Posts in meine Worte

Nicht drinnen

Der Anfang war Wuhan und ORF. 35 Bagger bauen Krankenhäuser. Wir schüttelten unsere Köpfe.
Der Anfang war Shanghai und Ö3 im Wartezimmer der Ärztin. Die Frau sagte Ausgangssperre. Nur Supermarkt. 

Dann war bei uns nur Grippe, aber bitte Hände waschen. Dann war lieber nicht in den Öffis Stangen angreifen und Knöpfe drücken. Manche gaben dir nicht mehr die Hand. Manche sind halt übervorsichtig, hat man da noch gesagt. 
Öfters Hände waschen. Am besten desinfizieren. Dann erste Hamsterkäufe: Desinfektionsmittel. Beim DM leere Regale. Kopfschütteln, aber ich habe Seife gekauft. Die mildeste, weil angeordnete 20 Sekunden mit viel Seife ständig und immer. Neurodermitis-Hände mögen Wasser immer ständig nicht, erst recht nicht mit Seife und 20 Sekunden. 

Am Anfang war es aufregend. Es war wie Ibiza, nur ganz anders. Pressekonferenzen schauen, als wären sie die EM oder eine Reality TV Show, die real ist. 
Dann Desinfektionsgeruch im Bus. Dann auch Handy desinfizieren. Dann Gerüchte. Wien wird Shanghai. Gerücht 1: Ausgangssperre. Gerücht 2: Vorrat von 14 Tagen. Gerücht 3: Bargeld abheben. Dann Panik. Habe die Panik nicht verstanden. Und wozu Bargeld? Dann Fotos auf Instagram von leeren Regalen und vollen Einkaufswagen. Dann gab es irrationale Menschenschlangen, manchmal Haufen. Manchmal wie der Start eines Einkaufswagen-Rennens. Schüttelnde Köpfe. Dann war Klopapier Gold. Nein, zuerst war Klopapier Mangelware, dann fragten sich alle: „Warum Klopapier?“, und kauften Klopapier. Dann war Klopapier weg und cool. Bis alle Klopapier-Witze gelacht worden waren. Jetzt ist Klopapier sowas von März. Und Nudeln. Nudeln gab es halt nur noch Dinkel und Marken, die noch teurer sind als Barilla. Warum kosten manche Nudeln so viel und wer kauft die eigentlich? Dann war Bananenbrot cool und jetzt gerade Hefe. Wir hatten immer genug Nudeln und Klopapier und Hefe, aber nie einen Hamster. Wie cool sind wir eigentlich? Hamster-Wortspiele sind auch nicht mehr cool.
Hefe ist so April. Ich backe Osterzopf mit Hefe, auf der Germ steht. Frage mich, was als Nächstes cool wird. Wenn alle Teige gebacken sind. Zoom. Ich habe bis vor kurzem noch nie von Zoom gehört und jetzt zoomt alles, aber vor allem alle. Alle machen Fotos davon und ich denke mir: „Ah okay, ich habe das Sterben von Skype verpasst.“ 

Menschen sagen Qwarantäne und Qwarantenne und Karantäne und schreiben es mit einer Zahl wie z.B. 13904 dahinter, um zu zeigen wie lange schon. Tage zählen. Quarantäne kommt von vierzig Tage. Man beachte, dass sie in die Fastenzeit fällt und 20+20 vierzig ist.

Ich mache jeden Tag ein Home-Workout. Im selben Raum ist mein Home-Office. Im selben Raum esse ich Home-baked Kuchen. Wir haben echt eine kleine Wohnung. Merke ich, während Draußen keine Option ist. Draußen ist da, wo die Nachbarin im Fenster sitzt, obwohl das gleichzeitig ihr Drinnen ist. Ihr Übergang vom Drinnen zum Draußen. 
Draußen riecht die Luft nach ewigem Sonntag. Ich gehe durch eine Straße und alle klatschen. Ich tue so, als würde ich nicht wissen, dass es 18 Uhr ist und fühle mich, als hätte ich gerade etwas Tolles gemacht und würde nicht nur mit pickelverdeckender Mundschutzmaske zum Interspar spazieren.
Beim Home-Workout lacht immer derselbe Trainer aus YouTube. Mein Freund grüßt ihn schon. Mein Freund sagt: „Baby, ich habe die Nachbarin nackt gesehen“. Aber das passiert, wenn alle immer drinnen sind. In ihren Fenstern. Und so viele Fenster sich gegenseitig anstarren. In wie vielen Fenstern wurde ich schon von Menschen nackt gesehen, die andere Baby nennen?  

