Posts in meine Worte

Journal: Alles ist jetzt

Die Tage sind wie Kaugummi, der schon zu lange im Mund war. Geschmacklos, zäh. Ich kann lange Fäden ziehen, die irgendwann reißen und mir das Kinn verkleben. Aber die Tage sind nicht nur Kaugummi. Sie sind auch Wasser. Sie fließen. Und das Einzige was wir tun können, ist uns treiben zu lassen.

Es war nie anders. Es wäre eine Illusion zu glauben, damals hätte es gestern und morgen gegeben. Eine Illusion zu glauben, es hätte tausende Orte gegeben, an denen du sein hättest können. Es gab schon immer nur jetzt und hier.

Mein Kalender ist leergefegt. Ein paar Termine liegen noch wie einzelne Staubkörner herum. Aber nur, weil sie noch nicht offiziell eingesaugt wurden. Ich stehe morgens auf und weiß, ich muss heute nirgends sein. Ich habe nicht „mehr Zeit“ -wie das alle sagen. Ich habe gleich viel Zeit wie immer, ich kann nur Prioritäten neu ordnen. Kann vierundzwanzig Stunden frisch anstreichen. Das ist auch nichts Neues. Es war nie anders. Es lag immer schon an mir, meine Lebenszeit für mich bedeutungsvoll zu leben.

Mir ist nicht langweilig. Mir war seit meiner Kindheit nicht mehr langweilig. Es stapeln sich Listen mit Dingen, die ich tun sollte und trotzdem fühlt sich alles an wie Aufatmen. Ich kann aufatmen, ausatmen. Weil die ganze Welt steht und ich sie so vielleicht endlich einholen kann. Weil ich nirgends sein muss. Nirgends hinrennen muss. Weil ich nirgends sein darf und das kann auch eine Erleichterung sein. Ich liebe meine Freiheit, aber zwischendurch ist es tatsächlich angenehm, keine Wahl zu haben, weil die Entscheidung dann immer auf das Jetzt fällt.

Die Tage sind Wasser. Sie fließen. Ich merke wie ich mehr fließe. Ich habe nicht mehr oder weniger Zeit. Ich habe nicht mehr oder weniger Leben. Es wird alles anders, aber das war nie neu. Es ist schon immer alles anders geworden und so wird es auch immer sein.

Es war nie anders. Ich musste noch nie überall gleichzeitig sein. Ich musste noch nie jemandem zeigen, was ich alles tun kann. Ich habe mich bisher bewusst dafür entschieden und die Welt wie sie jetzt ist, hat mir gezeigt, dass es auch anders geht.

Ich darf in meinem Rhythmus atmen, ich darf langsam sein, ich darf fließen.

Alles wird gut. Alles war gut. Meistens sind wir im Wird oder War. Beim Morgen oder beim Gestern. Aber es IST alles gut, weil alles jetzt ist.

Text veröffentlicht in Flow Magazin Ausgabe #50

Extrem empfindlich

Wenn ich in dich hineinsteche wird es rot. Nicht gleich. Wenn ich tief hineinsteche aber. Wir kennen uns lange, immer anders. Ich sehe deine Haare nur, wenn ich sie vor das Licht halte. Wenn ich sie berühre, spüre ich sie nicht. Du bist das, was man weiß nennt, aber weiß bist du nicht. Hell. Aber weiß? Du bist eine Mischung aus beige und rosa und ja okay, ein bisschen weiß und an einigen Stellen rot und braune Punkte hast du auch. Zu sagen du wärest weiß ist Wortfaulheit. Für Wände gibt es verschwenderisch viele Nuancen. Eierschalengelb und Vergissmeinnichtblau und all das. Für dich gibt es Schubladen mit Stempeln. Du trägst meine Farbe.

