Der Anfang war Wuhan und ORF. 35 Bagger bauen Krankenhäuser. Wir schüttelten unsere Köpfe.
Der Anfang war Shanghai und Ö3 im Wartezimmer der Ärztin. Die Frau sagte Ausgangssperre. Nur Supermarkt. 

Dann war bei uns nur Grippe, aber bitte Hände waschen. Dann war lieber nicht in den Öffis Stangen angreifen und Knöpfe drücken. Manche gaben dir nicht mehr die Hand. Manche sind halt übervorsichtig, hat man da noch gesagt. 
Öfters Hände waschen. Am besten desinfizieren. Dann erste Hamsterkäufe: Desinfektionsmittel. Beim DM leere Regale. Kopfschütteln, aber ich habe Seife gekauft. Die mildeste, weil angeordnete 20 Sekunden mit viel Seife ständig und immer. Neurodermitis-Hände mögen Wasser immer ständig nicht, erst recht nicht mit Seife und 20 Sekunden. 

Am Anfang war es aufregend. Es war wie Ibiza, nur ganz anders. Pressekonferenzen schauen, als wären sie die EM oder eine Reality TV Show, die real ist. 
Dann Desinfektionsgeruch im Bus. Dann auch Handy desinfizieren. Dann Gerüchte. Wien wird Shanghai. Gerücht 1: Ausgangssperre. Gerücht 2: Vorrat von 14 Tagen. Gerücht 3: Bargeld abheben. Dann Panik. Habe die Panik nicht verstanden. Und wozu Bargeld? Dann Fotos auf Instagram von leeren Regalen und vollen Einkaufswagen. Dann gab es irrationale Menschenschlangen, manchmal Haufen. Manchmal wie der Start eines Einkaufswagen-Rennens. Schüttelnde Köpfe. Dann war Klopapier Gold. Nein, zuerst war Klopapier Mangelware, dann fragten sich alle: „Warum Klopapier?“, und kauften Klopapier. Dann war Klopapier weg und cool. Bis alle Klopapier-Witze gelacht worden waren. Jetzt ist Klopapier sowas von März. Und Nudeln. Nudeln gab es halt nur noch Dinkel und Marken, die noch teurer sind als Barilla. Warum kosten manche Nudeln so viel und wer kauft die eigentlich? Dann war Bananenbrot cool und jetzt gerade Hefe. Wir hatten immer genug Nudeln und Klopapier und Hefe, aber nie einen Hamster. Wie cool sind wir eigentlich? Hamster-Wortspiele sind auch nicht mehr cool.
Hefe ist so April. Ich backe Osterzopf mit Hefe, auf der Germ steht. Frage mich, was als Nächstes cool wird. Wenn alle Teige gebacken sind. Zoom. Ich habe bis vor kurzem noch nie von Zoom gehört und jetzt zoomt alles, aber vor allem alle. Alle machen Fotos davon und ich denke mir: „Ah okay, ich habe das Sterben von Skype verpasst.“ 

Menschen sagen Qwarantäne und Qwarantenne und Karantäne und schreiben es mit einer Zahl wie z.B. 13904 dahinter, um zu zeigen wie lange schon. Tage zählen. Quarantäne kommt von vierzig Tage. Man beachte, dass sie in die Fastenzeit fällt und 20+20 vierzig ist.

Ich mache jeden Tag ein Home-Workout. Im selben Raum ist mein Home-Office. Im selben Raum esse ich Home-baked Kuchen. Wir haben echt eine kleine Wohnung. Merke ich, während Draußen keine Option ist. Draußen ist da, wo die Nachbarin im Fenster sitzt, obwohl das gleichzeitig ihr Drinnen ist. Ihr Übergang vom Drinnen zum Draußen. 
Draußen riecht die Luft nach ewigem Sonntag. Ich gehe durch eine Straße und alle klatschen. Ich tue so, als würde ich nicht wissen, dass es 18 Uhr ist und fühle mich, als hätte ich gerade etwas Tolles gemacht und würde nicht nur mit pickelverdeckender Mundschutzmaske zum Interspar spazieren.
Beim Home-Workout lacht immer derselbe Trainer aus YouTube. Mein Freund grüßt ihn schon. Mein Freund sagt: „Baby, ich habe die Nachbarin nackt gesehen“. Aber das passiert, wenn alle immer drinnen sind. In ihren Fenstern. Und so viele Fenster sich gegenseitig anstarren. In wie vielen Fenstern wurde ich schon von Menschen nackt gesehen, die andere Baby nennen?  

