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Dominik & die Magersucht: Wenn Perfektion dein Leben bestimmt

Vor kurzem habe ich bereits über eine junge Frau berichtet, welche es aus einer Essstörung hinein in ein gesundes Leben voller Selbstliebe geschafft hat und nun ein Vorbild für viele Frauen ist. Stichwort Frauen. Denn tatsächlich verbinden wir mit Essstörungen primär weibliche Personen, weil alleine schon in der Betitelung derer als „schönes Geschlecht“, ein gewisser Druck liegt und die Photoshop-Körper in den Medien ihren Rest dazu beitragen. Doch nicht nur Frauen rutschen in diese gefährliche, in manchen Fällen sogar tödliche, Krankheit ab.
Deshalb freut es mich, dass Dominik auf mich zugekommen ist und gerne mit mir und euch seine Geschichte teilen wollte. Eine Geschichte, die Betroffenen Mut machen und bei Außenstehenden für mehr Bewusstsein sorgen soll.

Der Weg hinein in die Magersucht & die Realisation

Es war mehr oder weniger ein schleichender Prozess. Ein Teufelskreis, in den ich mich sukzessive hineinbegeben habe.
Im Sommer 2012 hat sich beruflich bei mir einiges geändert. Ich habe von einer Bank auf dem Lande in ein Finanzinstitut in die Großstadt gewechselt. Neue Kollegen, neue Kunden, neue Aufgaben und mehr Verantwortung. Noch dazu kam, dass die Uhren in einer Großstadt etwas anders/schneller ticken als auf dem Land. Bedingt durch meinen Perfektionismus ging es los: Ich konzentrierte mich nur noch auf die Arbeit, hatte das Bedürfnis immer gut und gepflegt auszusehen. Ich habe kaum noch etwas gegessen. Alles sehr selektiv und gesund im Sinne von ballaststoffreich, eiweißreich, wenig Fett. Parallel dazu war ich, typisch für diese Krankheit, vom Sport besessen. Ich hatte nur noch die Arbeit und den Sport im Kopf. Essen war für mich eher lästig. Zudem habe ich es mir durch meine damalige „krankhafte Disziplin“ selbst auferlegt, erst dann etwas zu essen, wenn alle Aufgaben des Tages mit Bravour erledigt wurden. Somit gab es in den seltensten Fällen die erste und somit auch einzige Mahlzeit vor 22:00 Uhr. In diesem Anfangsstadium der Magersucht lernte ich sehr schnell den Hunger zu unterdrücken und merkte leider nicht, was ich mir damit eigentlich antat und wo das alles noch hinführen würde.
Ein weiterer Punkt, der das Ganze förderte, war die Tatsache, dass ich immer mehr darauf angesprochen wurde.

„Die „Stimme der Magersucht“ ist leider so gepolt, dass es ihr gut geht, wenn es einem selbst schlecht geht“

Vereinfacht ausgedrückt: Kommentare à la ‚Hey, du hast ja ganz schön abgenommen, ist alles in Ordnung mit dir?‘, oder ‚Dom, ich mach mir langsam sorgen um dich, an dir ist ja gar nichts mehr dran.‘ sind Wasser auf die Mühlen der Essstörung. Ich fühlte mich bestätigt, dass mein Vorhaben mit diszipliniertem Sport und perfektionistischer Arbeit gut auszusehen, so langsam aber sicher Wirkung zeigte.

Ich glaube den einen Auslöser für die Essstörung gibt es nicht. Vielmehr ist es ein komplexes Zusammenspiel von Körper und Psyche, Sportbesessenheit, Perfektionismus, Zwängen, krankhafter Disziplin und selbst auferlegten rigiden Strukturen im persönlichen Alltag. Dennoch, ein (Teil-)Auslöser für mich war das Mobbing, welches ich in der frühen Schulzeit erlebte. Leider hatte ich schon immer ein kleines Problem mit einer falschen Fettverteilung meines Körpers, was sich in etwas ausgeprägteren Brüsten widerspiegelte. Das war natürlich für die Mitschüler im Schwimmunterricht ein gefundenes Fressen mich damit aufzuziehen. Es gab eine Zeit in der Schule, da ging es mir damit sehr schlecht, ich war traurig und ratlos. Meinen Eltern erzählte ich davon nichts. Als ich mir nicht mehr zu helfen wusste, klebte ich jeden Morgen vor der Schule meine linke und rechte Brust mit Klebeband ab und fixierte sie so, dass man es auch unter engeren Pullis/Hemden/T-Shirts nicht mehr sehen konnte. Hinzu kommt, dass ich in der Schule, während der Ausbildung und während meines anschließenden Studiums, immer in allem die Note 1 haben und immer und ohne Ausnahmen der Beste sein wollte. Sobald ich eine 2, oder tatsächlich mal eine 3 bekommen habe, war das der Weltuntergang für mich. Ich machte mir tagelang schlimmste Vorwürfe und steigerte das Lernpensum dann erst recht, obwohl bis dato bereits die 24 Stunden eines Tages für mich zu wenig waren.