Deine Oberfläche ist Schleifpapier und Brennnessel. Manchmal hält er meine Hände ganz fest. Und ich sage er muss sie loslassen. Meine Arme sind schwächer. Dann werde ich böse, damit er mich lässt. Nur kurz, sage ich. Dann kratze ich dich. Kurz. Noch ein bisschen länger. Weil es zu kurz war. Du bist für Millisekunden dankbar. Dann fliegt die Zufriedenheit zwischen zwei Kratzbewegungen davon und kommt erst wieder, wenn meine Nägel auf dir landen und sich in dich hineinbohren. Vor, zurück. Danach bist du erst recht nicht weiß. Du bist rot. Befriedigt, wie nach einer ganzen Tafel Schokolade. Da war Genuss, aber da ist auch Reue. Du bist rot oder sogar das nasse Rot. Manchmal landet etwas anderes Nasses auf dir. Dort wo ich dich nicht sehen kann, weil du zu nah an meinen Augen bist.

Wenn ich nur etwas, nur eine einzige Sache ändern könnte, dann wärst das du. Dich würde ich ändern. Weil du viele Baustellen bist und sich jede davon wie die Sagrada Familia anfühlt. Weil du mich lautlos anschreist und ich nichts höre. Du reizt mich. Beißend deine Worte. Rot dein Ausdruck. Eitrig, wenn ich dich ausdrücke. Ich pikse dich mit Nadeln, kratze mit Nägeln. Er sagt Nicht! Hält meine Hände. Wahnsinnig ist das! Aber ich kann ja nicht aus der Haut fahren. Ich verletze dich. Und du mich. Du hast angefangen! Woher kommt deine Wut? Ich schlafe mit Samthandschuhen. Verdammt. Jede Tube heißt ‚extrem empfindlich‘. Ich springe selbst bei 30 Grad nicht in Pools. Ich weiß, dass du Tomaten, Seife und Abwasch nicht magst. Versteh mich nicht falsch, wenn ich mich an jede Millisekunde Dankbarkeit klammere, auch wenn sie dir weh tut.

Du trägst meine Farbe. Du trägst mich. Erträgst mich. Ich streiche sanft über Schleifpapier. Wir werden uns haben bis Würmer dich fressen oder Feuer dich fängt.

Text veröffentlicht in Literaturzeitschrift &Radieschen  #53 „Haut & Haar“

Schmerzmittel

Mein gelbes Shirt ist die Boje, die in einem Meer aus Nebel leuchtet. Ich müsste gleich da sein. Ein Anstieg noch. Kein Mensch weit und breit. Ich wollte alleine sein. Mich ein bisschen quälen. Habe immer schon daran geglaubt, dass man etwas nur neu aufbauen kann, wenn man es zuerst zerbricht. Ich muss mich zerbrechen. Aufbrechen. Deshalb bin ich aufgebrochen. 300km. Alleine. Ich war schon lange nicht mehr alleine.

Jetzt zerbreche ich. Auf diesem Weg, den sie Camino nennen. Meine Komfortzone liegt unter der Decke im Bett und zeigt mit dem Finger auf mich. Sie hat es mir gesagt und ich wollte nicht hören. Meine Füße sind taub und schmerzen zugleich. Entzündungen. Tagelang ignoriert. Ibuprofen. Geht schon. Tränen sind zwar leise, aber sie fühlen sich laut an. Ich wollte ja alleine sein …

Alleine sein wird totgeschwiegen. Vielleicht weil wir im Tod alleine sind. Deshalb im Leben so viel wie möglich umringt. Von Menschen. Das ist schön. Am allermeisten aber von Dingen und dann noch von Geräuschen und Apps und Nachrichten und allem. Ich lasse oft den Fernseher rennen. Ein sicheres Gefühl. Da ist noch jemand, auch wenn da niemand ist. Genauso der Blick aufs Handy. Da ist noch jemand, auch wenn da niemand ist. Lichter und Farben und Floskeln und Erlebnisse von anderen. Umringt. Umschlungen. Ich habe mich schon oft vergessen. Manchmal für Stunden. Manchmal für Tage. Ich finde mich nur in der Stille und obwohl ich das weiß, suche ich mich dort selten.

Ich spüre nichts mehr und gleichzeitig alles. Taub und Schmerz. Mein Körper ist schnell und die Gedanken sind es auch. Aber mit dem Gefühl komme ich nicht hinterher. Ich kann nur Revue genießen. Kann nicht so schnell fühlen, wie ich lebe. Nicht so schnell verdauen, wie Leben zerkaut wird.

