch Platz im Bauch.“

Darf ich nach 17:00 Uhr noch einen Kaffee trinken? Mag ich überhaupt einen? Ich weiß es nicht. Ich überlege, bis es 18:00 Uhr ist, und dann denke ich mir, es ist zu spät. Aber manchmal denke ich mir auch, dass ich erwachsen bin und das heißt, dass ich machen kann, was ich will. Dann trinke ich um 18:01 einen Kaffee. Mit Milchschaum.

Er sagt: „Kümmert euch doch zuerst um die, die schon da sind!“
Um die, die in der Straßenbahn angeschrien werden mit: „Was machst du in meinem Land?“ Deren Nachname Handicap lautet und man lieber nicht in der Mietwohnung haben möchte? Ja, um die sollte man sich kümmern. Jedoch kurze Anmerkung: Zuerst kommt das Leben und dann die Integration. Artikel 2: Recht auf Leben. Vergessen. Verdrängt. Für nicht wichtig genug erachtet oder Leben anders interpretiert. Für andere anders als für sich. 

Ich überlege mir seit Tagen, ob ich mir drei Mal oder nur zwei Mal im Jahr eine teure Friseurin leisten soll, weil es wär halt an der Zeit. Der Ansatz sieht schrecklich aus, die Spitzen sind zerfranst. Es ist schon viel Geld, aber man sollte sich ja auch selbst etwas gönnen. Man lebt nur einmal und man hat es schon verdient gut zu leben und schön zu leben.

Die Angst sitzt tief. Die Angst, es könnte uns jemand etwas wegnehmen, das uns gehört. Warum glauben Menschen, dass ihnen etwas gehört? Weil sie glauben, dass sie es sich verdient haben. Warum glauben sie, dass sie es sich verdient haben? Weil sie sonst feststellen würden, dass sie nichts Besonderes sind, nicht besser als andere, nicht wertvoller. Aber das wollen sie eben sein. 

Heute mache ich nichts. Ich lege mein Handy weg. Auch den Kalender und die Listen. Ich bleibe auf der Couch unter der Decke und lasse mich von Netflix sieben Mal fragen „Are you still watching?“.

Sie mussten Grenzen überschreiten, um an einen Ort zu kommen, an dem es nicht weitergeht. Sie haben Grenzen überschritten, die als Linien auf Landkarten gezeichnet wurden. Wir überschreiten Grenzen, die nicht als Grenzüberschreitung gelten. Gerade noch ist vorbei und es geht nicht mehr. 
Das Schlimmste ist nicht die Situation. Die Situation ist schlimm. Das wissen sogar die, die am lautesten schreien, dass wir niemanden hier haben wollen. Das Schlimmste ist, dass sich Menschen über andere Menschen stellen. Grenzen ziehen und behaupten es seien die richtigen. Dass sie sagen: „Ihr nicht. Bis hierhin und nicht weiter.“ Aber es geht nicht um Bananen. Und die Mägen sind leer. Zu viel war zum Kotzen. 

Es waren drei schlimme Tage. Ich habe mich in ein Loch ziehen lassen, dessen Dunkelheit ich kenne, von der ich trotzdem jedes Mal überrascht bin. Ja, ich habe den Schmerz schon gefühlt, aber scheinbar noch zu wenig und hier ist er wieder. Das hat wohl nichts mit einer Wohnung zu tun, oder Haaren, oder Lärm, oder Bänken in der Sonne. 

Behütet bin ich aufgewachsen. Es war nicht alles gut. Es war vieles richtig scheiße. Aber egal was es war, es war immer behütete Scheiße. Ich aß zu wenig, weil es zu viel gab. Ich war dreckig, weil ich barfuß durch Nachbargärten gerannt bin. Ich durfte viel Liebeskummer haben, weil ich nie Kummer haben musste, dass ich auf der Straße erschossen werde. Meine Eltern waren am Ende und haben sich getrennt, aber am Ende waren sie immer in Sicherheit und Mamas Schulter nie weit entfernt. 
Nein, mein Land ist es nicht, nicht meine Kultur, meine Leute. Mein Zufall ist es und mein Glück, das ich mir nicht verdient und auch nicht nicht verdient habe. Es ist halt so. 