Die Entwicklung

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Dominik während seiner Magersucht

Dann ging eigentlich alles recht schnell. Das passt zu mir und meinem Perfektionismus. Wenn ich etwas mache, muss es immer perfekt sein. Ganz oder gar nicht eben. Dies galt leider auch für meine Magersucht. Ich reduzierte mein Essen weiter. Aß eigentlich nur noch rohes Gemüse. Steigerte meinen täglichen Sport und fühlte mich durch mein diszipliniertes Verhalten bestätigt und mental allen anderen überlegen.
Ich fing an mich täglich zu wiegen mit dem Ziel, mein Gewicht jeden Tag zu reduzieren. Im April 2013 konnte ich meine Arbeit nicht mehr ausüben bzw. hat mich meine Mutter nach Gesprächen mit den Personalverantwortlichen aus der Bank heraus geholt. Zu Hause hatte ich leider nur noch mehr Zeit Sport zu treiben und meinen Alltag sehr streng zu strukturieren. Zeit, die ich auch damit verbrachte alle Lebensmittel und Inhaltsstoffe zu studieren und mich nur noch mit Kalorien und gesunder Ernährung zu befassen.
Im Mai 2013 hatte ich meinen ersten Klinikaufenthalt, den ich leider nach zwei Wochen schon wieder abgebrochen habe. Ich möchte das Konzept der Klinik nicht verurteilen oder behaupten, die Ärzte wären überfordert gewesen. Es lag einfach daran, dass mir zu diesem Zeitpunkt das Wichtigste fehlte -die persönliche Krankheitseinsicht. Somit wehrte ich mich gegen alles und jeden, der mir in der Klinik etwas sagen wollte. Ja selbst die Worte meiner Eltern hörten sich in meinen Ohren einfach nur falsch an. Nachdem ich wieder zu Hause war, trennte sich auch meine damalige Partnerin von mir und zog aus der gemeinsamen Wohnung aus. Dann wohnte ich alleine, Freunde hatten sich ebenfalls von mir distanziert. Und so machte ich „munter“ weiter.

„Gegen Ende wog ich nur noch 37 Kg im Alter von 24 Jahren bei einer Größe von 168cm.“

Ich bin zu Hause zusammengebrochen und kam mit einem Rettungswagen sofort ins Krankenhaus. Im Hintergrund haben meine Mutter und mein Stiefvater wirklich alles mögliche unternommen, um mir irgendwie zu helfen. Es muss wirklich grausam für meine Eltern gewesen sein zu sehen wie sich der eigene Sohn „absichtlich“ in den Tod hungert. Das Leid meiner Eltern auf der einen Seite und ihre Machtlosigkeit gegen meine Sturheit auf der anderen Seite, tun mir heute noch unglaublich weh. An dieser Stelle, das ist mir besonders wichtig, möchte ich euch beiden für eure Hilfe, eure Kraft, euer Durchhaltevermögen und eure Unterstützung danken! Leider kann ich meine Dankbarkeit gar nicht in Worte fassen.

Der Weg aus der Magersucht

Dann hatte ich die Möglichkeit noch einmal in eine Spezialklinik für Essstörungspatienten zu gehen. Es war definitiv meine letzte Chance! Natürlich weigerte ich mich zunächst mit allen Mitteln. Letztlich entschloss ich mich, auch dank der Überzeugungsarbeit meiner Eltern, noch einmal in die Klinik zu gehen.

Bedingt durch mein sehr starkes Untergewicht ging es erst einmal darum, dass ich an Gewicht zunehme, um überhaupt erst therapiefähig zu werden. Und ich glaube bis heute, genau hier war der alles entscheidende Wendepunkt zurück in mein neues/gesundes Leben. Klar, von rohen Zucchini zu Hause zurück zu normalen Mahlzeiten mit all den verbotenen Lebensmitteln wie Käse, Butter, Brötchen & Co. war die absolute Hölle für mich. Und als ich in der Anfangszeit des Klinikaufenthaltes morgens und abends jeweils 150% der Richtmenge essen musste, zusätzlich Zwischenmahlzeiten aufgebrummt bekommen habe und mich nur noch eine halbe Stunde am Tag außerhalb des Klinikgeländes aufhalten durfte, um durch Spaziergänge nicht noch zusätzlich Kalorien zu verbrennen, hatte ich nur eine Möglichkeit. Ich dachte mir:

„Ok Dominik, du kannst das jetzt alles wieder abbrechen und heimfahren. Dann wirst du weiter machen wie bisher und lange wirst du diesen Zustand definitiv nicht mehr überleben und deine Eltern werden das kommende und alle weiteren Weihnachtsfeste mit großer Wahrscheinlichkeit ohne dich feiern! Oder du reißt dich jetzt zusammen, befolgst die Anweisungen – auch wenn ich mich wirklich wie ein gemästetes Schwein fühlte – und wirst wieder gesund!“

Ich habe mich für Letzteres entschieden. Ich machte mir in der Klinik eine Liste mit all den schönen Dingen, die ich gerne als „neuer“ und gesunder junger Mann mit Normalgewicht unbedingt machen möchte. Ich malte mir aus, was mich wohl noch alles Wundervolles und Spannendes in meinem restlichen Leben erwarten würde, wenn ich wieder gesund bin. Eine Leidenschaft, die mir zum damaligen Zeitpunkt enorm Kraft gab, war der Wunsch – so banal es auch klingt – mit dem Produkt „Kaffee“ zu arbeiten: Kaffee selbst zu rösten, als Barista hinter der Siebträgermaschine zu stehen, oder vielleicht ein eigenes Café zu eröffnen. Und somit kaufte ich mir mein erstes (Kaffee-)Buch von Johanna Wechselberger in der örtlichen Bücherei in Rosenheim. Titel des Buches: „Das Kaffeebuch – für Anfänger, Profis und Freaks“.

