valeriannala
meine Worte

Der Liebende und das Biest

Er sah sie an und sie kannte diesen Blick. Sie hatte ihn schon oft gesehen und doch bedeutete er jedes Mal etwas anderes.
Es war der Blick des schönsten Momentes. Bei ihm in der Küche, wie er seine Hände um ihre Hüften legte. Sie ansah. Und ihr sagte: „Ich will nie wieder ohne dich sein.“.
Es lag keine romantische Stimmung in der Luft. Weder davor, noch danach. Jedoch war dieser eine Moment perfekt. In der Küche. Kurz vor dem Mittagessen. Am Nachmittag.

Es war der Blick des schlimmsten Momentes. Bei ihm vor der Tür, wie er seine Hände in seine Hosentaschen steckte. Sie ansah. Aber gleichzeitig durch sie hindurch. Und ihr sagte: „Ich will dich nicht mehr sehen.“
Davor Unverständnis, danach Verzweiflung und in diesem einen Moment Kälte.

Er sah sie an und sie kannte diesen Blick. Sie hatte ihn schon oft gesehen und doch bedeutete er jedes Mal etwas anderes. Es war immer der gleiche Blick, doch in unterschiedlichen Farben. Manchmal auch nur Nuancen.
Sie wusste auch dieses Mal was er bedeutete. Er war die Verschmelzung von „Ich will nie wieder ohne dich sein.“ und „Ich will und kann dich nicht mehr sehen.“. Er war ein Hilfeschrei voller Kämpfergeist und gleichzeitig eine qualvolle Resignation. Dieser Blick, der sie alles wissen ließ, ohne dass er es merkte. Ohne, dass er ein Wort sagen musste.

Denn auf Worte zu verzichten ist manchmal wie Striptease.
Worte können überbrücken. Ein unerträgliches Schweigen.
Können kaschieren. Jede Schwäche, von der man nicht will, dass sie ein anderer erfährt.
Nicht umsonst reden häufig die, die nichts zu sagen haben.

Doch diesen Blick kannte sie. Keine Worte die ihn schützten.
Diesen Blick kannte sie. Sie kannte seine Farben. Seine Nuancen.

Es gibt wohl Millionen Geschichten, Songtexte und Gedichte von Menschen mit Liebeskummer. Weil sich dieses Gefühl, wenn einem das Herz aus dem Leib gerissen und zerquetscht wird, so gut dafür eignet.
Weil es im Grunde nicht in Worte zu fassen ist, die Worte die man dafür verwendet aber beinahe jeder nachvollziehen kann. Nachfühlen kann.
Weil es im Grunde nicht in Worte zu fassen ist, aber jeder so genial grandios daran scheitert, dass man noch mehr Mitleid hat. Mit ihm. Mit ihr. Oder einfach mit sich selbst.

Doch sie fragte sich, wo die ganzen Geschichten, Songtexte und Gedichte von all jenen blieben, die für Blicke voller Hilfeschreie und Resignation verantwortlich waren.

„Wer ein Herz bricht, hat kein Recht traurig zu sein.“, sagte der Mann mit den immer weniger werdenden Haaren auf dem Kopf einst zu ihr.
Und sie wusste was er meinte. Und sie wusste, dass dieser Mann noch nie einem Menschen, den er auf die ‚falsche‘ Art und Weise liebte, das Herz herausreißen musste und dadurch das eigene in schuldbewusste Verzweiflung ausbrechen ließ.
Weil man sich Gefühle nicht aussuchen kann. Weder wen man liebt, noch wen man nicht (mehr) liebt.

Er sah sie an und sie kannte diesen Blick. Sie hatte ihn schon oft gesehen und doch bedeutete er jedes Mal etwas anderes. Farben. Nuancen. Dieses Mal schrie er: „Tu mir das nicht an.“, „Tu uns das nicht an.“ Er schrie: „Ich flehe dich an. Ich will meinen Stolz bewahren. Aber ich flehe dich an. Lass wieder alles so sein wie früher. Lass uns in der Küche sein. Hände um die Hüften. Hoffnungsvolle Zukunft. Mittagessen am Nachmittag.“

Gerne hätte sie den Mann mit den immer weniger werdenden Haaren auf dem Kopf gefragt wie das jetzt nun mit dem Recht auf Traurigkeit aussah.

Zerrissen zwischen wohlwollender Härte und unliebsamer Fürsorge, flehte sie sich selbst an: „Tu ihm das nicht an.“, „Tu uns das nicht an.“ und war kurz davor sich selbst aufzugeben.

Um ihn wieder glücklich zu sehen.
Um offiziell das Recht zu haben traurig zu sein.

VA

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