Nein, wir können nicht darüber entscheiden, wer lebt und wer langsam stirbt. Selbst darüber zu diskutieren geht nicht mehr, ist ein Schritt zu weit. 
Welchen Wert haben die Menschen, die vor unseren Grenzen sitzen?
Welchen Wert haben wir, wenn wir ihn bestimmen?

Vielleicht ist es Zeit für eine Veränderung, sagt mir die Unzufriedenheit. Vielleicht ein Neuanfang. Ich hole mir eine Weltkarte und schließe die Augen. Mit dem Finger lande ich auf Afghanistan und ich sage: „Nein, da sicher nicht. Da kann ja kein Mensch leben.“ Ich lasse den Finger noch fünf Mal kreisen. Bis es Spanien ist. Ich könnte morgen hinfliegen. Das Geld reicht lange. Gedanken sortieren, Klarheit bekommen, zu mir finden und dann steht mir alles offen.

Stundenglas

„Einmal 55 Minuten, bitte!“, sagt Fynn.
„Gute Wahl! Sehr gerne!“, erwidert der Mann hinter der Theke. „Darf’s auch ein bisschen mehr sein?“
„Ja, natürlich! Geben Sie mir ruhig mehr!“
„Schön, danke! Bitte sehr, eine Stunde! Geht es so, oder brauchen Sie ein Glas?“
„Gerne ein Glas!“
Der Mann reicht Fynn ein Einmachglas mit einer Stunde.

Fynn hat das Auto verkauft und den Campingstuhl tiefer gelegt. Einmal war er so tief, dass er bis zur Hälfte im Sand untergegangen ist. Die Beine hatten es dann nicht mehr so weit. Strand zwischen den Zehen zerreiben ist noch besser als baumeln.
Man darf nicht denken, Fynn wäre faul. Fynn wandert auf Berge, er tritt in Pedale. Wenn er Lust hat, rennt er sogar viele Kilometer. Mit Pausen dazwischen.

Fynn hat heute zehn Mal tiefer geatmet als andere und 40.000 Gedanken weniger gedacht. Diese waren umso lieber. Fynn baut Sandschlösser und die mit Luft.
Fynn wäre 35, wenn er sich über Geburtstage ärgern würde. Aber Geburtstage sagen ihm nur, dass er schon länger atmet als im Jahr zuvor. Und ein langer Atem ist gut.

Fynn spaziert an wuselnden Menschen vorbei, die auf ein „Hallo!“ von Fremden mit „Nein, danke!“ antworten. Er verlässt die Einkaufsstraße und sucht sich im Park eine Bank. Da packt er das Einmachglas aus und öffnet es. Eine Stunde hat er jetzt. Eine Stunde sitzt er und schaut und atmet.
Eine Frau setzt sich neben ihn. Mit einem Glas, das die kleine Schwester von Fynns sein könnte. Darin haben höchstens zehn Minuten Platz. Sie öffnet es. Atmet durch die Nase ein und durch den Mund aus.
Sie blickt auf sein Einmachglas und dann in sein Gesicht.
„Darf ich Ihnen bitte kurz mein Handy geben?“, fragt sie und er hätte nicht Ja gesagt, wenn ihre Augen nicht gefleht hätten.
Fynn hat kein Handy mehr. Fynn hat Festnetz. Ein altes Modell!
Die Frau schaut auf sein Handgelenk, wo keine Uhr sitzt. Ja nicht einmal ein Bräunungsstreifen.
Fynn kennt die verstohlenen Blicke auf sein Handgelenk und er würde lügen, wenn er sagte, dass er nie absichtlich kurze Hemden trug.
Die Frau weint und Fynn ist beschämt. In dem Park auf diesen Bänken weinen öfters Menschen. Aber Fynn hat noch nie mit einem von ihnen geredet. Meistens weinen die Menschen, wenn sie sich zum ersten Mal seit längerem wieder Zeit leisten können. Auch wenn es nur fünf Minuten sind.
Die Weinenden mit wenig Zeit sitzen auf Bänken. Die mit keiner Zeit sind nie auf Bänken, immer auf Beinen.
Fynn sitzt oft auf Bänken. Aber nie weinend. Er hat Zeit. Fynn liegt in Liegen an Seen und in Hängematten in Gärten. Mit Sonnenhut und Strohhalm im Mund, der wirklich aus Stroh ist. „Geht es Ihnen gut?“
„Das würde ich nicht sagen.“
„Was würden Sie denn sagen?“
Die Frau erzählt ihm, dass sie Termine hat. Fast jeden Tag. Nur manchmal am Sonntag nicht. 25 Termine hat sie diese Woche.
Und Fynn sagt: „Puh!“
Sie sagt, dass sie Chefin ist. 35 Angestellte.
Und Fynn sagt: „Puh!“.
Sie sagt, dass sie den Jahresurlaub verplant hat. Reisen. Nah und fern. Eine Freundin heiratet in einer großen Finca.
„Puh!“
Sie sagt die Pferdestärken des Mercedes hätten sich im Zweijahrestakt erhöht und Fynn sagt: „Puh!“
Sie sagt: „Ich weiß!“
Sie sagt fünf Stunden Schlaf und tippt auf ihre Rolex.
Fynn sagt nichts.
„Ich kann ihn nicht entwirren. Den Knäuel in meinem Kopf. Das Pochen in der Brust und den Krampf im Bauch.“
„Armut macht krank“, sagt Fynn und die Frau nickt.
Er schenkt ihr fünf Minuten. Schließlich hat er dann immer noch 55 und die wollte er ursprünglich ja.
Sie lächelt, bedankt sich. Gibt die fünf Minuten in die Handtasche und sagt, sie hebt sie sich für später auf.
Nach zehn Minuten ist ihr Einmachglas leer und sie steht auf. Sagt noch einmal danke und geht.
„Ihr Handy …“, ruft Fynn, als die Frau schon fast außer Sichtweite ist. Aber dann legt er es neben sich auf die Bank. Er denkt sich, wenigstens die Freude könnte er ihr lassen. Er würde es später natürlich wegschmeißen, damit sie es auf keinen Fall finden muss, wenn sie umkehrt und es sucht.