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Dominik heute

Ich habe es geschafft! Nach gut 7 Monaten Klinikaufenthalt und einer Gewichtszunahme von tollen 30 Kilogramm sitze ich jetzt gerade am PC und schreibe diesen Beitrag über meine vergangene Magersucht. Und ja, die Liste wurde erfolgreich abgearbeitet. Getreu dem Motto: Vom Banker zum Barista, bereite ich heute mit großer Leidenschaft leckere Kaffeespezialitäten für meine Gäste zu. Jetzt stehe ich hinter der Siebträgermaschine, besuche die besten Röstereien Deutschlands, verkoste Kaffee in meiner heimischen Kaffeebar und übe gerade fleißig an meinen Latte-Art-Skills.

„Also nicht Augen zu und durch, sondern Augen auf und rein!“

Natürlich gibt es auch heute immer wieder schwierige Momente, in denen eine leise „Essstörungs-Stimme“ zu mir spricht. Es wäre gelogen zu behaupten, ich bin zu 100% geheilt. Auch gebe ich ehrlich zu, dass ich nicht gerade mit dem größten Grinsen im Gesicht in eine McDonalds-Filiale zum Burger essen gehe. Aber ich mache es, verdammt ich mache es! Wenn ich merke, dass mir mal wieder etwas schwer fällt, wie zum Beispiel Butter aufs Brot zu schmieren, oder Sahne in die Tomatensoße zu geben, oder einfach mal auswärts essen zu gehen -dann, ja genau dann mache ich es! Hier gibt mir die Aussage einer Psychotherapeutin und Ärztin immer wieder die nötige Kraft. Sie sagte: „Wenn ihr spürt, dass ihr zum Beispiel vor bestimmten Lebensmitteln wieder eine Angst entwickelt, dann esst ihr sie erst recht und das für mindestens eine Woche. Denn einmal ist keinmal! Also nicht Augen zu und durch, sondern Augen auf und rein!“

Die Vorurteile anderer

Leider gab es zur damaligen Zeit viele „Besserwisser“, die für diese Art der Erkrankung keinerlei Verständnis aufbringen konnten und es tatsächlich zum Teil auch nicht wollten. Ich kann es gar nicht mehr zählen, wie oft ich mir den nervenden Kommentar „Iss doch einfach mal was!“ anhören musste. Selbst meine Eltern, und das tut mir ziemlich weh, mussten sich aus dem Bekanntenkreis nicht selten so dermaßen unqualifizierte Kommentare anhören, dass einem schlecht wurde. Aussagen wie zum Beispiel: „Ja kocht ihr nichts zu Hause?“, oder „Du musst deinem Sohn einfach jeden Tag was kochen, dann geht das schon wieder“. Ein Extrembeispiel erlebte ich in einer Tankstelle, in der ich regelmäßig meine Zigaretten kaufte. Plötzlich wurde ich von einer Mitarbeiterin nicht mehr bedient. Nachdem ich ihre Kollegin fragte, was denn plötzlich los sei, bekam ich als Antwort, die Mitarbeiterin würde mich nicht mehr bedienen wollen, da sie sehr sauer auf mich sei. Wie könne ich mich nur absichtlich so zu Tode hungern, während andere Menschen in Afrika an Hungertod sterben, weil sie kein Essen haben. Das ist einfach nur Naivität und mangelndes Verständnis.

Was andere über die Krankheit wissen sollten

Ich würde mir von anderen Menschen mehr Sensibilität und Verständnis für das Thema Essstörung/Magersucht wünschen. Aber das ist unglaublich schwierig, denn die Magersucht ist eine unglaublich komplexe psychische Krankheit. Zum einen möchte ich die Außenstehenden in Schutz nehmen, da sie, egal was sie machen, sich gegenüber einem Betroffenen kaum richtig verhalten können. Das bedeutet: loben sie ihn, wie toll er doch abgenommen hat, bestätigt ihn das und er macht weiter. Weisen sie den Betroffenen mit Entsetzen darauf hin, dass er sehr abgemagert aussieht, ist das für die Magersucht ebenfalls eine Bestätigung und der Erkrankte macht auch in solch einem Fall weiter.
Deshalb würde ich mir einfach nur wünschen, dass die Magersucht (bzw. auch generell psychische Erkrankungen) akzeptiert werden und Anerkennung finden. Die Magersucht ist zwar im ersten Moment nicht sichtbar, aber definitiv gefährlicher als ein gebrochener Arm oder ein eingegipster Fuß.

