valeriannala
meine Worte

Kurzgeschichte: Toter Winkel

Lisas BH ist offen. Zwei Sekunden nachdem die Wohnungstür hinter ihr zufällt. Noch bevor die Pumps in die Ecke fliegen. Sie lässt ihn da hängen. Den BH. Unter der Bluse. Sie zieht am Reißverschluss, steigt aus dem Bleistiftrock. Enthäuten. Wirft den Blazer und die Tasche auf den Stuhl im Vorzimmer. Lisa holt ein dunkles Bier aus dem Kühlschrank. Setzt sich mit weißer Bluse, offenem BH und nackten Beinen auf die Couch. Sie hat die angenehme Unterhose an. Die, die nicht so sexy ist. Die verwaschen ist. Aber eben angenehm. Unter den Rock sieht ja keiner.

„Weißt du, was das Gute an der angenehmen Unterhose ist?“, fragt Lisa.
„Abgesehen davon, dass sie angenehm ist?“
„Ja, abgesehen davon.“
„Die ist ein wenig breiter als die sonstigen Fäden zwischen den Beinen, die sich Unterhosen nennen. Die zwickt nicht. Außerdem stehen keine Haare auf der Seite raus, auch wenn ich mich länger nicht mehr rasiert hab.“
„Praktisch.“
„Ja, voll.“
Lisa zieht die angenehme Unterhose ein wenig weiter hoch. So, dass die kleine Bauchspeckrolle darin Platz hat. Dann lehnt sie sich zurück. Nimmt einen großen Schluck vom Bier. Rülpst laut.
„Weißt du noch, wie du mir das Rülpsen beigebracht hast?“
„Wie könnte ich das vergessen?“
„Naja, eh schlecht wahrscheinlich. Ich hab mich ja nicht so gut angestellt am Anfang.“ Lisa nimmt einen Schluck, rülpst noch lauter.
„Es war aber auch nicht leicht. Umso besser, dass ich es jetzt so gut kann!“
„Umso besser.“
„Ich könnte es aber keinem beibringen. Also unsere Kinder …“
Lisa trinkt. Verschluckt sich und schafft den Rülpser nicht. Die Flasche knallt sie auf den Couchtisch.

Lisa watschelt ins Vorzimmer, kramt in ihrer schwarzen Aktentasche.
„So eine Aktentasche brauchen Sie. Blabla. Weil Sie dann seriöser aussehen. Blabla. Und als Frau ist das sogar noch wichtiger. Blabla. Und außerdem. Blabla …“
„Ärgere dich doch nicht schon wieder über die Verkäuferin!“
„Alle finden die Tasche großartig.“
„Ist doch gut!“
„Nein. Ich bin ein Opfer von manipulativen Verkäuferinnen. Aber wer weiß, vielleicht wäre ich mit einem roten Fjällräven Kånken Rucksack inzwischen Barista mit Vollbart. Und mit einer pinken Chloé Tasche Fashion-Bloggerin. Da bin ich froh, dass ich seriös aussehe.“
Lisa spürt die iPhone-Oberfläche zwischen ihren Fingern. Mit dem Handy in der Hand rennt sie auf nackten Zehenspitzen zurück zur Couch.
Ihr rechter Daumen scrollt durch Instagram, ihr linker Arm bewegt sich zum Bier.
„Wie gut, dass die mich nicht sehen können.“
„Wer denn?“
„Na, die da!“
Lisa tippt mit ihrem Zeigefinger auf den Bildschirm.
„Die ganzen fröhlichen Leute da. Auf Instagram. Mit ihren Fitness Goals und Acai Bowls und Flugtickets. Und die, die immer so abartig peinlich in die Kamera labern, obwohl sie nichts zu sagen haben. Aber absolut nichts.“
Lisa klickt die App weg.
„Gut, dass die mich nicht sehen können. Gut, dass die Aktentaschen-Verkäuferin mich nicht sehen kann und die Julia, die jetzt gegenüber von mir am Schreibtisch sitzt. Habe ich dir das schon erzählt? Dass die jetzt in der Arbeit gegenüber von mir am Schreibtisch sitzt?“
„Nein, hast du noch nicht.“
„Die Julia sitzt jetzt gegenüber von mir am Schreibtisch. Gut, dass die alle mich nicht sehen können. In meiner angenehmen Unterhose.“
Sie zieht die angenehme Unterhose wieder über die kleine Bauchspeckrolle.
„Gut, dass sie die Schamhaare nicht sehen können, die da auf der Seite fast rauskommen. Und dass der BH unter der Bluse offen ist und meine Brüste gar nicht mehr so weit oben sitzen. Gut, dass sie mich nicht rülpsen hören können und gut, dass sie dich nicht …“
Lisa springt auf und kratzt sich am Hinterkopf.
„Bier auf Wein, das lass sein. Wein auf Bier, … Na passt! Trinken wir Wein!“

Lisa holt eine Flasche. Und zwei Gläser. Stellt sie auf den Couchtisch. Leert Wein in eines davon und trinkt daraus.
„Da geht das mit dem Rülpsen jetzt nicht so gut.“
„Man muss ja nicht immer rülpsen.“
„Stimmt.“