Meine Gefühle fahren Wilde Maus, aber so neu ist das gar nicht, nur jetzt intensiver. Manchmal weiß ich nicht, wie ich mich fühlen soll und probiere, was kommt. Heute könnte ich wütend sein, gestern hatte ich Angst und vorgestern habe ich mich gefreut, dass ich nirgends hingehen muss und alles lustig ist. 

Es ist nicht mehr Anfang. Nicht mehr Wuhan oder Shanghai. Nicht mehr weit entfernt oder Grippe mit gewaschenen Händen. Es ist nicht mehr aufregend und Pressekonferenzen sind mühsam zwischen so vielen Österreichern und Österreicherinnen, zwischen so viel Danke an und Danke für und Gott sei Dank auch Danke an alle, die hier leben. Und dann immer diese Kriegserklärungen. Das Internet ist auch nicht mehr originell und die schlauen Menschen auf Twitter sind für die mentale Gesundheit fast noch schädlicher als hassende Kartoffeln auf Facebook. Alle wissen mehr besser. Zum Beispiel wie lange es noch dauert. Zum Beispiel wie richtig die Maßnahmen sind. Zum Beispiel was danach passiert. Zum Beispiel, ob man gerade positiv sein darf, oder nicht. Ich schwinge hin und her. Zwischen dankbar sein, dass es mir besser geht als vielen anderen, und mich selbst bemitleiden, dass ich keinen Balkon habe. Dass vor meiner Haustüre der Lidl ist und eine Straße. Dass mein Draußen nicht grün ist. Und schön. Und Bergluft mit Plätschern.  

Gute Sachen passieren viele. Das Klatschen. Aber manche finden das blöd, denn wer kann sich vom Klatschen ernähren? Das Singen. Aber manche sind wienerisch und schreien: „Gusch!“, und generell ist das Singen eh schon wieder vorbei. Das Helfen. Viele Gläser sind halbvoll, viele halbleer. Das Schlimmste ist der Wettkampf im Selbstisolieren, im Gehorchen, im Brav sein. Als wären wir alle Kinder der Regierung. Kinder, die beim Papa Rudi und Papa Basti petzen, wenn andere zwei Mal am Tag spazieren gehen und fünf Atemzüge mehr frische Luft inhalieren. Die zusehen, wie mit dem Lineal die Social Distance gemessen wird, als würde man ein Snickers zwischen Geschwistern teilen. 
Mit großem Garten und Pool und Wiese und allem, kann man mit den dicksten Fingern zeigen. Finger zeigen aus Fenstern auf Straßen. Finger zeigen in Bildschirme. Je verzweifelter die Zeiten, desto mehr Finger. Ist andere schlecht zu machen, um sich besser zu fühlen, wirklich das Menschlichste an Menschen? 

Am Anfang war es aufregend. Es war wie Ibiza, nur ganz anders. Aber jetzt ist es mittendrin und so viele Tage mit Mon und Diens und Donners und Frei und Sams und Sonn vergehen und dazwischen liegt irgendwo der Mittwoch, aber nicht mehr in der Mitte. Ich denke an draußen und rieche Kino-Popcorn, obwohl das nur ein anderes Drinnen ist.

Als ich mich fragte, wo draußen ist, saß ich 10 Minuten vor weißem Word und schrieb dann: Nicht drinnen. Aber jetzt muss ich meiner Einfallslosigkeit sagen, dass nicht einmal das stimmt. Draußen ist viele andere Drinnens und natürlich auch draußen mit solchen, die irgendwo anders drinnen sind. 

Wir sind mittendrin und wann und wie wir rauskommen weiß niemand.