Fynn spürt, dass die 55 Minuten um sind und steht auf. Wenn er Sekundenzeiger hören könnte, würden sie ihm den Takt angeben. Aber er geht in seinem Rhythmus. Ein Schritt pro Herzschlag.
Fynn spaziert zum Restaurant, in dem man auf den ersten Kaffee 17 Minuten wartet. Es ist direkt an der Promenade. Hier flanieren mehr Menschen ohne Uhren und Autos als an jedem anderen Ort der Stadt.
17 Minuten schaut er den Wellen zu und lacht jedes Mal, wenn er das Geräusch von überschwappendem Wasser hört.
„Den Fisch bitte!“, sagt er zur Kellnerin.
„Sehr gerne! Aber nur damit Sie es wissen, der ist recht schnell fertig. Ich hoffe das ist in Ordnung für Sie.“
„Wann stört mich nie!“, schmunzelt Fynn.
Fynn trinkt Kaffee, bestellt sich eine hausgemachte Limonade, die 19 Minuten auf sich warten lässt. Der Fisch kommt irgendwann und das ist genau richtig. Fynn isst.

Fynn weiß nie, was er als Nächstes tut. Er schreibt sich nur mehr Worte in den Kalender, die ihm Freude machen. Zum Beispiel Listen über Dinge, die er nicht machen muss. Aber schon auch könnte, wenn er wollte. Oder Listen mit Namen, die lustig klingen wie John Glör und Listen mit Farbneuschöpfungen. Zum Beispiel Vergissdasdochblau, Lachrosa oder Schneegelb.

Fynns Momente passieren ohne Publikum. Er teilt nur mit Menschen, die da sind. Erst vergangenes Jahr – als er noch ein Handy hatte – ist ihm die letzte Person entfolgt, und hat somit die dritte Null auf seinen Instagram-Account geschrieben. Das hat er gefeiert, indem er einem Freund einen langen Brief geschrieben hat. Manchmal hat er sich verschrieben. Aber er hat die Fehler drinnen gelassen, weil er so großzügig ist.

Fynn ist stolz auf sich, weil er es heute geschafft hat nichts zu schaffen. Ihm ist nur aufgefallen, dass er seinen linken großen Zehen schöner findet als den rechten. Darüber hat er viel nachgedacht. Aber das kann passieren und darf auch sein.

