Schon lange nervt mich der Baulärm. Um 22 Uhr sollte doch Schluss sein. Aber das ist ihnen egal. Den anderen ist auch egal nach 22 Uhr zu schreien, zu streiten. Und weil ihnen das egal ist, habe ich sie einmal nach 22 Uhr angeschrien. Wahrscheinlich ging das zu weit. Oder gerade noch nicht. Vielleicht wäre das Ganze ja erträglicher, wenn ich nicht in einer 48m²-Wohnung säße, ohne Balkon, alle Fenster kennen nur eine Richtung. Baustelle. Und dahinter graue Wände. Vielleicht wäre dann alles besser. 

Sie liegen in Zelten. Ob man es in Zelten überhaupt Quadratmeter nennt oder nur 1-Mann, 2-Mann und in ihrem Falle halt 3-Familien in 4-Mann? Sie haben Dreck im Gesicht. Frischer Dreck und 3-Tage-Dreck. Sie stehen in Schlangen. Für Essen, für alles. Ich weiß nicht viel über sie, weil hier nennt man sie nur „die in Moria“. Masse. Ohne Namen. Manchmal Gesichter, aber es waren schon so viele, dass sie zu einem werden. Ein Gesicht für eine Masse. Ich kenne sie nicht. Aber ich bin ein Mensch und sie auch. Mehr braucht es nicht. 

Was nicht gut ist, fragst du? Wo man da überhaupt anfängt. Vielleicht bei der To-do-Liste ganz oben und wenn man unten ist, hat man vergessen, wie man atmet. Gut, dass ich keine Zeit habe, das alles zu hinterfragen und selbst wenn, würde ich es verstecken hinter Bildschirmzeit 4 Stunden und 26 Minuten und mich danach so richtig bedauernswert fühlen. 

Zeit ist ein relatives Konstrukt. Ein absurdes. Wenn man auf einer Insel sitzt und sonst nichts. Sie warten. Warten und wissen nicht mehr worauf. Sie warten auf Essen, auf Antworten, auf Erklärungen, Erlösung, vielleicht sogar auf eine Entschuldigung, aber das wäre naiv. Sie warten auf eine Zukunft. Die vielleicht keine sein wird. Sie wissen nicht wo oder wie, wann erst recht nicht. Und sie wissen nicht, wozu sie da sind, wenn ihnen gesagt wird, dass sie nirgends sein sollten.

Ich habe keine Ahnung, wie sich mein Leben in den nächsten Jahren entwickeln wird. Was das große Ziel sein soll, dem ich hinterherjage. Ich weiß nicht einmal, wo ich wohnen möchte. Vielleicht irgendwo am Meer. In einem anderen Land wäre schon cool. Auf jeden Fall ohne Baulärm. Ja, ich glaube irgendwo am Meer wäre schön. 

„Das Meer hat unterschiedliche Funktionen, je nachdem wer du bist“, sagt er. Er, der alleine dort ist. Seit 8 Monaten. Das Meer ist die Badewanne. Eine salzige Dusche ohne Privatsphäre. Das Meer ist eine Waschmaschine. Kleidung wird gewaschen, Menschen werden gewaschen, Tränen weggewaschen, Perspektiven auch. Am anderen Ufer standen sie. Träumten davon, über das Wasser an einen sicheren Ort zu gelangen. Das Meer hat damals zuerst ihre Angst verschluckt, weil die Verzweiflung zu groß war, dann Hoffnung geschenkt, aber viele Leben getrunken. Vielleicht werden die Leichen angespült. An wunderschönen Stränden. 

Am Tag nach dem Putzen ist die Wohnung nicht mehr sauber. Putzen ist die undankbarste Tätigkeit, die ich mir vorstellen kann und ich kann mir viel vorstellen. Selbst die kleine Wohnung frisst Stunden. Stunden, in denen mir mein Rücken weh tut und ich so viel Sinnvolleres tun könnte. Wenn ich bei maximal guter Laune anfange zu putzen, dann ende ich maximal bei eher schlechter Laune. Die einzige Genugtuung: Es ist erledigt. Aber es wird wiederkommen. Der Dreck wird schneller zurückkommen, als es mir lieb ist. 