Text veröffentlich in UND-Heft #8 Beilage: „Draußen, wo ist das?“

Kurzgeschichte: Verbrechen

Seitdem ich es gesehen habe, beobachte ich dich. Wie du morgens die Vorhänge aufziehst. Die mit den blauen Blumen. Dann kippst du das Fenster. Das ist in deinem Schlafzimmer. Ob du es da getan hast, weiß ich nicht.
Die Haare verteilen sich auf deinem Kopf wie Smarties auf einem Schokokuchen. Ein paar mehr könnten es schon sein. Aber bunt sind sie nicht, sondern dieses Nichtsfarben. Weder schwarz noch braun. Noch grau. Jeder zweite Mann auf der Straße hat es. Auch die Geheimratsecken sind wenig originell, aber dafür kannst du nichts.
Ich will nicht, dass es mir auffällt. Dass du große Hände hast. Weil sie es sind, die es getan haben.
Du hast einen Pyjama an, den Leute in Filmen tragen. Ich denke mir: Wer hat im echten Leben so etwas an? Du. Einen Flanell-Pyjama, bei dem das Oberteil zur Hose passt.
Deine Frau steht durchschnittlich 20 Minuten nach dir auf. Am Wochenende sind es nur 10 Minuten, weil du da auch später aufstehst. Heute ist Wochenende. Hast du es an einem Wochenende getan? In diesen 10 Minuten? Du hast es schon öfters getan.
Deine Frau trägt Nachthemden aus Seide. Ihr habt euch gefunden.

Du wechselst das Fenster. Machst Kaffee, holst Milch und Orangensaft und Butter aus dem Kühlschrank. Und Käse und Wurst. Du holst Gebäck, Marmelade, Nutella. Immer noch Flanell-Pyjama. Ein Mädchen kommt in die Küche und reibt sich die Augen. Du hebst sie hoch und drückst ihr einen Kuss auf die Wange. Ihre braunen Locken kitzeln dich. Du lachst und sie vergräbt ihr Gesicht in deinem Nacken. Deine Frau kommt mit einem Jungen an der Hand. Er lässt sie los, rennt zum Tisch und greift zum Nutella-Glas, aber du nimmst es ihm weg.
Ich sehe dich, wie du mit dem Löffel in deinem Kaffee rührst. Schwarz. Du beißt von einem Croissant ab, streichst dir einen Brösel von der Lippe. Würdest du mit diesen Lippen sagen, was du getan hast? Wenn ich dich fragte. Vor deiner Frau. Vielleicht würde sie dich schlagen, dir Frühstück ins Gesicht spucken.
Dein Messer fährt über die glatte Oberfläche der Butter, hinterlässt Muster. Dann tunkst du es in rotes Gelee. An deinem rechten Ringfinger glänzt dickes Gold.

Ich gehe weg vom Fenster und lasse euch Sonntag leben. Aber ich habe es nicht vergessen. Ich weiß, was du getan hast.

An Wochentagen bringt ihr das Mädchen und den Jungen in den Kindergarten. Entweder du mit deinem Auto oder sie mit ihrem. Ihr arbeitet beide in einem Büro und managt oder controllt irgendetwas, habt ihr einmal gesagt. Aber was ihr da wirklich macht, habt ihr nicht gesagt. Eure Büros liegen zwar in derselben Richtung, aber ihr fahrt mit zwei Autos, weil ihr wollt flexibel sein, habt ihr einmal gesagt.

So oft habe ich noch nicht mit euch gesprochen, aber einmal, ganz am Anfang, da habt ihr euch vorgestellt. Und du hast mir deine Hand entgegengestreckt und ich habe dir auch meine gegeben und wir haben gedrückt. Da wusste ich noch nicht, wozu diese Hand in der Lage war. Deine dreckige, widerliche Hand. Niemals hätte ich sie berührt, gedrückt. Hätte ich es damals schon gewusst.
Manchmal winkst du mir zu, wenn ich im Garten sitze. Eine Hand, die locker zum Zeichen des Grußes wackelt und gleichzeitig so Niederträchtiges vollbringen kann.
Einmal haben wir uns im Supermarkt getroffen und da waren eure Kinder dabei, die gequengelt und an euren Ärmeln gezogen haben, während ihr mir das mit euren Jobs und euren Autos erzählt habt. Da wusste ich immer noch nicht, was du getan hast. Oder tun werden würdest. Ich habe euch von meinem Job erzählt und warum ich ein Öffi-Ticket habe. An diesem Abend habt ihr mir Freundschaftsanfragen auf Facebook geschickt und da hat dann alles begonnen.