Fynn schläft auf der Couch ein. In der Nacht wechselt er ins Bett und schaut noch ein bisschen zur Decke. Er denkt an die Frau im Park und schämt sich fast, weil er so reich ist. Er hofft, dass sie an dem Tag zumindest einmal noch ausgeatmet hat.
Er hofft, dass er sie wiedersieht.
Vielleicht, denkt er sich, sollte er ihr Leben kaufen und es ihr schenken.

Text veröffentlicht in „DUM – Das ultimative Magazin“ #95 „Statussymbole“

Sie sagen sie wird

Sie sagen

Bitte leiser träumen
bitte nur tröpfchenweise in die Form gießen
bitte verbarrikadieren
bitte qualvoll in Plastiktüten ersticken
bitte zuschütten mit Imperativen
bitte ausräuchern und stinken lassen
bitte aushungern, verdursten und ertrinken lassen
bitte versiegen lassen, Quellwasser vergiften
bitte leiser träumen
kleiner
bitte zurückdrängen
bitte in der Reihe tanzen und stromschwimmen lernen
bitte weiß sein, bitte Mann sein
bitte schwarze Schafe scheren, bitte zum Teufel scheren
bitte Stein, Papier ohne Schere spielen
bitte verbrennen, ausbrennen, einbrennen
bitte leiser träumen
kleiner träumen
nur nach Seesternen greifen
bitte zurückhalten, bitte Vorrang geben
Stopp!
bitte einordnen, Reißverschluss
bitte drinnen bleiben
nicht anfragen, nachfragen, hinterfragen
bitte hinnehmen
bitte leise träumen
Leise jetzt!

Sie wird

Wahrscheinlich nicht über Linien malen
wahrscheinlich normschön
wahrscheinlich Fehlersuchbild, Lebensziel: ausmerzen
wahrscheinlich vor dem inneren Auge in Auge
Zahn um Zahn Kampf gegen den Ur-Sinn
wahrscheinlich nicht an die Ecken
wahrscheinlich in Formatvorlagen schreiben
mit blauen Augen lauten Mündern horchen
wahrscheinlich ein Rädchen bleiben
den Kopf stecken in den
Sand
knirscht zwischen den Zeitzähnen
wahrscheinlich Herz auf lautlos

Vielleicht

Vielleicht flüstern?
Vielleicht verbalisieren, artikulieren
vielleicht ausbrechen, die Bitten erbrechen
vielleicht Hand heben und vortreten
vielleicht Reihen austanzen
vielleicht fallend aus Rahmen Bögen machen
im Auge landen
vielleicht um Wege wandern,
vielleicht auf den Zeiger gehen
vielleicht den Kopf dick machen
den eigenen Sinn erfassend leben
vielleicht wieder sich setzen
auf müpfige Borsten
vielleicht Luft holen und ausspucken
Träume kreischen

Wenn sie es versucht

Wenn sie es versucht
versucht es sie wenn
dann nur drei Meter
auf Zehenspitzen zu tragen
Könnte zu weit gehen
könnte man sehen
könnte man Finger zeigen
könnte man sagen
bitte
Wenn sie es versucht
versucht es sie wenn
dann nur drei Meter
leise
Könnte man hören

Ankommen

Ziellinien sind schwarz-weiß
dahinter trägt keiner Uniform
dahinter hat keine sich totgeschwiegen
hat niemand sich aus dem Staub
Luftschlösser gemacht
dahinter hat keine Seele sich bitten lassen
weißen Schafen zu folgen
und Bälle flach zu spielen
die nur hoch ins Glück geworfen
werden können
Bitte laut träumen
größer
wahrscheinlich Fehler machen
wahrscheinlich über Ränder stolpern
Vielleicht in Strömungen ringend
es immer versucht haben

Nicht drinnen

Der Anfang war Wuhan und ORF. 35 Bagger bauen Krankenhäuser. Wir schüttelten unsere Köpfe.
Der Anfang war Shanghai und Ö3 im Wartezimmer der Ärztin. Die Frau sagte Ausgangssperre. Nur Supermarkt. 

Dann war bei uns nur Grippe, aber bitte Hände waschen. Dann war lieber nicht in den Öffis Stangen angreifen und Knöpfe drücken. Manche gaben dir nicht mehr die Hand. Manche sind halt übervorsichtig, hat man da noch gesagt. 
Öfters Hände waschen. Am besten desinfizieren. Dann erste Hamsterkäufe: Desinfektionsmittel. Beim DM leere Regale. Kopfschütteln, aber ich habe Seife gekauft. Die mildeste, weil angeordnete 20 Sekunden mit viel Seife ständig und immer. Neurodermitis-Hände mögen Wasser immer ständig nicht, erst recht nicht mit Seife und 20 Sekunden. 

