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deren Geschichten

Dominik & die Magersucht: Wenn Perfektion dein Leben bestimmt

Vor kurzem habe ich bereits über eine junge Frau berichtet, welche es aus einer Essstörung hinein in ein gesundes Leben voller Selbstliebe geschafft hat und nun ein Vorbild für viele Frauen ist. Stichwort Frauen. Denn tatsächlich verbinden wir mit Essstörungen primär weibliche Personen, weil alleine schon in der Betitelung derer als „schönes Geschlecht“, ein gewisser Druck liegt und die Photoshop-Körper in den Medien ihren Rest dazu beitragen. Doch nicht nur Frauen rutschen in diese gefährliche, in manchen Fällen sogar tödliche, Krankheit ab.
Deshalb freut es mich, dass Dominik auf mich zugekommen ist und gerne mit mir und euch seine Geschichte teilen wollte. Eine Geschichte, die Betroffenen Mut machen und bei Außenstehenden für mehr Bewusstsein sorgen soll.

Der Weg hinein in die Magersucht & die Realisation

Es war mehr oder weniger ein schleichender Prozess. Ein Teufelskreis, in den ich mich sukzessive hineinbegeben habe.
Im Sommer 2012 hat sich beruflich bei mir einiges geändert. Ich habe von einer Bank auf dem Lande in ein Finanzinstitut in die Großstadt gewechselt. Neue Kollegen, neue Kunden, neue Aufgaben und mehr Verantwortung. Noch dazu kam, dass die Uhren in einer Großstadt etwas anders/schneller ticken als auf dem Land. Bedingt durch meinen Perfektionismus ging es los: Ich konzentrierte mich nur noch auf die Arbeit, hatte das Bedürfnis immer gut und gepflegt auszusehen. Ich habe kaum noch etwas gegessen. Alles sehr selektiv und gesund im Sinne von ballaststoffreich, eiweißreich, wenig Fett. Parallel dazu war ich, typisch für diese Krankheit, vom Sport besessen. Ich hatte nur noch die Arbeit und den Sport im Kopf. Essen war für mich eher lästig. Zudem habe ich es mir durch meine damalige „krankhafte Disziplin“ selbst auferlegt, erst dann etwas zu essen, wenn alle Aufgaben des Tages mit Bravour erledigt wurden. Somit gab es in den seltensten Fällen die erste und somit auch einzige Mahlzeit vor 22:00 Uhr. In diesem Anfangsstadium der Magersucht lernte ich sehr schnell den Hunger zu unterdrücken und merkte leider nicht, was ich mir damit eigentlich antat und wo das alles noch hinführen würde.
Ein weiterer Punkt, der das Ganze förderte, war die Tatsache, dass ich immer mehr darauf angesprochen wurde.

„Die „Stimme der Magersucht“ ist leider so gepolt, dass es ihr gut geht, wenn es einem selbst schlecht geht“

Vereinfacht ausgedrückt: Kommentare à la ‚Hey, du hast ja ganz schön abgenommen, ist alles in Ordnung mit dir?‘, oder ‚Dom, ich mach mir langsam sorgen um dich, an dir ist ja gar nichts mehr dran.‘ sind Wasser auf die Mühlen der Essstörung. Ich fühlte mich bestätigt, dass mein Vorhaben mit diszipliniertem Sport und perfektionistischer Arbeit gut auszusehen, so langsam aber sicher Wirkung zeigte.

