valeriannala
meine Worte

King Size Leere

Sie umklammerte die Stange noch fester. Suchte Halt. Während die Straßenbahn durch die Stadt tuckerte. Überfüllte Straßenbahn. Nicht ganz so schlimm wie eine überfüllte U-Bahn, aber nah dran.
Sie suchte Halt. Wollte sich setzten. Aber leider war sie weder schwanger, noch blind, noch alt. Oder Gott sei Dank. Sie war nur müde. Und müde war keine Krankheit, kein Ausnahmezustand. Müde war eh jeder. Müde war fast schon so modern wie gestresst.
Sie hielt sich fest. Schwindelattacken. Das Gefühl nicht mehr wirklich im eigenen Körper zu stecken. Konnten die anderen das sehen? Wohl kaum. Durchhalten. Nur noch bis zum nächsten Halt. Dann würde sie aussteigen können. Frische Luft. Und dann wieder arbeiten. Wie jeden Tag. Sobald sie arbeitete vergaß sie, dass sie müde war. Für ein paar Stunden.

Richtig gut geschlafen hatte sie schon lange nicht mehr. Das lag nicht daran, dass sie keine Zeit dafür gehabt hätte. Auch nicht an zu vielen Partys oder an irgendeiner Serien-Sucht. Sie könnte schlafen. Bereits um zehn, wenn sie wollte. Jedoch waren ihr Bett und sie seit geraumer Zeit keine guten Freunde mehr. Sie wusste nicht wie das alles begann. Wann das alles begann. Und am wenigsten wusste sie warum. Das redete sie sich ein. Jeden Tag. Um das Wie und Wann und Warum tatsächlich zu vergessen. Die Antwort wäre ‚vor 53 Tagen‘. Die Antwort wäre, dass da eines Tages ein viel zu großes Bett war. Für sie ganz allein. Dass sie nicht mehr wusste, wie sie es ausfüllen sollte. Nur weil sie mit 30 inzwischen höchst offiziell erwachsen war. Nur weil man da langsam alles im Griff haben sollte. Hieß das noch lange nicht, dass ein plötzlich viel zu groß gewordenes King Size Bett einfach zu bewältigen war.

Es war zehn Uhr abends. Sie war frisch geduscht. Sie hatte ihr Bett frisch bezogen. Sie hatte ihren Satin-Pyjama an. Gemütlicher konnte sie es sich wohl kaum machen. Sie setzte sich an die Bettkante. Legte sich auf ihre Seite. Ihre Seite. Es gab jetzt keine Seiten mehr. Die rechte und die linke, ja. Aber beide waren ihre. Das war neu. Seit 53 Tagen war dies ihre größte Herausforderung. Beide Seiten zu ihren zu machen. Sich wieder ganz zu fühlen.
Sie hatte bereits darüber nachgedacht, dass sie eigentlich nur dicker sein müsste. Darum aß sie manchmal ganze Kübel voller Eis. So wie die in den Filmen das immer machten. Vielleicht konnte sie so die Leere in ihrem Bett füllen. Irgendwann stellte sie jedoch fest, dass sie wohl jeden Tag fünf Kübel essen müsste, um in ein paar Monaten so breit wie das Bett zu sein.
Sie lag auf ihrer Seite. Strich mit der Hand über seine. Stand wieder auf, nahm ihre Bettdecke und legte sich auf die Couch. Die Couch war schön schmal. Genau richtig. Für sie allein. Um sich nicht in der Weite zu verlieren. Vier Mal in jeder Nacht wachte sie auf. Um zurück ins Bett zu gehen, auf ihre Seite. Um mit ihrer Hand über seine zu streichen.

Überfüllte Straßenbahn. Weder schwanger, noch blind, noch alt. Halt. An einer Stange. Wenn man ihn sonst nirgends finden konnte. Schwindelattacken. Wo war ihr Körper hin? Frische Luft. Arbeiten. Täglich um zehn Uhr abends die Konfrontation. Täglich der Versuch sich einzureden, sie wisse nicht warum.

Eines Tages setzte sie sich wieder an die Bettkante. Sie nahm eines der beiden Polster und legte es auf den Boden. Sie nahm das andere und legte es in die Mitte des Bettes. Nahm eine Decke, legte sie auf den Boden. Nahm die andere und legte sie in die Mitte. Sie sah sich das Ganze an.
‚Ihre Seite‘ gab es nicht mehr. Eine erste Erkenntnis. Doch bevor sie es sich mit dieser zu sehr vertraut machen konnte, nahm sie ihre Bettdecke und legte sich auf die Couch.

Heute war noch nicht der Tag, um sich wieder ganz zu fühlen.
Morgen vielleicht.

VA

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1 Comment

  • Reply
    claudio
    6. März 2017 at 12:59

    Schöner Beitrag, 🙂 Kannst du mal ein Gewinnspiel mit dormando.de machen? 🙂 LG

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