Meine Gefühle fahren Wilde Maus, aber so neu ist das gar nicht, nur jetzt intensiver. Manchmal weiß ich nicht, wie ich mich fühlen soll und probiere, was kommt. Heute könnte ich wütend sein, gestern hatte ich Angst und vorgestern habe ich mich gefreut, dass ich nirgends hingehen muss und alles lustig ist. 

Es ist nicht mehr Anfang. Nicht mehr Wuhan oder Shanghai. Nicht mehr weit entfernt oder Grippe mit gewaschenen Händen. Es ist nicht mehr aufregend und Pressekonferenzen sind mühsam zwischen so vielen Österreichern und Österreicherinnen, zwischen so viel Danke an und Danke für und Gott sei Dank auch Danke an alle, die hier leben. Und dann immer diese Kriegserklärungen. Das Internet ist auch nicht mehr originell und die schlauen Menschen auf Twitter sind für die mentale Gesundheit fast noch schädlicher als hassende Kartoffeln auf Facebook. Alle wissen mehr besser. Zum Beispiel wie lange es noch dauert. Zum Beispiel wie richtig die Maßnahmen sind. Zum Beispiel was danach passiert. Zum Beispiel, ob man gerade positiv sein darf, oder nicht. Ich schwinge hin und her. Zwischen dankbar sein, dass es mir besser geht als vielen anderen, und mich selbst bemitleiden, dass ich keinen Balkon habe. Dass vor meiner Haustüre der Lidl ist und eine Straße. Dass mein Draußen nicht grün ist. Und schön. Und Bergluft mit Plätschern.  

Gute Sachen passieren viele. Das Klatschen. Aber manche finden das blöd, denn wer kann sich vom Klatschen ernähren? Das Singen. Aber manche sind wienerisch und schreien: „Gusch!“, und generell ist das Singen eh schon wieder vorbei. Das Helfen. Viele Gläser sind halbvoll, viele halbleer. Das Schlimmste ist der Wettkampf im Selbstisolieren, im Gehorchen, im Brav sein. Als wären wir alle Kinder der Regierung. Kinder, die beim Papa Rudi und Papa Basti petzen, wenn andere zwei Mal am Tag spazieren gehen und fünf Atemzüge mehr frische Luft inhalieren. Die zusehen, wie mit dem Lineal die Social Distance gemessen wird, als würde man ein Snickers zwischen Geschwistern teilen. 
Mit großem Garten und Pool und Wiese und allem, kann man mit den dicksten Fingern zeigen. Finger zeigen aus Fenstern auf Straßen. Finger zeigen in Bildschirme. Je verzweifelter die Zeiten, desto mehr Finger. Ist andere schlecht zu machen, um sich besser zu fühlen, wirklich das Menschlichste an Menschen? 

Am Anfang war es aufregend. Es war wie Ibiza, nur ganz anders. Aber jetzt ist es mittendrin und so viele Tage mit Mon und Diens und Donners und Frei und Sams und Sonn vergehen und dazwischen liegt irgendwo der Mittwoch, aber nicht mehr in der Mitte. Ich denke an draußen und rieche Kino-Popcorn, obwohl das nur ein anderes Drinnen ist.

Als ich mich fragte, wo draußen ist, saß ich 10 Minuten vor weißem Word und schrieb dann: Nicht drinnen. Aber jetzt muss ich meiner Einfallslosigkeit sagen, dass nicht einmal das stimmt. Draußen ist viele andere Drinnens und natürlich auch draußen mit solchen, die irgendwo anders drinnen sind. 

Wir sind mittendrin und wann und wie wir rauskommen weiß niemand.

Text veröffentlicht in UND-Heft #8 Beilage: „Draußen, wo ist das?“

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