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deren Geschichten

Anonym – Mein Leben mit Depression

Wenn wir durch die Straßen gehen, sehen wir Menschen. Überall. Wir sehen ihre Kleidung, ob sie dick sind oder dünn. Wir sehen ihre Haare, nehmen ihre Ausstrahlung wahr, hören manchmal ihre Worte, Gesten, ihre Mimik. Doch viele bleiben nur flüchtige Bekanntschaften und bei den meisten sehen wir nicht genauer hin.
Wenn wir von psychischen Erkrankungen hören, dann denken wir immer noch viel zu häufig an Verrückte. Das, was keiner sein will. Das, was eh nur den anderen passiert und einem selbst bestimmt niemals. Das, womit sich keiner beschäftigen will und leider immer noch oft ein großes Tabu-Thema ist. Erst neulich las ich, wie in einer Boulevardzeitschrift ein psychisch kranker junger Mann als „Irrer“ bezeichnet wurde.

Niemand schämt sich für eine Grippe. Die hat man halt. Das erzählt man auch feierlich jedem, weil man dann sogar die Lizenz zum Jammern hat und mit ein wenig Glück eine große Ladung Mitleid abbekommt. Es weiß auch jeder wie eine Grippe abläuft. Was da passiert. Die Zeichen sind körperlicher Natur und man kann damit umgehen. Wahrscheinlich ist es genau das, was vielen Angst macht, wenn es um psychische Erkrankungen geht. Sie entziehen sich unseres Verständnisses. Wir können nicht damit umgehen, weil wir es nicht begreifen können. Da ist es leicht, einfach jedes Mal den Stempel „Spinner“ auszupacken, wenn man damit konfrontiert wird.

Menschen mit psychischen Störungen sind jedoch in erster Linie immer noch eines: Menschen. Und die meisten würden sich wundern, wenn sie wüssten wie viele in ihrem Umfeld tatsächlich unter einer psychischen Erkrankungen leiden bzw. litten.

Es ist mir ein großes Anliegen, dass die Gesellschaft nicht mehr wegschaut. Nicht vor allem schreiend davon rennt was mit „Psycho“ beginnt, weil man ja selbst alles ist, aber bestimmt kein solcher. Es ist mir wichtig, dass Betroffene sich nicht schämen, sondern sich trauen Hilfe zu suchen. Hilfe annehmen können ist eine Stärke – keine Schwäche.
Genau darum möchte ich mit der neuen Reihe „Diagnose: Mensch“ auf meinem Blog die Personen, die hinter einer psychischen Erkrankung stehen hervorheben und ihnen eine Stimme verleihen. Ich hoffe dadurch eine neue Betrachtungsweise von psychischen Erkrankungen in der Allgemeinbevölkerung hervorzurufen, damit eine Basis für weniger Berührungsängste geschaffen werden kann.

Immer wieder einmal werde ich euch Geschichten von Menschen mit psychischen Erkrankungen vorstellen. Den Anfang macht heute eine junge Frau, die gerne anonym bleiben möchte und uns über ihr Leben mit Depressionen erzählt.

 

„Ich möchte nicht anders behandelt werden, ich möchte kein Mitleid. Ich möchte einfach nur in schwierigen Situationen ein bisschen Verständnis haben, das ist alles. Ich habe nichts ansteckendes, lediglich eine Phase der Unruhe mit mir selbst.“

 

Angefangen hat alles damit, dass ich schonlänger bemerkt hatte, dass ich sehr schnell reizbar bin. Ich habe viel geweintund habe mir oft Gedanken darüber gemacht, wieso ich eigentlich noch hier bin. Letztendlich so richtig aufgerüttelt wurde ich jedoch, als mir mein Freund gegen Mai letzten Jahres ein Gespräch „aufgezwungen“ hat. Es hat ihn sehr belastet, dass es mir nicht gut ging und er war sehr besorgt, weshalb er eine Beziehungspause wollte, damit ich einfach Zeit für mich habe und die Sorgen und Probleme nicht in Streiten innerhalb unserer Beziehung austrage.

