valeriannala
meine Worte

Studieren – die schönste Zeit unseres Lebens?!

„Wieso wollt ihr die schönste Zeit eures Lebens denn unbedingt so schnell hinter euch bringen?“, fragt uns unser Masterarbeitsbetreuer mit einem Lächeln, welches geradezu nach Unverständnis schreit.
Und ja, vielleicht sind wir beide eher ein wenig der überehrgeizige Typ und verbeißen uns da gerade in eine Idealvorstellung von ‚gesamtes Studium in Mindeststudienzeit schaffen und die Uni so schnell wie möglich verlassen‘.

Aber vielleicht hat sich da auch im Gegensatz zu früher einfach vieles verändert.
Warum? Weil inzwischen schon so gut wie jeder Arbeitgeber einen perfekten Lebenslauf erwartet. Weil ein Studium meist zu wenig ist, weil ein Absolvent ohne mindestens 3 Praktika sowieso nicht in Frage kommt und ein Student, der noch nie einen Nebenjob hatte, als verwöhnt oder faul gilt.

Wenn ich nach meiner Masterprüfung mit meinem Wisch freudestrahlend aus der Uni spaziere, darf ich nicht so blauäugig sein zu glauben, dass nun eh jeder auf Frau oder Herr Msc wartet und mich im Aufzug bis zur Chefetage begleitet.  Nein, denn die Konkurrenz schläft nicht. Die Konkurrenz ist 25, hat so viel Arbeitserfahrung wie eine 35-Jährige, kennt sich mit jedem erdenklichen Programm bestens aus und hat auch noch ausreichend Zusatzqualifikationen.

Schlussfolgernd weiß man – der Vollzeitstudent stirbt aus.
Klar gibt es sie, die Chiller. Klar schwirren da draußen auch genügend Bachelor-Philosophie-Studenten im 11. Semester herum und checken hin und wieder einmal die Lage am Campus.
Aber die Frage ist, was man sich selbst für Maßstäbe setzt und wenn diese relativ hoch sind, dann heißt studieren nicht jeden Tag in der Woche Party machen, jeden Morgen ausschlafen, vielleicht 3 Lehrveranstaltungen in der Woche besuchen und die restliche Zeit mit Freunden abhängen.

Dann ist studieren ein harter Weg sich irgendwie auf das große Unbekannte vorzubereiten was danach kommt. Dann heißt studieren parallel Geld verdienen, ein sinnvolles Praktikum machen, eine Zusatzausbildung beginnen und trotzdem immernoch superspannende Referate auf der Uni zu halten und sich zu (meist wenig sinnvollen) Gruppentreffen zu quälen. Dann muss man den Schlafmangel, den eine Party und darauffolgendes früh aufstehen mit sich bringt, in Kauf nehmen, oder gleich aufs Feiern verzichten. Dann muss man an die eigenen körperlichen Grenzen gehen, von einem Ort zum anderen hetzen und sich damit abfinden, wenn des Öfteren keine Zeit für eine warme Mahlzeit bleibt.
Im Gegensatz dazu, empfinde ich persönlich eine klassische und geregelte 40 Stunden Woche fast schon als Luxus. Wenn man will, gibt es da keine Wochenendseminare, keine 12-Stunden Tage, keine zusätzlichen Lern- oder Schreibnachtschichten, weil man nebenbei noch Prüfungen und Arbeiten schreiben muss.

Studieren. Die schönste Zeit unseres Lebens?
Jein.
Wir haben auf dem Papier sehr viel Freizeit und es liegt auch in unserer Hand was wir damit anfangen. Wir haben Freiheiten, die wohl viele andere nicht haben und die meisten von uns werden von unseren Eltern unterstützt -was ein riesiger Luxus ist, welcher später einmal wegfällt.
Das können wir ausnutzen. Wir können -wenn wir wollen- chillen und das klassische Studentenleben in vollen Zügen genießen -das steht ganz außer Frage. Es ist unsere Entscheidung.

Und trotzdem wissen wir inzwischen alle, dass uns ein Master-Abschluss alleine im Normalfall noch keine Türen öffnet. So realistisch dürfen und müssen wir sein. Wer nur studiert wird merken, dass es da draußen unzählige motivierte Menschen gibt, die während du bis 12 Uhr geschlafen hast, schon 4 Stunden gearbeitet haben. Und wenn man sich dazu entschließt, da irgendwie mithalten zu wollen, dann muss man auch investieren. Dann kann man vielleicht die ersten 2 Semester im Bachelor ein wenig verplempern, aber danach muss man sich schon langsam in den elendigen Praktikumsdschungel schmeißen und sich mehr oder weniger kostenlos den Arsch aufreißen, um aus dem du-brauchst-Erfahrung-für-die-Erfahrung-brauchst-du-Erfahrung-Teufelskreis auszubrechen. Nebenbei ist auch noch ein „richtiger“ Job, der Geld bringt, sinnvoll. Denn ohne genügend Kohle, kann man auch die vermeintliche Extra-Zeit eines „Studentenlebens“ nicht genießen.

Und dann kommen die Herrschaften von der Uni daher und meinen, du hast eh nichts Besseres zu tun, als für die Masterarbeit einfach einmal 2 Jahre her zu schenken. Weil man ja grad sowieso so ein entspanntes Leben hat, noch nichts von der realen Welt weiß und darum doch noch bestimmt länger in der Seifenblase sitzen möchte.
Sarcasm off.