Am Anfang war es aufregend. Es war wie Ibiza, nur ganz anders. Pressekonferenzen schauen, als wären sie die EM oder eine Reality TV Show, die real ist. 
Dann Desinfektionsgeruch im Bus. Dann auch Handy desinfizieren. Dann Gerüchte. Wien wird Shanghai. Gerücht 1: Ausgangssperre. Gerücht 2: Vorrat von 14 Tagen. Gerücht 3: Bargeld abheben. Dann Panik. Habe die Panik nicht verstanden. Und wozu Bargeld? Dann Fotos auf Instagram von leeren Regalen und vollen Einkaufswagen. Dann gab es irrationale Menschenschlangen, manchmal Haufen. Manchmal wie der Start eines Einkaufswagen-Rennens. Schüttelnde Köpfe. Dann war Klopapier Gold. Nein, zuerst war Klopapier Mangelware, dann fragten sich alle: „Warum Klopapier?“, und kauften Klopapier. Dann war Klopapier weg und cool. Bis alle Klopapier-Witze gelacht worden waren. Jetzt ist Klopapier sowas von März. Und Nudeln. Nudeln gab es halt nur noch Dinkel und Marken, die noch teurer sind als Barilla. Warum kosten manche Nudeln so viel und wer kauft die eigentlich? Dann war Bananenbrot cool und jetzt gerade Hefe. Wir hatten immer genug Nudeln und Klopapier und Hefe, aber nie einen Hamster. Wie cool sind wir eigentlich? Hamster-Wortspiele sind auch nicht mehr cool.
Hefe ist so April. Ich backe Osterzopf mit Hefe, auf der Germ steht. Frage mich, was als Nächstes cool wird. Wenn alle Teige gebacken sind. Zoom. Ich habe bis vor kurzem noch nie von Zoom gehört und jetzt zoomt alles, aber vor allem alle. Alle machen Fotos davon und ich denke mir: „Ah okay, ich habe das Sterben von Skype verpasst.“ 

Menschen sagen Qwarantäne und Qwarantenne und Karantäne und schreiben es mit einer Zahl wie z.B. 13904 dahinter, um zu zeigen wie lange schon. Tage zählen. Quarantäne kommt von vierzig Tage. Man beachte, dass sie in die Fastenzeit fällt und 20+20 vierzig ist.

Ich mache jeden Tag ein Home-Workout. Im selben Raum ist mein Home-Office. Im selben Raum esse ich Home-baked Kuchen. Wir haben echt eine kleine Wohnung. Merke ich, während Draußen keine Option ist. Draußen ist da, wo die Nachbarin im Fenster sitzt, obwohl das gleichzeitig ihr Drinnen ist. Ihr Übergang vom Drinnen zum Draußen. 
Draußen riecht die Luft nach ewigem Sonntag. Ich gehe durch eine Straße und alle klatschen. Ich tue so, als würde ich nicht wissen, dass es 18 Uhr ist und fühle mich, als hätte ich gerade etwas Tolles gemacht und würde nicht nur mit pickelverdeckender Mundschutzmaske zum Interspar spazieren.
Beim Home-Workout lacht immer derselbe Trainer aus YouTube. Mein Freund grüßt ihn schon. Mein Freund sagt: „Baby, ich habe die Nachbarin nackt gesehen“. Aber das passiert, wenn alle immer drinnen sind. In ihren Fenstern. Und so viele Fenster sich gegenseitig anstarren. In wie vielen Fenstern wurde ich schon von Menschen nackt gesehen, die andere Baby nennen?  

Meine Gefühle fahren Wilde Maus, aber so neu ist das gar nicht, nur jetzt intensiver. Manchmal weiß ich nicht, wie ich mich fühlen soll und probiere, was kommt. Heute könnte ich wütend sein, gestern hatte ich Angst und vorgestern habe ich mich gefreut, dass ich nirgends hingehen muss und alles lustig ist. 

