valeriannala
meine Worte

Mit anderen Augen

Sie war schon lange gefangen. Eine Gefangene ihrer immer wiederkehrenden Gedanken.
Oft umzingelt. Bedrängt. Von eigenen Erwartungen. Erwartungen, welche lauerten. Sich später aufbäumten. Den richtigen Moment abwarteten, um ihr erneut das Kleid der Enttäuschung überzustülpen. Dann trug sie es. Mit Fassung. Schließlich waren Kleider dazu da.

Er verstand nicht viel von Kleidern. Kannte ihre, aber kannte diese nicht. Er wusste, wie man sie beseitigte. Nur wenn sie aus Stoff waren. Sehen heißt nicht immer wahrnehmen. Heißt nicht immer begreifen. Gut, dass Liebe nicht nur blind macht, sondern man auch blind lieben kann.

Jeder Blick in den Spiegel war Hass. Jeder erkenntliche Makel wurde mit Verachtung bestraft. Perfektion. Alles andere kam nicht in Frage. Alles andere würde ihr nur noch mehr Kleider beschaffen, die sie nicht haben wollte. Enttäuschung, Enttäuschung, Enttäuschung. In rot und gelb und grün. Wut, Eifersucht, erdrückte, sich windende Hoffnung.

Er sah sie jeden Tag. Und er nahm sie wahr. Er nahm sie, wie sie war. Er liebte es, ihre Kleider zu beseitigen. Die aus Stoff. Jede Berührung war Bewunderung. Jeder Makel wurde mit Küssen überhäuft. Perfektion. Er hatte nie zu träumen gewagt, sie in dieser Form zu finden. In ihrer Form.

Sieben Dinge würde sie an ihrem Körper ändern. Wenn sie könnte. Sie hatte sie gezählt. Um ja nicht zu vergessen. Erwartungen.
Der Körper war nur die Fassade. Die Fassade der Enttäuschung. Dahinter war noch mehr. Zu wenig Ehrgeiz, zu wenig Konsequenz, zu chaotisch, zu orientierungslos, zu unentspannt, zu wenig beste Freundin, zu kompliziert. Sieben Dinge.

Er sah sie leiden. Aber sehen heißt nicht immer begreifen. Er wollte helfen. Verstand nicht wie. Für ihn war es ein Helfen, wo keine Hilfe benötigt wurde. Ihre Erwartungen, ihre Enttäuschungen. Er war einer alleine. Allein, gegen das ihm Unbekannte. Gegen das ihm vollkommen Absurde.

Weißt du, dass das kompletter Wahnsinn ist? Weißt du, dass das einfach nicht fair ist?
Was ist nicht fair?
Das was du tust. Das was du sagst. Weder dir, noch all den anderen Frauen gegenüber.
Warum den anderen Frauen gegenüber?
Wenn du sagst, du wärst hässlich, du wärst fett. Was sind dann bitte die? Wie sollen die sich dann fühlen? Wenn sie nicht so schön sind. Nicht so schlank.

Weißt du, ich habe das Gefühl, dass ich alles was ich mache, so viel schlechter als alle anderen mach.
Dann haben wir ein Problem. Denn ich habe ständig das Gefühl, dass du alles was du machst, so unglaublich gut machst. Ich wäre gerne so gut wie du.

Ein Blick in den Spiegel. Sie hasste sich nicht immer. Er
hatte schon recht. Mit dem Wahnsinn. Sie hasste sich meistens dann, wenn
sie wieder einmal wahnsinnig geworden war. Den Boden unter den Füßen
verloren hatte. Wenn eine Leere sie heimsuchte, welche sie mit immer
besser, immer schöner, immer erfolgreicher
zu füllen versuchte.
Erwartung, Enttäuschung. Höhere Erwartung, größere Enttäuschung.

Sie ist schon ziemlich neidisch auf dich.
Auf mich?
Ja klar auf dich. Weißt du eigentlich wie viele neidisch sind auf dich?
Auf mich?

Manchmal, wenn sie hörte, wie andere über sie dachten. Manchmal war das für sie wie eisig kaltes Wasser mitten ins Gesicht. Ein Erwachen. Die Erkenntnis ihres Wahnsinns. Ihrer Gefangenschaft in sich wiederkehrenden Gedanken. Erwartungen. Enttäuschungen. Viel zu beschäftigt sich selbst ‚zu…‘ und ’nicht genug…‘ zu finden. Keinen freien Kopf mehr. Weil das Kleid viel mehr ein Korsett war und jedem klaren Gedanken die Luft abschnürte.
Sehen. Aber nicht wahrnehmen. Das Falsche wahrnehmen. Verzerrte Realität.

Abstand.

Ein Blick in den Spiegel. Ein Blick auf ihr Leben. Nicht als sie selbst. Als eine andere. Beobachterin. Sie sah sich Bilder von sich an, so wie sie die von anderen ansehen würde. Sie dachte über ihre Erfolge nach, so wie sie die von anderen beurteilen würde.

Abstand.
Distanz.
Kein Korsett.

Mehr Platz zum Atmen.

VA

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