Es regnet viel. Wenn es regnet, wird Erde zu Gatsch. Die Kinder spielen dann vielleicht im Gatsch. Weil Kinder eben spielen. Die anderen warten im Gatsch. Den Dreck werden sie sich von der Haut waschen. Sie werden ihn austauschen gegen die Nässe des Salzwassers, aber sie werden nie sauber sein. Wenn sie in fünf Jahren noch leben sollten, wird der Dreck noch in ihren Zellen hängen. Wer einmal Dreck ist, wird Dreck bleiben. 

Ich brauche einfach meine Privatsphäre, weißt du? Einen Raum für mich. Wo ich mich zurückziehen kann, die Türe schließen. Und einen Balkon. Am besten eine Dachterrasse. Es ist alles viel zu eng. Ich will hinausgehen und durchatmen. Über Dächer blicken, in die Ferne schauen. 

Die Menschen in Moria sind Nummern. Sie haben keine Bedürfnisse. Sie hätten schon, aber Nummern haben das nicht. Nummern dürfen keinen Platz einfordern, würdevolle Verhältnisse und all das. Nummern sterben nicht, sie werden ausgetauscht.
Moria ist kein sicherer Ort. Moria ist kein Campingplatz, kein Schulausflug, es ist wie Fegefeuer und ist Europa dann Gott? Moria ist kein sicherer Ort. Moria könnte der Name eines kleinen Mädchens sein und klingt schön. Aber kleine Mädchen in Moria wurden vergewaltigt und auch größere Buben. Traumata reichen zurück bis in die Heimatländer. Reichen zurück bis zu ihren Haustüren, aus denen sie gegangen sind, ohne zu oft zurückzuschauen. 

Du hast noch nie von ihnen gehört? Von den Staubläusen. Das sind so kleine Dinger. Wenn man Wände nicht beachtet, fallen sie gar nicht auf. Wenn sie auffallen, kann man nichts anderes mehr sehen. Ich jage sie täglich, ich ekel mich, aber inzwischen habe ich den Kampf gegen sie fast schon aufgegeben.

„Ich werde mich nie an gebrochene Kinderseelen gewöhnen“, sagt die Psychologin, die in Moria arbeitete. Aber sie habe sich an Kakerlaken und Ratten in den Zelten der Kinder gewöhnt. Und an die Krätze. 

„Jetzt nehmen sie immer die Kinder her“, sagt die Frau in der Bluse mit Blumenprint zum Herrn neben ihr und ich lausche.
„Eine Frechheit immer die Kinder zu zeigen.“
„Ja, wirklich. Was wollen sie denn erreichen? Mitleid etwa?“
„Das wäre ihnen gerade recht.“
„Und jetzt noch das Feuer. Das haben die ja selbst gelegt.“
„Damit wollen sie uns bestechen. Na, ganz sicher nicht. Was zu weit geht, geht zu weit. Da helfen Kinderbilder auch nichts!“

Kinder verletzen sich selbst. Jugendliche wollen nicht mehr leben. Sie haben Alpträume und wenn sie aufwachen, kann sie niemand in den Arm nehmen, wiegen und zuflüstern: „Alles ist gut.“. Weil nicht alles gut ist und das Aufwachen nur ein luzider Alptraum ist. Kinder sind seit einem Jahr hier und gehen nicht zur Schule. Bildungslos, heimatlos, chancenlos, haltlos. Los los los los los los.

Ich kann es nicht mehr hören. Das Geräusch von Dosen, die geöffnet werden. Erfrischend klingt das, sagen die meisten. Knack. Zisch. Für mich ist dieser Klang zur Verhöhnung geworden. Die Menschen, die im Lokal unter uns sitzen. Draußen an den Plastiktischen. Sie verhöhnen mich, weil ich sie hören muss und nicht schlafen kann. In den eigenen vier Wänden wird man verhöhnt und schön langsam fällt mir das Dach auf den Kopf. 

