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Cutting Corners

Ein Ruckeln, ein komisches Geräusch. Kurzer Schock und dann brachte sie das Auto zum Stillstand. Negative Gedanken ziehen wohl negative Ereignisse an wie Licht die Mücken. Anders konnte sie es sich nicht erklären. Wieso nacheinander Dinge passierten, die ihre „Alles geschieht aus einem Grund und macht irgendwie Sinn.“-Philosophie auf eine harte Probe stellten. Sie stieg aus und wollte es gar nicht erst wagen überhaupt einen Blick auf den Schaden zu werfen.
Hatte sie etwa eines dieser komischen Riesenvieher überfahren? Oder doch nur irgendwie den Randstein gerammt? Es klang auf jeden Fall nicht gut. Gar nicht gut. Sie hatte keine Ahnung was an der Unterseite eines Fahrzeuges so alles dran war. Dass manches davon ziemlich wichtig war, wusste jedoch selbst sie. Nur kein Loch. Nur keine Explosion. Dachte sie sich und warf vorsichtig und mit der Erwartung des Schlimmsten einen Blick unter das Auto.
Ein Stein. Jackpot. Ein großer, fetter, schwerer Stein. Und er klemmte natürlich genau so zwischen Boden und Auto, dass jede noch so kleine Bewegung in irgendeine Richtung eine schmerzhafte sein würde. Am liebsten hätte sie sich einfach mitten auf die Straße gelegt. Oder wäre weggerannt. Aber ein Auto kann man wohl nicht einfach so zurück lassen. Vor allem nicht mit Gepäck und Freund darin.
Der Stein war weniger ein Stein. Mehr ein Fels. Kein Fels in der Brandung. Eher ein Fels der Verzweiflung. ‚Ich kann nicht mehr vor und nicht mehr zurück.‘ Das Leben war manchmal ironisch. Ja fast schon zynisch. Und so standen zwei verzweifelte Menschen am Straßenrand. Nichts ahnend, dass sie von einem kleinen, alten Mann beobachtet wurden.

Noch nie antwortete sie auf die Frage ‚Do you need help?‘ so schnell und bestimmt mit einem klaren ‚YES!‘.
Die Situation war also doch noch nicht vollkommen aussichtslos. Der alte Mann machte ihr Hoffnung. Und während er versuchte bei den beiden Hilfe zur Selbsthilfe anzuwenden, sprach er doch tatsächlich von ‚life lesson‘. Leben. Ironie. Zynismus.

Ca. 15 Minuten später war er dann wieder frei. Der Fels der Verzweiflung. Und konnte aus dem Weg geräumt werden. Die Frau des alten Mannes war in der Zwischenzeit am Gartentor aufgetaucht und hatte die Situation mit einem Lächeln beobachtet.
Nachdem wieder alles an Ort und Stelle und die beiden abfahrbereit waren, winkten sie dem alten Paar zu, während die Frau noch durchs offene Fenster rief: „Never cut corners! Neither on the road, nor in life.“

Sie fuhr los. Die Anspannung fiel von ihr ab. Die Anspannung vieler Tage und wenn sie sich ehrlich war sogar vieler Wochen. Erleichterung. Ein Lächeln auf dem Mund und eine kleine Träne im Auge, die sie sich gerade noch verkneifen konnte. Die Träne der traurigen Freude.
Never cut corners. Leben. Ironie. Zynismus. Nein vielleicht war es kein Zynismus. Vielleicht einfach ein Geschenk. Ein kleiner Push. Das sagenumwobene Licht am Ende des Tunnels. Silver Lining.
Die alte Frau wird wohl nie erfahren, wie sehr sie diesen Satz in diesem Moment gebraucht hatte. Wie sehr er sie noch lange Zeit danach beschäftigte.

Keine Abkürzungen mehr. Die Ecken und Kanten so nehmen wie sie kommen. Sie nicht ignorieren. Keine Hindernisse mehr achtlos überfahren. Geduldig sein und innere Ruhe bewahren.

Sie fuhr die Straße entlang. Lange, breite Straße. Und spürte für einen kurzen Moment wie doch wirklich alles irgendwie Sinn machte.
Sie fuhr die Straße entlang. Lange, breite Straße. Keine Kurven, keine Ecken, die sie schneiden konnte. Und doch. Wenn die nächste kommen würde, schwor sie sich, war sie bereit sie zu nehmen.

