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ESC 2015 Volunteer Insights – Die nackte Wahrheit

Wien hat ihn mehr oder weniger schmerzfrei überstanden – den 60. Eurovision Song Contest. Österreichs „Zeroes of our Time“ dürfen sich nun endlich wieder anderen Projekten widmen und sahnen dort hoffentlich mehr Punkte ab. Ein im Vorfeld schon als Schönling betitelter Schwede hat das Ding also gewonnen. Schön fand ich persönlich an der ganzen Performance höchstens das Strichmännchen und die Show im Hintergrund. Der Song hingegen hat sich für mich nach dem ersten Mal hinhören bereits schon so angefühlt als ob ich ihn mir 2 Jahre lang in Dauerschleife gegeben hätte. Fad und unglaublich nervig…
Wer zur Hölle hat den genialen Belgier „nur“ auf Platz 4 verfrachtet?

So viel zum Offensichtlichen. Was hat sich nun jedoch hinter den Kulissen noch so abgespielt? Mein Resümee zum diesjährigen Song Contest als Volunteer:

On the bright side: 

Es war toll ein Teil dieses Projektes zu sein, an Insiderinfos zu gelangen und an vielem viel näher dran zu sein als andere. Ich habe in erster Linie nicht als Song Contest Fan mitgemacht, sondern um aus erster Hand nicht nur zu erfahren, sondern auch zu erleben wie die Planung und Durchführung eines solch großen Events abläuft. Auch wenn ich anfangs mit der Zuteilung zu meinem Team nicht gerade zufrieden war, hatte ich ihm Nachhinein wohl echt einen der gemütlichen „Jobs“ und konnte trotzdem alle Vorzüge des Volunteer-Daseins genießen. Ich habe nette Leute kennen gelernt, coole Partys gefeiert und habe einen ganzen Tag mit Presse- und Delegationsmitgliedern in der Wachau verbracht und dort eine tolle Bootsfahrt erlebt und regionale Köstlichkeiten und Wein genossen. Ich habe während meiner Arbeit am Infodesk mit überaus netten JournalistInnen im Pressezentrum gequatscht, gratis und ohne währenddessen zu arbeiten das erste Semifinale live in der Halle erlebt (welches wirklich großartig war) und sogar auch noch von einem italienischen Journalisten Tickets für das Jury Finale angeboten bekommen. Es war richtig cool mehr als nur eine Zuseherin und mittendrin im ganzen Geschehen zu sein, aber trotzdem gab es auch einige negative Punkte, welche ich auf keinen Fall ungesagt lassen will.

On the dark side (where they have cookies):

Manch einer würde vielleicht sagen: „Ist eh klar, dass Leute die gratis arbeiten nicht ganz normal sind.“ Ganz so drastisch würde ich es zwar nicht sehen, aber so manches Mal habe ich mir in Gesellschaft der Volunteer-Gemeinde schon tatsächlich gedacht: „Halleluja, wo bin ich denn hier gelandet?“. Woran das liegt? Es trifft wohl kein Wort alles was ich zum Ausdruck bringen will besser als ‚harmoniebesoffen‘, in welches ich mich dank eines Artikels des ‚Spiegel online‘ sofort verliebt habe. Harmoniebesoffen, kitschtrunken und pseudodramatisch -was mich im Gesamtpaket eine professionelle Authentizität vermissen ließ. Warum das harte Urteil? Weil mich persönlich die Kommentare in der Volunteers-Facebookgruppe daran zweifeln ließen, tatsächlich im richtigen Film gelandet zu sein.

Beispielsweise wurde eine Frau nahezu virtuell attackiert, weil sie es wagte nachzufragen, wie lange denn die Kleider-Ausgabe dauern würde, weil sie danach eigentlich noch auf die Uni müsste. Was ihr denn einfallen würde sich nicht mit Leib und Seele dem Song Contest zu verschreiben, wo denn ihr Spirit und ihre Leidenschaft wären und warum man sich denn überhaupt bewirbt, wenn man nicht für den Song Contest alles opfern will. So und zum Teil noch krasser lauteten die Kommentare anderer Volunteers. Ich finde eine kleine Portion Wir-Gefühl prinzipiell ja auch nicht schlecht, wenn jedoch  mit jedem, der nicht sein ganzes Leben über den Haufen wirft nur um gratis für den ORF zu arbeiten, beinahe Sekten-ähnliche Hirnwäsche betrieben wird, entsteht bei mir im Hals so ein kleiner aber feiner Würgereiz.