Der Regen, die Tränen, ein schmaler Weg. Links geht es bergab und rechts stehen Büsche. Ich wollte mich selbst finden, ohne es so zu benennen. Ohne zu suchen. Im Gehen. Ein Fuß vor den anderen. Weil man nur so vorankommt. Was ich gefunden habe ist die Einsicht, dass man am Ziel eh nur steht und sich gut fühlt, weil man zuerst einmal lange gegangen ist. Man steht oder sitzt und denkt an den Weg zurück. Wie gut er war. Und schön. Und manchmal vielleicht schwer. Man kann das Ziel niemals so sehr lieben wie den Weg. Weshalb ich ihn wirklich nicht verpassen möchte.

Ich bin zu schnell gegangen. Taube Füße. Kein Gefühl. Entzündungen.

Ibuprofen ist wie Dinge, Geräusche, Lichter, Fernseher, Handy, Floskeln und Erlebnisse von anderen. Die Wirkung hält nicht lange.

100 Namen

Ich tippe „Sudan“ in Ecosia ein. Ecosia, weil ich lieber Bäume pflanze, als den Google-MitarbeiterInnen neue Sitzbälle zu finanzieren. Sudan, weil ich nicht weiß, wo das Land genau liegt. Es muss in Afrika sein, aber weiter reicht mein Geografie-Wissen nicht. Ich schlürfe Milchschaum. Ein wenig zu heiß ist er noch, mein Cappuccino. Ich stelle ihn wieder ab. Drücke Enter. Da ist es. Unter Ägypten. Ich schaue wie weit das Land von Österreich entfernt ist. Schon ein Stück. Meine Schultern entspannen sich.
Der Kellner mit der schwarzen Fliege fragt mich, ob bei mir alles in Ordnung ist. Ich schaue noch einmal auf die Entfernung zum Sudan.
„Ja, alles in Ordnung“, sage ich.
„Aber … hätten Sie vielleicht eine Zeitung für mich?“
„Den Standard, den Kurier und die Zeit. Welche hätten Sie denn gerne?“
„Alle bitte.“
„Alle. In Ordnung.“
Er bringt mir den Standard, den Kurier und die Zeit. Ich suche nach Artikeln über den Sudan. Finde keine.
Ich tippe Sudan in Google ein. Nicht wegen den Sitzbällen, aber weil Google hinsichtlich News mit seiner „Schlagzeilen-Funktion“ doch übersichtlicher ist.
Als Notre Dame brannte, wusste ich innerhalb von 10 Minuten alles. Über die Kirche. Über den Brand. Über die Reaktionen von PolitikerInnen und Promis. Ich konnte im Minutentakt verfolgen, wie gut oder schlecht es dem Gebäude gerade ging. Natürlich erfuhr ich auch, wer von meinen Facebook-Freunden schon einmal in Paris war. Denn wenn das nicht der richtige Moment ist, um ein Notre-Dame-Touri-Foto anzubringen, wann dann?
Sudan. Ich drücke Enter. Es gibt Artikel, es gibt Videos. Wenige. Eindeutig nicht auf Kirchenbrand-Niveau. Hauptsächlich von internationalen Medien.
Dann suche ich nach Notre Dame. Aus Interesse. Zweieinhalb Monate nach dem Brand. Googles Schlagzeilen:
„Streit um Wiederaufbau“
„Die Probleme des Wiederaufbaus“
„War eine Zigarette schuld an dem verheerenden Brand?“
Verheerend. Synonym für desaströs, ruinös, tragisch, Verderben bringend, apokalyptisch und salopp gesagt: zum Kotzen. Eine Zigarette, die eine altehrwürdige Kirche zum Brennen bringt, das ist schade – ja. Ein bisschen traurig – das auch. Aber verheerend?
Verheerend ist es, wenn über 100 friedliche DemonstrantInnen getötet werden. Wenn Menschen auf offener Straße erschossen, verstümmelt, vergewaltigt und gefoltert werden. Wenn nicht einmal die Kinder vor schierer Gewalt sicher sind. Wenn auf dich geschossen wird, weil du die Ungerechtigkeiten mit deiner Handy-Kamera festhalten möchtest. Wenn das Internet lahmgelegt wird, um die Leisen stumm zu machen und den Lauten zu erlauben, noch lauter zu werden. Nichts darf nach außen dringen. Aber es ist durchgedrungen. Auch bis zu mir und meinem heißen Cappuccino, knapp 4.000 Kilometer entfernt. Zu mir auf mein iPhone. Kann ich jetzt noch so tun, als würde es mich nicht interessieren? Als wäre in China ein Sack Reis umgefallen oder in Frankreich eine Zigarette auf den Boden?
Zum Kotzen.