Seine Botschaft an Männer/Frauen mit Essstörungen

„Du musst es wollen, du musst es mit aller Kraft wollen…“

Ich möchte diesen Beitrag primär dazu nutzen um zu zeigen, dass es auch einen Weg aus der Magersucht, einen Weg aus der Essstörung zurück in ein neues, normales und wunderbares Leben gibt. Ich will vor allem Mut machen! Habt keine Angst vor Rückschlägen, sie machen euch nur stärker!
Wenn ich zurückblicke, ist die persönliche Krankheitseinsicht der erste und wichtigste Schritt in ein gesundes Leben. Du musst es wollen, du musst es mit aller Kraft wollen, denn du hast es verdient gesund und munter am Leben teilnehmen zu dürfen!
Auch war ich damals unglaublich froh, dass mich meine Mutter und mein Stiefvater unterstützt und zu jeder Zeit an mich geglaubt haben. Deshalb: wenn ihr die Möglichkeit bekommt, Hilfe in Anspruch zu nehmen, sei es durch die Familie, durch Freunde, durch die Partnerin, den Partner oder natürlich durch Kliniken, Ärzte und Psychologen – nehmt sie an!

„Ich weiß, das ist nicht einfach, aber denkt immer daran: Sich einzugestehen krank zu sein ist keine Schwäche, es ist eure überlebenswichtige Stärke!“

 

Nicole (20) – Mein Leben mit Borderline, Schizophrenie und Asperger

In der Reihe „Diagnose: Mensch.“ erzählen Betroffene von psychischen Erkrankungen ihre Geschichte. Die Einleitung und den ersten Beitrag findest du hier

 

Nicole (20)
„Denn ich habe lange genug versucht, wie alle anderen zu sein. Ich möchte einfach ich sein. Egal wie seltsam ich auch bin.“

 

Die Erkrankung, die ich schon am längsten habe ist die Schizophrenie. Die wurde festgestellt, als ich 10 Jahre alt war. Damals habe ich das alles abgetan als normale Fantasie. Doch dann wurde es schlimmer. Ich begann Leichen zu sehen und wahrhaftige Monster, ich konnte nicht schlafen und hatte vor allem Angst. Und ich hörte Stimmen. Schizophrenie ist für mich, als wäre der Teufel in einem Selbst. Es fühlt sich an, als hätte sich mein Körper gegen mich verschworen. Aber manchmal ist es auch so, dass mich das „Monster“ in meinem Inneren versteht. Oft rede ich tagelang nur mit ihm. Schizophrenie ist für mich nicht immer schlecht.

Die Borderlinestörung habe ich zum ersten Mal wirklich bewusst wahrgenommen, als ich mir bereits meine Arme und Beine aufgeschnitten habe und mich bewusst umbringen wollte. Damals war ich 14 und bin gerade sexuell belästigt wurden. Ich kam in die Klink. Da wurde ich mehreren Tests unterzogen, die schließlich alle Borderline ergaben. Meine Borderline Störung ist für mich eine seltsame Angelegenheit. Mein Körper ist manchmal mein ärgster Feind und dann wieder mein bester Freund. Manchmal ist es wie ein Kurzschluss im Kopf, der einen verrückt macht.

Die Asperger-Autismus Diagnose habe ich erst seit kurzem. Sie wurde während meiner ambulanten Therapie diagnostiziert. Ich habe es an meinem sehr schlechten Sozialverhalten gemerkt. Ich habe kaum bis gar kein Verständnis für Dinge, die in meinem Alter ganz normal sind. Für mich ist Asperger ein Zeichen von wahrer Besonderheit. Es ist zwar anstrengend, aber dennoch lohnenswert. Denn Asperger hat mich oft beschützt, mich Menschen einfach so an den Hals zu werfen.

Mein Alltag gestaltet sich oft schwierig, da ich manchmal nicht weiß, in welcher Stimmung ich heute sein werde. Wenn ich in guter Stimmung bin, kann das auch schnell mal umschlagen und ich bin sofort aggressiv und verletzend. Aber wenn ich dann meinen Verlobten um mich habe, weiß ich, dass er mir helfen kann. Er bietet in diesen unsicheren Zeiten einen unvergleichlichen Schutz, auf den ich niemals mehr verzichten möchte. Manchmal ist es so, dass ich voller Tatendrang bin und am liebsten alles sofort erledigen möchte. Aber dann gibt es wiederum Tage, an denen ich noch nicht einmal aufstehen kann.Wenn es mir halbwegs gut geht, kann ich sogar für ein paar Minuten außerhalb der Arbeit mit Menschen umgehen. Aber meistens habe ich Angst vor ihnen.
Beziehungen sind auf vielen Ebenen schwer. Zu meinen Eltern habe ich ein gutes Verhältnis, auch wenn ich manchmal sehr bösartig auf scheinbar harmlose Dinge reagiere. Ich bin seit kurzem erst geschieden, nachdem ich 2 Jahre lang von meinem Ex nur geschlagen und misshandelt wurde. Einen Job habe ich auf den normalen Wegen nicht gefunden, aber eine sehr liebe Betreuerin des Arbeitsamtes hat mich schließlich in eine Ausbildung für Menschen mit psychischen Erkrankungen eingliedern können. Dort lerne ich den Beruf der Mediengestalterin und habe dabei verlässliches Betreuungspersonal an meiner Seite. Auch später werde ich diese Betreuung haben, denn ich gelte als behindert und kann nicht wie andere Menschen arbeiten.