Ich glaube den einen Auslöser für die Essstörung gibt es nicht. Vielmehr ist es ein komplexes Zusammenspiel von Körper und Psyche, Sportbesessenheit, Perfektionismus, Zwängen, krankhafter Disziplin und selbst auferlegten rigiden Strukturen im persönlichen Alltag. Dennoch, ein (Teil-)Auslöser für mich war das Mobbing, welches ich in der frühen Schulzeit erlebte. Leider hatte ich schon immer ein kleines Problem mit einer falschen Fettverteilung meines Körpers, was sich in etwas ausgeprägteren Brüsten widerspiegelte. Das war natürlich für die Mitschüler im Schwimmunterricht ein gefundenes Fressen mich damit aufzuziehen. Es gab eine Zeit in der Schule, da ging es mir damit sehr schlecht, ich war traurig und ratlos. Meinen Eltern erzählte ich davon nichts. Als ich mir nicht mehr zu helfen wusste, klebte ich jeden Morgen vor der Schule meine linke und rechte Brust mit Klebeband ab und fixierte sie so, dass man es auch unter engeren Pullis/Hemden/T-Shirts nicht mehr sehen konnte. Hinzu kommt, dass ich in der Schule, während der Ausbildung und während meines anschließenden Studiums, immer in allem die Note 1 haben und immer und ohne Ausnahmen der Beste sein wollte. Sobald ich eine 2, oder tatsächlich mal eine 3 bekommen habe, war das der Weltuntergang für mich. Ich machte mir tagelang schlimmste Vorwürfe und steigerte das Lernpensum dann erst recht, obwohl bis dato bereits die 24 Stunden eines Tages für mich zu wenig waren.

Die Entwicklung

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Dominik während seiner Magersucht

Dann ging eigentlich alles recht schnell. Das passt zu mir und meinem Perfektionismus. Wenn ich etwas mache, muss es immer perfekt sein. Ganz oder gar nicht eben. Dies galt leider auch für meine Magersucht. Ich reduzierte mein Essen weiter. Aß eigentlich nur noch rohes Gemüse. Steigerte meinen täglichen Sport und fühlte mich durch mein diszipliniertes Verhalten bestätigt und mental allen anderen überlegen.
Ich fing an mich täglich zu wiegen mit dem Ziel, mein Gewicht jeden Tag zu reduzieren. Im April 2013 konnte ich meine Arbeit nicht mehr ausüben bzw. hat mich meine Mutter nach Gesprächen mit den Personalverantwortlichen aus der Bank heraus geholt. Zu Hause hatte ich leider nur noch mehr Zeit Sport zu treiben und meinen Alltag sehr streng zu strukturieren. Zeit, die ich auch damit verbrachte alle Lebensmittel und Inhaltsstoffe zu studieren und mich nur noch mit Kalorien und gesunder Ernährung zu befassen.
Im Mai 2013 hatte ich meinen ersten Klinikaufenthalt, den ich leider nach zwei Wochen schon wieder abgebrochen habe. Ich möchte das Konzept der Klinik nicht verurteilen oder behaupten, die Ärzte wären überfordert gewesen. Es lag einfach daran, dass mir zu diesem Zeitpunkt das Wichtigste fehlte -die persönliche Krankheitseinsicht. Somit wehrte ich mich gegen alles und jeden, der mir in der Klinik etwas sagen wollte. Ja selbst die Worte meiner Eltern hörten sich in meinen Ohren einfach nur falsch an. Nachdem ich wieder zu Hause war, trennte sich auch meine damalige Partnerin von mir und zog aus der gemeinsamen Wohnung aus. Dann wohnte ich alleine, Freunde hatten sich ebenfalls von mir distanziert. Und so machte ich „munter“ weiter.

„Gegen Ende wog ich nur noch 37 Kg im Alter von 24 Jahren bei einer Größe von 168cm.“

Ich bin zu Hause zusammengebrochen und kam mit einem Rettungswagen sofort ins Krankenhaus. Im Hintergrund haben meine Mutter und mein Stiefvater wirklich alles mögliche unternommen, um mir irgendwie zu helfen. Es muss wirklich grausam für meine Eltern gewesen sein zu sehen wie sich der eigene Sohn „absichtlich“ in den Tod hungert. Das Leid meiner Eltern auf der einen Seite und ihre Machtlosigkeit gegen meine Sturheit auf der anderen Seite, tun mir heute noch unglaublich weh. An dieser Stelle, das ist mir besonders wichtig, möchte ich euch beiden für eure Hilfe, eure Kraft, euer Durchhaltevermögen und eure Unterstützung danken! Leider kann ich meine Dankbarkeit gar nicht in Worte fassen.

Der Weg aus der Magersucht

Dann hatte ich die Möglichkeit noch einmal in eine Spezialklinik für Essstörungspatienten zu gehen. Es war definitiv meine letzte Chance! Natürlich weigerte ich mich zunächst mit allen Mitteln. Letztlich entschloss ich mich, auch dank der Überzeugungsarbeit meiner Eltern, noch einmal in die Klinik zu gehen.

