valeriannala
meine Worte

Ich habe (keine) Angst

Ich finde keine Worte, obwohl Worte finden das ist was ich sonst am besten kann.
In meinem Inneren mischt sich ein Gefühlscocktail aus Wut, Trauer, Angst und Verzweiflung zusammen. Was in den letzten Tagen, Wochen, Monaten passiert ist, lässt mich schwer atmen, macht mich sprachlos. Ich meine damit nicht nur Paris. Wir wissen alle, dass dieser Terror und dieses Leid in anderen Ländern bereits grausamer Alltag geworden ist und mindestens genau so viel Beachtung verdient hätte.
Paris war möglicherweise einfach nur der Knackpunkt, der Moment in dem einem als verwöhntes Erste-Welt-Kind bewusst wurde, dass die Realität mit aller Wucht eingeschlagen hat. Im wahrsten Sinne des Wortes und im Herzen Europas. In der Stadt der Liebe, mit der so viele von uns wunderschöne Erinnerungen verbinden. Die Tatsache, dass es da ist. Dass unzählige unschuldige und ahnungslose Menschen abgeschlachtet wurden, während sie das taten, was wir doch eigentlich alle nur wollen: das Leben genießen. 

Es ist schwer dies alles zu verarbeiten, wenn man es gar nicht erst begreifen kann. In der Trauma-Arbeit versucht man das nicht bewältigbare Ereignis im Kopf immer wieder durchzuspielen. Immer wieder zu erleben, bis man damit umgehen kann. Ich war nicht dabei. Ich war nicht in dieser Konzerthalle und trotzdem fühlt es sich so an als müsste ich es verarbeiten. Als müsste ich es immer wieder in meinen Gedanken durchgehen. Wie es sich wohl angefühlt haben muss. Wie diese Männer herein gekommen sind -was einem durch den Kopf geht, wenn man ihnen direkt ins Gesicht sieht. Was man tut, wenn man weiß jede Sekunde könnte die letzte sein.
Würde ich rennen? Einfach nur liegen bleiben? Mich verstecken? An was würde ich denken? An wen?

Unser Leben ist jeden Tag aufs Neue ein Geschenk. Das wusste ich auch schon davor. Seitdem vor 2 Jahren zum ersten Mal eine Person gestorben ist, ohne die ich nicht leben wollte, hat sich mein Denken verändert. Diese vollkommene Unbeschwertheit, die ich zuvor immer empfand, hat sich in ein klares Bewusstsein meiner eigenen Vergänglichkeit und die meiner Liebsten verwandelt.
Und darum denke ich mir: wenn wir sowieso schon alle irgendwann einmal sterben, wir alle in dem selben Boot namens Leben sitzen, wieso schaffen wir es dann nicht uns die Zeit die wir hier auf dieser Erde haben so schön wie möglich zu machen?

Immer und immer wieder formen sich in meinem Kopf die Worte „Warum? Wozu? Wieso?“. Jegliche Kriege, jegliche Terror-Attacken und jeglicher tiefgreifende und unbegründete Hass gegen andere Menschen ist für mich so unbegreiflich wie das Universum an sich.

Und selbstverständlich erheben nun alle Flüchtlingsgegner ihre Stimme und strecken uns „Gutmenschen“ (mein persönliches Unwort des Jahres) den Mittelfinger ins Gesicht, während sie „I told you so!“-Parolen von sich geben. Gleichzeitig bemerken sie aber nicht, dass sie mit ihren „Und diesen Drecks-Islamisten stopft ihr auch noch Schokolade in den Mund und Teddybären in die Hand!“-Äußerungen schon wieder ein Teil des Problems sind. Schon wieder den perfekten Nährboden für Kriege auslegen: Hass. Wut. Überheblichkeit.

Und als einzelner Mensch steht man dann da. Muss sich darüber klar werden, dass man nicht das gesamte Leid all derer die ihr Leben oder ihre Lieben verloren haben in sich aufnehmen kann/darf. Muss sich darüber klar werden, dass man die Dummheit und Geisteskrankheit vieler nicht heilen kann. Man fühlt den Schmerz der Hilflosigkeit. Der so tief sitzt, dass es einen lähmt.

Wenn ich ehrlich bin, könnte ich nicht aus vollster Überzeugung mit einem „Not afraid“-Plakat durch die Straßen ziehen. Denn die Wahrheit ist, ich habe Angst. Irgendwo in mir drinnen hat sie sich nach und nach eingenistet und lässt mich irrationale Dinge in den unpassendsten Momenten denken.
Doch genau von dieser Angst darf man sich nicht gefangen nehmen lassen. Man darf es nicht zulassen, dass sie einen auffrisst. Denn sie legt einen grauen Schleier über die gesamte Seele, macht uns zu Menschen, die wir nicht sind.

