valeriannala
meine Worte

Der Atem der Veränderung

Ich sitze auf meinem Stuhl, auf dem ich fast jeden Tag sitze. Auf dem Tisch vor mir liegen To-do-Listen. Ich habe sie inzwischen auf 2 Kalender aufgeteilt, damit ich noch irgendwie den Überblick bewahre. Es sind größtenteils nervige Kleinigkeiten, die ich schon ewig vor mir her schiebe. Erst vor kurzem habe ich es geschafft meine E-Mails bis 2008 zurück auszumisten. Was ich dort in den Tiefen meines Postfaches entdeckte, wollte ich gar nicht finden. Es ist ein interessantes Gefühl, dieses Fremdschämen für sich selbst.

Der Blick aus dem Fenster ist grau. Beton so weit das Auge reicht und das einzige Grün das ich sehe ist das Moos, dass sich durch die Ziegel auf dem kleinen Dach in unserem Innenhof kämpft. Es ist ganz gut darin. Im Kämpfen. Es erinnert mich an Wälder. An Oma und Uroma. An Weihnachten und an Krippen. Doch alles was ich sonst sehe, ist erdrückendes Grau. Und ich merke, wie vertraut dieser Anblick inzwischen geworden ist. Das hier war meine erste Wohnung in Wien und während andere bereits den 3. Umzug hinter sich haben, bin ich diesen 49 Quadratmetern im 5. Bezirk seit nun weit über 5 Jahren treu geblieben.
 
Manchmal kommen Veränderungen von heute auf morgen. Sie schleichen sich an, ohne dass man die leiseste Ahnung hat und stehen dann vor dir. Manchmal schlagen sie dir eiskalt ins Gesicht, manchmal überschütten sie dein Herz mit unerwarteter Freude. Das nennt man wohl Leben. Doch es gibt nicht nur die unvorhersehbaren Veränderungen, sondern auch jene, die sich genauso langsam anschleichen, aber einem trotzdem stets bewusst sind. Man schleicht praktisch mit. Man weiß was kommt, riecht den Duft von sich anbahnendem Neuen in der Luft, lebt mit dem Wissen, dass sich ein Ende naht, welches einen Anfang mit sich bringt.

Ich spüre es, diese auslaufende Ära. Ich spüre, dass ihre Zeit nun langsam abgelaufen, wenn nicht schon längst überfällig ist. Dass ein Umschwung im Gang ist. Unaufhaltsam. Diese Studienzeit, die ich zum einen so schnell es geht hinter mich bringen will und die zum anderen doch so bedeutsam für mich war, ist nicht mehr das womit ich mich identifizieren kann. Ich bin gewachsen. Darüber hinaus.
Mit dem Beginn der Studienzeit trafen die erste eigene Wohnung, der erste feste Freund und die Herausforderung, zum ersten Mal nicht zu wissen was man denn überhaupt tun will, zusammen. Eine Erfahrung, die wohl viele Studenten im 1. Semester machen. Eine neue Welt, ein neuer Weg, ein Lernprozess.

Vorarlberg war mir damals zu klein. Viel zu klein, um all das zu sehen und zu erleben wonach ich mich sehnte. Und je näher der Mastertitel rückt, desto mehr beschleicht mich das Gefühl, dass mir selbst Wien langsam zu klein wird.
Ich liebe Wien. Die Schönheit, die man an jeder Ecke sieht. Die vielseitigen Frühstücksmöglichkeiten, das Nachtleben, das kulturelle Angebot, die Stimmung in den Parks im Sommer und die unzähligen wunderschönen Gebäude. Aber jedes Mal, wenn ich auf Instagram scrolle und die vielen Bilder von all diesen wunderbaren, fremden Orten auf der Welt sehe, dann juckt es mich. Dann verspüre ich diesen Drang, diese Erkenntnis, dass es eindeutig noch mehr geben  muss, als mein Tisch voller To-do-Listen und der Ausblick auf die grauen Wände.
Ich war noch niemals in New York, ich war noch niemals auf Hawaii und im Moment fühlt sich meine Welt und der Gedanke an eine eintönige Zukunft sehr nach Bohnerwachs und Spießigkeit an.