Ich sehe, wie ihr mit zwei Gläsern Rotwein an eurem dicken Holztisch sitzt. Du, deine Frau. Die Kinder wahrscheinlich im Bett. Du versteckst das, was in zehn Jahren ein Bierbauch sein wird, unter einem gebügelten Hemd mit grauen Linien. Ihr sprecht und ich frage mich, was die Worte sind, die über eure Lippen fallen. Ich frage mich, ob du diese Worte vor ihr schon ausgesprochen hast. Ob du sie je Klang werden hast lassen, oder ob sie nur als zusammengesetzte Buchstaben in deinem Kopf existieren. Ob sie es weiß. Ob sie es auch gesehen hat.

Ihr knabbert an Brotstangen. Sie lacht viel und irgendwann küsst ihr euch. Es wird unangenehm euch zuzusehen. Aber ich weiß, was du getan hast. Und das ist viel unangenehmer. Für sie. Für uns alle. Ich verachte dich dafür. Ich will, dass du dafür büßt. Ich will, dass du Sirenen näherkommen hörst und durch Gitterstäbe deine Hände faltest und sie um Verzeihung bittest. Wann hast du es getan?, frage ich die Fensterscheibe, während du deine Frau küsst. Warum tut niemand etwas dagegen?
Ihr lasst den Wein stehen und geht ins Schlafzimmer. Du ziehst die Vorhänge mit den blauen Blumen zu.

Irgendwo. Irgendwann.
Zwischen Nutella-Gläsern, kitzelnden Locken, Rotwein und Familienautos hast du dich vor deinen Computer gesetzt. Vielleicht im Büro oder auf der Couch oder in deinem Schlafzimmer. Das weiß ich nicht. Du hast deine Pratzen auf der Tastatur platziert. Vielleicht nur die Zeigefinger. Vielleicht asdf und jklö. In deinen Augen hat sich Licht und Blau gespiegelt. Du hast die Tasten gedrückt, die dich zum Täter machten. Einzeln: harmlos, unverfänglich. Aber wenn du sie aneinanderreihst, sind sie Macht. Du demonstrierst.

„Die hässliche Fotze gehört so lange hart gefickt bis sie den Mund nicht mehr aufmachen kann.“

Du kannst dich nicht verstecken. Ich habe es gesehen. Ich kenne deine Verbrechen.

Journal: Alles ist jetzt

Die Tage sind wie Kaugummi, der schon zu lange im Mund war. Geschmacklos, zäh. Ich kann lange Fäden ziehen, die irgendwann reißen und mir das Kinn verkleben. Aber die Tage sind nicht nur Kaugummi. Sie sind auch Wasser. Sie fließen. Und das Einzige was wir tun können, ist uns treiben zu lassen.

Es war nie anders. Es wäre eine Illusion zu glauben, damals hätte es gestern und morgen gegeben. Eine Illusion zu glauben, es hätte tausende Orte gegeben, an denen du sein hättest können. Es gab schon immer nur jetzt und hier.

Mein Kalender ist leergefegt. Ein paar Termine liegen noch wie einzelne Staubkörner herum. Aber nur, weil sie noch nicht offiziell eingesaugt wurden. Ich stehe morgens auf und weiß, ich muss heute nirgends sein. Ich habe nicht „mehr Zeit“ -wie das alle sagen. Ich habe gleich viel Zeit wie immer, ich kann nur Prioritäten neu ordnen. Kann vierundzwanzig Stunden frisch anstreichen. Das ist auch nichts Neues. Es war nie anders. Es lag immer schon an mir, meine Lebenszeit für mich bedeutungsvoll zu leben.

Mir ist nicht langweilig. Mir war seit meiner Kindheit nicht mehr langweilig. Es stapeln sich Listen mit Dingen, die ich tun sollte und trotzdem fühlt sich alles an wie Aufatmen. Ich kann aufatmen, ausatmen. Weil die ganze Welt steht und ich sie so vielleicht endlich einholen kann. Weil ich nirgends sein muss. Nirgends hinrennen muss. Weil ich nirgends sein darf und das kann auch eine Erleichterung sein. Ich liebe meine Freiheit, aber zwischendurch ist es tatsächlich angenehm, keine Wahl zu haben, weil die Entscheidung dann immer auf das Jetzt fällt.