Lisa fährt mit dem Zeigefinger über ihre Schenkel. Von einem Muttermal zum nächsten. „Weißt du, manchmal frage ich mich, ob ich es verhindern hätte können.“
„Wovon redest du?“
„Manchmal sehe ich mir alte Fotos an. Und probiere herauszufinden, wann es angefangen hat. Und ob ich es verhindern hätte können.“
„Schatz, ich kann dir nicht folgen.“
Lisa seufzt.
„Die Cellulite. Da, schau!“
Sie quetscht ein bisschen Fett zwischen Daumen und Zeigefinger.
„Und da hinten muss ich nicht einmal quetschen. Da sieht man alles auch einfach so. Ich meine – wann genau ist das passiert? Ich hätte es verhindern müssen …“
„Cellulite ist kein Bürgerkrieg.“
„Wenn du wüsstest.“
Lisa beißt an ihren Nägeln.
„Aber man kämpft halt mit ungleichen Mitteln. Was will man machen.“ Sie zuckt mit den Schultern.
„Aber die da.“ Lisa zeigt auf das Handy, welches verkehrt auf dem Tisch liegt. „Die sehen den Bürgerkrieg eh nicht. Auch die Julia nicht. Und alle. Die sehen höchstens die Krater, die nach den Bombeneinschlägen übrigbleiben. Aber auch nur an meinen besten Tagen.“
„An den besten?“
„Wenn ich mich gut fühle und im Schwimmbad sogar ohne Handtuch zum Kiosk gehe.“

Lisa stellt das Weinglas weg. Sie runzelt die Stirn, steht auf, stapft ins Schlafzimmer, setzt sich im Schneidersitz auf den Boden. Vor den großen Spiegel, der schräg an der Wand lehnt. Sie schaut in braune Augen und bewegt sich nicht. Braune Augen tasten einen kleinen Körper ab. Drei Minuten vergehen. Dann spaziert sie zur Couch zurück.
„Was hast du da gemacht?“
„Hm, nichts eigentlich.“
„Aber?“
„Manchmal muss ich in den Spiegel schauen.“
„Einfach so?“
„Aber mit anderen Augen.“
„Wie meinst du das?“
„Ich muss mich so ansehen, als wäre ich nicht ich. Und als nicht ich, sehe ich mich.“
„Und dann?“
„Dann finde ich mich schöner. Und stärker. Und schlauer. Und ziemlich gut. Dann denke ich mir, dass die Frau da – die darf gar nicht so traurig sein.“
Lisas Blick verfängt sich in leerer Luft. Die nackten Zehen graben sich in den Teppich. Flauschig.
„Sie darf. Aber sie sollte es nicht. Wirklich nicht.“
„Einmal ist eine Träne am Spiegel hängengeblieben. Ich weiß nicht, wie sie das geschafft hat. Aber sie hat es geschafft und sie hat eine Spur hinterlassen. Eine leicht schwarze Salz-Spur. Ich hab sie nicht weggewischt.“
„Warum nicht?“
„Sie erinnert mich an meine Traurigkeit.“
„Ist das gut?“
„Manchmal mag ich daran erinnert werden.“
„Warum?“
Lisa springt von der Couch auf. Wandert im Kreis.
„Langsam nervt mich deine Fragerei!“
„Okay.“
„Sagst du jetzt nur ‚okay‘?“
Stille.
„Hallo?“
Stille.
„Ich hab nicht gesagt, dass du gehen darfst!“, flüstert Lisa.
„Nie hab ich das gesagt, verdammt!“, schreit sie.

Auf der Couch greift Lisa nach ihrem Handy. Sie öffnet Instagram und wählt ein Foto aus. Sie hat es in der Mittagspause gemacht. Ein Selfie. Ihr lachender Mund. Zwei Augen hinter einer Sonnenbrille.
„Gut, dass die da nicht hören, dass ich dich anschreie.“
Lisa schreibt ‚Good day‘ in das Feld neben ihrem Foto.
„Es tut mir leid, dass ich dich anschreie.“
„Ist schon okay.“
Lisa gibt ein Sonnen-Emoji dazu. Drückt auf ‚Teilen‘. Wirft das Handy neben sich aufs Polster. Vergräbt den Kopf zwischen den Beinen. Dann steht sie auf, schlurft in die Küche, macht den Kühlschrank auf. Ihre Augen wandern vom obersten bis zum untersten Fach.
„Ich sollte öfters einkaufen. Ich sollte gesünder essen. Wieder mit dem Sport anfangen.“
„Du solltest nicht schon morgens Angst vor dem Tag haben.“
„Ja, das auch.“
Sie schließt den Kühlschrank. Geht zurück ins Wohnzimmer.
„Langsam wird es Zeit, Lisa.“
„Ja, das auch. Manchmal denke ich mir eh, dass es das doch nicht gibt. Dass ich nichts schaffe …“
„Du schaffst das.“
„Aber daran ist das mit dir schuld.“
„Du schaffst das.“
„Das mit dir ist daran schuld. Du weißt eh.“
„Du schaffst das.“
„Du weißt eh! Mich zu wenig. Dich zu viel. Oder zu lange …“
„Liebe.“
„Ja, das mit der Liebe.“

Lisa trägt ihr Weinglas in die Küche. Lässt das Zweite unbenutzt auf dem Couchtisch stehen. „Mach dann bitte das Licht aus, wenn du ins Bett kommst!“
Sie reibt sich die Augen, schleicht ins Schlafzimmer. Sie zieht die Bluse und den BH aus. Lässt sich ins Bett fallen. Die angenehme Unterhose darf bleiben. Das sehen die ja nicht.

Am nächsten Morgen hat sie Angst vor dem Tag.
Aber immerhin brennt das Licht im Wohnzimmer noch.

 

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