Ich war anfangs wirklich schockiert über die Tatsache, dass ich es selbst kaum wirklich gemerkt hatte, wie schrecklich ich zu mir selbst und insbesondere zu den Menschen war, die ich liebe. Ich habe mich erst einmal eine Weile verkapselt, bin dann, als es mir besser ging, wieder mit Freunden weg gegangen und habe die Beziehung gemeinsam mit meinem Freund wieder aufgebaut. Dieser gesamte Aufbauprozess, gefühlt nochmal von 0 anzufangen, hat mir sehr geholfen und ich weiß jetzt umso mehr, wie wichtig es ist zu reden, reden, reden.
Ich nehme in besonders anstrengenden Phasen noch Antidepressiva, wie etwa jetzt vor den Abiturklausuren. Sie sind in diesen Zeiten wie eine kleine Krücke.

Wenn ich Personen von meiner Krankheit erzähle, bin ich meistens nur genervt von den Aussagen, wie schlimm das ja sei und wie schade und traurig und ach, ich hätte ja keine Gründe dazu. Die Menschen wissen nicht, wie es in einem aussieht, weshalb ich dem Thema in der Öffentlichkeit meistens aus dem Weg gehe.
Wenn ich die Depression mit 3 Wörtern beschreiben müsste dann wären das: anstrengend, Selbstfindung & Dankbarkeit.

Die Worte sind sicherlich im Widerspruch zueinander, beziehen sich aber generell auf die einzelnen Phasen, die ich mit Depressionen schon durchlaufen bin. Ich habe sicherlich keine der schweren Formen, allerdings war es trotzdem immer sehr anstrengend, wenn ich unzufrieden war, ständig gestritten und geweint habe – nicht nur für mich. Es zehrt an den Kräften und ist ungeheuerlich belastend für alle Beteiligten.
Selbstfindung, weil ich während meiner Therapie mich selbst immer mehr kennengelernt habe – und immer noch kennenlerne. Ich bin zu keinem Psychotherapeuten gegangen, da ich  mich nie wirklich öffnen konnte und starke Probleme damit hatte, an einem fixierten Termin über meine Sorgen und Ängste zu berichten. Ich bin letztlich nur bei meiner Ärztin in Behandlung. Jedoch ist sie wirklich wunderbar und sie gibt mir sehr viel Kraft und hört einem zu. Ich hatte wirklich Glück!
Dankbarkeit deshalb, weil ich gelernt habe, wie viele schöne Dinge das Leben bereithält und wie doof es ist, wenn man diese verpasst weil man sich einigelt, versteckt und mit sich selbst einfach so unzufrieden ist, dass man nicht an die Öffentlichkeit möchte. Ich habe gelernt, umso dankbarer für meine Familie, insbesondere meinen Freund und Freunde zu sein, für die kleinen Dinge und die zweite Chance, die sie mir nach all meinen Hoch- und Tiefpunkten gegeben haben.

Wenn ich anderen Menschen, die auch an Depressionen bzw. depressiven Verstimmungen leiden etwas mit auf den Weg geben kann, dann: Redet, redet, redet mit den Personen, denen ihr vertraut, die euch am Herzen liegen und von denen ihr wisst, dass sie euch verstehen. Ich hätte es ohne meine Familie und meinen Freund niemals geschafft, wäre wohl immer noch ein Kloß in der Ecke, der vor sich hin schimpft und kurz danach in Tränen ausbricht, weil es alles zu viel ist.
Depressionen sind nicht das Ende der Welt. Ich bin ehrlich gesagt dankbar, habe viel besser zu mir selbst gefunden, als ich es sonst wohl getan hätte. Sucht euch die Unterstützung, die EUCH gut tut und nicht die, die andere für gut halten. Es geht bergauf – ganz sicher!