Die Tage sind Wasser. Sie fließen. Ich merke wie ich mehr fließe. Ich habe nicht mehr oder weniger Zeit. Ich habe nicht mehr oder weniger Leben. Es wird alles anders, aber das war nie neu. Es ist schon immer alles anders geworden und so wird es auch immer sein.

Es war nie anders. Ich musste noch nie überall gleichzeitig sein. Ich musste noch nie jemandem zeigen, was ich alles tun kann. Ich habe mich bisher bewusst dafür entschieden und die Welt wie sie jetzt ist, hat mir gezeigt, dass es auch anders geht.

Ich darf in meinem Rhythmus atmen, ich darf langsam sein, ich darf fließen.

Alles wird gut. Alles war gut. Meistens sind wir im Wird oder War. Beim Morgen oder beim Gestern. Aber es IST alles gut, weil alles jetzt ist.

Text veröffentlicht in Flow Magazin Ausgabe #50

Extrem empfindlich

Wenn ich in dich hineinsteche wird es rot. Nicht gleich. Wenn ich tief hineinsteche aber. Wir kennen uns lange, immer anders. Ich sehe deine Haare nur, wenn ich sie vor das Licht halte. Wenn ich sie berühre, spüre ich sie nicht. Du bist das, was man weiß nennt, aber weiß bist du nicht. Hell. Aber weiß? Du bist eine Mischung aus beige und rosa und ja okay, ein bisschen weiß und an einigen Stellen rot und braune Punkte hast du auch. Zu sagen du wärest weiß ist Wortfaulheit. Für Wände gibt es verschwenderisch viele Nuancen. Eierschalengelb und Vergissmeinnichtblau und all das. Für dich gibt es Schubladen mit Stempeln. Du trägst meine Farbe.

Deine Oberfläche ist Schleifpapier und Brennnessel. Manchmal hält er meine Hände ganz fest. Und ich sage er muss sie loslassen. Meine Arme sind schwächer. Dann werde ich böse, damit er mich lässt. Nur kurz, sage ich. Dann kratze ich dich. Kurz. Noch ein bisschen länger. Weil es zu kurz war. Du bist für Millisekunden dankbar. Dann fliegt die Zufriedenheit zwischen zwei Kratzbewegungen davon und kommt erst wieder, wenn meine Nägel auf dir landen und sich in dich hineinbohren. Vor, zurück. Danach bist du erst recht nicht weiß. Du bist rot. Befriedigt, wie nach einer ganzen Tafel Schokolade. Da war Genuss, aber da ist auch Reue. Du bist rot oder sogar das nasse Rot. Manchmal landet etwas anderes Nasses auf dir. Dort wo ich dich nicht sehen kann, weil du zu nah an meinen Augen bist.

Wenn ich nur etwas, nur eine einzige Sache ändern könnte, dann wärst das du. Dich würde ich ändern. Weil du viele Baustellen bist und sich jede davon wie die Sagrada Familia anfühlt. Weil du mich lautlos anschreist und ich nichts höre. Du reizt mich. Beißend deine Worte. Rot dein Ausdruck. Eitrig, wenn ich dich ausdrücke. Ich pikse dich mit Nadeln, kratze mit Nägeln. Er sagt Nicht! Hält meine Hände. Wahnsinnig ist das! Aber ich kann ja nicht aus der Haut fahren. Ich verletze dich. Und du mich. Du hast angefangen! Woher kommt deine Wut? Ich schlafe mit Samthandschuhen. Verdammt. Jede Tube heißt ‚extrem empfindlich‘. Ich springe selbst bei 30 Grad nicht in Pools. Ich weiß, dass du Tomaten, Seife und Abwasch nicht magst. Versteh mich nicht falsch, wenn ich mich an jede Millisekunde Dankbarkeit klammere, auch wenn sie dir weh tut.

Du trägst meine Farbe. Du trägst mich. Erträgst mich. Ich streiche sanft über Schleifpapier. Wir werden uns haben bis Würmer dich fressen oder Feuer dich fängt.

 

Text veröffentlich in Literaturzeitschrift &Radieschen  #53 „Haut & Haar“

Schreibimpuls ‚the big simple‘: Geld

Zu Beginn der 2. Staffel unserer Serie ‚the big simple‘, habe ich mir vorgenommen, jedes Thema als Schreibimpuls für mich zu nutzen und darüber einen Post zu verfassen. Der 2-Wochen-Rhythmus, in welchem wir die Folgen produzieren mussten, hat letztendlich dafür jedoch wenig Zeit gelassen, weshalb ich das nachholen möchte. Beginnen wir gleich mit dem ersten Thema: Geld.

