valeriannala
meine Worte

Master in the making

07:10.
Weil 07:00 Uhr zu radikal wäre.
Radikal sind Geräte die dich aus dem Schlaf reißen sowieso schon genug.
Ein Zeichen ihrer Barmherzigkeit ist die Schlummertaste.
Schlummertaste. Meine größte Hassliebe.
Man meint das wohlige Gefühl im Bett verlängern zu können, dabei wiederholt man nur die Ernüchterung.
Jedes Klingeln ein erneuter Schlag ins Gesicht. Eine erneute Erinnerung daran, dass es jetzt zu spät ist, um gestern früher ins Bett zu gehen.

Ich mache mir meinen Morgenkaffee. Eigentlich gibt es bei mir keinen anderen Kaffee als Morgenkaffee.
Letztens war keine Milch da. Ein schlimmer First-World-Problem-Moment für mich als Baby-Kaffee-Trinkern.
Aber ich habe ihn getrunken. Ohne Milch, nur zwei Löffel Zucker. Habe ihn sogar ein bisschen genossen.
Heißt das, dass ich jetzt offiziell erwachsen bin? Oder erst wenn mir auch Rotwein schmeckt?

Ich mag neue Tage.
Kaffee, kleines Frühstück, ein Glas Wasser, Laptop, Bücher.
Handy. Am besten außer Reichweite.

Wie groß die Motivation an einem neuen Tag sein kann. Man hat da meistens schon verdrängt wie frustriert man am Vortag war.
Neuer Tag. Neue Motivation. Ein ganzer Haufen voller Bücher. Voller offener Fragen und Wissenslücken, die gefüllt werden wollen.
Sollten. Müssen.

Knapp vor dem Ziel durchzudrehen, zwischen Wut, Tränen und übertriebener Gelassenheit hin und her zu schwanken – das habe ich perfektioniert.
Knapp vor dem Ziel ist weder am Ziel noch am Weg. Ungefähr wie Schlummertasten-Schlaf.
Unangenehm, unbefriedigend, unnötig.

Nie wieder. Denke ich mir inzwischen jeden Tag. Nie wieder stupide bücherweise Wissen in meinen Kopf klopfen. Theorie ist einfach nicht so meins. Ich bin viel zu ungeduldig, viel zu unruhig, viel zu lebendig für ein klassisches Universitäts-Studium.
…merkte sie zwei Bachelorstudien und ein Masterstudium später.

Mich vom Handy nicht ablenken zu lassen funktioniert grandios. Ich lege es ein wenig Abseits. Ganz weg legen geht nicht. Es könnte ja jemand etwas Dringendes von mir wissen wollen. Aber ich lege es auf die Seite, drehe es um. Damit es mich nicht ansieht, denke ich mir. Das Display sind die Augen, eh klar.
Mindestens zwei Stunden wollte ich es nicht beachten, 10 Minuten später frage ich mich, wie es denn jetzt so plötzlich in meinen Händen gelandet ist.
Dabei übertrumpft sogar mein Lernstoff den Content von Facebook und co.

Wenn ich nicht gerade grandios daran scheitere mein Handy nicht zu beachten, lenkt mich mein Kopf ab. Ebenjener der eigentlich damit beschäftigt sein sollte seine Höchstleistungen zu vollbringen. Wenn da nicht mindestens tausend andere Sachen herumschwirren würden.
Nur weil du sieben Bücher lernen musst, hält niemand die Zeit an. Rundherum passiert trotzdem noch das normale Leben. Stellt dir lauter Fragen und gibt sich mit „Sorry, ich kann jetzt grad nicht.“ nicht zufrieden.

Lernen. Verzweifelter Versuch nicht abgelenkt zu werden. Mittagessen.
Lernen. Verzweifelter Versuch nicht abgelenkt zu werden.
Nachmittagskaffee ohne Kaffee. Einfach nur der Kuchen. Lernen und
merken, dass nichts mehr geht. Sport. Serie schauen. Bett. Viel zu spät.

07:10.
Ein paar Schlummertasten später.
Leggins, Wollsocken, T-Shirt und die alte Adidas Trainingsjacke drüber – seit Wochen mein Outfit of the day. Ich wäre der Star auf jeder Bad-Taste-Party des Landes.
Kaffee, kleines Frühstück, ein Glas Wasser, Laptop, Bücher.
Handy. Am besten außer Reichweite.

Rhythmus. Immer derselbe.
Ich bin kein Alltagsmensch. Andere finden Sicherheit in der Routine, mir macht sie Angst. Macht mich auf Dauer unruhig. Vor allem wenn ich ihren Sinn nicht sehe. Ihn nicht glaube.

Langsam wird ‚knapp vor dem Ziel‘ anstrengend.
Im Moment gerade
übertriebene Gelassenheit. In einer Stunde vielleicht schon Panik.
Kurz vor dem Ziel.

07:10 ist das neue fünf vor 12.
Bald da. Bald kann ein Ende zum Anfang werden. Ein ‚knapp vor dem Ziel‘ zum Start.

Ich quäl mich jetzt noch ein wenig.
Denn was anderes ist es im Moment nicht mehr.
Ein Quälen zum Ziel.
Ein Sprint.
Mit letzten vereinten Kräften.

Ich freue mich auf das Gefühl danach.
Und auf alles was dann so kommt.

VA

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8 Comments

  • Reply
    Marie Charleen
    2. Oktober 2016 at 17:39

    Ich liebe deinen Stil! Weiter so! <3
    Liebe Grüße,
    Marie
    madamerousse.de

  • Reply
    Markus
    4. Oktober 2016 at 5:22

    Hallo Valeria,
    wunderbar!
    Ich hab noch keine so schön, interessant und lebendig geschriebene Geschichte über diese Alltagssituation gelesen.
    Grandios 🙂
    Ciao Markus
    http://www.markusjerko.at/photos/bella-in-autunno/

    • Valeria Anna
      Reply
      Valeria Anna
      5. Oktober 2016 at 6:44

      Vielen lieben Dank :)!info@valeriannala.com

  • Reply
    Hanna
    6. Oktober 2016 at 4:51

    Total cool geschrieben! Dein Blog an sich finde ich super schön!

  • Reply
    Sabine
    7. Oktober 2016 at 14:19

    Oh Valeria,
    ich teile dieses "Kurz vor dem Ziel"-Gefühl zu 100 Prozent. Die letzten 5 Seiten der Bachelorarbeit waren die ätzendsten, obwohl sie ganz leicht zu schreiben waren. Nur – wenn man schon ein neues Ufer in Sicht hat, fühlt es sich so schwachsinnig an, noch am anderen Ende zu sitzen.
    Halte durch!
    xx

    • Valeria Anna
      Reply
      Valeria Anna
      8. Oktober 2016 at 16:13

      Jaaa, das triffts voll auf den Punkt! Es lebe das neue Ufer :D!
      Dankeschön <3

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