valeriannala
meine Worte

Meine letzte Nacht bei dir

Meine letzte Nacht bei dir, wie gut ich mich daran erinnere.
Im Krankenhaus. In deinem Einzelzimmer.
Sie haben extra für mich eine dicke Matratze auf den Boden gelegt. Direkt neben dir, damit ich dir nah sein kann.
Du hast davor 100 Mal nachgefragt, ob ich das auch wirklich will. Ob ich es mir antun möchte, nur für eine Nacht die lange Fahrt auf mich zu nehmen und dann diese auch noch im Krankenhaus zu verbringen.
Es wäre der größte Fehler meines Lebens gewesen es nicht zu tun.
Du hast davor 100 Mal nachgefragt, welches Frühstück ich denn am nächsten Tag haben möchte. Du wolltest, dass alles perfekt ist.

Ich habe zugesehen wie sie dich bettfertig gemacht haben. Eine lange Prozedur und du hattest immer Angst es könnte mir unangenehm sein. Dabei war mein größter Impuls nur, dir diese scheiß Krankheit aus dem Körper zu schlagen. Weil sie dich zu einer Person machte, die du nicht warst. So abgemagert, die Füße geschwollen, das Gesicht eingefallen, die Augen leer. Verzweifelt, aber durch zu viele Medikamente trotzdem viel zu ruhig.

Du hast gesagt ich solle schlafen. Du müsstest vielleicht in der Nacht manchmal aufstehen, aber ich solle mich nicht davon beirren lassen. Du wolltest das Beste für mich, während du selbst den härtesten Kampf der Welt gegen die Hülle deiner Seele führtest.
Deine Liebe, deine Gutmütigkeit – die konnte dir niemand nehmen. Nicht einmal der nahende und unausweichliche Tod.

Ich bin neben dir gelegen. Ich habe deine Hand gehalten. Und irgendwann bist du dann so eingeschlafen.
Es lag nicht am Krankenhaus, es lag nicht an dem improvisierten Bett, aber ich konnte meine Augen nicht schließen. Zu wertvoll die Zeit. Zu absurd die Situation, welche ich einfach noch nicht begreifen und richtig einordnen konnte.
Ich würde dich verlieren, das war mir irgendwie klar. Alle redeten davon. Alle waren einstimmig der Meinung, dass ich nach Hause kommen sollte. Dass ich mich verabschieden müsse. Dass du sowieso nur noch auf mich warten würdest und dann gehen könntest.

Ich soll also heimkommen, damit du sterben kannst? Sollte ich dann nicht eher davon rennen? Weit weg und den Tod mit in die Tasche packen und irgendwo in der Sahara vergraben?
Aber ich kam zu dir.
Und wir beide wussten warum.
Und wir beide sprachen es nicht aus.
Hand in Hand haben wir nebeneinander geschlafen. Du zumindest. Ein kleines bisschen. Wenn du nicht gerade wieder Wasser trinken musstest, um es 10 Sekunden später auszuspucken. Einmal kam die Krankenschwester. Ich half euch. Danach lagen wir wieder Hand in Hand.
Am Morgen brachten sie mir Tee statt Kakao. Es war mir egal. Aber dir nicht. Du wolltest, dass alles perfekt ist. Du wolltest das Beste für mich, wie du es schon mein ganzes Leben lang immer getan hast.

Irgendwann kam dann meine Mutter. Holte mich ab. Ich verabschiedete mich von dir. Aber ich wusste nicht wie. Ich habe in keiner Schule, in keinem Kurs und auf keiner Uni gelernt, wie man sich von einem über alles geliebten Menschen für immer verabschiedet. Darum tat ich es so, wie ich es an jedem anderen Tag auch getan hätte.
Es hätte also ein ganz normaler Abschied sein können. Wenn da nicht dieses unausgesprochene Wissen über uns hing. Wenn da nicht dieser letzte Satz von dir noch gekommen wäre…

2 Jahre ist es her.
2 Jahre und ich stelle mir immer wieder vor
wie es wäre, wenn du mitbekommen könntest wie
sich mein Leben entwickelt und verändert.
Wenn ich
mitbekommen könnte wie sich dein Leben noch entwickelt und verändert.
Wie du deine Träume endlich erreichst.
Wo gehen die Träume hin,
wenn der Träumer stirbt?