Durch meine Asperger Störung habe ich eine Inselbegabung. Das heißt, dass ich auf einem Gebiet besonders begabt bin. Das ist bei mir die Sprache. Ich habe einen sehr hohen IQ und das merkt man auch. Leider, muss ich dazu sagen. Denn durch mein Verhalten und meine Wortwahl gelte ich als arrogant und bin selbst auf der Arbeit unbeliebt. Aber das macht mir nichts aus. Denn ich habe lange genug versucht, wie alle anderen zu sein. Ich möchte einfach ich sein. Egal wie seltsam ich auch bin.
Gefühle sind oft Mangelware bei mir. Aber wenn sie mal auftreten, dann heftig und mit allen Facetten. Oft führt das auch dazu, dass ich mich vor lauter Stress selbst verletzen muss. Für solche Situationen habe ich immer ein Buch bei mir. Ebenso mein Smartphone, um mir alles genau aufzuschreiben, damit ich es später mit meiner Therapeutin durchsprechen kann.

Seit 7 Jahren bin ich in Therapie – heute bin ich 20. Es hilft mir sehr, wenn ich Ratschläge bekomme, wie ich mit  mir selbst und den Menschen da draußen umgehen kann. Ich habe mich früher oft selbst verletzt. Wollte sterben, um endlich die Menschen von der Qual meines Daseins zu befreien. Wenn ich frische Narben habe, dann ziehen die Eltern ihre Kinder immer weg und schauen mich böse an. Das ist sehr verletzend.
Mit Mobbing wurde ich in der Schule auch oft konfrontiert. Das waren scheußliche Sachen, die tief in der Seele weh tun.
Heute verletze ich mich ab und zu immer noch selbst, aber es ist sehr viel besser geworden. Ich habe meinen Verlobten, der mich versteht und mich nimmt wie ich bin. Und ich habe eine Familie, die immer hinter mir steht.

Wenn ihr auch betroffen seid, ist mein Rat für euch: Niemals aufgeben. Niemals Nachgeben. Kämpft um euer Leben.

 

Nicole schreibt auf dem Blog: nicolelostinbooks

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Anni (22) – Mein Leben mit Depression und Sozialphobie

In der Reihe „Diagnose: Mensch.“ erzählen Betroffene von psychischen Erkrankungen ihre Geschichte.
Die Einleitung und den ersten Beitrag findest du hier.

 

Anni (22)
„Nach dem Aufwachen habe ich meist starke Schuldgefühle und fühle mich wie eine Versagerin. Der Wille zum frühen Aufstehen ist da, aber ich schaffe es einfach nicht. Es ist, als ob ich in meinem eigenen Körper gefangen bin.“

 

Einen konkreten Zeitpunkt oder Auslöser gab es eigentlich nicht. Ich hatte eine relativ schwierige Kindheit. Seit Beginn der Pubertät fühlte ich mich dann so wie die meisten in meinem Alter – hässlich, fett und ungeliebt. Richtig schlimm wurde es dann nach dem Tod meiner Oma. Da war ich 18 und hatte zum ersten Mal Selbstmordgedanken. Es war eine furchtbare Zeit für mich. Nachts konnte ich nicht schlafen, tagsüber fühlte ich mich schlapp, unnütz und konnte mich zu nichts aufraffen. Ich verbrachte sehr viel Zeit in Online-Communities, die ich vor allem zum Chatten mit anderen Depressiven nutzte. Im Nachhinein kann ich sagen, dass mir dieser Austausch sehr geholfen hat. Auch weil ich im realen Leben keine Freunde hatte.

Damals hatte ich schon die Vermutung, dass ich krank bin, wurde von meinem Umfeld jedoch nicht ernstgenommen. Durch meine starke Sozialphobie war es mir auch unmöglich, Therapeuten anzurufen.
Auf Empfehlung der Psychologin meiner Uni wagte ich mich schließlich nach dem Tod meiner Mutter zu einer Therapeutin, bei der ich seitdem in Behandlung bin. Da war ich 20 Jahre alt. Sie diagnostizierte mich mit Depression und Sozialphobie.

Die Symptome meiner Depression bestehen vor allem aus Antriebsstörungen. Das muss man sich so vorstellen, dass ich hin und wieder morgens nicht aus dem Bett komme. Auch wenn ich früh genug ins Bett gegangen bin, geht es einfach nicht. Ich stelle dann meistens den Wecker aus und schlafe bis mittags. So verschlafe ich Unterrichtsstunden, Arzttermine und Vorlesungen. Nach dem Aufwachen habe ich meist starke Schuldgefühle und fühle mich wie eine Versagerin. Der Wille zum frühen Aufstehen ist da, aber ich schaffe es einfach nicht. Es ist, als ob ich in meinem eigenen Körper gefangen bin.
Des Weiteren leide ich unter unbegründeten, negativen Gedanken. Damit meine ich zum Beispiel Versagensängste und plötzliche Stimmungsumschwünge, die wie aus dem Nichts zu kommen scheinen. In letzter Zeit kommen auch noch Aggressionen dazu, unter denen ich sehr leide.