Der weißhaarige Mann am Tisch neben mir lehnt sich in meine Richtung.
„Brauchen Sie die Zeitungen alle noch?“
Ich schaue weiter auf mein Handy.
„Nein. Die können Sie gerne haben“, murmle ich.
„Was haben Sie denn gesucht?“
„Den Sudan.“ Ich schaue ihn an. Dunkle Augenringe.
„Da werden Sie eher auf einer Landkarte fündig!“
Er nimmt sich den Kurier.
„Da haben Sie leider recht.“
„Na warum denn leider?“
„Haben Sie nicht gehört, was da los ist?“
„Wo?“
„Im Sudan!“
„Na! Nix habe ich gehört!“
Er schlägt den Kurier auf.
„Da haben wir das ‚leider‘“, nuschle ich.
„Es interessiert mich aber auch nicht, ehrlich gesagt.“
Er hebt sein Kinn. Blättert.
„Das Militär schießt wahllos Leute nieder, Kinder werden vergewaltigt …“
„Es wird schon alles seinen Grund haben“, unterbricht er mich. „Ich würde sagen wir haben unsere eigenen Probleme.“
Die Augenringe verschwinden hinter Zeitungspapier.

Wir haben unsere eigenen Probleme. Ich frage mich, wer „wir“ ist. Wie weit dieses „Wir“ reicht. Mein Hund und ich? Meine Familie und ich? Reicht „wir“ bis an die Grundstücksgrenzen? Bis an die Landesgrenzen?
Oder sind es wir Menschen? Und wenn ja, sind dann wir, der Herr mit seinem doppelten Espresso und ich mit meinem Cappuccino, nicht auch der Sudan? Und wenn wir der Sudan sind, dann ist das was dort gerade passiert doch genau unser Problem. Unser großes Problem.

Omar al-Bashirs Regime wurde gestürzt. Ich suche seinen Wikipedia-Eintrag. Seit 1989 regierte er. Das sind verdammte 30 Jahre. Als ich geboren wurde, war er bereits an der Macht. Die DemonstrantInnen, das sind hauptsächlich junge Menschen, schreibt eine der wenigen Internetquellen, die ich finde. Junge Menschen, die sich seit Monaten versammelt hatten, um friedlich für ihre Freiheit zu kämpfen. Nein, kämpfen ist das falsche Wort. Sie haben gesungen, gemalt, zusammen gegessen. Die Freiheit wurde gefeiert. Sie wollten sie sich nicht erkämpfen. Sie wollten ihr friedlich entgegenfeiern.
In einem Video sagt ein Mann, er hätte den Tod in all seinen Facetten gesehen. Er zeigt sein Gesicht nicht. Seine Stimme bricht. Langsam wische ich mir eine Träne unter meiner Brille weg. Ich habe den Tod noch nie gesehen. Geschweige denn Facetten davon.

„Wir sind der Sudan“ denke ich mir. Ich spüre Gänsehaut.
„Na also soweit kommt’s noch“, sagt der Mann neben mir.
Ich muss es wohl zu laut gedacht haben.
„Wir sind ja nicht schwarz.“
Ich schaue auf meinen Unterarm, der so weiß ist wie die Milch in der Tasse vor mir. Bevor sie den Kaffee berührt hat, natürlich.
Im Sommer werde ich jeden zweiten Tag von jedem dritten Menschen gefragt, warum ich nicht braun bin. Ob ich denn nie in die Sonne gehe. Am liebsten würde ich sagen: „Ich bin halt so geboren, verdammt.“ Und noch ein paar belehrende Worte darüber, wie schädlich das Sonnenbaden als Extremsport ist und dass meine Haut ein halbes Jahr durchgehend Bestrahlung bräuchte, um irgendwann einen anderen Farbton anzunehmen. Meistens lächle ich aber nur. Denke mir den Rest.
Menschen sind schon komisch. Wehe dir, du bist zu dunkel, weil du aus Afghanistan oder der Türkei kommst. Aber wehe dir, du bist im Sommer zu hell, wenn du aus Österreich kommst.
Ich werde nicht braun, bin also erst recht nicht schwarz. Diesbezüglich hat er recht, der Mann.

