„Einmal 55 Minuten, bitte!“, sagt Fynn.
„Gute Wahl! Sehr gerne!“, erwidert der Mann hinter der Theke. „Darf’s auch ein bisschen mehr sein?“
„Ja, natürlich! Geben Sie mir ruhig mehr!“
„Schön, danke! Bitte sehr, eine Stunde! Geht es so, oder brauchen Sie ein Glas?“
„Gerne ein Glas!“
Der Mann reicht Fynn ein Einmachglas mit einer Stunde.

Fynn hat das Auto verkauft und den Campingstuhl tiefer gelegt. Einmal war er so tief, dass er bis zur Hälfte im Sand untergegangen ist. Die Beine hatten es dann nicht mehr so weit. Strand zwischen den Zehen zerreiben ist noch besser als baumeln.
Man darf nicht denken, Fynn wäre faul. Fynn wandert auf Berge, er tritt in Pedale. Wenn er Lust hat, rennt er sogar viele Kilometer. Mit Pausen dazwischen.

Fynn hat heute zehn Mal tiefer geatmet als andere und 40.000 Gedanken weniger gedacht. Diese waren umso lieber. Fynn baut Sandschlösser und die mit Luft.
Fynn wäre 35, wenn er sich über Geburtstage ärgern würde. Aber Geburtstage sagen ihm nur, dass er schon länger atmet als im Jahr zuvor. Und ein langer Atem ist gut.

Fynn spaziert an wuselnden Menschen vorbei, die auf ein „Hallo!“ von Fremden mit „Nein, danke!“ antworten. Er verlässt die Einkaufsstraße und sucht sich im Park eine Bank. Da packt er das Einmachglas aus und öffnet es. Eine Stunde hat er jetzt. Eine Stunde sitzt er und schaut und atmet.
Eine Frau setzt sich neben ihn. Mit einem Glas, das die kleine Schwester von Fynns sein könnte. Darin haben höchstens zehn Minuten Platz. Sie öffnet es. Atmet durch die Nase ein und durch den Mund aus.
Sie blickt auf sein Einmachglas und dann in sein Gesicht.
„Darf ich Ihnen bitte kurz mein Handy geben?“, fragt sie und er hätte nicht Ja gesagt, wenn ihre Augen nicht gefleht hätten.
Fynn hat kein Handy mehr. Fynn hat Festnetz. Ein altes Modell!
Die Frau schaut auf sein Handgelenk, wo keine Uhr sitzt. Ja nicht einmal ein Bräunungsstreifen.
Fynn kennt die verstohlenen Blicke auf sein Handgelenk und er würde lügen, wenn er sagte, dass er nie absichtlich kurze Hemden trug.
Die Frau weint und Fynn ist beschämt. In dem Park auf diesen Bänken weinen öfters Menschen. Aber Fynn hat noch nie mit einem von ihnen geredet. Meistens weinen die Menschen, wenn sie sich zum ersten Mal seit längerem wieder Zeit leisten können. Auch wenn es nur fünf Minuten sind.
Die Weinenden mit wenig Zeit sitzen auf Bänken. Die mit keiner Zeit sind nie auf Bänken, immer auf Beinen.
Fynn sitzt oft auf Bänken. Aber nie weinend. Er hat Zeit. Fynn liegt in Liegen an Seen und in Hängematten in Gärten. Mit Sonnenhut und Strohhalm im Mund, der wirklich aus Stroh ist. „Geht es Ihnen gut?“
„Das würde ich nicht sagen.“
„Was würden Sie denn sagen?“
Die Frau erzählt ihm, dass sie Termine hat. Fast jeden Tag. Nur manchmal am Sonntag nicht. 25 Termine hat sie diese Woche.
Und Fynn sagt: „Puh!“
Sie sagt, dass sie Chefin ist. 35 Angestellte.
Und Fynn sagt: „Puh!“.
Sie sagt, dass sie den Jahresurlaub verplant hat. Reisen. Nah und fern. Eine Freundin heiratet in einer großen Finca.
„Puh!“
Sie sagt die Pferdestärken des Mercedes hätten sich im Zweijahrestakt erhöht und Fynn sagt: „Puh!“
Sie sagt: „Ich weiß!“
Sie sagt fünf Stunden Schlaf und tippt auf ihre Rolex.
Fynn sagt nichts.
„Ich kann ihn nicht entwirren. Den Knäuel in meinem Kopf. Das Pochen in der Brust und den Krampf im Bauch.“
„Armut macht krank“, sagt Fynn und die Frau nickt.
Er schenkt ihr fünf Minuten. Schließlich hat er dann immer noch 55 und die wollte er ursprünglich ja.
Sie lächelt, bedankt sich. Gibt die fünf Minuten in die Handtasche und sagt, sie hebt sie sich für später auf.
Nach zehn Minuten ist ihr Einmachglas leer und sie steht auf. Sagt noch einmal danke und geht.
„Ihr Handy …“, ruft Fynn, als die Frau schon fast außer Sichtweite ist. Aber dann legt er es neben sich auf die Bank. Er denkt sich, wenigstens die Freude könnte er ihr lassen. Er würde es später natürlich wegschmeißen, damit sie es auf keinen Fall finden muss, wenn sie umkehrt und es sucht.