Meine Sozialphobie habe ich inzwischen gut im Griff. Darunter versteht man Angst vor sozialen Situationen. Während meiner Schulzeit war ich immer „die Stille“ und traute mich nicht, mich im Unterricht zu melden. Referate waren der reinste Horror für mich. Ich zog mich immer zurück. Einkaufen, telefonieren, Small Talk – was für andere Menschen zum Alltag gehört, konnte ich nicht ohne starkes Herzklopfen und Zittern und drückte mich daher meistens davor. Seit ich studiere und lernen musste, selbstständig zu sein, ist es jedoch sehr viel besser geworden. Viele meiner Probleme habe ich überwinden können.

Medikamente kommen für mich als Therapie nicht in Frage. Sehr oft wähle ich jedoch den Weg der Verdrängung: Ich stürze mich in Arbeit. Früher kam noch das Lesen dazu, heute ist es der Computer. Zudem mache ich eine tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie. Dabei wird tief ins Innere des Patienten geguckt und versucht, in seiner Vergangenheit Gründe und Auslöser für seine heutigen Symptome zu finden. Das ist teilweise nicht so schön, da dabei auch viele negative Erinnerungen hochkommen. Als gut empfinde ich jedoch die Betreuung von meiner Therapeutin. Anfangs kam ich mit ihrer distanzierten, professionellen Art nicht klar, doch inzwischen kann ich damit gut umgehen.

Depression und Sozialphobie sind zwei ernstzunehmende Krankheiten. Ich würde mir wünschen, dass die Gesellschaft aufhört, sie zu verharmlosen. Ich will auf gar kein Fall Mitleid, aber ich hätte gerne, dass man verständnisvoll mit mir umgeht, wenn ich Hilfe brauche.
Was ich auch überhaupt nicht leiden kann sind Sprüche wie „Stell‘ dich nicht so an!“. Das zeigt nur, wie wenig sich jemand Gedanken darüber gemacht hat was meine Krankheit überhaupt bedeutet. Viele meinen ich bin halt traurig. Sie verstehen nicht, dass ich krank bin.

Wenn ihr auch betroffen seid, dann scheut euch nicht Hilfe in Anspruch zu nehmen. Depressiv bzw. sozialphobisch zu sein ist nichts wofür man sich schämen muss.

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Sebastian (26) – Mein Leben mit Depression

Heute geht es mit dem zweiten Teil der „Diagnose: Mensch“-Reihe weiter. Sebastian spricht über seine Geschichte mit Depressionen. Die Einleitung und den ersten Teil der Reihe findet ihr hier.

 

Sebastian (26)

„In solchen Situationen fühlt man sich komplett hilflos, weil einem genau diese Sachen vorgehalten werden, die man doch eigentlich selbst loswerden möchte und wofür man aber Unterstützung brauchen würde, weil man es alleine gerade nicht schafft.“

 

Wirklich gemerkt habe ich davon selbst zuerst nichts. Mir war schon bewusst, dass ich irgendwie immer nur eine gedrückte Stimmung hatte, die sich nie wirklich anheben ließ. Mit den Anfängen fielen damals auch meine Leistungen in der Schule ab. Man nannte das dann Faulheit und sagte ich hätte ja immer nur schlechte Laune. Aber dass da etwas nicht zu stimmen schien, konnte und wollte mir keiner sagen.
Da ich die Schuld für das alles an einem bestimmten Ereignis festmachte, habe ich mich anfangs nur noch zurückgezogen und mir dadurch eine Grube gegraben, aus der ich nicht mehr von alleine heraus kam. Und da ich damals dann keine Freunde mehr hatte, konnte ich auch mit niemanden so richtig darüber reden. Also fraß ich alles in mich hinein und mied andere Leute, weil ich immer die Angst hatte, ich kann niemandem vertrauen und man würde mich dann doch nur weiter verletzen.

Durch Zufall habe ich eine Person kennen gelernt, die ebenfalls diesen Leidensweg durchmachen musste und mit der ich immer noch darüber reden kann, wenn es mal wieder soweit kommt, dass ich in ein Tief falle. Ich versuche zwar sehr viel alleine zu kämpfen, aber ich bin aktuell trotzdem noch nicht soweit, dass ich sagen kann, dass ich das alleine schaffe.
Manche Leute sagten mir, ich solle doch zum Arzt gehen. Ja, das könnte ich machen, aber leider bin ich immer noch durch diese ganzen Vorurteile gebremst. Vorurteile die da heißen, dass man sich das doch alles einbilden würde und dass man damit nicht zu einem Arzt geht. Warum auch? Der Arzt würde einem auch nicht helfen können, und man sei dann ein Fall für eine psychiatrische Einrichtung, man sei also geisteskrank. Da haben wir es doch schon -es ist eine Erkrankung des Geistes. Aber anstatt dem gegenüber eine offene und respektvolle Haltung einzunehmen, wird man dann gleich ins schlechte Licht gerückt.