Man sagt immer „ein Dach über dem Kopf“. Und sie haben auch Köpfe, die genau so sind wie unsere. Genau so unterschiedlich. Aber Köpfe ohne Dächer. Weil Dächer gesprengt wurden, oder keinen Schutz mehr boten. Es wird kälter, weil es Herbst ist und sie werden frieren.

Verdammt, wieso muss ich heute schon meinen Schal tragen? Er macht meine Haare elektrisch und war nicht noch vor fünf Minuten Sommer?

Es gibt nicht genügend Platz in der Sonne. Das merke ich, als ich rund um den Block spaziere und eine Bank suche. Das bringt Balkonlosigkeit so mit sich. Man erfährt es von der Wetterapp oft zu spät, dass die Sonne scheint. Und dann findet man keinen Platz, an dem man sich das Gesicht wärmen lassen kann und dann stellt man sich halt auf den Gehsteig. 

Sie sagen, kein Platz. Sie sagen, dann kommen ja alle. Sie sagen Kriminalität und nicht unsere Werte und unser Land und unsere Leute. Kultur all das. Sind unsere Leute der Martin und die Sandra, die gerne All-inclusive-Urlaub in Ägypten und Après-Ski ohne Skifahren machen? Dann bin ich nicht unsere Leute, weil ich mag das nicht. Ist unsere Kultur Lederhose und Stelze, weil dann bin ich nicht unsere Kultur, weil ich Vegetarierin bin und mich nie in eine Lederhose quetschen würde, aber sogar noch eher als in ein Dirndl. Wo ist die Grenze von denen zu wir und unsere?

Plötzlich sind wir ein Risikogebiet. Ich habe noch nie in einem Risikogebiet gewohnt. Man könnte Angst bekommen, aber man könnte auch im 1. Bezirk einen Aperol Spritz trinken und Letzteres macht irgendwie mehr Sinn. Wenn ich eh schon unterwegs bin. 

An der Ecke hängt ein Wahlplakat. An welcher? An jeder Ecke hängt ein Wahlplakat. Auf diesem ist in der Mitte eine Linie, die trennt. Rechts ist das gute Leben mit Porzellan und Marmorkuchen und natürlich weißes Lächeln und blonde Haare. Links sind eine schreiende Frau und ein dunkel gekleideter Mann, mit dunklem Bart und dunklen Augen und der Blick ist auch dunkel. Und solche Plakate haben sie mehrere. Immer mit Linie, die das eine vom anderen abgrenzt. Immer mit Extremen. Rechts das, was sich als Sicherheit verkleidet und gut ist, weil es gleich ist und links das Böse, das immer fremd ist. Das Fremde, das immer böse ist. Und das ist nicht mehr gerade noch. Grenzen verschieben sich, wenn es langsam passiert. 

„Könntest du bitte noch ein Stück rüberrutschen?“, fragt mich die Frau, als ich endlich einen Platz in der Sonne gefunden habe.
„Ja klar, ein bisschen geht noch.“

Sie sprechen über Menschen wie über Bananen. 
„Magst du eine Banane?“ 
„Nein, Bananen sind grauslich, die mag ich nicht.“ 
Oder: „Nein, ich hab keinen Hunger.“
Oder: „Ja klar, gib mir eine Banane, ich hab noch Platz im Bauch.“

Darf ich nach 17:00 Uhr noch einen Kaffee trinken? Mag ich überhaupt einen? Ich weiß es nicht. Ich überlege, bis es 18:00 Uhr ist, und dann denke ich mir, es ist zu spät. Aber manchmal denke ich mir auch, dass ich erwachsen bin und das heißt, dass ich machen kann, was ich will. Dann trinke ich um 18:01 einen Kaffee. Mit Milchschaum.

Er sagt: „Kümmert euch doch zuerst um die, die schon da sind!“
Um die, die in der Straßenbahn angeschrien werden mit: „Was machst du in meinem Land?“ Deren Nachname Handicap lautet und man lieber nicht in der Mietwohnung haben möchte? Ja, um die sollte man sich kümmern. Jedoch kurze Anmerkung: Zuerst kommt das Leben und dann die Integration. Artikel 2: Recht auf Leben. Vergessen. Verdrängt. Für nicht wichtig genug erachtet oder Leben anders interpretiert. Für andere anders als für sich. 