Du möchtest ebenfalls deine Geschichte erzählen?
Melde dich unter: info@valeriannala.com

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12 Comments

  • Reply
    Jana
    13. Februar 2016 at 16:54

    Find ich eine tolle Aktion und auch super wichtig, auf solche "nicht greifbaren bzw sichtbaren" Krankheiten aufmerksam zu machen.
    Bin schon auf die anderen Gastbeiträge gespannt!
    <3

    • Valeria Anna
      Reply
      Valeria Anna
      16. Februar 2016 at 13:25

      Es freut mich sehr, dass dir meine neue Reihe gefällt und es bleibt auf jeden Fall spannend 🙂
      <3

  • Reply
    Marie
    13. Februar 2016 at 18:45

    Das hast du alles so gut verfasst und geschrieben.
    Ich fand das Beispiel wunderbar mit der Grippe – das hält es einem direkt vors Auge.
    In Zeiten in denen es einem schlecht geht ist wirklich das Beste zu reden, für mich zumindest. Es hilft einem fürs erste.
    Der zweite Schritt ist dann aber auch die Umsetzung.
    Die Frage "was genau macht mich unglücklich? Und was kann dazu beitragen es zu ändern?" ist eine gute Leitfrage.
    Danke für den Post <3

    • Valeria Anna
      Reply
      Valeria Anna
      16. Februar 2016 at 13:27

      Vielen Dank für deine Meinung! Ich freue mich, dass dir mein Beitrag bzw. der dieser jungen Frau gefällt!
      <3

  • Reply
    Zoe ♥
    14. Februar 2016 at 13:27

    Einfach toll geschrieben..mir gings auch eine zeitlang echt mies, hatte mit Essstörungen zu tun und Selbstverletzung. Ich weiss wie das ist, wenn alle sagen warum, du hast doch keinen Grund dazu. Es ist schwierig, Freunde zu finden, die das Ernst nehmen als Krankheit, die für einen da sind, ohne einem Vorwürfe zu machen… Ich bewundere den Mut, den diese Frau hatte, ihre Geschichte zu erzählen.

    Liebe Grüsse,
    Zoe

    • Valeria Anna
      Reply
      Valeria Anna
      16. Februar 2016 at 13:28

      Liebe Zoe,
      da hast du recht – sie hat wirklich großen Respekt für ihren Mut verdient!

      Liebe Grüße,
      VA

  • Reply
    Edith Brandtner - Plötzlich Frei
    14. Februar 2016 at 16:32

    Wie du sagst: Dankbarkeit ist sehr wichtig.
    Und ich bin dankbar, dass du den Mut gefunden hast, dies zu veröffentlichen.
    Leider ist es für viele nicht selbstverständlich, dass sie Ihr Problem nach außen tragen, da sie Angst vor der Reaktion der Gesellschaft haben. Wobei ich mir sicher bin, dass JEDER schon mal ein Tief hatte. Der eine mehr, der andere weniger.

    Ich war hatte auch schon mal Medi´s vom Arzt bekommen, weil ich ständig müde war und Mundtrockenheit hatte. Ich erkannte, dass es sich dabei um Antidepressiva handelte aber es gab keine tiefgehenden Gespräche. Ich konnte zwar wieder etwas besser schlafen, doch die Spirale drehte sich immer weiter nach unten bis man meint am Boden zu liegen.
    Doch dann hatte ich Literatur gefunden, die mir half die Spirale in die andere Richtung zu drehen. Und ich habe einen Partner, den ich Tag für Tag zuquaseln durfte. Ich redete mir den Frust runter bis ich es schaffte wieder zu träumen und neue Pläne zu schmieden.
    Plötzlich freute ich mich wieder auf mein neues Leben. War morgens ausgeschlafen hatte überhaupt keine körperlichen Beschwerden mehr und die Spirale dreht und dreht sich nach oben und das schöne ist: Nach obenhin gibt es keine Grenze.