Versteht mich nicht falsch, ich bin im Großen und Ganzen sehr zufrieden mit der aktuellen Situation und dankbar für alle Chancen die ich bekomme und nutze. Ich liebe die Herausforderung und würde mit zu viel Zeit wahrscheinlich früher oder später eh durchdrehen. Aber was viele manchmal unterschätzen ist, dass die Studienzeit -wenn man sie ernst nimmt- ganz schön anstrengend sein kann. Weil man auf mehreren Hochzeiten gleichzeitig tanzen muss und davon nicht selten richtigen Muskelkater bekommt.
Dabei ist vieles einfach Mittel zum Zweck. Die Vorbereitung auf das, was man dann tatsächlich einmal mit seinem Leben anstellen möchte und wovon man sich auch ein klein wenig Erfüllung erhofft.

Das erste Jahr herum probieren war für mich persönlich ganz nett, aber der Ernst des Lebens beginnt nicht erst nach dem Studium.
Sondern mittendrin.

VA


Außer man ist ein Bachelor-Philosophiestudent im 11. Semester!
Sorry an alle Bachelor-Philosophiestudenten im 11. Semester!

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7 Comments

  • Reply
    Marie
    31. Oktober 2015 at 22:53

    Hast du gut geschrieben! Ich selbst bin auch gerade ins Studentenleben hineingestolpert und habe es schwer Bekannten & Familie zu erklären, dass das Studentenleben nicht ganz Friede, Freude, Eierkuchen ist.
    Mich würde es interessieren was du denn studierst! 🙂

    • Valeria Anna
      Reply
      Valeria Anna
      1. November 2015 at 18:34

      Dankeschön 🙂

      Ich habe zuerst einen Bachelor in Psychologie und einen in Publizistik gemacht und bin jetzt am Master in Psychologie dran. Aber ich hoffe eben, dass ich im Sommer fertig werde 🙂

      Was hast du angefangen?

  • Reply
    Maike
    1. November 2015 at 21:13

    Liebe Valeria,
    toller Artikel, ich studiere im 3. Semester Chemie und weiß aus eigener Erfahrung, dass viele vor allem ältere denken, dass das Studentenleben ganz entspannt ist.
    Vielleicht kann man an dem ein oder anderen Tag mal ausschlafen, aber dafür stehe ich dann 6 Stunden lang ohne etwas zu trinken und zu sitzen. Das schlaucht ganz schön und ich falle fast jeden Abend unheimlich müde ins Bett.
    "Toll", dass es auch anderen Studenten so geht.

    Ich habe deinen Artikel gleich mal zu meinen Lieblings-Links Oktober hinzugefügt, denn dein Artikel wirft einen ganz anderen Blick auf das Studentenleben.
    Schau doch mal vorbei: http://www.missdeclare.com/2015/11/01/lieblings-links/

    Lg,
    Maike

    • Valeria Anna
      Reply
      Valeria Anna
      3. November 2015 at 17:20

      Vielen, vielen Dank – ich freue mich sehr darüber :)!

  • Reply
    marinazielke
    22. November 2015 at 17:14

    Interessanter Artikel. Allerdings kann ich für mein Leben nur sagen, dass ich die wirklich wichtigen Fähig- und Fertigkeiten, die ich jetzt auch in meinem Beruf benötige, gerade in den Momenten gelernt habe, in denen ich nicht verbissen an meinen Leistungen und Qualifikationen gearbeitet habe, sondern alleine unterwegs war in fremden Ländern, Krisen gemanagt habe etc.pp.

    Und der Leistungsgesellschaft stehe ich eher kritisch gegenüber, weil ich denke, dass dem Ganzen zu viel Wert zugeschrieben wird. Man wird auch mit super Noten und allerhand Zusatzqualifikationen nicht "Karriere" machen (wenn man das denn will…), wenn man nicht eine entsprechende Persönlichkeitsentwicklung durchgemacht hat, die ich vielen Leuten in unserer Gesellschaft jetzt einfach mal abspreche.

    Dass das Studium nicht leicht ist und einem bei Zeiten viel abverlangt, unterschreibe ich auf jeden Fall. Es kommt dann aber drauf an, wie man seine unterrichtsfreie Zeit nutzt. Wenn man da auch noch Praktika absolviert – zusätzlich zum Nebenjob und den drei Hausarbeiten, die noch geschrieben werden müssen – dann wird es natürlich sehr stressig.

    • Valeria Anna
      Reply
      Valeria Anna
      25. November 2015 at 16:28

      Danke für deinen ausführlichen Kommentar!
      Ich stehe dieser Leistungsgesellschaft eh auch eher kritisch gegenüber. Nur leider bin ich momentan irgendwie eine Gefangene davon. Wahrscheinlich sollte man sich wirklich öfter einmal losreißen von diesem Druck und auf andere Wege "lernen" – eben durch Reisen etc.

  • Reply
    marinazielke
    22. November 2015 at 17:20

    Mein Artikel zum Thema Generation Y wird dir dann wohl eher nicht aus der Seele sprechen:
    https://thoseboontimes.wordpress.com/2015/11/04/generation-y-generationsdefekt-mit-realitaetsverlust/

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