Ein Twinni oder 100 Euro? Wofür würdest du dich entscheiden? Wenn du dich nicht gerade bei 40 Grad kurz vor dem Verdursten in der Wüste befindest, dann gehe ich davon aus, dass es Letzteres ist. Marinos Neffe wollte das Twinni, obwohl er nicht in der Wüste war. Und nicht kurz vor dem Verdursten. Marinos Neffe ist 4 und glaubt ans Christkind, an den Nikolaus, an den Osterhasen, aber nicht an Geld. In 10 Jahren wird er nicht mehr ans Christkind glauben, nicht an den Nikolaus, nicht an den Osterhasen. Aber er wird daran glauben, dass ihm ein Papierschein mit der Zahl ‚100‘ mehr bringt als ein Twinni. Ich verwende bewusst das Wort ‚glauben‘. Beim Geld gibt es zwar etwas Materielles, etwas das wir in der Hand halten können. Aber dass es die Funktion hat, die wir ihm beimessen, ergibt sich ausschließlich aus dem Umstand, dass wir daran auch glauben. Nicht nur ich und du und Marinos Neffe irgendwann. Nein, die ganze Welt glaubt daran. Bis auf das Urvolk der ‚North Sentinel Island‘. Ein Glaube, der stärker zu sein scheint, als jeder andere Glaube. Denn aus dem Glauben an Gott, kann man problemlos aussteigen. Nicht mehr an Geld zu glauben, ist ohne gröbere Konsequenzen kaum möglich. Die Welt in der wir leben würde dich auf jeden Fall dafür bestrafen. Geld weist somit tatsächlich sogar parallelen zur Sekte auf. Aber was ist die Alternative? Es hat ja einen Grund, warum es Geld gibt. Es macht ja schon Sinn, dass man eine Lösung dafür gefunden hat, wie man bestimmte Güter aufteilt, wie man unterschiedliche Expertisen belohnt.

Geld ist nicht einfach nur Geld. Versuch einmal bei all deinen Überlegungen die Komponente ‚Geld‘ wegzulassen. „Wenn Geld keine Rolle spielen würde,…“ ist ein häufiges Gedankenexperiment, eben weil Geld fast immer eine Rolle spielt. Geld beeinflusst die Entscheidung, welchen Beruf du ausübst. Also das, was du jeden Tag machst. Und es wird noch dazu in Form von Geld bewertet wie viel eine Stunde Arbeit von dir wert ist. Bei manchen ist sie 6€ wert und bei Messi 1,5 Millionen. Es kann nie gerecht sein. Aber muss es so unfair sein?
Kein Geld zu haben, kann verdammt unglücklich machen. Und krank. Viel Geld zu haben macht aber laut Studien nur bis zu einem bestimmten Punkt glücklicher. Ab ca. 80.000€ Brutto Jahreseinkommen, steigt die Zufriedenheit nicht mehr signifikant weiter an. Weil sich für luxuriöse Lebensumstände auch recht schnell ein Gewöhnungseffekt einstellt.

Was ist Geld für mich? Ob ich es will oder nicht, führe ich insgeheim -wie jede(r) andere- eine Langzeitbeziehung mit Geld. Und irgendwie, irgendwo muss man für sich auch definieren wie wichtig einem dieses ist, welchen Stellenwert und welchen Platz man ihm einräumt. Geld war mir nie wichtiger als Freiheit. Nie wichtiger als Zufriedenheit. Trotzdem ertappe auch ich mich immer wieder dabei, wie ich mir vorstelle was alles besser wäre mit mehr Geld. Mit ganz, ganz viel Geld. Weil Geld ja auch eine Form von Freiheit ist, wobei der Weg dorthin halt nicht immer so frei ist.
Aber auch wenn auf dem Papier Geld der Auslöser für vieles Schlechte zu sein scheint, bin ich nicht der Meinung, dass Geld böse ist. Das Geld ist nicht das Problem. Die Menschen sind es. Wie sie damit umgehen und wie sie es nicht mehr als Mittel zum Zweck sehen, sondern als Möglichkeit sich zu identifizieren, zu präsentieren. Etwas von dem sie so viel wie möglich und vor allem mehr als alle anderen haben müssen. Ohne Rücksicht auf Verluste. Sogar wenn die Welt brennt.
Ich frage mich oft, wofür dieses Geld eigentlich steht? Warum es einem Unternehmen und dem Menschen der an dessen Spitze steht wichtiger ist Profit zu machen, als alles andere. Wichtiger als Menschen, wichtiger als die Grundlage seiner Existenz. Die Luft zum Atmen. Es ist nicht das Geld. Es muss das Ego sein und das Nichtaktzeptierenwollen der Tatsache, dass man selbst nur ein Mensch von vielen ist, gleich wichtig wie jede(r) andere, der/die irgendwann einmal stirbt. Vielleicht hilft ihnen Geld sich darüber hinwegzutrösten. Oder sie reden es sich zumindest ein.

