Valeria Anna Lampert | Autorin. Psychologin. Publizistin.
meine Worte

Ich bin kein Nazi, aber

Die Tage füllen sich mit Schlagzeilen.
Jede Nachricht ist online.
Fluch und Segen zugleich.

Information bildet.
Information lässt uns aus Vergangenem lernen.

Passiert es einmal, ist es ein Fehler. Passiert es wieder, ist es pure Dummheit.

Hitler und seine Taten sind für mich grauenhafte Bruchstücke aus Erzählungen, Dokumentationen und Büchern. Ich war nicht da. Ich habe das Leiden nicht miterlebt. Aber alleine schon seinen Namen auszusprechen fühlt sich an, als sagte ich „Voldemort“ vor versammeltem Zaubereiministerium.
Er ist das personifizierte Böse. Darüber war man sich lange einig. Und die Nazis sind allgemein bekannt als die willensschwachen Vollidioten, die blind jeden Befehl des Bösen ausführten und ihm schlussendlich dadurch in den Abgrund folgten.

„Wenn ich damals gelebt hätte, wäre ich ganz bestimmt kein Nazi gewesen.“ ist man sich als Schüler sicher, wenn man zum ersten Mal mit dem Thema konfrontiert wird.
„So etwas würde in der heutigen Zeit ganz bestimmt nicht wieder passieren. Auf keinen Fall!“, rufen alle bevor, und ein wenig leiser nachdem, sie sich ‚Die Welle‘ angesehen haben.

Auch ich war mir damals ziemlich sicher.

Niemals.
Niemals könnte eine solch menschenverachtende Bewegung wieder die Welt erschüttern.
Nicht bei uns.

Aber die Tage füllen sich mit Schlagzeilen.
Schlagzeilen führen wiederum zu Kommentaren, die sich im Zeitalter des Internets im Deckmantel der Anonymität sehr leicht unter jeden Online-Artikel setzen lassen.
Und ich lese sie. Jedes Mal wieder. Bedrückt, kopfschüttelnd, geschockt. Ich lese sie. Mit einem Beigeschmack von Masochismus.
Jeder Absatz, jede Zeile, jedes Wort. Sie summen leise „Jederzeit!“.

Jederzeit kann eine solch menschenverachtende Bewegung wieder die Welt erschüttern.
Vor allem bei uns.
Denn worin genau unterscheiden sich diese „Ich bin kein Nazi, aber…“-Sager noch von den Echten?
Damals die Juden, heute die Moslems. Über einen Kamm. In eine Schublade. Irgendwohin muss man den Hass, den man eigentlich gegen sich selbst empfindet, ja projizieren.
Wer mit dem eigenen Leben unzufrieden ist, wird immer Opfer finden.

Wie schön, wie praktisch da doch einer wäre, der die Zügel in die Hand nimmt. Einer der die Sorgen versteht. Sie teilt. Veränderung bewirkt. Die heimischen Werte schützt. Koste es was es wolle.
Einer der sein Pinky&Brain-Syndrom hinter einer volksnahen Gehirnwäsche versteckt.
Einer der versteht, dass nur Menschen ohne Kopftuch oder wildem, dunklen Bart gut sind. Einfach so. Aus Prinzip.
Einer der versteht, dass es wichtig ist diese komischen fremden Menschen, die unsere Frauen vergewaltigen und uns unser Internet wegnehmen aus unserem Land zu verbannen.
Sie gehören hier schließlich nicht her. Sind nicht wie wir.

„Ich bin kein Nazi, aber die sollen doch einfach in ihr Land zurück und meinetwegen dort verrecken. Bei uns haben sie nichts verloren.“

… klingt in meinen Ohren ein wenig wie:

„Ich bin kein Nazi, aber wenn es eine Art Hitler gäbe, der sich darum kümmert, dass dieser Abschaum sich hier nicht mehr herumtreibt, dann wäre das schon ganz praktisch.“

Die Tage füllen sich mit Schlagzeilen.
Die Tage füllen sich mit Kommentaren.
Mein Unverständnis wächst ins Unermessliche.
Diskussionen sind sinnlos, wenn „Du Gutmensch!“ schon als Todschlagargument gefeiert wird.

Gutmensch durfte sich neben Arschloch, Wichser und Hurensohn in die Riege der Schimpfwörter einreihen.
Gut sein ist jetzt nämlich schlecht. Ungefähr so als hätten die Bösewichte im Märchenwald das Zepter in die Hand genommen und Dornröschen verurteilt, weil sie zu lieb war.
Wir bewegen uns hier wohl in diesem von Einstein angesprochenen Bereich der Unendlichkeit.
Die Unendlichkeit der Dummheit der Menschen.

Sie begreifen nicht.
Begreifen nicht was eint und was trennt.
Begreifen nicht, dass ein Miteinander die Lösung für das sein kann, warum alle gegeneinander sind.
Begreifen nicht, dass sie Teil des Problems sind.

„Rassismus ist jetzt wieder salonfähig.“ las ich vor kurzem.

Vom Alltagsrassist zum Nazi ohne aber.
Ich weiß nicht wie groß die Distanz tatsächlich ist.

VA

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4 Comments

  • Reply
    herzadeliebst
    7. April 2016 at 8:04

    Toll geschrieben und gleichzeitig gut auf den Punkt gebracht!

  • Reply
    Ruhrstyle
    7. April 2016 at 8:36

    Ein großartiger Beitrag und ich finde es toll, dass du dieses schwerwiegende Thema hier auf deinem Blog aufgreifst. Dieser Spruch:"Ich bin ja kein Rassist aber", bringt mich regelmäßig auf die Palme und man hört ihn immer mehr. Für mich ist es unbegreiflich, wie sch solches Denken in einem Menschen verankern kann und zu einer kaltherzigkeit führt, die kaum eträglich ist.

    Danke für diesen Beitrag!

    liebe Grüße
    Rebecca

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