Ich überlege mir seit Tagen, ob ich mir drei Mal oder nur zwei Mal im Jahr eine teure Friseurin leisten soll, weil es wär halt an der Zeit. Der Ansatz sieht schrecklich aus, die Spitzen sind zerfranst. Es ist schon viel Geld, aber man sollte sich ja auch selbst etwas gönnen. Man lebt nur einmal und man hat es schon verdient gut zu leben und schön zu leben.

Die Angst sitzt tief. Die Angst, es könnte uns jemand etwas wegnehmen, das uns gehört. Warum glauben Menschen, dass ihnen etwas gehört? Weil sie glauben, dass sie es sich verdient haben. Warum glauben sie, dass sie es sich verdient haben? Weil sie sonst feststellen würden, dass sie nichts Besonderes sind, nicht besser als andere, nicht wertvoller. Aber das wollen sie eben sein. 

Heute mache ich nichts. Ich lege mein Handy weg. Auch den Kalender und die Listen. Ich bleibe auf der Couch unter der Decke und lasse mich von Netflix sieben Mal fragen „Are you still watching?“.

Sie mussten Grenzen überschreiten, um an einen Ort zu kommen, an dem es nicht weitergeht. Sie haben Grenzen überschritten, die als Linien auf Landkarten gezeichnet wurden. Wir überschreiten Grenzen, die nicht als Grenzüberschreitung gelten. Gerade noch ist vorbei und es geht nicht mehr. 
Das Schlimmste ist nicht die Situation. Die Situation ist schlimm. Das wissen sogar die, die am lautesten schreien, dass wir niemanden hier haben wollen. Das Schlimmste ist, dass sich Menschen über andere Menschen stellen. Grenzen ziehen und behaupten es seien die richtigen. Dass sie sagen: „Ihr nicht. Bis hierhin und nicht weiter.“ Aber es geht nicht um Bananen. Und die Mägen sind leer. Zu viel war zum Kotzen. 

Es waren drei schlimme Tage. Ich habe mich in ein Loch ziehen lassen, dessen Dunkelheit ich kenne, von der ich trotzdem jedes Mal überrascht bin. Ja, ich habe den Schmerz schon gefühlt, aber scheinbar noch zu wenig und hier ist er wieder. Das hat wohl nichts mit einer Wohnung zu tun, oder Haaren, oder Lärm, oder Bänken in der Sonne. 

Behütet bin ich aufgewachsen. Es war nicht alles gut. Es war vieles richtig scheiße. Aber egal was es war, es war immer behütete Scheiße. Ich aß zu wenig, weil es zu viel gab. Ich war dreckig, weil ich barfuß durch Nachbargärten gerannt bin. Ich durfte viel Liebeskummer haben, weil ich nie Kummer haben musste, dass ich auf der Straße erschossen werde. Meine Eltern waren am Ende und haben sich getrennt, aber am Ende waren sie immer in Sicherheit und Mamas Schulter nie weit entfernt. 
Nein, mein Land ist es nicht, nicht meine Kultur, meine Leute. Mein Zufall ist es und mein Glück, das ich mir nicht verdient und auch nicht nicht verdient habe. Es ist halt so. 

Nein, wir können nicht darüber entscheiden, wer lebt und wer langsam stirbt. Selbst darüber zu diskutieren geht nicht mehr, ist ein Schritt zu weit. 
Welchen Wert haben die Menschen, die vor unseren Grenzen sitzen?
Welchen Wert haben wir, wenn wir ihn bestimmen?

Vielleicht ist es Zeit für eine Veränderung, sagt mir die Unzufriedenheit. Vielleicht ein Neuanfang. Ich hole mir eine Weltkarte und schließe die Augen. Mit dem Finger lande ich auf Afghanistan und ich sage: „Nein, da sicher nicht. Da kann ja kein Mensch leben.“ Ich lasse den Finger noch fünf Mal kreisen. Bis es Spanien ist. Ich könnte morgen hinfliegen. Das Geld reicht lange. Gedanken sortieren, Klarheit bekommen, zu mir finden und dann steht mir alles offen.

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