valeriannala
meine Worte

Kurzgeschichte: Wer kehrt?

Herr Witzmann, Frau Mähr und Herr Ulrich sind Nachbarn. Sie leben in einer kleinen Vorstadt, in der die Luft rein ist, die Bäume grün sind und der Rasen saftig. In einem Reihenhaus mit rotem Dach.

Herr Witzmann hat damals, bereits am ersten Tag nach seinem Einzug, eine Reihe Büsche in den Garten gepflanzt. Zwischen seinem und der von der Frau Mähr.
„Man muss ja nicht alles voneinander sehen“ hat der Herr Witzmann damals gesagt. Während die Frau Mähr ihn beim Büsche pflanzen beobachtet hat. Verlegen gegrinst hat er. Und seine Hand, mit Dreck unter den Fingernägeln, hat eine komische Bewegung in Richtung der Büsche gemacht. Die Büsche waren zu Beginn noch Baby-Büsche. Baby-Büsche, die bereit waren, ihre ehrenvolle Aufgabe als Sichtschutz anzutreten. Frau Mähr hat nur genickt, auch gegrinst und sich dann in den Liegestuhl gesetzt. Sie hat ihr T-Shirt hochgezogen, bis über den schwabbeligen Bauch. Und sie hat sich die Sonne darauf scheinen lassen. Das hat der Herr Witzmann gesehen und den Baby-Büschen noch ein bisschen mehr Dünger gegeben.

Frau Mähr hat sich jeden Tag die Sonne auf den Bauch scheinen lassen. Bis eines Tages Herr Ulrich auf der anderen Seite auch angefangen hat Baby-Büsche in einer Reihe aufzustellen.
„Man muss ja nicht alles sehen“, hat Frau Mähr ihm zugerufen, ihn angelächelt und dann wieder an ihrer Bauch-Bräune gearbeitet.

Hier leben die drei. Jeder für sich. In ihren kleinen Oasen. Seit über 30 Jahren. Inzwischen trennen erwachsene Büsche ihre drei Gärten. Keiner sieht zu viel vom anderen. Aber schalldicht sind die Büsche halt nicht. So hört Frau Mähr, wie Herr Witzmann zwei Mal die Woche den Rasen mäht und Herr Ulrich hört in unregelmäßigen Abständen, wie Frau Mähr auf ihrer Mundharmonika übt.

An diesem Tag übt Frau Mähr auf ihrer Mundharmonika und Herr Witzmann hat auch schon den Rasen gemäht. An diesem Tag geht Herr Ulrich vor die Haustür und schüttelt den Kopf. Mindestens fünfzig Mal. Hin und her schüttelt er den Kopf.
Dann klingelt er bei der Frau Mähr.

„Hast du den Grünschnitt vor die Tür gestellt, Elke?“
Eine Frau mit roten Blumen oder Marmeladenflecken auf dem Kleid schaut ihn mit weit aufgerissenen Augen an.
„Grünschnitt? Ja klar, habe ich den Grünschnitt vor die Tür gestellt. Damit ich ihn nicht vergesse mitzunehmen.  Aber danke, dass du mich erinnerst. “
Sie tätschelt Herrn Ulrich den Oberarm.
„Nein, nein, nein!“
Er schiebt Frau Mährs Hand zur Seite.
„Wir haben da ein Problem!“
„Na, was haben wir denn für ein Problem?“
„Bitte schau dich doch einmal auf dem Vorplatz um. Da wird einem ja schlecht!“
Herr Ulrich steigt ungeduldig von einem Bein auf das andere. Frau Mähr streckt ihren Kopf durch die Tür nach draußen. Sieht Grünschnitt über den kompletten Vorplatz verstreut.
„Also ich war das nicht. Sicher nicht. Ich bin ja keine Wahnsinnige!“
„Es hat keiner gesagt, dass du das …“ er kreist mit seinem rechten Zeigefinger die komplette Verwüstung ein „… warst. Aber es ist dein Grünschnitt.“
„Na, aber sicher nicht nur meiner. Schau doch wie viel das ist. So viel Grünschnitt bringe ich alleine doch nie zusammen.“
Sie lacht und zeigt Zähne mit rotem Lippenstift oder Marmelade drauf.
„Drei Ästchen sind von mir. Ja, das gebe ich zu. Drei Ästchen. Aber der Rest …“
„Na, drei Ästchen sind ja nicht nichts. Und der Thomas hat auch einen Haufen draußen gehabt. Das habe ich gestern Abend noch gesehen.“
„Drei Ästchen ruinieren aber keinen ganzen Vorplatz! Na, dann rede ich halt auch noch mit dem Thomas!“

