valeriannala
meine Worte

Hinter jeder Diagnose steckt ein Mensch

Wir machen das gerne. Sticker verteilen. Label drauf und ab damit auf die Stirn. „Geisteskranker“, „Psychopath“, „Behinderter“,… Kurzum: etikettiert mit „weniger wert“. Fast so wie die S-Budget-Produkte oder die Mode bei Kik.
Vor denen muss man dann Angst haben, sich schützen. Denn sie fallen andere Menschen auf der Straße an, sind eine Bedrohung, sind anders und darum gefährlicher als wir. Wir, die Normalen. Wir, die Gesunden, wir haben unser Leben natürlich immer vollkommen unter Kontrolle. Sind stärker, unabhängiger, wichtiger für die Gesellschaft. Praktisch der Weizen, der sich selbstverständlich stets von der Spreu abhebt.

ICD-10 nennt man das Ding. Das ist für die lieben Psychologen etwa so wie die Bibel für die Katholiken oder der Kodex für die Richter-Töchter mit ihren Louis Vuitton Täschchen am Juridicum (Achtung, Sticker verteilt!). Eine Kategorisierung soll es sein. Eine statistische. Eine internationale. Damit jeder einheitlich darüber Bescheid weiß, welche Symptome zu welcher (psychischen) Krankheit gehören. Man könnte es auch als eine Art Kommode betrachten. Für jede Krankheit eine Schublade. Für die Diagnostik ungeheuer wichtig -ja gar nicht wegzudenken. Und wir brauchen sie wirklich, diese Klassifikation, die uns tatsächlich einiges erleichtert. Aber dennoch, wenn ich eines rückblickend auf mein gerade beendetes Praktikum sagen kann, dann: Hinter jeder Diagnose steckt ein Mensch!

Diese weisen Worte kommen nicht von mir und wahrscheinlich auch nicht von der Klientin, von der ich sie lesen durfte, welche wiederum meinte sie von ihrer Therapeutin gehört zu haben. Aber nichtsdestotrotz. Genau darum geht es. Egal ob man als F 20.0 laut Klassifikations-Kommode oder als „Deppatar“ laut Durchschnitts-Wiener bezeichnet wird, der Mensch dahinter bleibt immer noch Ludwig, Isidora oder Liesbeth. Und Ludwig mag vielleicht Fisch, Isidora liebt Fleisch und Liesbeth ist Vegan. Möglicherweise hat Ludwig seine Mutter verloren, Isidora ihre nie gekannt und Liesbeth hat dafür gleich zwei. Und trotzdem tummeln sie sich alle auf derselben Seite des ICD 10. Und trotzdem teilen sie sich dieselbe Schublade in der Kommode. Versteht ihr?

Eine psychische Krankheit lässt keinen Menschen verschwinden, keine Individualität. Schizophren ist nicht gleich schizophren und nur weil es einen Typen mit einer vermeintlichen Depression gibt, der ein Flugzeug benutzt um einen „erweiterten Suizid“ durchzuziehen (wenn das denn alles so wirklich stimmt), heißt das nicht, dass jeder Depressive eine Gefahr für die Menschheit darstellt.
Wir, die Normalen, sind natürlich alle verschieden. Da darf man nicht über einen Kamm scheren. Aber sie, die Anderen, die Komischen, die die gesellschaftlich als „krank“ beschrieben werden, sie sind alle gleich. Eben krank. Und ein Kranker kann und darf nicht arbeiten. Ein Kranker bedeutet Gefahr. Einen Kranken muss man immer ganz anders ansehen. Ach nein, angaffen. Angaffen, aber sich ja nicht zu auffällig verhalten. Schließlich will man nichts riskieren. Ist ja gefährlich. Möglicherweise auch ansteckend. Oder? ODER?