Eine Veränderung schleicht sich an. Langsam, leise, und doch ganz bewusst wahrnehmbar. Und ich kann es kaum erwarten. Den Umschwung, das Aufbrechen, das Ausbrechen. Und auch wenn Ungewissheit oft Angst macht, weiß ich, dass ich diesem Kribbeln in meinem Bauch nachgehen muss. Dass ich das alte Kapitel gar nicht schnell genug lesen kann, weil ich wissen will wie es im nächsten weitergeht. Weil ich es kaum erwarten kann es selbst zu schreiben. Zu leben.

Ein bisschen bleibe ich noch sitzen. Hier auf meinem Suhl, den Blick aus dem Fenster, die To-dos im Nacken. Und während ich die verschiedenen Töne des Graus zähle, will ich das Moos sein.
Mich aus der Enge kämpfen und stärker sein als das was mich zurückhält.

VA

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11 Comments

  • Reply
    Yvonne
    8. März 2016 at 16:33

    Diese Gedanken und dieses Gefühl kann ich sehr gut nachvollziehen und genau so unterschreiben. Die Veränderung wartet schon. 🙂
    Liebe Grüße!

    • Valeria Anna
      Reply
      Valeria Anna
      11. März 2016 at 23:25

      Ich freu mich, dass du deine Veränderung leben kannst :)!

  • Reply
    Sanni | Sissi tanzt im Regen
    9. März 2016 at 13:45

    Schön, dass du dieses Gefühl hast. Ich spüre momentan auch wieder den Aufbruch in mir aber ganz leise und merke, dass ich wieder das Leben spüre. Ich muss selbst gar nicht viel erleben, keine anderen Städte bereisen, ich merke das sich in mir etwas tut und ich langsam ankomme.

  • Reply
    alice
    9. März 2016 at 14:09

    Toller Text , besonders der Schluss gefällt mir sehr 🙂

    Liebe Grüße
    Alice von frmlss.blogspot.com

  • Reply
    Ruhrstyle
    10. März 2016 at 9:28

    Ein sehr schön geschriebener Text und auch ein wenig traurig. Diese Traurigkeit die ich hinein interpretiere könnte aber auch durchaus einfach auf meine Einstellung beruhen denn ich bin der Meinung dass man seinem inneren Drang auch mal nachgeben sollte. Das Leben ist zu kurz um immer nur auf die beste Gelegenheit zu warten. Aber wie bereits geschrieben, dass ist eine Einstellungssache. Zum Thema To do Listen habe ich erst kürzlich einen Beitrag verfasst und vielleicht ist dieser ja interessant für dich.

    viele liebe Grüße
    Rebecca

    • Valeria Anna
      Reply
      Valeria Anna
      11. März 2016 at 23:27

      Ich bin auf jeden Fall ganz deiner Meinung! Nur leider ist es nicht immer so einfach wie man das gerne hätte. Aber man kann ja dazu lernen und irgendwann schafft man es dann immer öfter diesem Gefühl nachzugehen!

      Liebe Grüße!

  • Reply
    Modelirium
    13. März 2016 at 20:32

    ich weiß so sehr was du meinst! ich selbst wollte nachdem ich vier jahre lang in wien gelebt habe vor etwa 1,5 jahren mehr von der welt sehen. doch reisen macht süchtig und jetzt kann ich mir beim besten willen nicht mehr vorstellen, wieder einmal sesshaft zu werden. also überleg dir gut, was du machst 😉 LG Carina

    • Valeria Anna
      Reply
      Valeria Anna
      17. März 2016 at 18:15

      Haha, ja ich weiß eh – aber das ist es mir Wert ;)!

  • Reply
    Mia
    24. März 2016 at 18:46

    Sehr schöner nachdenklicher Text, nach grau Zeit kommt immer Sonne und dann freut man sich umso mehr.

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