kurzgeschichte wer kehrt

Herr Ulrich stapft zur nächsten Haustür. Frau Mähr schlüpft in ihre neongelben Gummistiefel. Sie stapft hinterher. Herr Ulrich klingelt. Herr Witzmann öffnet die Tür.
„Ist es schon wieder soweit?“
„Was soll schon wieder soweit sein?“
„Na, die Hausversammlung?“
„Nix Hausversammlung. Krisenversammlung eher. Schau dir einmal den Vorplatz an.“
Herr Witzmann streckt seine Nase neugierig einen Meter aus der Tür hinaus. Dreht seinen Kopf in beide Richtungen.
„Ich habe es ja eh schon immer gesagt“ meint er dann.
„Was hast du immer gesagt?“
„Na, dass man den Grünschnitt nicht einfach so vor der Tür stehen lässt. War sicher der Wind.“
„Hast du in letzter Zeit Grünschnitt rausgestellt?“ Herr Ulrichs Miene bleibt streng.
„Ja, schon.“
„Aber?“
„Aber sicher nicht so viel wie die Elke!“
„Aber sicher mehr als ich!“
„Weiß doch nicht, wie viel du rausgestellt hast!“
„Vier Äste circa.“
„Auf einmal sind es vier …“ murmelt Frau Mähr im Hintergrund.
„Circa habe ich gesagt!“
„Ich meine, eigentlich ist es ja egal wer wie viel da rausgestellt hat. Wir haben einen Vorplatz voller Grünschnitt. Weil jeder vorübergehend was hingestellt hat. Und der Wind über Nacht alles verteilt hat. Jetzt müssen wir das halt kehren. Jeder vor seiner Haustüre. Ende“ stellt Frau Mähr klar und stemmt ihren Arm in die breite Hüfte.
„Soweit kommt’s noch! Ich kehre sicher nicht deinen Müll weg!“ Herr Ulrich ballt eine Faust.
„Es ist ja nicht nur ihrer, sondern genauso auch deiner.“
„Ja und deiner! Ihr könnt euch ja die Arbeit teilen!“
„Na, warum denn bitte? Wieso sollten wir deinen Müll auch noch wegkehren?“
„Weil es hauptsächlich eurer ist! Meine fünf Ästchen machen den Braten auch nicht mehr fett.“
„Auf einmal sind es fünf …“ schreit der Herr Witzmann.
„Siehst du deine fünf Ästchen da? Ha? Zeig sie mir! Dann kannst du sie wegräumen und wir machen den Rest.“
Der Herr Ulrich rennt wild herum, sammelt fünf Äste ein und legt sie direkt vor seine Haustür.
„So und jetzt viel Spaß beim Kehren.“
„Ich kehre sicher nichts“ sagt die Frau Mähr.
„Wenn einer so kindisch ist … Die fünf Äste sind sicher nicht deine fünf Äste. Also kehr zuerst vor deiner eigenen Haustür, dann kehre ich vor meiner.“
„Und dann ich vor meiner! Punkt.“ Herr Witzmann verschränkt die Arme vor seiner Brust. Dann Frau Mähr. Dann Herr Ulrich.
„Ich kehre als Allerletzter! Das ist euer Müll! Meinen habe ich schon weggemacht. Das ist mein letztes Wort.“

Herr Ulrich dreht sich um und marschiert davon. Herr Witzmann und Frau Mähr starren beide noch eine Weile mit gerunzelter Stirn auf den Boden. Bevor sie in ihre Häuser zurückkehren und dabei so laut wie möglich aufstampfen. Wobei das mit Frau Mährs Gummistiefeln wenig bedrohlich klingt.

