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Sebastian (26) – Mein Leben mit Depression

Heute geht es mit dem zweiten Teil der „Diagnose: Mensch“-Reihe weiter. Sebastian spricht über seine Geschichte mit Depressionen. Die Einleitung und den ersten Teil der Reihe findet ihr hier.

 

Sebastian (26)

„In solchen Situationen fühlt man sich komplett hilflos, weil einem genau diese Sachen vorgehalten werden, die man doch eigentlich selbst loswerden möchte und wofür man aber Unterstützung brauchen würde, weil man es alleine gerade nicht schafft.“

 

Wirklich gemerkt habe ich davon selbst zuerst nichts. Mir war schon bewusst, dass ich irgendwie immer nur eine gedrückte Stimmung hatte, die sich nie wirklich anheben ließ. Mit den Anfängen fielen damals auch meine Leistungen in der Schule ab. Man nannte das dann Faulheit und sagte ich hätte ja immer nur schlechte Laune. Aber dass da etwas nicht zu stimmen schien, konnte und wollte mir keiner sagen.
Da ich die Schuld für das alles an einem bestimmten Ereignis festmachte, habe ich mich anfangs nur noch zurückgezogen und mir dadurch eine Grube gegraben, aus der ich nicht mehr von alleine heraus kam. Und da ich damals dann keine Freunde mehr hatte, konnte ich auch mit niemanden so richtig darüber reden. Also fraß ich alles in mich hinein und mied andere Leute, weil ich immer die Angst hatte, ich kann niemandem vertrauen und man würde mich dann doch nur weiter verletzen.

Durch Zufall habe ich eine Person kennen gelernt, die ebenfalls diesen Leidensweg durchmachen musste und mit der ich immer noch darüber reden kann, wenn es mal wieder soweit kommt, dass ich in ein Tief falle. Ich versuche zwar sehr viel alleine zu kämpfen, aber ich bin aktuell trotzdem noch nicht soweit, dass ich sagen kann, dass ich das alleine schaffe.
Manche Leute sagten mir, ich solle doch zum Arzt gehen. Ja, das könnte ich machen, aber leider bin ich immer noch durch diese ganzen Vorurteile gebremst. Vorurteile die da heißen, dass man sich das doch alles einbilden würde und dass man damit nicht zu einem Arzt geht. Warum auch? Der Arzt würde einem auch nicht helfen können, und man sei dann ein Fall für eine psychiatrische Einrichtung, man sei also geisteskrank. Da haben wir es doch schon -es ist eine Erkrankung des Geistes. Aber anstatt dem gegenüber eine offene und respektvolle Haltung einzunehmen, wird man dann gleich ins schlechte Licht gerückt.

Ich bin kein Mensch, der wegen jeder Kleinigkeit zum Arzt geht. Depressionen wurden mir als solche Kleinigkeiten vermittelt. Ich bin ja eh nur schlecht drauf, sagen alle. Mir würde es eigentlich schon reichen, wenn das Thema um diese Krankheit nicht länger totgeschwiegen wird. Ich würde mir wünschen, dass die Leute verstehen, was diese Krankheit mit einem Menschen anstellt und wieso man den Betroffenen oft auch gar nichts anmerkt.
Es gibt viele Menschen, die meine Erkrankung nicht verstehen. Sie beschweren sich darüber, dass ich immer nur schlechte Laune hätte, nur gereizt sei, immer so traurig schaue und faul sei ich ja sowieso. Solche unreflektierten Vorwürfe sind schon verletzend, weil die Leute nicht wissen, was sie einem damit antun. Sie kippen damit quasi noch mehr Salz in offene Wunden oder reißen gar bereits verheilte Wunden damit wieder auf. In solchen Situationen fühlt man sich komplett hilflos, weil einem genau diese Sachen vorgehalten werden, die man doch eigentlich selbst loswerden möchte und wofür man aber Unterstützung brauchen würde, weil man es alleine gerade nicht schafft.
Man müsse selber klar kommen, das ist dann das, was einem beigebracht wird. Ja, ich habe gelernt, vieles selber zu machen. Aber gleichzeitig übertreibe ich es auch. Ich bin zu einem Einzelkämpfer geworden, der inzwischen nur schwer in einem Team arbeiten kann.

Anderen Menschen mit Depressionen würde ich zuerst einmal einen verhassten Satz mit auf den Weg geben: „Lass den Kopf nicht hängen und schau immer nach vorne.“ Denn ich bin tatsächlich immer mit dem Blick gen Boden rumgelaufen, was mir gar nicht bewusst war. Außerdem möchte ich sagen, dass man ruhig offen mit seiner Erkrankung umgehen sollte, wie man es auch mit einer Erkältung macht. Man sieht einem eine solche Erkrankung nur schwer an, einen Schnupfen kann man dagegen recht einfach erkennen. Redet ruhig darüber wie ihr euch fühlt und über eure Gedanken. Aber passt auf, mit wem ihr wie darüber sprecht. Denn nicht jeder hat entsprechend Verständnis und reagiert vielleicht sogar anders als man es sich wünscht. Und dennoch: man sollte sich nicht wieder in die Ecke drängen lassen, aus der man sich selber mit eigenen Kräften heraus getraut hat.

 

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2 Comments

  • Reply
    März Mädchen
    27. Februar 2016 at 17:06

    Eine sehr schöne Reihe! Und danke an Sebastian fürs erzählen 🙂 Ich habe zwar keine Depressionen (denke ich), aber ich kenne das Gefühl tagelang einfach down zu sein. Gott sei Dank habe ich wunderbare Freunde, die mich einfach immer aufbauen. Ich denke das ist das wichtigste: eine Person, auf die man sich verlassen kann, die einen auch mal stützt.
    Liebe Grüße

    • Valeria Anna
      Reply
      Valeria Anna
      1. März 2016 at 10:07

      Dankeschön 🙂
      Ja auf jeden Fall! Alleine schafft man es manchmal einfach nicht und da kann so eine Person die Rettung sein!

      Liebe Grüße,
      VA

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