Es ist nicht mehr Anfang. Nicht mehr Wuhan oder Shanghai. Nicht mehr weit entfernt oder Grippe mit gewaschenen Händen. Es ist nicht mehr aufregend und Pressekonferenzen sind mühsam zwischen so vielen Österreichern und Österreicherinnen, zwischen so viel Danke an und Danke für und Gott sei Dank auch Danke an alle, die hier leben. Und dann immer diese Kriegserklärungen. Das Internet ist auch nicht mehr originell und die schlauen Menschen auf Twitter sind für die mentale Gesundheit fast noch schädlicher als hassende Kartoffeln auf Facebook. Alle wissen mehr besser. Zum Beispiel wie lange es noch dauert. Zum Beispiel wie richtig die Maßnahmen sind. Zum Beispiel was danach passiert. Zum Beispiel, ob man gerade positiv sein darf, oder nicht. Ich schwinge hin und her. Zwischen dankbar sein, dass es mir besser geht als vielen anderen, und mich selbst bemitleiden, dass ich keinen Balkon habe. Dass vor meiner Haustüre der Lidl ist und eine Straße. Dass mein Draußen nicht grün ist. Und schön. Und Bergluft mit Plätschern.  

Gute Sachen passieren viele. Das Klatschen. Aber manche finden das blöd, denn wer kann sich vom Klatschen ernähren? Das Singen. Aber manche sind wienerisch und schreien: „Gusch!“, und generell ist das Singen eh schon wieder vorbei. Das Helfen. Viele Gläser sind halbvoll, viele halbleer. Das Schlimmste ist der Wettkampf im Selbstisolieren, im Gehorchen, im Brav sein. Als wären wir alle Kinder der Regierung. Kinder, die beim Papa Rudi und Papa Basti petzen, wenn andere zwei Mal am Tag spazieren gehen und fünf Atemzüge mehr frische Luft inhalieren. Die zusehen, wie mit dem Lineal die Social Distance gemessen wird, als würde man ein Snickers zwischen Geschwistern teilen. 
Mit großem Garten und Pool und Wiese und allem, kann man mit den dicksten Fingern zeigen. Finger zeigen aus Fenstern auf Straßen. Finger zeigen in Bildschirme. Je verzweifelter die Zeiten, desto mehr Finger. Ist andere schlecht zu machen, um sich besser zu fühlen, wirklich das Menschlichste an Menschen? 

Am Anfang war es aufregend. Es war wie Ibiza, nur ganz anders. Aber jetzt ist es mittendrin und so viele Tage mit Mon und Diens und Donners und Frei und Sams und Sonn vergehen und dazwischen liegt irgendwo der Mittwoch, aber nicht mehr in der Mitte. Ich denke an draußen und rieche Kino-Popcorn, obwohl das nur ein anderes Drinnen ist.

Als ich mich fragte, wo draußen ist, saß ich 10 Minuten vor weißem Word und schrieb dann: Nicht drinnen. Aber jetzt muss ich meiner Einfallslosigkeit sagen, dass nicht einmal das stimmt. Draußen ist viele andere Drinnens und natürlich auch draußen mit solchen, die irgendwo anders drinnen sind. 

Wir sind mittendrin und wann und wie wir rauskommen weiß niemand.

Text veröffentlicht in UND-Heft #8 Beilage: „Draußen, wo ist das?“

Geschichte: Verbrechen

Seitdem ich es gesehen habe, beobachte ich dich. Wie du morgens die Vorhänge aufziehst. Die mit den blauen Blumen. Dann kippst du das Fenster. Das ist in deinem Schlafzimmer. Ob du es da getan hast, weiß ich nicht.
Die Haare verteilen sich auf deinem Kopf wie Smarties auf einem Schokokuchen. Ein paar mehr könnten es schon sein. Aber bunt sind sie nicht, sondern dieses Nichtsfarben. Weder schwarz noch braun. Noch grau. Jeder zweite Mann auf der Straße hat es. Auch die Geheimratsecken sind wenig originell, aber dafür kannst du nichts.
Ich will nicht, dass es mir auffällt. Dass du große Hände hast. Weil sie es sind, die es getan haben.
Du hast einen Pyjama an, den Leute in Filmen tragen. Ich denke mir: Wer hat im echten Leben so etwas an? Du. Einen Flanell-Pyjama, bei dem das Oberteil zur Hose passt.
Deine Frau steht durchschnittlich 20 Minuten nach dir auf. Am Wochenende sind es nur 10 Minuten, weil du da auch später aufstehst. Heute ist Wochenende. Hast du es an einem Wochenende getan? In diesen 10 Minuten? Du hast es schon öfters getan.
Deine Frau trägt Nachthemden aus Seide. Ihr habt euch gefunden.