Vor dem Reihenhaus mit dem roten Dach liegen Äste und Laub und Nadeln. Wild verstreut. Doch keiner kehrt und niemand kümmert sich.
Zwei Tage lang nicht, drei Tage lang nicht, drei Wochen nicht, sieben Wochen nicht. Der Grünschnitt wird mehr und mehr Braunschnitt. Schon drei Mal sind Leute gekommen und haben noch ein bisschen vom eigenen Grünschnitt dazugelegt. Weil es praktisch ist. Und weil der Vorplatz aussieht wie eine Grünschnitt-Annahmestelle.
Den Herrn Witzmann stört das nicht, weil er es lieber ignoriert, als sich die Hände schmutzig zu machen. Die Frau Mähr stört das nicht, weil sie eh nirgends mehr hingehen muss und im Garten ist der Müll ja nicht. Den Herrn Ulrich stört das nicht, weil er gerne stur ist und auch sieben Wochen später noch der Meinung ist, dass er seinen Müll eh schon weggeräumt hat.

Bald liegt da ziemlich viel Grünschnitt von Herrn Witzmann, Frau Mähr, von irgendwelchen Fremden und drei oder vier oder fünf Ästchen von Herrn Ulrich. Da klingelt es bei Letzterem an der Tür. Ein Mädchen steht da. Sie hat ein paar Fetzen Laub im Haar und einen Kratzer auf der Wange.
„Hi. Könnten Sie bitte den Müll vor Ihrer Tür wegräumen?“ fragt sie.
„Wer bist du, dass du mir das sagen kannst?“
„Emma.“
„Und?“
„Emma reicht.“
„Nicht, dass dich das etwas angehen würde. Aber das ist nicht mein Müll, weißt du.“
„Das hat die Frau im Haus neben dir auch schon gesagt. Und der Mann bei der Tür davor auch.“
„Diese zwei … Die sollen einmal vor ihrer eigenen Haustüre kehren, bevor sie …“
„Kehren kann man den Haufen da sowieso nicht mehr. Da braucht es inzwischen schon ein bisschen mehr als einen Besen.“
„Ziemlich frech bist du. Kümmere dich bitte um deine … Hausaufgaben. Oder was auch immer. Das hier verstehst du sowieso nicht.“
„Dass es keiner von euch schafft den Müll vor der eigenen Haustür wegzuräumen? Nein, das verstehe ich wirklich nicht“ sagt sie und schaufelt sich mit den Händen wieder einen Weg durch das Gestrüpp frei.

Über die nächsten Tage hinweg kommen vereinzelt Kinder zum Reihenhaus mit dem roten Dach. Jedes nimmt nur einen Ast mit. Eine Handvoll Laub. Kein Kind kommt ein zweites Mal. Aber es werden mehr. Und zwischendurch kommen auch Erwachsene und Familien. Sie räumen den Vorplatz leer.

Herr Witzmann, Frau Mähr und Herr Ulrich beobachten das Geschehen durch ihre Fenster. Der Herr Witzmann glaubt, dass die Frau Mähr das organisiert hat, weil sie sich selbst die Hände nicht schmutzig machen will. Die Frau Mähr glaubt, dass der Herr Ulrich alle bezahlt hat. Denn der hat ja einen Mercedes in der Garage stehen. Der Herr Ulrich glaubt, dass das Mädchen dahintersteckt und das eine ganz bösartige Aktion ist. Er hat durch das Fenster ein paar Fotos von den Rebellen gemacht. Und auch schon angefangen den Leserbrief für die Krone zu schreiben.

Nach ein paar Tagen ist der Grünschnitt weg. Es liegen nur noch einzelne Reste herum. Der Herr Witzmann bemerkt es als Erster. Er schaut draußen nach links und rechts, packt seinen Besen und kehrt vor seiner Haustür. Dann geht er in seinen Garten. Schaut durch ein kleines Loch in den Büschen. Ob die Frau Mähr eh da sitzt. Die sitzt da mit hochgezogenem T-Shirt. Dann ruft der Herr Witzmann einen Freund an und erzählt ihm laut, dass er gerade den Vorplatz gekehrt hat. Da springt die Frau Mähr auf und das T-Shirt bleibt an ihrem üppigen Busen hängen. Sie bemerkt es aber noch rechtzeitig, bevor sie den Besen packt und vor die Tür geht. Dann kehrt sie.

Und sie denkt sich, dass sie ja eigentlich auch noch beim Herrn Ulrich kehren könnte.

Wenn sie schon dabei ist.

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2 Comments

  • Reply
    Gabsl
    12. Juni 2019 at 20:51

    wia guat :)!

    • Valeria Anna
      Reply
      Valeria Anna
      12. Juni 2019 at 21:50

      danke 🙂

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