Seitdem ich es gesehen habe, beobachte ich dich. Wie du morgens die Vorhänge aufziehst. Die mit den blauen Blumen. Dann kippst du das Fenster. Das ist in deinem Schlafzimmer. Ob du es da getan hast, weiß ich nicht.
Die Haare verteilen sich auf deinem Kopf wie Smarties auf einem Schokokuchen. Ein paar mehr könnten es schon sein. Aber bunt sind sie nicht, sondern dieses Nichtsfarben. Weder schwarz noch braun. Noch grau. Jeder zweite Mann auf der Straße hat es. Auch die Geheimratsecken sind wenig originell, aber dafür kannst du nichts.
Ich will nicht, dass es mir auffällt. Dass du große Hände hast. Weil sie es sind, die es getan haben.
Du hast einen Pyjama an, den Leute in Filmen tragen. Ich denke mir: Wer hat im echten Leben so etwas an? Du. Einen Flanell-Pyjama, bei dem das Oberteil zur Hose passt.
Deine Frau steht durchschnittlich 20 Minuten nach dir auf. Am Wochenende sind es nur 10 Minuten, weil du da auch später aufstehst. Heute ist Wochenende. Hast du es an einem Wochenende getan? In diesen 10 Minuten? Du hast es schon öfters getan.
Deine Frau trägt Nachthemden aus Seide. Ihr habt euch gefunden.

Du wechselst das Fenster. Machst Kaffee, holst Milch und Orangensaft und Butter aus dem Kühlschrank. Und Käse und Wurst. Du holst Gebäck, Marmelade, Nutella. Immer noch Flanell-Pyjama. Ein Mädchen kommt in die Küche und reibt sich die Augen. Du hebst sie hoch und drückst ihr einen Kuss auf die Wange. Ihre braunen Locken kitzeln dich. Du lachst und sie vergräbt ihr Gesicht in deinem Nacken. Deine Frau kommt mit einem Jungen an der Hand. Er lässt sie los, rennt zum Tisch und greift zum Nutella-Glas, aber du nimmst es ihm weg.
Ich sehe dich, wie du mit dem Löffel in deinem Kaffee rührst. Schwarz. Du beißt von einem Croissant ab, streichst dir einen Brösel von der Lippe. Würdest du mit diesen Lippen sagen, was du getan hast? Wenn ich dich fragte. Vor deiner Frau. Vielleicht würde sie dich schlagen, dir Frühstück ins Gesicht spucken.
Dein Messer fährt über die glatte Oberfläche der Butter, hinterlässt Muster. Dann tunkst du es in rotes Gelee. An deinem rechten Ringfinger glänzt dickes Gold.

Ich gehe weg vom Fenster und lasse euch Sonntag leben. Aber ich habe es nicht vergessen. Ich weiß, was du getan hast.

An Wochentagen bringt ihr das Mädchen und den Jungen in den Kindergarten. Entweder du mit deinem Auto oder sie mit ihrem. Ihr arbeitet beide in einem Büro und managt oder controllt irgendetwas, habt ihr einmal gesagt. Aber was ihr da wirklich macht, habt ihr nicht gesagt. Eure Büros liegen zwar in derselben Richtung, aber ihr fahrt mit zwei Autos, weil ihr wollt flexibel sein, habt ihr einmal gesagt.

So oft habe ich noch nicht mit euch gesprochen, aber einmal, ganz am Anfang, da habt ihr euch vorgestellt. Und du hast mir deine Hand entgegengestreckt und ich habe dir auch meine gegeben und wir haben gedrückt. Da wusste ich noch nicht, wozu diese Hand in der Lage war. Deine dreckige, widerliche Hand. Niemals hätte ich sie berührt, gedrückt. Hätte ich es damals schon gewusst.
Manchmal winkst du mir zu, wenn ich im Garten sitze. Eine Hand, die locker zum Zeichen des Grußes wackelt und gleichzeitig so Niederträchtiges vollbringen kann.
Einmal haben wir uns im Supermarkt getroffen und da waren eure Kinder dabei, die gequengelt und an euren Ärmeln gezogen haben, während ihr mir das mit euren Jobs und euren Autos erzählt habt. Da wusste ich immer noch nicht, was du getan hast. Oder tun werden würdest. Ich habe euch von meinem Job erzählt und warum ich ein Öffi-Ticket habe. An diesem Abend habt ihr mir Freundschaftsanfragen auf Facebook geschickt und da hat dann alles begonnen.

Ich sehe, wie ihr mit zwei Gläsern Rotwein an eurem dicken Holztisch sitzt. Du, deine Frau. Die Kinder wahrscheinlich im Bett. Du versteckst das, was in zehn Jahren ein Bierbauch sein wird, unter einem gebügelten Hemd mit grauen Linien. Ihr sprecht und ich frage mich, was die Worte sind, die über eure Lippen fallen. Ich frage mich, ob du diese Worte vor ihr schon ausgesprochen hast. Ob du sie je Klang werden hast lassen, oder ob sie nur als zusammengesetzte Buchstaben in deinem Kopf existieren. Ob sie es weiß. Ob sie es auch gesehen hat.

Ihr knabbert an Brotstangen. Sie lacht viel und irgendwann küsst ihr euch. Es wird unangenehm euch zuzusehen. Aber ich weiß, was du getan hast. Und das ist viel unangenehmer. Für sie. Für uns alle. Ich verachte dich dafür. Ich will, dass du dafür büßt. Ich will, dass du Sirenen näherkommen hörst und durch Gitterstäbe deine Hände faltest und sie um Verzeihung bittest. Wann hast du es getan?, frage ich die Fensterscheibe, während du deine Frau küsst. Warum tut niemand etwas dagegen?
Ihr lasst den Wein stehen und geht ins Schlafzimmer. Du ziehst die Vorhänge mit den blauen Blumen zu.

Irgendwo. Irgendwann.
Zwischen Nutella-Gläsern, kitzelnden Locken, Rotwein und Familienautos hast du dich vor deinen Computer gesetzt. Vielleicht im Büro oder auf der Couch oder in deinem Schlafzimmer. Das weiß ich nicht. Du hast deine Pratzen auf der Tastatur platziert. Vielleicht nur die Zeigefinger. Vielleicht asdf und jklö. In deinen Augen hat sich Licht und Blau gespiegelt. Du hast die Tasten gedrückt, die dich zum Täter machten. Einzeln: harmlos, unverfänglich. Aber wenn du sie aneinanderreihst, sind sie Macht. Du demonstrierst.

„Die hässliche Fotze gehört so lange hart gefickt bis sie den Mund nicht mehr aufmachen kann.“

Du kannst dich nicht verstecken. Ich habe es gesehen. Ich kenne deine Verbrechen.

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