Ich werde wohl noch ein wenig traurig bleiben. Die Angst wird nicht sofort verschwinden.
Aber sie kann nicht zum Inhalt meines/unseres Handelns werden. Sie darf nicht über uns bestimmen.

…weil sie in der Lage dazu ist, das Schlimmste in uns zu wecken oder uns komplett leblos zu machen.

Ich glaube, es ist immer noch besser voller Lebensfreude zu sterben, als als Sklave der eigenen Angst vor sich hinzuvegetieren.

VA

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6 Comments

  • Reply
    Ziska
    17. November 2015 at 20:34

    Liebe Valeria,
    dein Beitrag verursacht Gänsehaut und ein ganz starkes Kopfnicken bei mir.
    Du packst in Worte, was seit Freitag in meinem Kopf wild umeinander her flattert.

    Angst. Und das Gefühl, mich nicht einschränken lassen zu dürfen. Gegensätzliche Gefühle.
    Meine Mum meinte gestern, dass man jetzt "nicht mehr auf Weihnachtsmärkte gehen kann." Und für einen kurzen Moment wollte ich zustimmen. Angst. Eiskalte Angst.
    Und dann hab ich gesagt, dass diese Besuche fest eingeplant sind für dieses Jahr, mit Menschen, die ich viel zu selten sehe. Über die Angst hinweg gesetzt. Zumindest, was meine Worte angeht.

    Du hast so recht damit, dass die Angst nicht unser Leben bestimmen darf.
    Bei mir tut sie es dann ganz extrem, wenn ich mir Gedanken mache – so richtige ernsthafte sorgenvolle Gedanken. Und das darf und soll nicht zum Dauerzustand werden.
    Und irgendwie tut es mir gerade gut, das hier reinzuschreiben. Dass da Angst ist. Weil ich dank deinem Text das Gefühl hab, damit nicht allein zu sein.
    Ziska.

    • Valeria Anna
      Reply
      Valeria Anna
      19. November 2015 at 16:41

      Liebe Ziska,

      genau so ist es. Denn wenn wir so anfangen, dann dürfen wir auch auf kein Konzert mehr gehen, in keine U-Bahn steigen, nicht auf die Uni, ja wahrscheinlich nicht einmal auf die Straße gehen… Und was ist es dann überhaupt noch für ein Leben?!

      Du bist ganz bestimmt nicht alleine mit diesem Gefühl. Ich glaube, dass viele Angst haben. Wichtig ist schlussendlich nur wie man damit umgeht.

      Ganz liebe Grüße,
      VA

  • Reply
    Oliver
    22. November 2015 at 18:17

    Hallo Valeria, der letzte Satz bringt es auf den Punkt. Dieser Form der Aggression können wir nicht mit ein oder zwei Maßnahmen isoliert begegnen und die unterschwellige Angst wird auch so schnell nicht dauerhaft schwinden, aber unsere Werte und unser Leben im Ganzen dürfen wir uns davon nicht kaputt machen lassen.

  • Reply
    Mrs. Bella
    25. November 2015 at 16:25

    Hallo,
    wunderschönen Blog hast du da.
    Vielleicht hast du ja Lust bei meiner Blogvorstellung vorbeizuschauen. Würde mich sehr freuen. http://lifefeminin.blogspot.co.at/2015/11/blogvorstellung-2015.html
    Lg. Mrs. Bella
    http://www.lifefeminin.blogspot.com

  • Reply
    Aware Human
    20. Februar 2016 at 11:41

    Ich finde es persönlich einfach wichtig, ganz viel Liebe in die Welt zu streuen! Egal auf welche Weise, eine nette Geste oder nettes Kompliment, einfach liebevoll mit meinen Liebsten umzugehen, denn alles was ich aussende kommt auf eine Weise wieder zu mir zurück! Und es verändert sich gerade so viel auf dieser Erde, nicht nur zum Schlechten, dass hat vielleicht den Anschein weil uns die Medien diese Informationen vor die Augen halten, aber auch zum Guten. Man muss nur genau hinschauen und plötzlich sieht man Sie, die kleinen positiven liebevollen Samen die von überall heraus sprießen. 🙂

    <3

    • Valeria Anna
      Reply
      Valeria Anna
      26. Februar 2016 at 16:42

      Das sehe ich auch so! Liebe wäre die Antwort auf so vieles. Und einfach ein bisschen mehr Verständnis. Man kann nur hoffen, dass das langsam immer mehr Menschen begreifen!
      <3

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