    Genau solche Sachen, deine und meine Geschichte gehören an die Öffentlichkeit, damit die Menschen draußen wissen, sie sind nicht alleine mit Ihren Problemen. Und auch für diese Probleme gibt es eine Lösung.
    Ich versuche mit meinen Blogg immer wieder so klein (manchmal auch versteckt) Tipps zu geben, wie man sich das Leben leichter machen kann.
    Bitte bleib dran. Ich habe erst heute deinen Blog entdeckt und werde nun öfters reinsehen.
    LG
    Edith

    • Valeria Anna
      Reply
      Valeria Anna
      16. Februar 2016 at 13:37

      Liebe Edith,

      vorneweg hoffe ich, dass du es richtig verstanden hast, dass dies nicht meine Geschichte ist, sondern die einer anderen Frau, welche diese freundlicherweise mit uns geteilt hat.
      Ich freue mich sehr, dass auch du uns durch diesen Kommentar einen kleinen Einblick in deine Welt gegeben und so Mut machende Worte gefunden hast! Vielen Dank dafür!

      Ich wünsche dir auf jeden Fall auch für die Zukunft alles Gute und dass du dir deinen neu gewonnenen Optimismus bewahren kannst!

      Ganz viele liebe Grüße,
      VA

  • Reply
    Aware Human
    20. Februar 2016 at 11:24

    Ganz toller Beitrag! <3
    Ich selbst bin durch so eine Phase gegangen und bin sogar dankbar dafür, den ich wäre nicht die, die ich heute bin und ich bin glücklich! Diese Zeit half mir, zu mir selbst zu finden, nun weiß ich, was ich vom Leben möchte und welche Dinge mir nicht gut tun! Eines muss ich auch sagen, seither fällt mir einfach auf, dass fast jeder Zweite ein psychisches Problem hat… Es äußert sich immer unterschiedlich, aber im Kern geht es meistens um das selbe Thema.

    Ich finde deine Reihe daher unglaublich wertvoll! Ich versuche auf meinem Blog durch meine Erfahrung und die meines Freundes, auch mehr Verständnis zu schaffen, weg von Bewertungen, Neid, Hass und hin zu, Dankbarkeit, Selbstliebe, Selbstakzeptanz und Bewusstsein!

    LG Kathrin

    • Valeria Anna
      Reply
      Valeria Anna
      26. Februar 2016 at 16:39

      Hallo Kathrin,

      ich freu mich sehr, dass dir die Reihe gefällt! Schön, dass du auch deine Gedanken dazu mit uns geteilt hast <3.
      Richtig, es gibt viel mehr Menschen mit psychischen Erkrankungen als man annehmen möchte – leider.

      LG, VA

  • Reply
    Casey Nonsense
    20. Februar 2016 at 16:12

    Großartiger Beitrag. Ich denke, es ist wichtig, über diese Dinge zu sprechen, zu schreiben, nicht nur für dich, sondern auch für andere. Trotzdem freue ich mich schon auf die Zeit, in der man nicht für alles, was dem Gegenüber unbekannt ist, hochgezogene Augenbrauen und Mitleid erntet. Oder schlimmer: Unverständnis.

    Es gibt vieles, das man nicht kennt, und bei dem die Details total unwichtig sind und einfach die Gesamtsituation akzeptiert wird.

    Tolles Projekt – und bleib bitte unbedingt dran!

    Liebe Grüße und ein schönes Wochenende wünsche ich dir,
    Casey

    • Valeria Anna
      Reply
      Valeria Anna
      26. Februar 2016 at 16:40

      Hallo Casey,

      bin ganz deiner Meinung!
      Vielen Dank, ich werde auf jeden Fall dranbleiben und für morgen ist auch schon der nächste Beitrag geplant :)!

      Liebe Grüße,
      VA

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