valeriannala
meine Worte

Kurzgeschichte: Belvedere

Konrad wohnt in der lebenswertesten Stadt der Welt und weiß ganz genau wie viele Schritte es von seiner Altbau-Wohnung im 4. Bezirk bis zur Parkbank beim Schloss sind. Konrad weiß ganz genau welche Abstufungen von Grau und Blau der Wiener Himmel kennt. Ungewohnt blau ist er aktuell, der Wiener Himmel. Mit kitschig türkisen Nuancen, die sich unauffällig in das Farbenspiel mischen.
Auf seiner Parkbank sitzend liest Konrad die heutige Gratiszeitung. So aufmerksam wie man sonst höchstens die AGB liest. Nicht einmal auf Seite 4 ist er, als sich ein junger Mann neben ihn auf die Bank setzt. Ohne zu fragen. Auf seine Parkbank.
Konrad hat graue Haare, die eher weiß sind. Aslan hat dunkles Haar, welches Konrad zu schwarz ist. Auf die Parkbank ein paar Meter weiter hatten Vögel geschissen, darum hat sich Aslan zu Konrad gesetzt. Er streckt seine Beine aus. Vergräbt die Hände in seiner Jackentasche. Schließt die Augen und lässt die Sonne seine Lider wärmen. Konrad sieht ihn sich eine Millisekunde aus dem hintersten Augenwinkel aus an. Dann beschäftigt er sich weiter intensiv mit seiner Lektüre. Er blättert mit Audio-Kommentar.

„Alles nehmen’s uns weg. Man liest‘s ja immer wieder.“
Konrad murmelt in seinen nicht vorhandenen Bart. Die Falten seiner Stirn graben sich ein wenig tiefer in seine Haut. Viele Falten hat er. Auf der Stirn. Zwischen den Augen. Nur ganz zarte Linien sieht man um die Mundwinkel.
„Nehmen, nehmen, nehmen. Herkommen, da in unser gemachtes Nest. Und dann alles nehmen. So haben die sich das vorgestellt. Diese Leut von irgendwo. Wo sie halt alle her sind. Immer wieder liest man‘s. Schwarz auf Weiß. Ich mein ich erfind‘ das ja nicht.“
Konrad schnaubt. Konrads Hände krallen sich in den Boulevard-Journalismus. In seinen Augen spiegeln sich Schlagzeilen. Schwarz auf Blau.

Aslan sitzt auf Konrads Parkbank. Die Hände in der Jackentasche. Die Beine ausgestreckt. Geschlossene Augen, Wärme auf den Lidern.
„Unfreundlich sind’s dann auch noch. So richtig arrogant. Undankbar. Aber kein Wunder. Da wo die herkommen kennen’s halt keinen Anstand.“
Konrads Lippen verkrampfen. Konrad spuckt, während er spricht. Seine Worte werden lauter.
„Das Schlimmste ist aber, dass die alle unsere Fraun‘ belästigen. Da, man liest’s ja überall. Die wissen nicht wie man mit einer Frau anständig umgeht. Mit unseren Fraun‘.“
Konrad fährt die Ellbogen Richtung Aslan aus. Millimeter für Millimeter. Berühren will er ihn nicht. Aber er soll ruhig spüren, wem diese Parkbank schon seit Jahrzehnten gehört.
„Keinen Platz haben wir für die! Wir sind ja nicht die Mutter Theresa unter den Ländern. Und eine Abstellkammer sind wir auch keine!“
Konrad stampft mit seinem Fuß auf. Grunzt. Er rückt ein wenig weiter nach rechts.

Konrad blättert zur nächsten Seite. Hebt das Kinn und schaut durch sein unsichtbares Monokel. Menschen in Abendkleidern und Anzügen lächeln ihm mit gebleichten Zähnen entgegen. Er grinst zurück.
„Na da schau an. Da haben’s wieder mal einen netten Ball gefeiert. In der Hofburg. Da! Ja, da sieht man mal was Anstand ist. Da könnten die sich eine Scheibe abschneiden.“
Bis über beide Ohren. Ja wirklich beide, strahlt der Bundeskanzler. Die Champagnerflasche in der rechten Hand. Die Fliege sitzt am rechten Ort. Ganz adrett.
„Gentlemen sind das!“
Konrad nickt ein paar Mal. Das Nicken hält bis zur nächsten Seite und wird zum Kopfschütteln.
„Und dann sowas von unseren Steuergeldern! Wird denen da das Essen geschenkt! Ich glaub‘s ja nicht. Und wieder diese Gutmenschen. Sollen’s doch gemeinsam mit dem Pack dahin wo die herkommen. Keine Ahnung woher. Aber da sollen’s hin. Die Depperten und die Gutmenschen. Wofür brauchen wir die guten Menschen da?“
Konrads Nasenflügel flattern, die Lippen verkrampfen, die Falten werden tiefer. Konrad spuckt, während er spricht. Er hält die Tabloid-Zeitung, als wäre sie im Berliner-Format.
Die Ellbogen zittern schon. Aber Konrad bleibt stark. Seine Augen stur auf die größten Buchstaben gerichtet.
„Es reicht! Wir haben genug. Genug von denen!“
Konrads Hand landet auf einem bunten Bild.
„Wegen denen ist hier nichts mehr sicher! Die Frauen trauen sich ja nicht mehr auf die Straße!“

Auf der Wiese vor dem Schloss rennen kleine Kinder schreiend auf und ab. Eines pflückt eine Blume aus dem penibel gepflegten Garten. Obwohl da „Betreten verboten“ steht. Die Mütter sitzen auf einer Parkbank einige Meter entfernt und tratschen. Sie tragen Sonnenbrillen und lachen im Abstand von zwei Minuten schrill auf. Sie haben Frozen Yogurts mit drei Toppings in ihren Händen. Nehmen im Abstand von vier Minuten einen Bissen.

„Nichts ist mehr sicher! Verschwinden sollen’s endlich. Alle!“
Konrads Nasenflügel flattern, die Lippen verkrampfen, die Falten werden tiefer. Konrad spuckt, während er spricht. Er schlägt die Zeitung zu. Rammt dabei seinen rechten Ellbogen in Aslans Oberarm.
Konrad dreht sich zu Aslan. Seine Augen wandern von Aslans zu dunklen Haaren über seine Stirn. Zu seinen zu dunklen Augen, zu seiner zu großen Nase, zu seinen zu schmalen Lippen.
Aslan nimmt die Kopfhörer aus den Ohren.
„Entschuldigung, haben Sie mit mir gesprochen?“
Konrads Kopf ist ganz rot. Die Falten zwischen seinen Augen erinnern an den Grand Canyon.
Er sagt nichts.

„Schöne Aussicht, nicht wahr?“
Aslan lächelt. Macht mit dem Kopf eine Bewegung in Richtung Schloss Belvedere.
Konrad verharrt. Seine Augen weit aufgerissen. Er findet langsam seine Blässe wieder. Aber die Mundwinkel keinen Weg nach oben.
Er schaut kurz zum Schloss. Dann auf das Titelblatt der Zeitung auf seinem Schoß.

ASYL-KILLER (25) WURDE IN ANSTALT EINGEWIESEN
„Ja, ja. Schöne Aussicht“, sagt Konrad.

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