Bedingt durch mein sehr starkes Untergewicht ging es erst einmal darum, dass ich an Gewicht zunehme, um überhaupt erst therapiefähig zu werden. Und ich glaube bis heute, genau hier war der alles entscheidende Wendepunkt zurück in mein neues/gesundes Leben. Klar, von rohen Zucchini zu Hause zurück zu normalen Mahlzeiten mit all den verbotenen Lebensmitteln wie Käse, Butter, Brötchen & Co. war die absolute Hölle für mich. Und als ich in der Anfangszeit des Klinikaufenthaltes morgens und abends jeweils 150% der Richtmenge essen musste, zusätzlich Zwischenmahlzeiten aufgebrummt bekommen habe und mich nur noch eine halbe Stunde am Tag außerhalb des Klinikgeländes aufhalten durfte, um durch Spaziergänge nicht noch zusätzlich Kalorien zu verbrennen, hatte ich nur eine Möglichkeit. Ich dachte mir:

„Ok Dominik, du kannst das jetzt alles wieder abbrechen und heimfahren. Dann wirst du weiter machen wie bisher und lange wirst du diesen Zustand definitiv nicht mehr überleben und deine Eltern werden das kommende und alle weiteren Weihnachtsfeste mit großer Wahrscheinlichkeit ohne dich feiern! Oder du reißt dich jetzt zusammen, befolgst die Anweisungen – auch wenn ich mich wirklich wie ein gemästetes Schwein fühlte – und wirst wieder gesund!“

Ich habe mich für Letzteres entschieden. Ich machte mir in der Klinik eine Liste mit all den schönen Dingen, die ich gerne als „neuer“ und gesunder junger Mann mit Normalgewicht unbedingt machen möchte. Ich malte mir aus, was mich wohl noch alles Wundervolles und Spannendes in meinem restlichen Leben erwarten würde, wenn ich wieder gesund bin. Eine Leidenschaft, die mir zum damaligen Zeitpunkt enorm Kraft gab, war der Wunsch – so banal es auch klingt – mit dem Produkt „Kaffee“ zu arbeiten: Kaffee selbst zu rösten, als Barista hinter der Siebträgermaschine zu stehen, oder vielleicht ein eigenes Café zu eröffnen. Und somit kaufte ich mir mein erstes (Kaffee-)Buch von Johanna Wechselberger in der örtlichen Bücherei in Rosenheim. Titel des Buches: „Das Kaffeebuch – für Anfänger, Profis und Freaks“.

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Dominik heute

Ich habe es geschafft! Nach gut 7 Monaten Klinikaufenthalt und einer Gewichtszunahme von tollen 30 Kilogramm sitze ich jetzt gerade am PC und schreibe diesen Beitrag über meine vergangene Magersucht. Und ja, die Liste wurde erfolgreich abgearbeitet. Getreu dem Motto: Vom Banker zum Barista, bereite ich heute mit großer Leidenschaft leckere Kaffeespezialitäten für meine Gäste zu. Jetzt stehe ich hinter der Siebträgermaschine, besuche die besten Röstereien Deutschlands, verkoste Kaffee in meiner heimischen Kaffeebar und übe gerade fleißig an meinen Latte-Art-Skills.

„Also nicht Augen zu und durch, sondern Augen auf und rein!“

Natürlich gibt es auch heute immer wieder schwierige Momente, in denen eine leise „Essstörungs-Stimme“ zu mir spricht. Es wäre gelogen zu behaupten, ich bin zu 100% geheilt. Auch gebe ich ehrlich zu, dass ich nicht gerade mit dem größten Grinsen im Gesicht in eine McDonalds-Filiale zum Burger essen gehe. Aber ich mache es, verdammt ich mache es! Wenn ich merke, dass mir mal wieder etwas schwer fällt, wie zum Beispiel Butter aufs Brot zu schmieren, oder Sahne in die Tomatensoße zu geben, oder einfach mal auswärts essen zu gehen -dann, ja genau dann mache ich es! Hier gibt mir die Aussage einer Psychotherapeutin und Ärztin immer wieder die nötige Kraft. Sie sagte: „Wenn ihr spürt, dass ihr zum Beispiel vor bestimmten Lebensmitteln wieder eine Angst entwickelt, dann esst ihr sie erst recht und das für mindestens eine Woche. Denn einmal ist keinmal! Also nicht Augen zu und durch, sondern Augen auf und rein!“