Ich bin kein Mensch, der wegen jeder Kleinigkeit zum Arzt geht. Depressionen wurden mir als solche Kleinigkeiten vermittelt. Ich bin ja eh nur schlecht drauf, sagen alle. Mir würde es eigentlich schon reichen, wenn das Thema um diese Krankheit nicht länger totgeschwiegen wird. Ich würde mir wünschen, dass die Leute verstehen, was diese Krankheit mit einem Menschen anstellt und wieso man den Betroffenen oft auch gar nichts anmerkt.
Es gibt viele Menschen, die meine Erkrankung nicht verstehen. Sie beschweren sich darüber, dass ich immer nur schlechte Laune hätte, nur gereizt sei, immer so traurig schaue und faul sei ich ja sowieso. Solche unreflektierten Vorwürfe sind schon verletzend, weil die Leute nicht wissen, was sie einem damit antun. Sie kippen damit quasi noch mehr Salz in offene Wunden oder reißen gar bereits verheilte Wunden damit wieder auf. In solchen Situationen fühlt man sich komplett hilflos, weil einem genau diese Sachen vorgehalten werden, die man doch eigentlich selbst loswerden möchte und wofür man aber Unterstützung brauchen würde, weil man es alleine gerade nicht schafft.
Man müsse selber klar kommen, das ist dann das, was einem beigebracht wird. Ja, ich habe gelernt, vieles selber zu machen. Aber gleichzeitig übertreibe ich es auch. Ich bin zu einem Einzelkämpfer geworden, der inzwischen nur schwer in einem Team arbeiten kann.

Anderen Menschen mit Depressionen würde ich zuerst einmal einen verhassten Satz mit auf den Weg geben: „Lass den Kopf nicht hängen und schau immer nach vorne.“ Denn ich bin tatsächlich immer mit dem Blick gen Boden rumgelaufen, was mir gar nicht bewusst war. Außerdem möchte ich sagen, dass man ruhig offen mit seiner Erkrankung umgehen sollte, wie man es auch mit einer Erkältung macht. Man sieht einem eine solche Erkrankung nur schwer an, einen Schnupfen kann man dagegen recht einfach erkennen. Redet ruhig darüber wie ihr euch fühlt und über eure Gedanken. Aber passt auf, mit wem ihr wie darüber sprecht. Denn nicht jeder hat entsprechend Verständnis und reagiert vielleicht sogar anders als man es sich wünscht. Und dennoch: man sollte sich nicht wieder in die Ecke drängen lassen, aus der man sich selber mit eigenen Kräften heraus getraut hat.

 

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Anonym – Mein Leben mit Depression

Wenn wir durch die Straßen gehen, sehen wir Menschen. Überall. Wir sehen ihre Kleidung, ob sie dick sind oder dünn. Wir sehen ihre Haare, nehmen ihre Ausstrahlung wahr, hören manchmal ihre Worte, Gesten, ihre Mimik. Doch viele bleiben nur flüchtige Bekanntschaften und bei den meisten sehen wir nicht genauer hin.
Wenn wir von psychischen Erkrankungen hören, dann denken wir immer noch viel zu häufig an Verrückte. Das, was keiner sein will. Das, was eh nur den anderen passiert und einem selbst bestimmt niemals. Das, womit sich keiner beschäftigen will und leider immer noch oft ein großes Tabu-Thema ist. Erst neulich las ich, wie in einer Boulevardzeitschrift ein psychisch kranker junger Mann als „Irrer“ bezeichnet wurde.

Niemand schämt sich für eine Grippe. Die hat man halt. Das erzählt man auch feierlich jedem, weil man dann sogar die Lizenz zum Jammern hat und mit ein wenig Glück eine große Ladung Mitleid abbekommt. Es weiß auch jeder wie eine Grippe abläuft. Was da passiert. Die Zeichen sind körperlicher Natur und man kann damit umgehen. Wahrscheinlich ist es genau das, was vielen Angst macht, wenn es um psychische Erkrankungen geht. Sie entziehen sich unseres Verständnisses. Wir können nicht damit umgehen, weil wir es nicht begreifen können. Da ist es leicht, einfach jedes Mal den Stempel „Spinner“ auszupacken, wenn man damit konfrontiert wird.

Menschen mit psychischen Störungen sind jedoch in erster Linie immer noch eines: Menschen. Und die meisten würden sich wundern, wenn sie wüssten wie viele in ihrem Umfeld tatsächlich unter einer psychischen Erkrankungen leiden bzw. litten.

Es ist mir ein großes Anliegen, dass die Gesellschaft nicht mehr wegschaut. Nicht vor allem schreiend davon rennt was mit „Psycho“ beginnt, weil man ja selbst alles ist, aber bestimmt kein solcher. Es ist mir wichtig, dass Betroffene sich nicht schämen, sondern sich trauen Hilfe zu suchen. Hilfe annehmen können ist eine Stärke – keine Schwäche.
Genau darum möchte ich mit der neuen Reihe „Diagnose: Mensch“ auf meinem Blog die Personen, die hinter einer psychischen Erkrankung stehen hervorheben und ihnen eine Stimme verleihen. Ich hoffe dadurch eine neue Betrachtungsweise von psychischen Erkrankungen in der Allgemeinbevölkerung hervorzurufen, damit eine Basis für weniger Berührungsängste geschaffen werden kann.