Ich denke an meine Kindheit. Als ich einmal der Balthasar der „Heiligen Drei Königen“ war. In der Garderobe ist eine Frau zu mir hergekommen und hat mein Gesicht ungefragt schwarz angemalt. Nachdem wir in gefühlt 100 Wohnungen gesungen hatten, nahm ich den Bus nach Hause. In der hintersten Reihe saßen drei meiner Klassenkameraden. Sie tuschelten, zeigten auf mich und lachten.
„Was ist denn mit euch?“, habe ich sie gefragt.
„Du bist schwarz!“, hat einer gerufen und sofort wieder losgeprustet.
Ich hatte nicht mehr daran gedacht. Ich hatte keine Ahnung, dass ich schwarz war. Weil ich mich logischerweise nicht anders gefühlt habe. Nicht anders verhalten habe. Ich war noch derselbe Mensch.
„Und du bist weiß!“, habe ich damals geschrien und bin bei der nächsten Station ausgestiegen.

Wir sind ja nicht schwarz.
„Aber wir sind die gleichen Menschen!“, erwidere ich ca. fünf Minuten zu spät. Der alte Mann reagiert nicht. Ist vertieft in seine Lektüre.
Ich bin nicht schwarz, aber wenn ich mich schwarz anmale, bin ich schwarz und bin trotzdem noch ich. Also finde ich, dass das Argument „Wir sind ja nicht schwarz“ nicht nur nicht zählt, sondern kein Argument ist.
„Wir sind der Sudan“, sage ich noch einmal. Bewusst laut.
Der Mann grunzt und schüttelt den Kopf.

Ich möchte mehr wissen, informiert sein. Aber „Live Ticker Sudan“ spuckt in der Suchmaschine nur „Fußball: Sudan“ aus. Die Live-Ticker und Live-Streams vom Brand in Notre Dame sind immer noch aufrufbar. Sogar auf meinbezirk.at.
Aber was interessiert uns schon das Geschehen im Sudan? Die Hintergründe, die Entwicklungen. Das Wie und das Warum. Wir könnten im schlimmsten Fall ja daraus lernen. Nämlich warum unsere Demokratie so heilig ist und die Freiheit zerbrechlicher als ein rohes Ei. Wer will das schon.

Instagram. Hashtag #SudanUprising. Die Menschen sind aktiver als die Medien. Betroffene, Angehörige und solche wie ich, die dem Ganzen nicht einfach die kalte Schulter zeigen wollen. Können. Auch wenn es weit weg ist. Auch wenn wir nicht schwarz sind. Raise Awareness heißt es überall. Wenn es die Medien schon nicht ausreichend machen, dann wir! Ich teile einen Post.
Blau sind viele Profilbilder auf Instagram. Blau war angeblich die Lieblingsfarbe des 26-jährigen Mannes Mohamed Mattar. Einer der friedlichen Demonstranten. Der niedergeschossen wurde, weil er versuchte zwei Frauen zu beschützen. Mein Profilbild blau färben. Das ist das Mindeste, das ich tun kann. In diesem Moment. Hier. In diesem Café. Mit meinem Cappuccino, den ich kalt werden habe lassen.

Da stehen sie. Unter einem Instagram-Post. 100 Namen. In Klammern daneben die Lebensjahre. Da stehen 100 Namen von 100 toten Menschen. Menschen, die starben, weil sie der Freiheit entgegenfeierten. Der Jüngste war sechs Jahre.
100 Namen.
Wenn ich ganz schnell mit zwei Fingern auf und ab scrolle, verschwimmen sie immer mehr. Immer mehr. Bis ich sie nicht mehr sehe. Bis es keine Namen mehr sind. Keine Namen, keine Toten.

