Heute bin ich anders aufgewacht als gestern. Ich fahre mit kalten Fingern über meine Müdigkeit und lege sie auf den Stuhl. Der Stuhl sammelt. Die Müdigkeit liegt auf drei Hosen und an der Lehne hängt ein wenig Traurigkeit von gestern. Tropft und wölbt das Parkett. 
Mein Mund ist trocken, ich sammle Spucke in der Mundhöhle und schlucke zwei Mal. Im Spiegel sehe ich Unruhe in den Haaren. Mit heißem Kaffee glätte ich sie. Einen zweiten brauche ich für die Knitterfalten auf meiner Wange.  
Heute trage ich blau, das an allen abgerundeten Körperspitzen ausrinnt. Über die Fingerspitzen, Zehenspitzen, Nasenspitze, Kinnspitze. Nur an den Haarspitzen hält sich die Farbe und wird rosa. 

In meinem Bauch ist ein Loch, wo gestern noch eine Ausbuchtung war. Ich lege meine Hand hinein.
„Schau, was ich höre!“, sage ich und er stellt sein Auge an mein Ohr. Wir hören die Baustelle. Links oberhalb vom Loch hämmert die Schlagbohrmaschine. 
„Was wirst du heute sein?“, fragt er mich. 
„Ein Haus“, sage ich und streiche meine Fassade. 

Vor meine Wand stelle ich ein Schild. „Einsturzgefahr“, steht darauf in kyrillischer Schrift. Das Schild ist neu hier, aber alt. Menschen gehen daran vorbei und nicken dem frischen Verputz am Haus zu.  
Wer durch die Türe geht sieht, dass ich keine Zimmer habe. Leere und Betonbrocken wechseln sich ab, damit genug Platz für beide ist. Nur ganz hinten, da steht ein Klavier, dem die weißen Tasten fehlen. Längst gespielte Töne hängen als Melodien statt Glühbirnen in den Hängelampen. Wenn man ganz laut hinsieht, kann man sie leise hören. Die Dunkelheit in mir ist nicht endgültig, weil auf dem Klavier eine Kerze steht, die nicht brennt. Das Licht bräuchte man ihr nur auf den Docht zu blasen.

„Wenn du ein Haus bist, was soll ich heute sein?“, fragt er. 
„Meine tragenden Wände“, sage ich und lege mein Gesicht in seine Hände. 

Text veröffentlicht in der Literaturzeitschrift apostrophe #2.

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