Die Tage sind wie Kaugummi, der schon zu lange im Mund war. Geschmacklos, zäh. Ich kann lange Fäden ziehen, die irgendwann reißen und mir das Kinn verkleben. Aber die Tage sind nicht nur Kaugummi. Sie sind auch Wasser. Sie fließen. Und das Einzige was wir tun können, ist uns treiben zu lassen.

Es war nie anders. Es wäre eine Illusion zu glauben, damals hätte es gestern und morgen gegeben. Eine Illusion zu glauben, es hätte tausende Orte gegeben, an denen du sein hättest können. Es gab schon immer nur jetzt und hier.

Mein Kalender ist leergefegt. Ein paar Termine liegen noch wie einzelne Staubkörner herum. Aber nur, weil sie noch nicht offiziell eingesaugt wurden. Ich stehe morgens auf und weiß, ich muss heute nirgends sein. Ich habe nicht „mehr Zeit“ -wie das alle sagen. Ich habe gleich viel Zeit wie immer, ich kann nur Prioritäten neu ordnen. Kann vierundzwanzig Stunden frisch anstreichen. Das ist auch nichts Neues. Es war nie anders. Es lag immer schon an mir, meine Lebenszeit für mich bedeutungsvoll zu leben.

Mir ist nicht langweilig. Mir war seit meiner Kindheit nicht mehr langweilig. Es stapeln sich Listen mit Dingen, die ich tun sollte und trotzdem fühlt sich alles an wie Aufatmen. Ich kann aufatmen, ausatmen. Weil die ganze Welt steht und ich sie so vielleicht endlich einholen kann. Weil ich nirgends sein muss. Nirgends hinrennen muss. Weil ich nirgends sein darf und das kann auch eine Erleichterung sein. Ich liebe meine Freiheit, aber zwischendurch ist es tatsächlich angenehm, keine Wahl zu haben, weil die Entscheidung dann immer auf das Jetzt fällt.

Die Tage sind Wasser. Sie fließen. Ich merke wie ich mehr fließe. Ich habe nicht mehr oder weniger Zeit. Ich habe nicht mehr oder weniger Leben. Es wird alles anders, aber das war nie neu. Es ist schon immer alles anders geworden und so wird es auch immer sein.

Es war nie anders. Ich musste noch nie überall gleichzeitig sein. Ich musste noch nie jemandem zeigen, was ich alles tun kann. Ich habe mich bisher bewusst dafür entschieden und die Welt wie sie jetzt ist, hat mir gezeigt, dass es auch anders geht.

Ich darf in meinem Rhythmus atmen, ich darf langsam sein, ich darf fließen.

Alles wird gut. Alles war gut. Meistens sind wir im Wird oder War. Beim Morgen oder beim Gestern. Aber es IST alles gut, weil alles jetzt ist.

Text veröffentlicht in Flow Magazin Ausgabe #50

2 Comments

  1. Avatar martin 4. Mai 2020 at 20:23

    Hallo VA,

    dein Text gefällt mir. Komisch, dass wir manchmal glauben, keine Wahl zu haben.
    „Alles ist gut, weil alles jetzt ist“ – uff, ja. Wären da nicht dauernd diese Gedanken, das Herzklopfen, die Sehnsucht. Und wie verhält sich das Wollen zum Jetzt? Ist „das, was ich wirklich will“, nicht auch so ein kleiner Trick, sich aus dem Jetzt zu verabschieden?
    „Ich darf in meinem Rhythmus atmen, ich darf langsam sein, ich darf fließen.“ Ja, du hast recht.
    Es ist wohl dieser Satz, der mich so berührt hat. Danke dafür!
    Martin

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    1. Valeria Anna Valeria Anna - Site Author 6. Mai 2020 at 19:00

      Hallo Martin,
      vielen lieben Dank für deinen Kommentar! Freue mich darüber 🙂
      Ganz liebe Grüße,
      Valeria

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