Ich winke dem Kellner.
„Noch einen Cappuccino, bitte.“

Warum ich ab sofort schlechte Texte schreiben werde

Ich schreibe nicht.
Und ich habe gute Ausreden dafür. Ja, wirklich. Ich kann nicht schreiben, wenn noch jemand im selben Raum sitzt. Wenn es zu laut ist, die To-do-Listen zu lang sind, meine Stimmung nicht gut ist, der Raum zu warm, der Sitz zu unbequem, die Neurodermitis zu stark juckt, ich zu müde bin, es zu spät ist,…

Ich schreibe nicht. Und auch wenn das alles ganz fantastische Ausreden sind, so sind sie nicht der entscheidende Grund, warum ich nicht schreibe.
Ich schreibe nicht. Weil in meinem Kopf eine Wächterin sitzt, die mir zu verstehen gibt, dass ich nur schreiben soll, wenn ich gut schreibe. Das Problem ist, dass ebendiese Wächterin diesbezüglich sehr streng ist. Was gut ist. Was schlecht ist. Zufrieden ist sie nie. Naja, manchmal vielleicht. Für fünf Minuten. Aber bei genauerem Betrachten dann doch wieder nicht. Verdammt frustrierend, wenn man doch eigentlich schreiben will. Viel schreiben will, gut schreiben will, erfolgreich schreiben will. Oh, genau da liegt ja der Fehler. Solange ich gut schreiben will, werde ich gar nicht schreiben. Das ist mir inzwischen klar. Solange ich erfolgreich schreiben will -was auch immer das sein soll- werde ich erst recht nicht schreiben. Minus schreiben quasi.

Schreiben an sich ist ja einfach. Man setzt einen Buchstaben nach dem anderen auf eine weiße Fläche. Es tippt sich so leicht. Aber ich habe über die Jahre hinweg das Schreiben zu etwas gemacht, was mich einschüchtert. Zu etwas Großem. Etwas, das ich mir zuerst verdienen muss. Etwas, das manche haben und ich nicht. Ein komplett falscher Ansatz. Ich behalte Ideen in meinem Kopf. Schreibe in meinem Kopf. Bin Schreiberin in meinem Kopf. Und wenn es dann darauf ankommt. Wenn ich die Tastatur vor mir sehe, dann sehe ich keine Buchstaben mehr. Sondern Hürden. Dann blockiert mein ganzer Körper und es geht nicht. Nein, ich kann keine Buchstaben aneinanderreihen. Und wenn ich das so sage, so schreibe, merke ich wie lächerlich das ist.
Meine Selbstzweifel langweilen mich. Sie sind ausgelutscht, wenig originell und keiner hat etwas davon. Ich muss eine Entscheidung treffen. Ich kann entweder schlechte Texte schreiben. Und dafür schreiben. Oder einfach gar keine Texte mehr schreiben.

Wenn ich mich selbst vor diese Entscheidung stelle, dann merke ich, dass es sowieso nur eine Antwort gibt. Ich meine, ich könnte mich schon noch ein bisschen weiter in Selbstmitleid suhlen. Ich könnte mir schon noch ein bisschen länger vorstellen, wie einfach es doch wäre meinen größten Traum aufzugeben. Ich kann mir schon noch ein bisschen einreden, dass ich das doch sowieso gar nicht will. Weil ich doch eh nie weiß was ich will. Aber ich könnte auch einfach einmal ehrlich sein. Könnte mir eingestehen, dass es schon einen Grund hat, warum ich andere so sehr dafür bewundere, wenn sie von einer Lesung zur anderen reisen. Wenn sie mir mit ihren eigenen Büchern in der Hand auf Instagram entgegen strahlen. Dass es schon einen Grund hat, wenn es sich ein bisschen wie Verliebtsein anfühlt, wenn ich einen Text schreibe und die passenden Wörter finde.

Darum ist die Entscheidung eh klar. Ich werde schlechte Texte schreiben. Ich werde so viele schlechte Texte schreiben wie notwendig sind. 100, 1000, ganz egal. Jedes Mal, wenn die Tastatur zu Hürden wird, die Wächterin im Kopf zu mir spricht und mein ganzer Körper blockiert kann ich dann sagen: „Chill, ich will eh nichts Gutes schreiben. Ich schreibe jetzt einen schlechten Text.“ Und dann werden sich hoffentlich alle beruhigen und mich einfach schreiben lassen. Schlecht schreiben. Aber schreiben.

