valeriannala
meine Worte

Der Blick dahinter

 
Ein Mädchen. 
In der Straßenbahn.
Der Blick schweift hin und her.
Grad so, als versuche sie durch die Bewegung der Augen die Tränen daran zu hindern das Make-Up zu verschmieren.
Die Kapuze oben, obwohl es doch hier drinnen nicht regnet.
Draußen auch nicht mehr. 
Obwohl sie sehr hübsch ist, nichts zu verstecken hat. 
Der Mund leicht geöffnet, vielleicht fällt das Atmen durch die Nase schwer.
Kommt sie von der Uni und hat ihre wichtigste Prüfung versaut?
Kommt sie von ihrem Freund, der ihr mitgeteilt hat, dass er sie nicht mehr liebt?
Ist sie gerade einfach nur überfordert mit dem was in ihrem Leben passiert?
 
 
Eine Frau.
An der Kassa im Supermarkt.
Ich habe sie noch nie lächeln gesehen. 
Kein einziges Mal.
Sie hat den Mund auch irgendwie immer offen.
Vielleicht will sie die Luft in diesem Laden nicht mehr riechen.
Sie ist zu niemandem freundlich, das obligatorische „Danke“ bringt sie gerade noch so heraus.
Sie ist das genaue Gegenteil von meiner Lieblingskassiererin an der anderen Kassa.
 
Wir fühlen uns immer zu Menschen hingezogen, die glücklich sind.
Dabei würden es wahrscheinlich gerade die Anderen so viel mehr brauchen.
 
 
Diese eine Frau.
Bei der Studienservicestelle.
Immer wieder frage ich mich, wie man so furchtbar zickig sein kann.
Ein oder zwei Mal – okay. Aber jedes Mal – warum??
Ihr Job ist es Fragen zu beantworten, jede Frage scheint sie jedoch furchtbar zu nerven.
Zu ihr bin ich immer doppelt freundlich. 
Wenn ich dort bin strahle ich sie an, versuche ihr ein bisschen von meiner Fröhlichkeit abzugeben.
In der Hoffnung auf eine nette Antwort ihrerseits. 
Meist vergebens…
 
Vielleicht hat sie dumme Fragen satt und sehnt sich nach Antworten.
Vielleicht will sie schon lange weg von dort…
 
 
Dieser Mann.
In der U-Bahn.
Morgens um 4. 
Sturzbetrunken.
Setzt sich neben mich.
Fragte vorher ganz nett ob der Platz noch frei ist.
Labert mich zu. 
Wirr.
Beschimpft sich selbst als „dreckigen Juden“, ich solle doch nur einmal auf seine Nase achten.
Spricht von Hitler und den Nazis. 
Wird von einem Typen angepöbelt, der meint er müsse mich verteidigen.
Dabei hat er doch nichts getan.
Er wollte nur reden…
 
Alle schauen auf mich und den Mann.
Zwei Mädchen tuscheln: „Oh Gott, die Arme!“
Sein Gesicht, seine Worte lassen sehr leicht erahnen was er schon alles mitgemacht hat.
Wenn man nur hinsieht…
 
 
Eine Frau.
Hinter der Kassa in einem anderen Supermarkt. 
Sagt: „Danke, alles?!“, nachdem sie nur die Einkaufstüte einer Kundin gescannt hat.
Diese lacht herzlich. 
„Nein, das auch noch! Aber das wäre mal was hier nur eine Einkaufstüte ohne Inhalt zu kaufen!“
Die Kassiererin lacht auch: 
„Tut mir leid, das funktioniert bei mir schon wie bei einer Maschine!
Aber danke, dass du mich heute zum Lachen gebracht hast, das passiert nicht mehr oft!“
 
Das passiert nicht mehr oft…
Ich habe mich gefragt wie viel in meinem Leben passieren müsste, damit ich mein Lachen verliere…
 

 

Was wir sehen sind oft nur Körper, nicht Menschen.
Sind Momentaufnahmen, keine fixierten Persönlichkeiten.
Sind das Außen, aber nicht das Innen.

 

Ich war schon das Mädchen, das in der Straßenbahn mit den Tränen kämpfte, ich war schon die Kassiererin oder die Studienservicestellen-Dame, die gerade keinen Grund zum freundlich sein hatte.  Ich war schon die Frau, die wie eine Maschine funktionierte und ich war auch schon der Mann, der sich selbst und die Welt schlecht machte.

VA

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16 Comments

  • Reply
    Vera Greeklicious
    12. April 2014 at 19:53

    Deine Fotos sind der Hammer geworden. Mag das total mit dem schwarz/weiß

    • Valeria Anna
      Reply
      Valeria Anna
      15. April 2014 at 12:03

      Danke! Ich finde auch, dass schwarz/weiß den Fotos oft einen ganz speziellen Ausdruck verleiht :)!

  • Reply
    Laura
    13. April 2014 at 10:12

    wahnsinnig toller text und die bilder passen hervorragend dazu!
    wie aus einem Bilderbuch, perfekt 🙂
    <3

  • Reply
    Thi
    13. April 2014 at 19:48

    Toller Text und tolle Fotos!!
    LG Thi

  • Reply
    Limi Coco
    13. April 2014 at 21:26

    wirklich tolle "geschichte" 😉 ich liebe deinen schreibstil…
    allerliebste Grüße
    deine Limi ♥
    Mein Blog: BUNTGEFLUESTER

    • Valeria Anna
      Reply
      Valeria Anna
      15. April 2014 at 12:04

      Vielen Dank, das freut mich wirklich sehr :)!

  • Reply
    Corina Lovienna
    14. April 2014 at 9:43

    Hallo liebe Valerie,
    dein Text hat mich sehr zum Nachdenken angeregt und spricht mir aus der Seele.
    Ich wünschte ich könnte meine Gedanken auch so gut zum Ausdruck bringen! 😉
    Einen schönen Start in die Woche wünsch ich dir!
    Alles Liebe,
    Corina

  • Reply
    Rebecca Sharp
    14. April 2014 at 13:15

    Richtig gut gemacht, ich mag die Untermalung der Alltagsgeschichten durch die schwarz/weiss Bilder! Schon komisch, wie wenig man von seinem mehr oder weniger direkten Umfeld weiss. Und das, obwohl die ganzen Sozialen Netzwerke und Selbstdarstellungen uns teilweise das Gegenteil vermitteln. Das echte Leben kann nun mal doch nicht ersetzt werden, und das ist auch gut so 😉

    • Valeria Anna
      Reply
      Valeria Anna
      15. April 2014 at 12:21

      Danke!
      Genau das denke ich mir auch immer :)!

  • Reply
    annosarusrex
    14. April 2014 at 18:31

    trauriger und wahrer text, der mir sehr gefällt!!!

    • Valeria Anna
      Reply
      Valeria Anna
      15. April 2014 at 12:28

      Dankeschön, freut mich, dass er dir gefällt :)!

  • Reply
    Mari
    18. April 2014 at 14:31

    Wahnsinnstext!
    Mehr kann man dazu gar nicht sagen.
    Im Hintergrund lief bei mir das Lied "No Rest for the Wicked" von Lykke Li, super passende Melodie 🙂
    Lieben Gruß ♥

  • Reply
    Nina L
    18. April 2014 at 17:00

    Ich finde sowohl die Bilder als auch den Text superschön! 🙂
    Gerade habe ich wieder über etwas ähnliches nachgedacht..

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