Es ist verrückt, wie sehr mir deine Umarmungen
fehlen. Die Wenigsten sind so innig wie deine. Die Wenigsten übertragen
so viel Liebe und Wärme.

2 Jahre ist es her.
2 Jahre und
obwohl ich dir in deinen letzten Wochen immer wieder gesagt habe, dass
ich dich noch brauche, bist du nicht mehr da.
Schon so lange
nicht mehr da.
Irgendeine Vollidioten-Gehirnzelle in mir glaubt noch
immer du kommst bald zurück. Menschen gehen und dann kommen sie doch
auch wieder, oder?!

Alles verändert sich. Doch die Erinnerung an dich bleibt dieselbe. Sie dreht sich im Kreis.
Ich verstehe immer noch nicht, wieso die Welt vergessen hat stehen zu bleiben und sich zu verneigen.
Sie hat einfach weiter gemacht, so als ob nichts passiert wäre. Sie hat
sich immer weiter gedreht. Und ich hatte die Wahl zwischen mich weiter
mit drehen oder umfallen.

2 Jahre ist es her.

Wir vermissen dich alle!

VA

Hier geht’s zu „1 Jahr…“

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27 Comments

  • Reply
    Maribel
    24. Oktober 2015 at 11:42

    Ich habe Gänsehaut und Tränen rollen über meine Wangen.. ich weiß leider sehr gut, wie es ist Menschen, die man liebt, an den Tod zu verlieren. Ich kann so mitfühlen gerade. Aber ich glaube ganz fest daran, dass diese Personen immer noch von irgendwo auf uns runter schauen und irgendwie immer dabei sind – in unseren Herzen!

    • Valeria Anna
      Reply
      Valeria Anna
      26. Oktober 2015 at 9:48

      Daran glaube ich auch ganz fest <3 🙂

  • Reply
    Sabrina Schultz
    24. Oktober 2015 at 15:58

    Sehr schön geschrieben, ich sitz hier und die Tränen rollen ohne Unterlass, ich kann das so nachvollziehen, hier ist es erst 1,5 Jahre her.
    Was mir immer ein wenig Hilft ist der Satz, solange es Menschen gibt, die an den Verstorbenen denken, ihn vermissen und sich gerne zurück erinnern, so lange ist dieser Mensch nicht wirklich tot, er lebt in jeder Erinnerung in jeden Gedanken und in jeden Herz weiter!

    • Valeria Anna
      Reply
      Valeria Anna
      26. Oktober 2015 at 10:08

      Ja so ist es! Sie sind immer irgendwie bei uns!
      Ich wünsche dir alles Gute!

  • Reply
    Anita Baron
    25. Oktober 2015 at 9:14

    Danke für diesen tollen Text. Mehr bringe ich gerade nicht raus…

    Lieben Gruß,
    Anita

    • Valeria Anna
      Reply
      Valeria Anna
      26. Oktober 2015 at 9:51

      Sehr gerne! Vielen lieben Dank für deinen Kommentar!

      Liebe Grüße,
      VA

  • Reply
    Valeria
    25. Oktober 2015 at 10:39

    Was für ein wunderschöner, unglaublich berührender Text….Ohne Worte. <3

    • Valeria Anna
      Reply
      Valeria Anna
      26. Oktober 2015 at 9:52

      Oh, noch eine Valeria 🙂
      Vielen Dank <3

  • Reply
    Sophie
    25. Oktober 2015 at 13:30

    Sehr berührend! 🙁 <3

  • Reply
    Nela
    25. Oktober 2015 at 15:50

    Wow, das geht echt nahe. Sehr gefühlvoll geschrieben. "Wo gehen die Träume hin, wenn der Träumer stirbt?" … Hast du es herausgefunden?
    Vielleicht leben sie in uns weiter? Vielleicht inspirieren sie uns und treiben uns an, vielleicht ist ein Teil von denen, die gehen, immer noch da. Das wäre doch schön!