Denn meine Selbstzweifel langweiligen mich und so sehr ich mir immer wieder sage „Du hast es ja eh schon versucht, aber es klappt halt nicht.“, weiß ich, dass das eine Lüge ist. Ich habe bei Weitem noch nicht alles versucht, um dort hinzukommen, wo ich sein möchte. Um am Ende die zu sein, die von einer Lesung zur anderen reist und ihr eigenes Buch anstrahlt, als wäre es ein Vollmilch-Schoko-Donut.

Aber das soll vorerst gar nicht das Ziel sein. Schreiben darf für mich nichts Großes sein. Nichts das andere haben und ich nicht. Ich habe es. Ja, ich kann tatsächlich tippen.
Vorerst schreibe ich also. Schlechte Texte. Schlechte Sätze, schlechte Wörter. Am besten jeden Tag. Und dann werde ich sehen, wohin mich das bringt.

VA

Belvedere

Konrad wohnt in der lebenswertesten Stadt der Welt und weiß ganz genau wie viele Schritte es von seiner Altbau-Wohnung im 4. Bezirk bis zur Parkbank beim Schloss sind. Konrad weiß ganz genau welche Abstufungen von Grau und Blau der Wiener Himmel kennt. Ungewohnt blau ist er aktuell, der Wiener Himmel. Mit kitschig türkisen Nuancen, die sich unauffällig in das Farbenspiel mischen.
Auf seiner Parkbank sitzend liest Konrad die heutige Gratiszeitung. So aufmerksam wie man sonst höchstens die AGB liest. Nicht einmal auf Seite 4 ist er, als sich ein junger Mann neben ihn auf die Bank setzt. Ohne zu fragen. Auf seine Parkbank.
Konrad hat graue Haare, die eher weiß sind. Aslan hat dunkles Haar, welches Konrad zu schwarz ist. Auf die Parkbank ein paar Meter weiter hatten Vögel geschissen, darum hat sich Aslan zu Konrad gesetzt. Er streckt seine Beine aus. Vergräbt die Hände in seiner Jackentasche. Schließt die Augen und lässt die Sonne seine Lider wärmen. Konrad sieht ihn sich eine Millisekunde aus dem hintersten Augenwinkel aus an. Dann beschäftigt er sich weiter intensiv mit seiner Lektüre. Er blättert mit Audio-Kommentar.

„Alles nehmen’s uns weg. Man liest‘s ja immer wieder.“
Konrad murmelt in seinen nicht vorhandenen Bart. Die Falten seiner Stirn graben sich ein wenig tiefer in seine Haut. Viele Falten hat er. Auf der Stirn. Zwischen den Augen. Nur ganz zarte Linien sieht man um die Mundwinkel.
„Nehmen, nehmen, nehmen. Herkommen, da in unser gemachtes Nest. Und dann alles nehmen. So haben die sich das vorgestellt. Diese Leut von irgendwo. Wo sie halt alle her sind. Immer wieder liest man‘s. Schwarz auf Weiß. Ich mein ich erfind‘ das ja nicht.“
Konrad schnaubt. Konrads Hände krallen sich in den Boulevard-Journalismus. In seinen Augen spiegeln sich Schlagzeilen. Schwarz auf Blau.

Aslan sitzt auf Konrads Parkbank. Die Hände in der Jackentasche. Die Beine ausgestreckt. Geschlossene Augen, Wärme auf den Lidern.
„Unfreundlich sind’s dann auch noch. So richtig arrogant. Undankbar. Aber kein Wunder. Da wo die herkommen kennen’s halt keinen Anstand.“
Konrads Lippen verkrampfen. Konrad spuckt, während er spricht. Seine Worte werden lauter.
„Das Schlimmste ist aber, dass die alle unsere Fraun‘ belästigen. Da, man liest’s ja überall. Die wissen nicht wie man mit einer Frau anständig umgeht. Mit unseren Fraun‘.“
Konrad fährt die Ellbogen Richtung Aslan aus. Millimeter für Millimeter. Berühren will er ihn nicht. Aber er soll ruhig spüren, wem diese Parkbank schon seit Jahrzehnten gehört.
„Keinen Platz haben wir für die! Wir sind ja nicht die Mutter Theresa unter den Ländern. Und eine Abstellkammer sind wir auch keine!“
Konrad stampft mit seinem Fuß auf. Grunzt. Er rückt ein wenig weiter nach rechts.