Fynn spürt, dass die 55 Minuten um sind und steht auf. Wenn er Sekundenzeiger hören könnte, würden sie ihm den Takt angeben. Aber er geht in seinem Rhythmus. Ein Schritt pro Herzschlag.
Fynn spaziert zum Restaurant, in dem man auf den ersten Kaffee 17 Minuten wartet. Es ist direkt an der Promenade. Hier flanieren mehr Menschen ohne Uhren und Autos als an jedem anderen Ort der Stadt.
17 Minuten schaut er den Wellen zu und lacht jedes Mal, wenn er das Geräusch von überschwappendem Wasser hört.
„Den Fisch bitte!“, sagt er zur Kellnerin.
„Sehr gerne! Aber nur damit Sie es wissen, der ist recht schnell fertig. Ich hoffe das ist in Ordnung für Sie.“
„Wann stört mich nie!“, schmunzelt Fynn.
Fynn trinkt Kaffee, bestellt sich eine hausgemachte Limonade, die 19 Minuten auf sich warten lässt. Der Fisch kommt irgendwann und das ist genau richtig. Fynn isst.

Fynn weiß nie, was er als Nächstes tut. Er schreibt sich nur mehr Worte in den Kalender, die ihm Freude machen. Zum Beispiel Listen über Dinge, die er nicht machen muss. Aber schon auch könnte, wenn er wollte. Oder Listen mit Namen, die lustig klingen wie John Glör und Listen mit Farbneuschöpfungen. Zum Beispiel Vergissdasdochblau, Lachrosa oder Schneegelb.

Fynns Momente passieren ohne Publikum. Er teilt nur mit Menschen, die da sind. Erst vergangenes Jahr – als er noch ein Handy hatte – ist ihm die letzte Person entfolgt, und hat somit die dritte Null auf seinen Instagram-Account geschrieben. Das hat er gefeiert, indem er einem Freund einen langen Brief geschrieben hat. Manchmal hat er sich verschrieben. Aber er hat die Fehler drinnen gelassen, weil er so großzügig ist.

Fynn ist stolz auf sich, weil er es heute geschafft hat nichts zu schaffen. Ihm ist nur aufgefallen, dass er seinen linken großen Zehen schöner findet als den rechten. Darüber hat er viel nachgedacht. Aber das kann passieren und darf auch sein.

Fynn schläft auf der Couch ein. In der Nacht wechselt er ins Bett und schaut noch ein bisschen zur Decke. Er denkt an die Frau im Park und schämt sich fast, weil er so reich ist. Er hofft, dass sie an dem Tag zumindest einmal noch ausgeatmet hat.
Er hofft, dass er sie wiedersieht.
Vielleicht, denkt er sich, sollte er ihr Leben kaufen und es ihr schenken.

Text veröffentlicht in „DUM – Das ultimative Magazin“ #95 „Statussymbole“

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