Du wechselst das Fenster. Machst Kaffee, holst Milch und Orangensaft und Butter aus dem Kühlschrank. Und Käse und Wurst. Du holst Gebäck, Marmelade, Nutella. Immer noch Flanell-Pyjama. Ein Mädchen kommt in die Küche und reibt sich die Augen. Du hebst sie hoch und drückst ihr einen Kuss auf die Wange. Ihre braunen Locken kitzeln dich. Du lachst und sie vergräbt ihr Gesicht in deinem Nacken. Deine Frau kommt mit einem Jungen an der Hand. Er lässt sie los, rennt zum Tisch und greift zum Nutella-Glas, aber du nimmst es ihm weg.
Ich sehe dich, wie du mit dem Löffel in deinem Kaffee rührst. Schwarz. Du beißt von einem Croissant ab, streichst dir einen Brösel von der Lippe. Würdest du mit diesen Lippen sagen, was du getan hast? Wenn ich dich fragte. Vor deiner Frau. Vielleicht würde sie dich schlagen, dir Frühstück ins Gesicht spucken.
Dein Messer fährt über die glatte Oberfläche der Butter, hinterlässt Muster. Dann tunkst du es in rotes Gelee. An deinem rechten Ringfinger glänzt dickes Gold.

Ich gehe weg vom Fenster und lasse euch Sonntag leben. Aber ich habe es nicht vergessen. Ich weiß, was du getan hast.

An Wochentagen bringt ihr das Mädchen und den Jungen in den Kindergarten. Entweder du mit deinem Auto oder sie mit ihrem. Ihr arbeitet beide in einem Büro und managt oder controllt irgendetwas, habt ihr einmal gesagt. Aber was ihr da wirklich macht, habt ihr nicht gesagt. Eure Büros liegen zwar in derselben Richtung, aber ihr fahrt mit zwei Autos, weil ihr wollt flexibel sein, habt ihr einmal gesagt.

So oft habe ich noch nicht mit euch gesprochen, aber einmal, ganz am Anfang, da habt ihr euch vorgestellt. Und du hast mir deine Hand entgegengestreckt und ich habe dir auch meine gegeben und wir haben gedrückt. Da wusste ich noch nicht, wozu diese Hand in der Lage war. Deine dreckige, widerliche Hand. Niemals hätte ich sie berührt, gedrückt. Hätte ich es damals schon gewusst.
Manchmal winkst du mir zu, wenn ich im Garten sitze. Eine Hand, die locker zum Zeichen des Grußes wackelt und gleichzeitig so Niederträchtiges vollbringen kann.
Einmal haben wir uns im Supermarkt getroffen und da waren eure Kinder dabei, die gequengelt und an euren Ärmeln gezogen haben, während ihr mir das mit euren Jobs und euren Autos erzählt habt. Da wusste ich immer noch nicht, was du getan hast. Oder tun werden würdest. Ich habe euch von meinem Job erzählt und warum ich ein Öffi-Ticket habe. An diesem Abend habt ihr mir Freundschaftsanfragen auf Facebook geschickt und da hat dann alles begonnen.

Ich sehe, wie ihr mit zwei Gläsern Rotwein an eurem dicken Holztisch sitzt. Du, deine Frau. Die Kinder wahrscheinlich im Bett. Du versteckst das, was in zehn Jahren ein Bierbauch sein wird, unter einem gebügelten Hemd mit grauen Linien. Ihr sprecht und ich frage mich, was die Worte sind, die über eure Lippen fallen. Ich frage mich, ob du diese Worte vor ihr schon ausgesprochen hast. Ob du sie je Klang werden hast lassen, oder ob sie nur als zusammengesetzte Buchstaben in deinem Kopf existieren. Ob sie es weiß. Ob sie es auch gesehen hat.