Was ebenfalls beinahe das Innere meines Magens nach außen gekehrt hätte, war dieses ständige Gelaber von einer großen Familie und der Volunteers-Projektleiterin als ‚Mami‘ von 800 Kindern. Echt jetzt? Hat es eine erwachsene Frau in einer solchen Position tatsächlich nötig die mehr als nur unprofessionelle Mami-Karte zu spielen? Wenn dann unzählige Leute auf Facebook auch noch mit „Danke Mami, dass ich heute eine Show sehen durfte. Mami, du bist die Beste! Bussikussi!“ daher kommen, zweifle ich einmal sachte an den zwei Volunteer-Casting-Durchläufen, welche doch eigentlich die kompetentesten Leute zum Vorschein bringen hätten sollen. Ich für meinen Teil habe nämlich schon eine Mami und es würde mir nie im Leben in den Sinn kommen einer komplett fremden Frau diesen Ehrentitel zu verleihen. Es ärgert mich auch insofern, dass ein Mann bestimmt nie mit weinerlicher Stimme „Papi ist so stolz auf seine 800 Kinder!“ ins Mikrofon gesäuselt hätte. Dass dieses kindische und übertrieben das weibliche Stereotyp fördernde Verhalten an dieser Stelle komplett fehl am Platz war, schien keiner so wirklich bemerkt zu haben.

Das ist jedoch noch nicht alles. Von Bussikussi-Mami hab ich persönlich nämlich nicht viel Zuneigung erhalten und so blieben oftmals Mails unbeantwortet und große Fragezeichen in der Luft hängen. Die Kommunikation und Organisation ließ nämlich nicht selten sehr zu wünschen übrig. Wenn sich dann einmal jemand probiert hat leise auf Facebook zu beschweren, wurden diese wagemutigen Rebellen gleich von einer Armee von Mami-Rittern verbal zunichte gemacht. Wo denn die Dankbarkeit bliebe? Die unendliche Dankbarkeit gegenüber dem Volunteers-Team, welches nur für uns unermüdlich kämpfte. Dass Volunteers gratis arbeiten und die anderen eigentlich nur ihrem (bezahlten) Job nachgehen und man darum doch auch ein bisschen Wertschätzung in Form von eingehaltenen Versprechen, Antworten auf Fragen und reibungsloser Organisation erwarten kann, bedenken hier scheinbar nur wenige.

Das I-Tüpfelchen, das ganz besondere Sahnehäubchen war jedoch die Tatsache, dass vor den Mädls des VIP-Care-Teams Essen in den Müll geschmissen wurde, obwohl diese zuvor hungrig nachgefragt hatten, ob sie denn nicht ein bisschen von den Resten haben könnten. „Ihr seid keine VIPs, sorry!“, war die unverblümte Antwort. Greenevent ahoi! Als dann eine dieser Mädls auf Facebook ihren Ärger darüber kundtat, brach kurzerhand ein Mini-Shitstorm aus, welcher aber bald schon mit einem „Ich habe soeben mit xy telefoniert und sie gebeten unser Team zu verlassen.“ seitens der Mami beendet wurde. Gefolgt von einem „Danke Mami, dass du dich immer um alles so gut kümmerst.“ Was bei dem Telefonat tatsächlich noch gesagt wurde weiß ich nicht. Das Offensichtliche spricht jedoch für sich.