Auf dem 1-Dollar-Schein steht „In God we trust“, was ich ironisch finde, weil ‚money‘ an der Stelle von ‚God‘ viel passender wäre.

 

Hier könnt ihr euch die Folge „Geld“ unserer Serie „the big simple“ kostenlos anschauen.

 

Schmerzmittel

Mein gelbes Shirt ist die Boje, die in einem Meer aus Nebel leuchtet. Ich müsste gleich da sein. Ein Anstieg noch. Kein Mensch weit und breit. Ich wollte alleine sein. Mich ein bisschen quälen. Habe immer schon daran geglaubt, dass man etwas nur neu aufbauen kann, wenn man es zuerst zerbricht. Ich muss mich zerbrechen. Aufbrechen. Deshalb bin ich aufgebrochen. 300km. Alleine. Ich war schon lange nicht mehr alleine.

Jetzt zerbreche ich. Auf diesem Weg, den sie Camino nennen. Meine Komfortzone liegt unter der Decke im Bett und zeigt mit dem Finger auf mich. Sie hat es mir gesagt und ich wollte nicht hören. Meine Füße sind taub und schmerzen zugleich. Entzündungen. Tagelang ignoriert. Ibuprofen. Geht schon. Tränen sind zwar leise, aber sie fühlen sich laut an. Ich wollte ja alleine sein …

Alleine sein wird totgeschwiegen. Vielleicht weil wir im Tod alleine sind. Deshalb im Leben so viel wie möglich umringt. Von Menschen. Das ist schön. Am allermeisten aber von Dingen und dann noch von Geräuschen und Apps und Nachrichten und allem. Ich lasse oft den Fernseher rennen. Ein sicheres Gefühl. Da ist noch jemand, auch wenn da niemand ist. Genauso der Blick aufs Handy. Da ist noch jemand, auch wenn da niemand ist. Lichter und Farben und Floskeln und Erlebnisse von anderen. Umringt. Umschlungen. Ich habe mich schon oft vergessen. Manchmal für Stunden. Manchmal für Tage. Ich finde mich nur in der Stille und obwohl ich das weiß, suche ich mich dort selten.

Ich spüre nichts mehr und gleichzeitig alles. Taub und Schmerz. Mein Körper ist schnell und die Gedanken sind es auch. Aber mit dem Gefühl komme ich nicht hinterher. Ich kann nur Revue genießen. Kann nicht so schnell fühlen, wie ich lebe. Nicht so schnell verdauen, wie Leben zerkaut wird.

Der Regen, die Tränen, ein schmaler Weg. Links geht es bergab und rechts stehen Büsche. Ich wollte mich selbst finden, ohne es so zu benennen. Ohne zu suchen. Im Gehen. Ein Fuß vor den anderen. Weil man nur so vorankommt. Was ich gefunden habe ist die Einsicht, dass man am Ziel eh nur steht und sich gut fühlt, weil man zuerst einmal lange gegangen ist. Man steht oder sitzt und denkt an den Weg zurück. Wie gut er war. Und schön. Und manchmal vielleicht schwer. Man kann das Ziel niemals so sehr lieben wie den Weg. Weshalb ich ihn wirklich nicht verpassen möchte.

Ich bin zu schnell gegangen. Taube Füße. Kein Gefühl. Entzündungen.

Ibuprofen ist wie Dinge, Geräusche, Lichter, Fernseher, Handy, Floskeln und Erlebnisse von anderen. Die Wirkung hält nicht lange.