Ihr knabbert an Brotstangen. Sie lacht viel und irgendwann küsst ihr euch. Es wird unangenehm euch zuzusehen. Aber ich weiß, was du getan hast. Und das ist viel unangenehmer. Für sie. Für uns alle. Ich verachte dich dafür. Ich will, dass du dafür büßt. Ich will, dass du Sirenen näherkommen hörst und durch Gitterstäbe deine Hände faltest und sie um Verzeihung bittest. Wann hast du es getan?, frage ich die Fensterscheibe, während du deine Frau küsst. Warum tut niemand etwas dagegen?
Ihr lasst den Wein stehen und geht ins Schlafzimmer. Du ziehst die Vorhänge mit den blauen Blumen zu.

Irgendwo. Irgendwann.
Zwischen Nutella-Gläsern, kitzelnden Locken, Rotwein und Familienautos hast du dich vor deinen Computer gesetzt. Vielleicht im Büro oder auf der Couch oder in deinem Schlafzimmer. Das weiß ich nicht. Du hast deine Pratzen auf der Tastatur platziert. Vielleicht nur die Zeigefinger. Vielleicht asdf und jklö. In deinen Augen hat sich Licht und Blau gespiegelt. Du hast die Tasten gedrückt, die dich zum Täter machten. Einzeln: harmlos, unverfänglich. Aber wenn du sie aneinanderreihst, sind sie Macht. Du demonstrierst.

„Die hässliche Fotze gehört so lange hart gefickt bis sie den Mund nicht mehr aufmachen kann.“

Du kannst dich nicht verstecken. Ich habe es gesehen. Ich kenne deine Verbrechen.

Journal: Alles ist jetzt

Die Tage sind wie Kaugummi, der schon zu lange im Mund war. Geschmacklos, zäh. Ich kann lange Fäden ziehen, die irgendwann reißen und mir das Kinn verkleben. Aber die Tage sind nicht nur Kaugummi. Sie sind auch Wasser. Sie fließen. Und das Einzige was wir tun können, ist uns treiben zu lassen.

Es war nie anders. Es wäre eine Illusion zu glauben, damals hätte es gestern und morgen gegeben. Eine Illusion zu glauben, es hätte tausende Orte gegeben, an denen du sein hättest können. Es gab schon immer nur jetzt und hier.

Mein Kalender ist leergefegt. Ein paar Termine liegen noch wie einzelne Staubkörner herum. Aber nur, weil sie noch nicht offiziell eingesaugt wurden. Ich stehe morgens auf und weiß, ich muss heute nirgends sein. Ich habe nicht „mehr Zeit“ -wie das alle sagen. Ich habe gleich viel Zeit wie immer, ich kann nur Prioritäten neu ordnen. Kann vierundzwanzig Stunden frisch anstreichen. Das ist auch nichts Neues. Es war nie anders. Es lag immer schon an mir, meine Lebenszeit für mich bedeutungsvoll zu leben.

Mir ist nicht langweilig. Mir war seit meiner Kindheit nicht mehr langweilig. Es stapeln sich Listen mit Dingen, die ich tun sollte und trotzdem fühlt sich alles an wie Aufatmen. Ich kann aufatmen, ausatmen. Weil die ganze Welt steht und ich sie so vielleicht endlich einholen kann. Weil ich nirgends sein muss. Nirgends hinrennen muss. Weil ich nirgends sein darf und das kann auch eine Erleichterung sein. Ich liebe meine Freiheit, aber zwischendurch ist es tatsächlich angenehm, keine Wahl zu haben, weil die Entscheidung dann immer auf das Jetzt fällt.

Die Tage sind Wasser. Sie fließen. Ich merke wie ich mehr fließe. Ich habe nicht mehr oder weniger Zeit. Ich habe nicht mehr oder weniger Leben. Es wird alles anders, aber das war nie neu. Es ist schon immer alles anders geworden und so wird es auch immer sein.

Es war nie anders. Ich musste noch nie überall gleichzeitig sein. Ich musste noch nie jemandem zeigen, was ich alles tun kann. Ich habe mich bisher bewusst dafür entschieden und die Welt wie sie jetzt ist, hat mir gezeigt, dass es auch anders geht.

Ich darf in meinem Rhythmus atmen, ich darf langsam sein, ich darf fließen.

Alles wird gut. Alles war gut. Meistens sind wir im Wird oder War. Beim Morgen oder beim Gestern. Aber es IST alles gut, weil alles jetzt ist.

Text veröffentlicht in Flow Magazin Ausgabe #50