valeriannala
meine Worte

Cutting Corners

Ein Ruckeln, ein komisches Geräusch. Kurzer Schock und dann brachte sie das Auto zum Stillstand. Negative Gedanken ziehen wohl negative Ereignisse an wie Licht die Mücken. Anders konnte sie es sich nicht erklären. Wieso nacheinander Dinge passierten, die ihre „Alles geschieht aus einem Grund und macht irgendwie Sinn.“-Philosophie auf eine harte Probe stellten. Sie stieg aus und wollte es gar nicht erst wagen überhaupt einen Blick auf den Schaden zu werfen.
Hatte sie etwa eines dieser komischen Riesenvieher überfahren? Oder doch nur irgendwie den Randstein gerammt? Es klang auf jeden Fall nicht gut. Gar nicht gut. Sie hatte keine Ahnung was an der Unterseite eines Fahrzeuges so alles dran war. Dass manches davon ziemlich wichtig war, wusste jedoch selbst sie. Nur kein Loch. Nur keine Explosion. Dachte sie sich und warf vorsichtig und mit der Erwartung des Schlimmsten einen Blick unter das Auto.
Ein Stein. Jackpot. Ein großer, fetter, schwerer Stein. Und er klemmte natürlich genau so zwischen Boden und Auto, dass jede noch so kleine Bewegung in irgendeine Richtung eine schmerzhafte sein würde. Am liebsten hätte sie sich einfach mitten auf die Straße gelegt. Oder wäre weggerannt. Aber ein Auto kann man wohl nicht einfach so zurück lassen. Vor allem nicht mit Gepäck und Freund darin.
Der Stein war weniger ein Stein. Mehr ein Fels. Kein Fels in der Brandung. Eher ein Fels der Verzweiflung. ‚Ich kann nicht mehr vor und nicht mehr zurück.‘ Das Leben war manchmal ironisch. Ja fast schon zynisch. Und so standen zwei verzweifelte Menschen am Straßenrand. Nichts ahnend, dass sie von einem kleinen, alten Mann beobachtet wurden.

Noch nie antwortete sie auf die Frage ‚Do you need help?‘ so schnell und bestimmt mit einem klaren ‚YES!‘.
Die Situation war also doch noch nicht vollkommen aussichtslos. Der alte Mann machte ihr Hoffnung. Und während er versuchte bei den beiden Hilfe zur Selbsthilfe anzuwenden, sprach er doch tatsächlich von ‚life lesson‘. Leben. Ironie. Zynismus.

Ca. 15 Minuten später war er dann wieder frei. Der Fels der Verzweiflung. Und konnte aus dem Weg geräumt werden. Die Frau des alten Mannes war in der Zwischenzeit am Gartentor aufgetaucht und hatte die Situation mit einem Lächeln beobachtet.
Nachdem wieder alles an Ort und Stelle und die beiden abfahrbereit waren, winkten sie dem alten Paar zu, während die Frau noch durchs offene Fenster rief: „Never cut corners! Neither on the road, nor in life.“

Sie fuhr los. Die Anspannung fiel von ihr ab. Die Anspannung vieler Tage und wenn sie sich ehrlich war sogar vieler Wochen. Erleichterung. Ein Lächeln auf dem Mund und eine kleine Träne im Auge, die sie sich gerade noch verkneifen konnte. Die Träne der traurigen Freude.
Never cut corners. Leben. Ironie. Zynismus. Nein vielleicht war es kein Zynismus. Vielleicht einfach ein Geschenk. Ein kleiner Push. Das sagenumwobene Licht am Ende des Tunnels. Silver Lining.
Die alte Frau wird wohl nie erfahren, wie sehr sie diesen Satz in diesem Moment gebraucht hatte. Wie sehr er sie noch lange Zeit danach beschäftigte.

Keine Abkürzungen mehr. Die Ecken und Kanten so nehmen wie sie kommen. Sie nicht ignorieren. Keine Hindernisse mehr achtlos überfahren. Geduldig sein und innere Ruhe bewahren.

Sie fuhr die Straße entlang. Lange, breite Straße. Und spürte für einen kurzen Moment wie doch wirklich alles irgendwie Sinn machte.
Sie fuhr die Straße entlang. Lange, breite Straße. Keine Kurven, keine Ecken, die sie schneiden konnte. Und doch. Wenn die nächste kommen würde, schwor sie sich, war sie bereit sie zu nehmen.

VA
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2 Comments

  • Reply
    maribel skywalker
    23. Februar 2017 at 10:59

    • Valeria Anna
      Reply
      Valeria Anna
      26. Februar 2017 at 12:30

      <3 :)

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