Immer wieder einmal werde ich euch Geschichten von Menschen mit psychischen Erkrankungen vorstellen. Den Anfang macht heute eine junge Frau, die gerne anonym bleiben möchte und uns über ihr Leben mit Depressionen erzählt.

 

„Ich möchte nicht anders behandelt werden, ich möchte kein Mitleid. Ich möchte einfach nur in schwierigen Situationen ein bisschen Verständnis haben, das ist alles. Ich habe nichts ansteckendes, lediglich eine Phase der Unruhe mit mir selbst.“

 

Angefangen hat alles damit, dass ich schonlänger bemerkt hatte, dass ich sehr schnell reizbar bin. Ich habe viel geweintund habe mir oft Gedanken darüber gemacht, wieso ich eigentlich noch hier bin. Letztendlich so richtig aufgerüttelt wurde ich jedoch, als mir mein Freund gegen Mai letzten Jahres ein Gespräch „aufgezwungen“ hat. Es hat ihn sehr belastet, dass es mir nicht gut ging und er war sehr besorgt, weshalb er eine Beziehungspause wollte, damit ich einfach Zeit für mich habe und die Sorgen und Probleme nicht in Streiten innerhalb unserer Beziehung austrage.

Ich war anfangs wirklich schockiert über die Tatsache, dass ich es selbst kaum wirklich gemerkt hatte, wie schrecklich ich zu mir selbst und insbesondere zu den Menschen war, die ich liebe. Ich habe mich erst einmal eine Weile verkapselt, bin dann, als es mir besser ging, wieder mit Freunden weg gegangen und habe die Beziehung gemeinsam mit meinem Freund wieder aufgebaut. Dieser gesamte Aufbauprozess, gefühlt nochmal von 0 anzufangen, hat mir sehr geholfen und ich weiß jetzt umso mehr, wie wichtig es ist zu reden, reden, reden.
Ich nehme in besonders anstrengenden Phasen noch Antidepressiva, wie etwa jetzt vor den Abiturklausuren. Sie sind in diesen Zeiten wie eine kleine Krücke.

Wenn ich Personen von meiner Krankheit erzähle, bin ich meistens nur genervt von den Aussagen, wie schlimm das ja sei und wie schade und traurig und ach, ich hätte ja keine Gründe dazu. Die Menschen wissen nicht, wie es in einem aussieht, weshalb ich dem Thema in der Öffentlichkeit meistens aus dem Weg gehe.
Wenn ich die Depression mit 3 Wörtern beschreiben müsste dann wären das: anstrengend, Selbstfindung & Dankbarkeit.

Die Worte sind sicherlich im Widerspruch zueinander, beziehen sich aber generell auf die einzelnen Phasen, die ich mit Depressionen schon durchlaufen bin. Ich habe sicherlich keine der schweren Formen, allerdings war es trotzdem immer sehr anstrengend, wenn ich unzufrieden war, ständig gestritten und geweint habe – nicht nur für mich. Es zehrt an den Kräften und ist ungeheuerlich belastend für alle Beteiligten.
Selbstfindung, weil ich während meiner Therapie mich selbst immer mehr kennengelernt habe – und immer noch kennenlerne. Ich bin zu keinem Psychotherapeuten gegangen, da ich  mich nie wirklich öffnen konnte und starke Probleme damit hatte, an einem fixierten Termin über meine Sorgen und Ängste zu berichten. Ich bin letztlich nur bei meiner Ärztin in Behandlung. Jedoch ist sie wirklich wunderbar und sie gibt mir sehr viel Kraft und hört einem zu. Ich hatte wirklich Glück!
Dankbarkeit deshalb, weil ich gelernt habe, wie viele schöne Dinge das Leben bereithält und wie doof es ist, wenn man diese verpasst weil man sich einigelt, versteckt und mit sich selbst einfach so unzufrieden ist, dass man nicht an die Öffentlichkeit möchte. Ich habe gelernt, umso dankbarer für meine Familie, insbesondere meinen Freund und Freunde zu sein, für die kleinen Dinge und die zweite Chance, die sie mir nach all meinen Hoch- und Tiefpunkten gegeben haben.

Wenn ich anderen Menschen, die auch an Depressionen bzw. depressiven Verstimmungen leiden etwas mit auf den Weg geben kann, dann: Redet, redet, redet mit den Personen, denen ihr vertraut, die euch am Herzen liegen und von denen ihr wisst, dass sie euch verstehen. Ich hätte es ohne meine Familie und meinen Freund niemals geschafft, wäre wohl immer noch ein Kloß in der Ecke, der vor sich hin schimpft und kurz danach in Tränen ausbricht, weil es alles zu viel ist.
Depressionen sind nicht das Ende der Welt. Ich bin ehrlich gesagt dankbar, habe viel besser zu mir selbst gefunden, als ich es sonst wohl getan hätte. Sucht euch die Unterstützung, die EUCH gut tut und nicht die, die andere für gut halten. Es geht bergauf – ganz sicher!

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