Einer meiner lieben ehemaligen Klienten, welchen ich aus schweigepflichttechnischen Gründen jetzt einfach einmal Konstantin nenne, hat mich nach der Arbeit noch eine Straßenbahnstation begleitet. Gesprächig wie er ist, konnte er sich auch hier nicht zurück halten. Und da habe ich sie bemerkt. Diese Blicke. Diese Blicke die doch beinahe schon tödlich sein müssen, wenn man den Sticker „anders“ trägt. Zwei junge Mädchen. Ihre Gedanken mit Edding ins eigene Gesicht geschrieben. „Oh Gott sie dir den an. Haha. Lächerlich. Widerlich. Und was macht die mit dem? Wieso redet sie so normal mit ihm? Freak… Ach Gott sei Dank steigt er jetzt eh schon aus.“…

Wir machen das gerne. Sticker verteilen. Label drauf und ab damit auf die Stirn. „Geisteskranker“, „Psychopath“, „Behinderter“,… Kurzum: etikettiert mit „weniger wert“.
Doch hinter jeder Diagnose steckt ein Mensch. Ein Mensch wie du und ich. Ein Mensch der kämpft. Jeden Tag. Der tödliche Blicke überlebt und versucht den Sticker auf der Stirn mit einer Baseballkappe tief im Gesicht zu verstecken.
Hinter jeder Diagnose steckt ein Mensch. Ein Mensch der seine Eigenheiten hat, seine Stärken, seine Schwächen und ich verrate euch etwas -sogar seine unerfüllten Träume, Wünsche, Hoffnungen und Ängste.

Und wenn wir ganz kleinkariert sind, dann steckt im Grunde nicht nur hinter jeder Diagnose ein Mensch. Dann ist die Diagnose nicht das, was im Vordergrund stehen sollte.

Hinter jedem Mensch steckt eine Diagnose.

Und auch wenn die Diagnose heißt „normal“. Oder wie es mein Lieblings-Psychiater und -Lehrender immer so schön sagt „normopathisch“.
Denn seien wir uns ehrlich. Ganz normal sein, ist schon auch irgendwie krank…

VA

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24 Comments

  • Reply
    Viviann B.
    4. April 2015 at 11:05

    Danke, danke, danke für diesen Post.

    Ich finde es schrecklich, dass man bei einer Diagnose direkt in eine Schublade gesteckt wird.
    Ich habe das am eigegen Leib erfahren. Aber dazu werde ich bald auf meinem Blog noch kommen und mich dazu äußern.

    Dieser Post gefällt mir auf jeden Fall sehr gut.

    Liebe Grüße
    Viviann von Seelen Leben

    • Valeria Anna
      Reply
      Valeria Anna
      6. April 2015 at 12:13

      Hallo Viviann,

      vielen Dank, das freut mich sehr!
      Ich bin schon gespannt was du darüber schreiben wirst :)!

      Liebe Grüße,
      VA

  • Reply
    Anonym
    4. April 2015 at 13:31

    Du hast sicher Recht, was das Labeling angeht. Allerdings ist der ICD-10 meiner Meinung nach nicht ein Instrument, dass trotz allem wichtig ist für die Diagnose, sondern es ist GERADE wichtig, WEIL es definiert und vor allem differenziert.
    Leider gibt es auch psychische (oder vielmehr psychiatrische) Störungen, die tatsächlich gefährlich sind. Und dann ist es auch wichtig, sie zu erkennen – und zum Beispiel ein Suizidales Syndrom von einer Depressionsart zu unterscheiden – da hilft dann wieder der ICD 😉 .

    Liebe Grüße,
    eine "liebe Psychologin"

    • Valeria Anna
      Reply
      Valeria Anna
      7. April 2015 at 15:45

      Das auf jeden Fall! Ich will die Sinnhaftigkeit des ICD auch wirklich gar nicht anzweifeln. Ohne eine solche Klassifikation wäre vieles wohl um einiges schwieriger und man braucht einfach eine Diagnose, um dann tatsächlich daran arbeiten zu können. Nur finde ich persönlich es notwendig, dass man den Klienten das Gefühl gibt, mehr zu sein als nur ihre Diagnose und dass man sie als Mensch nicht einfach auf diese Begrifflichkeit reduziert. Schließlich ist es wichtig, sich auch jede Person als Individuum anzusehen und sie als solches zu begreifen und nicht nur als vordefiniertes Symptombündel.