Konrad blättert zur nächsten Seite. Hebt das Kinn und schaut durch sein unsichtbares Monokel. Menschen in Abendkleidern und Anzügen lächeln ihm mit gebleichten Zähnen entgegen. Er grinst zurück.
„Na da schau an. Da haben’s wieder mal einen netten Ball gefeiert. In der Hofburg. Da! Ja, da sieht man mal was Anstand ist. Da könnten die sich eine Scheibe abschneiden.“
Bis über beide Ohren. Ja wirklich beide, strahlt der Bundeskanzler. Die Champagnerflasche in der rechten Hand. Die Fliege sitzt am rechten Ort. Ganz adrett.
„Gentlemen sind das!“
Konrad nickt ein paar Mal. Das Nicken hält bis zur nächsten Seite und wird zum Kopfschütteln.
„Und dann sowas von unseren Steuergeldern! Wird denen da das Essen geschenkt! Ich glaub‘s ja nicht. Und wieder diese Gutmenschen. Sollen’s doch gemeinsam mit dem Pack dahin wo die herkommen. Keine Ahnung woher. Aber da sollen’s hin. Die Depperten und die Gutmenschen. Wofür brauchen wir die guten Menschen da?“
Konrads Nasenflügel flattern, die Lippen verkrampfen, die Falten werden tiefer. Konrad spuckt, während er spricht. Er hält die Tabloid-Zeitung, als wäre sie im Berliner-Format.
Die Ellbogen zittern schon. Aber Konrad bleibt stark. Seine Augen stur auf die größten Buchstaben gerichtet.
„Es reicht! Wir haben genug. Genug von denen!“
Konrads Hand landet auf einem bunten Bild.
„Wegen denen ist hier nichts mehr sicher! Die Frauen trauen sich ja nicht mehr auf die Straße!“

Auf der Wiese vor dem Schloss rennen kleine Kinder schreiend auf und ab. Eines pflückt eine Blume aus dem penibel gepflegten Garten. Obwohl da „Betreten verboten“ steht. Die Mütter sitzen auf einer Parkbank einige Meter entfernt und tratschen. Sie tragen Sonnenbrillen und lachen im Abstand von zwei Minuten schrill auf. Sie haben Frozen Yogurts mit drei Toppings in ihren Händen. Nehmen im Abstand von vier Minuten einen Bissen.

„Nichts ist mehr sicher! Verschwinden sollen’s endlich. Alle!“
Konrads Nasenflügel flattern, die Lippen verkrampfen, die Falten werden tiefer. Konrad spuckt, während er spricht. Er schlägt die Zeitung zu. Rammt dabei seinen rechten Ellbogen in Aslans Oberarm.
Konrad dreht sich zu Aslan. Seine Augen wandern von Aslans zu dunklen Haaren über seine Stirn. Zu seinen zu dunklen Augen, zu seiner zu großen Nase, zu seinen zu schmalen Lippen.
Aslan nimmt die Kopfhörer aus den Ohren.
„Entschuldigung, haben Sie mit mir gesprochen?“
Konrads Kopf ist ganz rot. Die Falten zwischen seinen Augen erinnern an den Grand Canyon.
Er sagt nichts.

„Schöne Aussicht, nicht wahr?“
Aslan lächelt. Macht mit dem Kopf eine Bewegung in Richtung Schloss Belvedere.
Konrad verharrt. Seine Augen weit aufgerissen. Er findet langsam seine Blässe wieder. Aber die Mundwinkel keinen Weg nach oben.
Er schaut kurz zum Schloss. Dann auf das Titelblatt der Zeitung auf seinem Schoß.

ASYL-KILLER (25) WURDE IN ANSTALT EINGEWIESEN
„Ja, ja. Schöne Aussicht“, sagt Konrad.