Valeria Anna Lampert | Autorin. Psychologin. Publizistin.
meine Worte

Schmerzmittel

Mein gelbes Shirt ist die Boje, die in einem Meer aus Nebel leuchtet. Ich müsste gleich da sein. Ein Anstieg noch. Kein Mensch weit und breit. Ich wollte alleine sein. Mich ein bisschen quälen. Habe immer schon daran geglaubt, dass man etwas nur neu aufbauen kann, wenn man es zuerst zerbricht. Ich muss mich zerbrechen. Aufbrechen. Deshalb bin ich aufgebrochen. 300km. Alleine. Ich war schon lange nicht mehr alleine.

Jetzt zerbreche ich. Auf diesem Weg, den sie Camino nennen. Meine Komfortzone liegt unter der Decke im Bett und zeigt mit dem Finger auf mich. Sie hat es mir gesagt und ich wollte nicht hören. Meine Füße sind taub und schmerzen zugleich. Entzündungen. Tagelang ignoriert. Ibuprofen. Geht schon. Tränen sind zwar leise, aber sie fühlen sich laut an. Ich wollte ja alleine sein …

Alleine sein wird totgeschwiegen. Vielleicht weil wir im Tod alleine sind. Deshalb im Leben so viel wie möglich umringt. Von Menschen. Das ist schön. Am allermeisten aber von Dingen und dann noch von Geräuschen und Apps und Nachrichten und allem. Ich lasse oft den Fernseher rennen. Ein sicheres Gefühl. Da ist noch jemand, auch wenn da niemand ist. Genauso der Blick aufs Handy. Da ist noch jemand, auch wenn da niemand ist. Lichter und Farben und Floskeln und Erlebnisse von anderen. Umringt. Umschlungen. Ich habe mich schon oft vergessen. Manchmal für Stunden. Manchmal für Tage. Ich finde mich nur in der Stille und obwohl ich das weiß, suche ich mich dort selten.

Ich spüre nichts mehr und gleichzeitig alles. Taub und Schmerz. Mein Körper ist schnell und die Gedanken sind es auch. Aber mit dem Gefühl komme ich nicht hinterher. Ich kann nur Revue genießen. Kann nicht so schnell fühlen, wie ich lebe. Nicht so schnell verdauen, wie Leben zerkaut wird.

Der Regen, die Tränen, ein schmaler Weg. Links geht es bergab und rechts stehen Büsche. Ich wollte mich selbst finden, ohne es so zu benennen. Ohne zu suchen. Im Gehen. Ein Fuß vor den anderen. Weil man nur so vorankommt. Was ich gefunden habe ist die Einsicht, dass man am Ziel eh nur steht und sich gut fühlt, weil man zuerst einmal lange gegangen ist. Man steht oder sitzt und denkt an den Weg zurück. Wie gut er war. Und schön. Und manchmal vielleicht schwer. Man kann das Ziel niemals so sehr lieben wie den Weg. Weshalb ich ihn wirklich nicht verpassen möchte.

Ich bin zu schnell gegangen. Taube Füße. Kein Gefühl. Entzündungen.

Ibuprofen ist wie Dinge, Geräusche, Lichter, Fernseher, Handy, Floskeln und Erlebnisse von anderen. Die Wirkung hält nicht lange.

You Might Also Like...

2 Comments

  • Reply
    Annie
    13. Januar 2020 at 22:22

    Wundervoll geschrieben und so passend. Danke für diese großartigen Worte.

    Liebst,
    Annie

    • Valeria Anna
      Reply
      Valeria Anna
      15. Januar 2020 at 12:39

      Danke dir, für den lieben Kommentar! 🙂

    Leave a Reply

    *