      Liebe Grüße,
      eine "liebe (Fast-)Psychologin"

  • Reply
    Maribel
    4. April 2015 at 14:20

    Wow, das ist wirklich ein grandioser Text. Ich habe ihn gerne gelesen. Du hast recht – wer macht das nicht? Aber es ist einfach immer wieder traurig.. ich bekomme das immer wieder bei meiner kleinen Schwester mit. Sie ist kleinwüchsig und ja.. darauf wird sie eben auch oft einfach reduziert.

    Wirklich ein toller Post!

    • Valeria Anna
      Reply
      Valeria Anna
      6. April 2015 at 12:22

      Vielen lieben Dank :)!
      Ich kann nachvollziehen, dass das für deine Schwester nicht einfach ist. Oft HAT man für Außenstehende nicht einfach eine Krankheit, sondern IST die Krankheit – was einfach ein totaler Fehlschluss ist…

  • Reply
    Christiane
    4. April 2015 at 19:18

    Ich find diesen Codegedöns eigentlich relativ praktisch. Spart mir bei Ärzten immer zeilenlanges ausführen von Beschwerden, Symptomen und Co. 😀

    • Valeria Anna
      Reply
      Valeria Anna
      6. April 2015 at 12:33

      Ja klar, praktisch auf jeden Fall! Soll/muss es auf jeden Fall geben, um sich schnell einen Überblick verschaffen zu können und zu wissen wo man überhaupt ansetzen muss. Aber danach bin ich einfach der Meinung, dass man beginnen muss zu differenzieren :).

  • Reply
    andysparkles
    4. April 2015 at 21:32

    "Ganz normal sein, ist schon auch irgendwie krank…" – toll geschrieben! Schön dass du etwas zu solchen Themen schreibst, großes Lob!

    • Valeria Anna
      Reply
      Valeria Anna
      6. April 2015 at 12:34

      Danke, das freut mich sehr zu hören/lesen. Vor allem von dir :)!

  • Reply
    Briefeschreiber Gerd
    5. April 2015 at 1:58

    super Vale… toll geschrieben, toll beobachtet und noch toller – den Mut gehabt, es auch zu schreiben..anzukämpfen gegen den Strom der Vor- und Verurteilungen. Übrigens hab ich auf meinen Überweisungen zu einem anderen Arzt auch solche Buchstaben mit Zahlen gelesen. Hab die genaue Bezeichnung vergessen – ist mir auch "scheissegal". War nur eine Schublade, die ich zwischenzeitlich zugeschlagen habe…LG Gerd – und weiter so Vale..genau so..

    • Valeria Anna
      Reply
      Valeria Anna
      6. April 2015 at 13:07

      Hallo Gerd! Vielen Dank für die lieben Worte :)!
      Schön, dass du dazu eine "scheißegal"-Einstellung gefunden hast und dich nicht in eine Schublade stecken hast lassen – auch das ist mutig :)!

  • Reply
    Sophie
    5. April 2015 at 9:49

    Super toll geschrieben! Ich kann dir da nur zustimmen!
    Sehr gut, dass du über das Thema schreibst! 🙂

    Liebe Grüße und schöne Ostertage! 🙂

    • Valeria Anna
      Reply
      Valeria Anna
      6. April 2015 at 12:34

      Dankeschön :)! Auch dir noch einen schönen Feiertag!

  • Reply
    da_lindchen
    5. April 2015 at 11:31

    Ganz toll geschrieben!

  • Reply
    Anonym
    5. April 2015 at 14:20

    schön, dass du diesem thema einen beitrag widmest.
    mir ist gleich folgendes buch dazu eingefallen…ist echt lesenswert:
    "normal"-allen frances
    oder auch den wunderbaren verein sollte man sich mal ansehen:
    http://www.ganznormal.at/

    • Valeria Anna
      Reply
      Valeria Anna
      6. April 2015 at 12:35

      Vielen Dank für die Tipps, werde ich mir gleich einmal ansehen :)!