Die Vorurteile anderer

Leider gab es zur damaligen Zeit viele „Besserwisser“, die für diese Art der Erkrankung keinerlei Verständnis aufbringen konnten und es tatsächlich zum Teil auch nicht wollten. Ich kann es gar nicht mehr zählen, wie oft ich mir den nervenden Kommentar „Iss doch einfach mal was!“ anhören musste. Selbst meine Eltern, und das tut mir ziemlich weh, mussten sich aus dem Bekanntenkreis nicht selten so dermaßen unqualifizierte Kommentare anhören, dass einem schlecht wurde. Aussagen wie zum Beispiel: „Ja kocht ihr nichts zu Hause?“, oder „Du musst deinem Sohn einfach jeden Tag was kochen, dann geht das schon wieder“. Ein Extrembeispiel erlebte ich in einer Tankstelle, in der ich regelmäßig meine Zigaretten kaufte. Plötzlich wurde ich von einer Mitarbeiterin nicht mehr bedient. Nachdem ich ihre Kollegin fragte, was denn plötzlich los sei, bekam ich als Antwort, die Mitarbeiterin würde mich nicht mehr bedienen wollen, da sie sehr sauer auf mich sei. Wie könne ich mich nur absichtlich so zu Tode hungern, während andere Menschen in Afrika an Hungertod sterben, weil sie kein Essen haben. Das ist einfach nur Naivität und mangelndes Verständnis.

Was andere über die Krankheit wissen sollten

Ich würde mir von anderen Menschen mehr Sensibilität und Verständnis für das Thema Essstörung/Magersucht wünschen. Aber das ist unglaublich schwierig, denn die Magersucht ist eine unglaublich komplexe psychische Krankheit. Zum einen möchte ich die Außenstehenden in Schutz nehmen, da sie, egal was sie machen, sich gegenüber einem Betroffenen kaum richtig verhalten können. Das bedeutet: loben sie ihn, wie toll er doch abgenommen hat, bestätigt ihn das und er macht weiter. Weisen sie den Betroffenen mit Entsetzen darauf hin, dass er sehr abgemagert aussieht, ist das für die Magersucht ebenfalls eine Bestätigung und der Erkrankte macht auch in solch einem Fall weiter.
Deshalb würde ich mir einfach nur wünschen, dass die Magersucht (bzw. auch generell psychische Erkrankungen) akzeptiert werden und Anerkennung finden. Die Magersucht ist zwar im ersten Moment nicht sichtbar, aber definitiv gefährlicher als ein gebrochener Arm oder ein eingegipster Fuß.

Seine Botschaft an Männer/Frauen mit Essstörungen

„Du musst es wollen, du musst es mit aller Kraft wollen…“

Ich möchte diesen Beitrag primär dazu nutzen um zu zeigen, dass es auch einen Weg aus der Magersucht, einen Weg aus der Essstörung zurück in ein neues, normales und wunderbares Leben gibt. Ich will vor allem Mut machen! Habt keine Angst vor Rückschlägen, sie machen euch nur stärker!
Wenn ich zurückblicke, ist die persönliche Krankheitseinsicht der erste und wichtigste Schritt in ein gesundes Leben. Du musst es wollen, du musst es mit aller Kraft wollen, denn du hast es verdient gesund und munter am Leben teilnehmen zu dürfen!
Auch war ich damals unglaublich froh, dass mich meine Mutter und mein Stiefvater unterstützt und zu jeder Zeit an mich geglaubt haben. Deshalb: wenn ihr die Möglichkeit bekommt, Hilfe in Anspruch zu nehmen, sei es durch die Familie, durch Freunde, durch die Partnerin, den Partner oder natürlich durch Kliniken, Ärzte und Psychologen – nehmt sie an!

„Ich weiß, das ist nicht einfach, aber denkt immer daran: Sich einzugestehen krank zu sein ist keine Schwäche, es ist eure überlebenswichtige Stärke!“

 

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