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deren Geschichten

Anni (22) – Mein Leben mit Depression und Sozialphobie

In der Reihe „Diagnose: Mensch.“ erzählen Betroffene von psychischen Erkrankungen ihre Geschichte.
Die Einleitung und den ersten Beitrag findest du hier.

 

Anni (22)
„Nach dem Aufwachen habe ich meist starke Schuldgefühle und fühle mich wie eine Versagerin. Der Wille zum frühen Aufstehen ist da, aber ich schaffe es einfach nicht. Es ist, als ob ich in meinem eigenen Körper gefangen bin.“

 

Einen konkreten Zeitpunkt oder Auslöser gab es eigentlich nicht. Ich hatte eine relativ schwierige Kindheit. Seit Beginn der Pubertät fühlte ich mich dann so wie die meisten in meinem Alter – hässlich, fett und ungeliebt. Richtig schlimm wurde es dann nach dem Tod meiner Oma. Da war ich 18 und hatte zum ersten Mal Selbstmordgedanken. Es war eine furchtbare Zeit für mich. Nachts konnte ich nicht schlafen, tagsüber fühlte ich mich schlapp, unnütz und konnte mich zu nichts aufraffen. Ich verbrachte sehr viel Zeit in Online-Communities, die ich vor allem zum Chatten mit anderen Depressiven nutzte. Im Nachhinein kann ich sagen, dass mir dieser Austausch sehr geholfen hat. Auch weil ich im realen Leben keine Freunde hatte.

Damals hatte ich schon die Vermutung, dass ich krank bin, wurde von meinem Umfeld jedoch nicht ernstgenommen. Durch meine starke Sozialphobie war es mir auch unmöglich, Therapeuten anzurufen.
Auf Empfehlung der Psychologin meiner Uni wagte ich mich schließlich nach dem Tod meiner Mutter zu einer Therapeutin, bei der ich seitdem in Behandlung bin. Da war ich 20 Jahre alt. Sie diagnostizierte mich mit Depression und Sozialphobie.

Die Symptome meiner Depression bestehen vor allem aus Antriebsstörungen. Das muss man sich so vorstellen, dass ich hin und wieder morgens nicht aus dem Bett komme. Auch wenn ich früh genug ins Bett gegangen bin, geht es einfach nicht. Ich stelle dann meistens den Wecker aus und schlafe bis mittags. So verschlafe ich Unterrichtsstunden, Arzttermine und Vorlesungen. Nach dem Aufwachen habe ich meist starke Schuldgefühle und fühle mich wie eine Versagerin. Der Wille zum frühen Aufstehen ist da, aber ich schaffe es einfach nicht. Es ist, als ob ich in meinem eigenen Körper gefangen bin.
Des Weiteren leide ich unter unbegründeten, negativen Gedanken. Damit meine ich zum Beispiel Versagensängste und plötzliche Stimmungsumschwünge, die wie aus dem Nichts zu kommen scheinen. In letzter Zeit kommen auch noch Aggressionen dazu, unter denen ich sehr leide.

Meine Sozialphobie habe ich inzwischen gut im Griff. Darunter versteht man Angst vor sozialen Situationen. Während meiner Schulzeit war ich immer „die Stille“ und traute mich nicht, mich im Unterricht zu melden. Referate waren der reinste Horror für mich. Ich zog mich immer zurück. Einkaufen, telefonieren, Small Talk – was für andere Menschen zum Alltag gehört, konnte ich nicht ohne starkes Herzklopfen und Zittern und drückte mich daher meistens davor. Seit ich studiere und lernen musste, selbstständig zu sein, ist es jedoch sehr viel besser geworden. Viele meiner Probleme habe ich überwinden können.

Medikamente kommen für mich als Therapie nicht in Frage. Sehr oft wähle ich jedoch den Weg der Verdrängung: Ich stürze mich in Arbeit. Früher kam noch das Lesen dazu, heute ist es der Computer. Zudem mache ich eine tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie. Dabei wird tief ins Innere des Patienten geguckt und versucht, in seiner Vergangenheit Gründe und Auslöser für seine heutigen Symptome zu finden. Das ist teilweise nicht so schön, da dabei auch viele negative Erinnerungen hochkommen. Als gut empfinde ich jedoch die Betreuung von meiner Therapeutin. Anfangs kam ich mit ihrer distanzierten, professionellen Art nicht klar, doch inzwischen kann ich damit gut umgehen.

Depression und Sozialphobie sind zwei ernstzunehmende Krankheiten. Ich würde mir wünschen, dass die Gesellschaft aufhört, sie zu verharmlosen. Ich will auf gar kein Fall Mitleid, aber ich hätte gerne, dass man verständnisvoll mit mir umgeht, wenn ich Hilfe brauche.
Was ich auch überhaupt nicht leiden kann sind Sprüche wie „Stell‘ dich nicht so an!“. Das zeigt nur, wie wenig sich jemand Gedanken darüber gemacht hat was meine Krankheit überhaupt bedeutet. Viele meinen ich bin halt traurig. Sie verstehen nicht, dass ich krank bin.

Wenn ihr auch betroffen seid, dann scheut euch nicht Hilfe in Anspruch zu nehmen. Depressiv bzw. sozialphobisch zu sein ist nichts wofür man sich schämen muss.

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Melde dich unter: info@valeriannala.com

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