Wie bereits gesagt, ich war trotz allem froh dabei zu sein und habe einiges erlebt wozu ich sonst keine Chance bekommen hätte. Deswegen bin ich auch dankbar für all das Positive was das Volunteer-Dasein mit sich brachte. Trotzdem wäre ich nicht ich, wenn ich unehrlich alles ausspucken würde was mir in meiner Sekten-Family vorgekaut wurde. Kritisch über die Tatsachen zu reflektieren schadet nie und so habe ich zwar auch ein bisschen Harmonie getankt, mich aber nicht daran besoffen.
Ich hätte mir ein bisschen weniger Schmusischmusi und ein bisschen mehr Professionalität gewünscht. Ein bisschen weniger Guru-Diktatur und mehr Klarheit. Aber das ist wohl Geschmackssache und scheint bei einigen gut angekommen zu sein, während den Anderen nichts übrig blieb als aufzuhören oder auszublenden.

Der Song Contest hat mir vor allem eines gebracht: Erfahrungen. Positive und auch Negative. Ich habe die Zeit genossen und trotzdem ist für mich jetzt klar – es ist nicht alles Gold was glänzt und zu viel Harmonie macht manchmal alles erst so richtig disharmonisch und fühlt sich an wie Zwölftonmusik.

VA

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6 Comments

  • Reply
    Raphael
    26. Mai 2015 at 16:54

    Hey Vale, habe auf diesen Artikel gewartet – und mittlerweile auch mit einem Schmunzeln gelesen. Harmoniebesoffen, geiles Wort, das kommt auch in meinen Wortschatz.

    Was du schreibst erinnert mich ein bisschen an die Welle 😀 (obwohl, lustig ist es wahrscheinlich nur, wenn man einen humorvollen Text – wie deinen – darüber liest ;)).

    Danke für den Artikel!

    Raphael

    • Valeria Anna
      Reply
      Valeria Anna
      26. Mai 2015 at 19:03

      Richtig geiles Wort – find ich auch :D!

      Naja so schlimm wie bei 'Die Welle' war es dann doch nicht :D. Aber bei gewissen Leuten war das Verhalten doch leicht bedenklich ;).

      Gerne! Freut mich, wenn er dir gefällt :)!
      VA

  • Reply
    Anonym
    26. Mai 2015 at 22:04

    Hi Valerie, ui dann mach mal als Sport-Volunteer mit – bei Olympia oder Staatsmeisterschaften.. und du weisst ja – nach außen muss alles perfekt ablaufen, dann ist der Job getan. Gut geschrieben, Chapeau!

    • Valeria Anna
      Reply
      Valeria Anna
      28. Mai 2015 at 15:29

      Haha okay, gut zu wissen :D!

      Dankeschön :)!

  • Reply
    Maribel
    27. Mai 2015 at 7:32

    Ich war ja dieses Jahr echt gar nicht begeistert vom ESC leider.. Habe mir vorher nicht ein Lied angehört und alles am Samstag auf mich einrieseln lassen. Ich fands todes langweilig :/ Und dass dann Deutschland und Österreich bei den Liedern echt beide 0 Punkte gemacht haben, war für mich dann unverständlich. Gut, mich hat auch beides nicht ausm Hocker gehauen, aber zumindest waren sie doch swingiger als die Mehrheit?! Für mich betsand der ESC dieses Jahr irgendwie aus 20 von 27 laaaaaaaahmen Liedern.

    Aber ich kann es nur noch mal sagen. Ich finds super interessant, dass du da mitgemacht hast und hinter den Kulissen (und auch wenn man vor Ort als Zuschauer wär) ist das alles einfach noch mal nen Ticken spannender und aufregend 🙂

    • Valeria Anna
      Reply
      Valeria Anna
      28. Mai 2015 at 15:32

      Ich war eigentlich selbst nie so der große Fan. Aber dieses Jahr kannte ich dann immerhin die meisten Lieder und hab mich vom Fieber ein bisschen anstecken lassen. Komplett ist der Funke jedoch immer noch nicht übergesprungen ;).
      Null Punkte fand ich echt auch ein bisschen krass. Da gab es um EINIGES schlechtere Lieder.

      Ja da hast du recht – war insgesamt eine coole und irgendwie auch lehrreiche Erfahrung :).

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