  • Reply
    Barbara
    5. April 2015 at 20:05

    Ganz, ganz wahre Worte!

  • Reply
    Single in der Großstadt
    6. April 2015 at 1:19

    Schön geschrieben 😉 Aber was ist normal? Wer ist normal? Haben wir nicht alle unsere Päckchen zu tragen und sind die psychisch Kranken nicht nur diejenigen, die von Geburt an oder dem Leben gezeichnet worden, die ihre Päckchen nicht mehr alleine tragen können, wo die Last einfach zu schwer geworden ist.

    Sind Schubladen da nicht gerade vom Vorteil, denn je klarer eine Schublade ermittelt wird, desto besser kann man sie in diesem Fachbereich unter"stützen", bevor sie wieder zusammen brechen. Wieso ein Zimmer oder Schrank reparieren, wenn nur die Schublade kaputt ist, Das ist doch viel effektiver und hilft dem Betroffenen mehr. Ich kann aus meiner Erfahrung sagen, dass es manchmal wichtig ist, psychisch kranke Personen, nicht zu nah an sich heran zu lassen, denn sie stecken einen an.

    Da sind die "behinderten" Menschen nicht mit gemeint, meine Freundin ist Autistin und geistig zurück geblieben, ich kenne sie seitdem ich zwei bin, mir ist es völlig egal, was andere denken, wenn wir zusammen sind, denn sie wissen es einfach nicht und alles was wir nicht kennen, wird oft in eine Schublade gesteckt, aber das ist deren Problem nicht meins 😉

    • Valeria Anna
      Reply
      Valeria Anna
      7. April 2015 at 15:58

      Genau das ist der Grund warum ich in meinem Text die Existenz des "normalen" Menschen generell anzweifle. Denn wenn normal sein auch irgendwie ganz schön krank ist, dann ist niemand wirklich normal. Ergo – Normalität ist nur ein von der Gesellschaft definiertes Konstrukt, um das Abnormale begreifen zu können.

      Zum Thema "Schubladen sind von Vorteil" – ich glaube nicht, dass Menschen gerne in Schubladen gesteckt werden. Ich bin eine Frau. Aber ich werde trotzdem nicht gerne in die Schublade "Frau" gesteckt, weil Schubladen oft vorurteilsverseuchtes-Terrain sind. Und ich lasse mich nicht gerne als "schwach" oder "zimperlich" beschreiben -was diese Schubladisierung womöglich zur Folge hätte. Worauf ich hinaus will (und um auf das eigentliche Thema zurück zu kommen): Klar, es ist wichtig zu erkennen, dass ein Depressiver depressiv ist. Da spricht nichts dagegen. Und Ärzte, Psychologen, Therapeuten ist im Vorfeld schon einmal sehr geholfen, wenn sie das wissen. Wenn dann ein Mensch aber NUR noch als dieser Depressive abgestempelt wird und nicht mehr als die Person wahrgenommen wird, welche sie auch abseits dieser Krankheit ist, dann läuft meiner Meinung nach eben etwas falsch.

      Bzgl. anstecken – nein, ich werde nicht auch schizophren, wenn ich in der Straßenbahn einen Schizophrenen zufällig berühre.
      Distanz ist wichtig wenn man beruflich mit psychisch kranken Menschen zu tun hat. Da darf man sich natürlich nicht mit runter ziehen lassen und muss sich bis zu einem gewissen Grad abgrenzen können. Da jedoch von "Ansteckungsgefahr" zu sprechen finde ich äußerst unpassend.

  • Reply
    Anonym
    10. Oktober 2015 at 21:38

    Bin gerade durch Zufall auf deinem Blog gelandet und habe den Text gelesen…du sprichst mir damit wirklich aus der Seele und ich finde es großartig,wie du das mit so tollen Worten formuliert hast!!

    • Valeria Anna
      Reply
      Valeria Anna
      11. Oktober 2015 at 17:06

      Vielen lieben Dank, das freut mich sehr :)!

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