Wenn ich in dich hineinsteche wird es rot. Nicht gleich. Wenn ich tief hineinsteche aber. Wir kennen uns lange, immer anders. Ich sehe deine Haare nur, wenn ich sie vor das Licht halte. Wenn ich sie berühre, spüre ich sie nicht. Du bist das, was man weiß nennt, aber weiß bist du nicht. Hell. Aber weiß? Du bist eine Mischung aus beige und rosa und ja okay, ein bisschen weiß und an einigen Stellen rot und braune Punkte hast du auch. Zu sagen du wärest weiß ist Wortfaulheit. Für Wände gibt es verschwenderisch viele Nuancen. Eierschalengelb und Vergissmeinnichtblau und all das. Für dich gibt es Schubladen mit Stempeln. Du trägst meine Farbe.

Deine Oberfläche ist Schleifpapier und Brennnessel. Manchmal hält er meine Hände ganz fest. Und ich sage er muss sie loslassen. Meine Arme sind schwächer. Dann werde ich böse, damit er mich lässt. Nur kurz, sage ich. Dann kratze ich dich. Kurz. Noch ein bisschen länger. Weil es zu kurz war. Du bist für Millisekunden dankbar. Dann fliegt die Zufriedenheit zwischen zwei Kratzbewegungen davon und kommt erst wieder, wenn meine Nägel auf dir landen und sich in dich hineinbohren. Vor, zurück. Danach bist du erst recht nicht weiß. Du bist rot. Befriedigt, wie nach einer ganzen Tafel Schokolade. Da war Genuss, aber da ist auch Reue. Du bist rot oder sogar das nasse Rot. Manchmal landet etwas anderes Nasses auf dir. Dort wo ich dich nicht sehen kann, weil du zu nah an meinen Augen bist.

Wenn ich nur etwas, nur eine einzige Sache ändern könnte, dann wärst das du. Dich würde ich ändern. Weil du viele Baustellen bist und sich jede davon wie die Sagrada Familia anfühlt. Weil du mich lautlos anschreist und ich nichts höre. Du reizt mich. Beißend deine Worte. Rot dein Ausdruck. Eitrig, wenn ich dich ausdrücke. Ich pikse dich mit Nadeln, kratze mit Nägeln. Er sagt Nicht! Hält meine Hände. Wahnsinnig ist das! Aber ich kann ja nicht aus der Haut fahren. Ich verletze dich. Und du mich. Du hast angefangen! Woher kommt deine Wut? Ich schlafe mit Samthandschuhen. Verdammt. Jede Tube heißt ‚extrem empfindlich‘. Ich springe selbst bei 30 Grad nicht in Pools. Ich weiß, dass du Tomaten, Seife und Abwasch nicht magst. Versteh mich nicht falsch, wenn ich mich an jede Millisekunde Dankbarkeit klammere, auch wenn sie dir weh tut.

Du trägst meine Farbe. Du trägst mich. Erträgst mich. Ich streiche sanft über Schleifpapier. Wir werden uns haben bis Würmer dich fressen oder Feuer dich fängt.

Text veröffentlicht in Literaturzeitschrift &Radieschen  #53 „Haut & Haar“

Leave A Comment

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*