valeriannala
meine Worte

Die Liebe und das Weiß

Sie starrte wieder einmal auf Weiß.
Ohne Worte.
Sie starrte wieder einmal auf Weiß.
Alles schien bereits gesagt.
Wiederholungen langweilten sie.

Das Schreiben, das war ihre erste große Liebe.
Das Schreiben half ihr mit 12 den ersten Liebeskummer zu überwinden.
Es ließ sie Welten erschaffen in denen sie nicht alleine war.
Welten, in denen sie ihre Schmerzen in Buchstaben verpacken und loslassen konnte.
In Worten fühlte sie sich verstanden, auch wenn ihr sonst keiner zuhörte.

Sie reihte Worte aneinander.
Manchmal nur in Gedanken.
Und manchmal mitten in der Nacht auf Papier.
Einsam. Und doch nicht alleine.
Das Schreiben, das war ihre erste große Liebe.

Und jetzt starrte sie wieder einmal auf Weiß.
Ohne Worte.
Und sie merkte wieder einmal wie scheu diese Liebe war.
Keine die man groß zur Schau stellt.
Keine die sich aufdrängte.
Sie war immer da und doch oft so verborgen.
Nicht zugänglich.

Wenn sie sich zum Schreiben zwang, dann wehrte sich etwas.
Wenn sie ungeduldig den nächsten Text zu Ende bringen wollte, dann sträubte sich alles.
Diese Liebe war sanft.
So zart, dass sie unter Druck schnell zerbrach.
Nur mit viel Zeit formten die Scherben wieder ein Ganzes.

Sie versuchte immer mehr hinzuhören.
Zuhören.
Das Geheimnis jeder gut funktionierenden Beziehung.
Sie wollte verstehen, was diese Liebe brauchte.
Sie wollte verstehen, wie sie sie noch größer, noch stärker machen konnte.

Sie merkte, wann die Liebe sich zeigte.
Sie zeigte sich in den Momenten in denen sie intensiv lebte.
Intensives Leben. Der Nährboden, die Quelle dafür, dass das Schreiben und sie sich begegneten.

„There is nothing to writing. All you do is sit down at a typewriter and bleed.“, sagte Hemingway.
Sie dachte sich, er hätte recht.
Wenn sie sich an den Tisch saß. Vor dieses Weiß. Dann blutete sie. Jedes Mal.
Sie blutete das Gute.
Die Momente in denen sie sich völlig eins mit der Welt fühlte. Die Momente der Unsterblichkeit.
Sie blutete das Schlechte.
Die Momente in denen sie nicht mehr atmen konnte, weil ihr die Verzweiflung die Luft raubte. Ihr den Halt nahm.
All you do is sit down at a typewriter and bleed.
Bluten heißt Leidenschaft.

Sie starrte wieder einmal auf Weiß.
Ohne Worte.
Sie wusste, dass es sich nicht verändern würde, wenn sie versuchte die Liebe zu erzwingen.
Sie wusste, dass diese Liebe Zeit brauchte. Jedes Mal aufs Neue.
Dass sie vom intensiven Leben genährt wurde und sich nur durch geduldiges Hinhören entfalten konnte.

Sie starrte wieder einmal auf Weiß.
Sie ließ es wirken.
Einen kurzen Moment.
Hörte hin.
„Jetzt ist nicht die Zeit.“

Und das ist okay.

VA

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2 Comments

  • Reply
    kerstinix
    20. April 2016 at 7:42

    Wunderschöner Text <3

    Love, Kerstin
    http://www.missgetaway.com/

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