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deren Geschichten

Nicole (20) – Mein Leben mit Borderline, Schizophrenie und Asperger

In der Reihe „Diagnose: Mensch.“ erzählen Betroffene von psychischen Erkrankungen ihre Geschichte. Die Einleitung und den ersten Beitrag findest du hier

 

Nicole (20)
„Denn ich habe lange genug versucht, wie alle anderen zu sein. Ich möchte einfach ich sein. Egal wie seltsam ich auch bin.“

 

Die Erkrankung, die ich schon am längsten habe ist die Schizophrenie. Die wurde festgestellt, als ich 10 Jahre alt war. Damals habe ich das alles abgetan als normale Fantasie. Doch dann wurde es schlimmer. Ich begann Leichen zu sehen und wahrhaftige Monster, ich konnte nicht schlafen und hatte vor allem Angst. Und ich hörte Stimmen. Schizophrenie ist für mich, als wäre der Teufel in einem Selbst. Es fühlt sich an, als hätte sich mein Körper gegen mich verschworen. Aber manchmal ist es auch so, dass mich das „Monster“ in meinem Inneren versteht. Oft rede ich tagelang nur mit ihm. Schizophrenie ist für mich nicht immer schlecht.

Die Borderlinestörung habe ich zum ersten Mal wirklich bewusst wahrgenommen, als ich mir bereits meine Arme und Beine aufgeschnitten habe und mich bewusst umbringen wollte. Damals war ich 14 und bin gerade sexuell belästigt wurden. Ich kam in die Klink. Da wurde ich mehreren Tests unterzogen, die schließlich alle Borderline ergaben. Meine Borderline Störung ist für mich eine seltsame Angelegenheit. Mein Körper ist manchmal mein ärgster Feind und dann wieder mein bester Freund. Manchmal ist es wie ein Kurzschluss im Kopf, der einen verrückt macht.

Die Asperger-Autismus Diagnose habe ich erst seit kurzem. Sie wurde während meiner ambulanten Therapie diagnostiziert. Ich habe es an meinem sehr schlechten Sozialverhalten gemerkt. Ich habe kaum bis gar kein Verständnis für Dinge, die in meinem Alter ganz normal sind. Für mich ist Asperger ein Zeichen von wahrer Besonderheit. Es ist zwar anstrengend, aber dennoch lohnenswert. Denn Asperger hat mich oft beschützt, mich Menschen einfach so an den Hals zu werfen.

Mein Alltag gestaltet sich oft schwierig, da ich manchmal nicht weiß, in welcher Stimmung ich heute sein werde. Wenn ich in guter Stimmung bin, kann das auch schnell mal umschlagen und ich bin sofort aggressiv und verletzend. Aber wenn ich dann meinen Verlobten um mich habe, weiß ich, dass er mir helfen kann. Er bietet in diesen unsicheren Zeiten einen unvergleichlichen Schutz, auf den ich niemals mehr verzichten möchte. Manchmal ist es so, dass ich voller Tatendrang bin und am liebsten alles sofort erledigen möchte. Aber dann gibt es wiederum Tage, an denen ich noch nicht einmal aufstehen kann.Wenn es mir halbwegs gut geht, kann ich sogar für ein paar Minuten außerhalb der Arbeit mit Menschen umgehen. Aber meistens habe ich Angst vor ihnen.
Beziehungen sind auf vielen Ebenen schwer. Zu meinen Eltern habe ich ein gutes Verhältnis, auch wenn ich manchmal sehr bösartig auf scheinbar harmlose Dinge reagiere. Ich bin seit kurzem erst geschieden, nachdem ich 2 Jahre lang von meinem Ex nur geschlagen und misshandelt wurde. Einen Job habe ich auf den normalen Wegen nicht gefunden, aber eine sehr liebe Betreuerin des Arbeitsamtes hat mich schließlich in eine Ausbildung für Menschen mit psychischen Erkrankungen eingliedern können. Dort lerne ich den Beruf der Mediengestalterin und habe dabei verlässliches Betreuungspersonal an meiner Seite. Auch später werde ich diese Betreuung haben, denn ich gelte als behindert und kann nicht wie andere Menschen arbeiten.

Durch meine Asperger Störung habe ich eine Inselbegabung. Das heißt, dass ich auf einem Gebiet besonders begabt bin. Das ist bei mir die Sprache. Ich habe einen sehr hohen IQ und das merkt man auch. Leider, muss ich dazu sagen. Denn durch mein Verhalten und meine Wortwahl gelte ich als arrogant und bin selbst auf der Arbeit unbeliebt. Aber das macht mir nichts aus. Denn ich habe lange genug versucht, wie alle anderen zu sein. Ich möchte einfach ich sein. Egal wie seltsam ich auch bin.
Gefühle sind oft Mangelware bei mir. Aber wenn sie mal auftreten, dann heftig und mit allen Facetten. Oft führt das auch dazu, dass ich mich vor lauter Stress selbst verletzen muss. Für solche Situationen habe ich immer ein Buch bei mir. Ebenso mein Smartphone, um mir alles genau aufzuschreiben, damit ich es später mit meiner Therapeutin durchsprechen kann.

Seit 7 Jahren bin ich in Therapie – heute bin ich 20. Es hilft mir sehr, wenn ich Ratschläge bekomme, wie ich mit  mir selbst und den Menschen da draußen umgehen kann. Ich habe mich früher oft selbst verletzt. Wollte sterben, um endlich die Menschen von der Qual meines Daseins zu befreien. Wenn ich frische Narben habe, dann ziehen die Eltern ihre Kinder immer weg und schauen mich böse an. Das ist sehr verletzend.
Mit Mobbing wurde ich in der Schule auch oft konfrontiert. Das waren scheußliche Sachen, die tief in der Seele weh tun.
Heute verletze ich mich ab und zu immer noch selbst, aber es ist sehr viel besser geworden. Ich habe meinen Verlobten, der mich versteht und mich nimmt wie ich bin. Und ich habe eine Familie, die immer hinter mir steht.

Wenn ihr auch betroffen seid, ist mein Rat für euch: Niemals aufgeben. Niemals Nachgeben. Kämpft um euer Leben.

 

Nicole schreibt auf dem Blog: nicolelostinbooks

Du möchtest ebenfalls deine Geschichte erzählen? (anonym möglich)
Melde dich unter: info@valeriannala.com

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