valeriannala
meine Worte

Nein. Ich kann gar nichts!

Er saß bei mir, weil er sich wieder einmal nicht anständig verhalten hatte. Bei knapp 100 Kindern in einem Sommercamp gibt es sie natürlich immer -die Kinder die bereits am ersten Tag gleich zu Beginn negativ auffallen. Und es wäre unglaublich einfach, sie schlichtweg sofort als die Bösen abzustempeln, welche man nur durch ständige Bestrafungen im Zaum halten kann. Die optimalere Lösung ist meiner Meinung nach jedoch ein wertschätzendes Gespräch.
Kein Kind wird „böse“ geboren und wenn man nur die richtigen Fragen stellt wird man erstaunt sein, was denn so oft tatsächlich hinter den Schimpfwörtern, dem Raufen, dem sich ständig ungerecht behandelt fühlen und dem Ignorieren von Regeln steckt.


„Wie alt bist du?“
„Sag ich nicht. Ich weiß eh was du darauf antwortest!“
„Woher willst du das wissen?“
„Weil das alle tun!“
„Was tun alle?“
„Das sagen was du dann sagen wirst!“
„Ich bin mir sicher, dass ich das nicht tun werde. Probier’s doch einfach einmal aus!“
„Ich bin 8.“
„Cool. Ich bin 23. … Und, hab ich jetzt gesagt was jeder immer sagt?“
„Nein.“
„Was sagt denn jeder?“
„Dass ich zu klein bin. Das sagen alle. Auch in der Schule. Ich bin der Kleinste in der Klasse. … Du weißt gar nicht wie sich das anfühlt!“
„Ich war auch immer klein. Ich bin noch klein. Und nur weil man klein ist, heißt das nicht, dass man nichts kann! Schau dir Messi an. Kennst du den? Der ist sehr klein für einen Mann und der beste Fußballspieler der Welt!“
„Ja aber der ist schnell.“
„Bist du nicht auch schnell?“
„Nein.“
„Dann gibt es bestimmt etwas anderes das du gut kannst. Jeder hat Talente!“
„Nein. Ich kann gar nichts.“

Wir haben uns dann auf „Talentsuche“ gemacht. Ich habe versprochen ihm zu verraten was ich gut kann, wenn er mir verrät was er gut kann. Das schien ihm irgendwie zu gefallen und er freute sich über das kleine Spiel. Nach kurzer Zeit hatte er zwei Dinge gefunden von denen er überzeugt war, dass er sie gut konnte.
Es hieß dann: „Du zuerst!“ und ich verriet ihm also das was ich meinte wäre mein größtes Talent. Er sagte mir seines. Und nachdem in weiterer Folge wieder ich an der Reihe war, merkte ich wie auch ich die größten Probleme damit hatte tatsächlich Dinge zu finden bei denen ich von mir selbst behaupten würde: „Darin bin ich wirklich gut!“
Nachdem dann der kleine Junge es mit „Autofahren?!“ und „Malen?!“ bei mir versuchte (was mich eher nur zum Lachen brachte) ratterte ich im Kopf gefühlte 100 Fähigkeiten ab und setze hinter jede davon ein gedankliches „Nope!“. Irgendwann fand ich dann doch noch ein zweites Talent und der Junge erzählte mir noch eines von seinen.

Das Ganze stimmte mich nachdenklich. Warum fallen mir auf Anhieb unzählige Sachen ein in denen ich nicht gut bin und auf der anderen Seite brauche ich ewig um herauszufinden was meine zwei größten Stärken sind?!
Der kleine Junge denkt er kann nichts. Und eigentlich wundert es mich gar nicht sonderlich, dass sich viele ihrer Stärken gar nicht wirklich bewusst sind. Wie oft hören schon Kinder: „Nein, das machst du falsch!“ „Nein, das kannst du nicht!“ und wie selten wird es in unserer Gesellschaft gutgeheißen wenn jemand sagt: „Darin bin ich wirklich gut!“.
Bescheidenheit steht immer hoch im Kurs und wer von sich behauptet in etwas besser zu sein als andere gilt schneller als ihm lieb ist als arrogant oder überheblich.
Dabei ist ein gesundes Selbstbewusstsein die Basis für so ziemlich alles. Für Erfolg im Beruf und in der Liebe und schlussendlich auch für generelle Zufriedenheit im Leben.

Hätte der kleine Junge gewusst, dass es nicht schlimm ist kleiner zu sein als andere, dass seine Fähigkeiten vorhanden und mindestens genauso wichtig waren wie die von anderen, dann hätte er es bestimmt nicht nötig gehabt ein Verhalten an den Tag zu legen, welches genau seine Annahmen darüber, dass er schlecht und unbeliebt war, bestätigten. Self-fulfilling prophecy at its best.

In 5 Tagen, welche die Kinder im Sommercamp verbringen, kann man keine Wunder bewirken und nicht all jene „retten“, welche missverstanden werden und/oder zu wenig Liebe und Aufmerksamkeit erhalten. Was man aber immer tun kann, ist sie nie über einen Kamm zu scheren, individuell auf sie einzugehen und ihnen mit großem Verständnis gegenüber zu treten. Aus gestärkten Kindern, werden irgendwann starke Erwachsene und es ist erstaunlich wie viel Dankbarkeit man für ein wenig Zuwendung in kleinen Gesten wieder zurück bekommt.

Die innige Umarmung von dem kleinen großen Jungen, der ständig nur Probleme machte, war für mich am Ende des Tages Gold wert.

VA

You Might Also Like...

6 Comments

  • Reply
    Barbara
    15. August 2015 at 16:13

    Wow. Ich weiß gerade gar nicht, wie ich mein Staunen darüber, was du hier vollbracht und erkannt und geredet hast, in Worte fassen kann. Du bist ein wirklich guter Mensch, Valeria <3

  • Reply
    Milena ♥
    18. August 2015 at 10:30

    Wow, der Post ist echt klasse! Der Text, die Bilder – einfach alles!! Dein Blog gefällt mir übrigens ziemlich gut, ich werde bestimmt öfter vorbeischauen!:) Hab noch einen schönen Tag,
    Alles Liebe,
    Milena ♥
    milasbeautyblog.blogspot.de

    • Valeria Anna
      Reply
      Valeria Anna
      19. August 2015 at 14:15

      Vielen Dank, das freut mich sehr <3 🙂

  • Reply
    herzadeliebst
    7. April 2016 at 8:13

    Wow, eine wunderschöne Geschichte.

  • Leave a Reply

    *