    Wünsche dir alles Gute!

    • Valeria Anna
      Reply
      Valeria Anna
      26. Oktober 2015 at 9:54

      Das wäre wirklich schön. Und ich glaube auch, dass es ein bisschen so ist!

      Danke, wünsche ich dir auch!

  • Reply
    Sabine
    25. Oktober 2015 at 19:31

    Mein Beileid <3

  • Reply
    Rapha El
    25. Oktober 2015 at 20:29

    Hallo Vale, sehr berührender Text. Wo gehen Träume hin, wenn der Träumer stirbt? Schöne Frage und mir gefällt die Antwort von Nela. Den Traum meines verstorbenen Freundes, will ich jedenfalls mit meinem Leben weitertragen. LG Rapha

    • Valeria Anna
      Reply
      Valeria Anna
      26. Oktober 2015 at 10:06

      Mir gefällt die Antwort von Nela auch :).
      Das ist wirklich sehr schön, dass du das tust!

      Liebe Grüße,
      VA

  • Reply
    Abschied nehmen
    26. Oktober 2015 at 9:21

    Einen geliebten Menschen in so einer Situation zu begleiten, ist das Wertvollste, was wir tun können. Schwere Stunden, Tage, Wochen und Monate. Aber sie zeigen, um was es im Leben wirklich geht. Nein, unsere geliebten Menschen sind nicht weg. Sie sind immer bei uns! Liebe Grüße, Steffi

    • Valeria Anna
      Reply
      Valeria Anna
      26. Oktober 2015 at 9:58

      Das stimmt. Man erlebt diese Zeit so intensiv und lernt so viel daraus.
      Ja das sind sie <3

      Liebe Grüße,
      VA

  • Reply
    Won nie
    27. Oktober 2015 at 7:21

    <3

  • Reply
    beautyhearts44
    28. Oktober 2015 at 20:05

    wow sehr rührend Geschrieben!
    Ich habe selber letztes Jahr einen meiner wichtigsten Menschen verloren und ich frag mich auch immer, was wäre wenn diese Person noch da wäre und warum sich einfach alles weiter gedreht hat.
    <3

    • Valeria Anna
      Reply
      Valeria Anna
      31. Oktober 2015 at 16:50

      Danke <3
      Ganz los wird man die Gedanken wohl irgendwie nie…

  • Reply
    Ziska
    3. November 2015 at 16:19

    Liebe Valeria, ich habe lange überlegt, was ich dir schreiben könnte, was angebracht ist und was nicht. Und so verstrich die Zeit und heute hab ich gedacht, was bringt es dir, klug überlegte Worte in einem halben Jahr zu lesen, wenn es doch gerade aktuell ist.
    Dein Text und deine Worte berühren, sie lassen einen an diesem Moment teilhaben und zeigen eine Liebe, die nicht aufgehört hat. Und eine Freundschaft, die auch in den schwersten Stunden besteht.
    Ich hoffe, du wirst diese Liebe behalten und den Schmerz ertragen können, bis die Zeit ihn dir Stück für Stück nimmt. Er vergeht wahrscheinlich nie ganz, aber es wird besser.
    Es ist unfair, wenn ein Mensch aus dem Leben gerissen wird.
    Ich hoffe, dass du die Person für immer so in Erinnerung behalten kannst, wie du sie am liebsten hast. Und dass du sie immer wieder erwähnst, an sie denkst. "Denn niemals geht man so ganz." Irgendwas bleibt immer hier.
    Eine ganz feste Umarmung für dich.

    • Valeria Anna
      Reply
      Valeria Anna
      3. November 2015 at 17:18

      Keine Sorge -du hast wunderschöne Worte dafür gefunden 🙂
      Ich kann dazu auch gar nichts Kluges mehr sagen, außer von ganzem Herzen:
      DANKE <3

    • Reply
      Ziska
      3. November 2015 at 19:45

      🙂 ♥ (von ganzen Herzen!)

  • Reply
    Alina Zimmermann
    2. Mai 2016 at 13:22

    Du hast mich mit diesem Text gerade zu Tränen gerührt. <3

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