valeriannala
meine Worte

Selbsterfahrung und was man dort so erfährt

(Im Rahmen meiner Psychotherapie-Ausbildung habe ich an einem Gruppen-Selbsterfahrungsseminar teilgenommen, worauf sich der folgende Text bezieht.)

Du setzt dich auf einen leeren Stuhl im Kreis. Zwei von den Anwesenden kennst du bereits von deiner Ausbildung. Die anderen sind dir völlig fremd. Du weißt nicht wirklich was auf dich zukommt.
Manchmal sagt man, dass man eine Sache vollkommen ohne Erwartungen angegangen ist.
Ich würde sagen das war so eine Sache.
Auch wenn immer ein Hauch von Erwartung mitschwingt. Nur kann man diese dann halt nicht definieren. Will sie nicht definieren.

Wir saßen da und die Anweisung der Seminarleiter beschränkte sich in den meisten Fällen auf: „So, ihr habt jetzt eineinhalb Stunden Zeit.“
So.
Kein Thema. Keine Aufgabenstellung.
Fremde Menschen die in einem Kreis sitzen und darüber reden sollen wie es ihnen gerade geht.
Klingt wenig spannend. War es zunächst auch nicht. Irgendwie seltsam. Eine angespannte Stimmung. Wer beginnt? Wie beginnt man? Was genau kann und will man sagen und was nicht?
Fremde Menschen die in einem Kreis sitzen und nichts haben. Außer Zeit.

Irgendwann entwickelt sich jedoch etwas aus dieser ungewohnten Situation. Die Gruppe beginnt zu leben und man lernt Menschen kennen, wie man sie sonst nie kennen lernt.
Selten nimmt man sich bei Fremden Zeit sie wirklich wahrzunehmen. Hinter die Fassaden zu blicken. Sie begreifen zu wollen. Wie sollte das auch gehen, wenn das Leben sowieso schon immer viel zu schnell an einem vorbei rast?
Und genau deshalb war es so anders. So besonders. 3 Tage. Einfach nur Zeit haben. Zeit sich mit dieser zusammengewürfelten Gruppe auseinander zu setzen. Mit den Menschen dahinter. Und gleichzeitig auch vieles über sich selbst zu erfahren.

Es kam dann alles anders als erwartet. Das passiert manchmal. Auch wenn man eigentlich gar keine Erwartungen hatte.
Innerhalb weniger Stunden entwickelte sich ein Konflikt innerhalb der Gruppe, der weder wirklich Inhalt noch einen bestimmten Sinn hatte. Im Speziellen richtete er sich aber gegen eine Person. Die nichts dafür konnte. Es ist faszinierend wie schnell es passieren kann, dass ein Mensch einem
anderen ein Problem überstülpt, welches eigentlich sein eigenes ist.
Auch wenn ich selbst nicht direkt davon betroffen war, ließ es mich wütend werden. So wütend, dass ich am nächsten Morgen am liebsten nicht mehr hingegangen wäre.

Umso spannender war es, dass ich nach dem zweiten, sehr intensiven Tag ein eher unbekanntes Glücksgefühl verspürte. Ich war an diesem Abend für ein paar Stunden rundum glücklich und zufrieden. Einfach so. Ohne Grund. Von innen. Mit allem und jedem.

In manchen Phasen dieses Seminars dachte ich mir ich wäre komplett am falschen Ort. Mit den falschen Menschen. Und doch hat alles was in dieser kurzen Zeit passiert ist letztendlich irgendetwas in mir bewegt, dass ich selbst jetzt immer noch nicht benennen kann.

Es gab jedoch kleine definierbare Erkenntnisse. Zum Teil neu, zum Teil nur aufgewärmt.

Komplimente sind kleine Schätze. Für denjenigen der sie bekommt, aber auch für diejenige, die sie ausspricht. Kostbare Schätze, die man nicht für sich behalten sollte. Mit denen man ruhig ganz verschwenderisch umgehen kann. Wenn sie ehrlich sind. Wenn sie von Herzen kommen.
Ich merke selbst oft, wie ich Komplimente denke, sie aber nicht ausspreche. Ich bin bestimmt nicht die Einzige. Hunderte Komplimente, die einfach verloren gehen. Weil wir uns nicht trauen. Nicht gönnen. Nicht meinen, dass es wichtig sein könnte.
Aber manchmal gibt es Menschen, die sich schon lange nicht mehr geschätzt gefühlt haben. Die vielleicht gerade dabei sind komplett an sich zu zweifeln und einfach nur ein paar wenige nette Worte bräuchten.

Mir ist klar geworden, wie wichtig Feedback im Allgemeinen ist. Egal
ob positiv oder negativ. Alles was geäußert wird, nimmt Spekulationen
den Raum. Mit Wissen kann man arbeiten. Mit Vermutungen nur schlecht.
Vermutungen führen zu Missverständnissen. Missverständnisse zu Streit.
Wenn einfach jeder sagt, was er denkt, jeder ausspricht was er fühlt.
Dann kann man sich über das Gute freuen und sich um das Schlechte
kümmern.
Kommunikation. Ein einfacher Schlüssel, den wir alle bei uns tragen sollten.

Was andere denken.
„Ich habe Angst was andere denken, wenn
ich…“ war so häufig das Thema in diesen drei Tagen. Es ist erstaunlich
wie sehr viele Menschen von diesen Gedanken geplagt werden. Sinnlos geplagt werden.
Ich bin inzwischen schon viel besser darin
geworden mir eine gewisse „Scheiß auf andere!„-Einstellung anzueignen.
Klar werde ich gerne gemocht. Aber an dem Anspruch, dass das alle tun
müssen, zerbreche ich nur selbst. Ich bin um Welten glücklicher, wenn es
mir egal sein kann was andere über mich denken. Viel glücklicher, als
wenn ich versuchen müsste ständig alle zufrieden zu stellen.
„Selbstbewusstsein ist nicht gleich Selbstvertrauen.“, sagte unsere Seminarleiterin. Selbstbewusst einen Raum betreten, selbstbewusst reden und sich präsentieren – das können viele. Selbstvertrauen sei jedoch das Vertrauen in sich selbst. Dass egal was andere sagen oder tun, ich darauf vertraue, dass ich gut bin so wie ich bin.

Je mehr ich mich mit diesem Gebiet beschäftige, desto mehr bin ich der Meinung, dass es absolut keinem schadet eine therapeutische Erfahrung zu machen. Denn gewisse Ängste und Sorgen hat jeder und um sich intensiv mit sich selbst auseinander zu setzen muss man nicht krank sein.
Sondern einfach nur Mensch. 

 VA

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2 Comments

  • Reply
    Catherine
    25. April 2016 at 12:50

    Als erstes möchte ich dir gerne sagen, dass du unglaublich gut schreibst. Ganz ganz toll, weiter so 🙂 Zum Thema: ich finde diese Gruppe super spannend, stelle es mir aber auch sehr herausfordernd vor. Respekt das du da mitgemacht hast und danke für deinen Bericht. Glg Catherine

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