VA
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King Size Leere

Sie umklammerte die Stange noch fester. Suchte Halt. Während die Straßenbahn durch die Stadt tuckerte. Überfüllte Straßenbahn. Nicht ganz so schlimm wie eine überfüllte U-Bahn, aber nah dran.
Sie suchte Halt. Wollte sich setzten. Aber leider war sie weder schwanger, noch blind, noch alt. Oder Gott sei Dank. Sie war nur müde. Und müde war keine Krankheit, kein Ausnahmezustand. Müde war eh jeder. Müde war fast schon so modern wie gestresst.
Sie hielt sich fest. Schwindelattacken. Das Gefühl nicht mehr wirklich im eigenen Körper zu stecken. Konnten die anderen das sehen? Wohl kaum. Durchhalten. Nur noch bis zum nächsten Halt. Dann würde sie aussteigen können. Frische Luft. Und dann wieder arbeiten. Wie jeden Tag. Sobald sie arbeitete vergaß sie, dass sie müde war. Für ein paar Stunden.

Richtig gut geschlafen hatte sie schon lange nicht mehr. Das lag nicht daran, dass sie keine Zeit dafür gehabt hätte. Auch nicht an zu vielen Partys oder an irgendeiner Serien-Sucht. Sie könnte schlafen. Bereits um zehn, wenn sie wollte. Jedoch waren ihr Bett und sie seit geraumer Zeit keine guten Freunde mehr. Sie wusste nicht wie das alles begann. Wann das alles begann. Und am wenigsten wusste sie warum. Das redete sie sich ein. Jeden Tag. Um das Wie und Wann und Warum tatsächlich zu vergessen. Die Antwort wäre ‚vor 53 Tagen‘. Die Antwort wäre, dass da eines Tages ein viel zu großes Bett war. Für sie ganz allein. Dass sie nicht mehr wusste, wie sie es ausfüllen sollte. Nur weil sie mit 30 inzwischen höchst offiziell erwachsen war. Nur weil man da langsam alles im Griff haben sollte. Hieß das noch lange nicht, dass ein plötzlich viel zu groß gewordenes King Size Bett einfach zu bewältigen war.

Es war zehn Uhr abends. Sie war frisch geduscht. Sie hatte ihr Bett frisch bezogen. Sie hatte ihren Satin-Pyjama an. Gemütlicher konnte sie es sich wohl kaum machen. Sie setzte sich an die Bettkante. Legte sich auf ihre Seite. Ihre Seite. Es gab jetzt keine Seiten mehr. Die rechte und die linke, ja. Aber beide waren ihre. Das war neu. Seit 53 Tagen war dies ihre größte Herausforderung. Beide Seiten zu ihren zu machen. Sich wieder ganz zu fühlen.
Sie hatte bereits darüber nachgedacht, dass sie eigentlich nur dicker sein müsste. Darum aß sie manchmal ganze Kübel voller Eis. So wie die in den Filmen das immer machten. Vielleicht konnte sie so die Leere in ihrem Bett füllen. Irgendwann stellte sie jedoch fest, dass sie wohl jeden Tag fünf Kübel essen müsste, um in ein paar Monaten so breit wie das Bett zu sein.
Sie lag auf ihrer Seite. Strich mit der Hand über seine. Stand wieder auf, nahm ihre Bettdecke und legte sich auf die Couch. Die Couch war schön schmal. Genau richtig. Für sie allein. Um sich nicht in der Weite zu verlieren. Vier Mal in jeder Nacht wachte sie auf. Um zurück ins Bett zu gehen, auf ihre Seite. Um mit ihrer Hand über seine zu streichen.

Überfüllte Straßenbahn. Weder schwanger, noch blind, noch alt. Halt. An einer Stange. Wenn man ihn sonst nirgends finden konnte. Schwindelattacken. Wo war ihr Körper hin? Frische Luft. Arbeiten. Täglich um zehn Uhr abends die Konfrontation. Täglich der Versuch sich einzureden, sie wisse nicht warum.

Eines Tages setzte sie sich wieder an die Bettkante. Sie nahm eines der beiden Polster und legte es auf den Boden. Sie nahm das andere und legte es in die Mitte des Bettes. Nahm eine Decke, legte sie auf den Boden. Nahm die andere und legte sie in die Mitte. Sie sah sich das Ganze an.
‚Ihre Seite‘ gab es nicht mehr. Eine erste Erkenntnis. Doch bevor sie es sich mit dieser zu sehr vertraut machen konnte, nahm sie ihre Bettdecke und legte sich auf die Couch.

Heute war noch nicht der Tag, um sich wieder ganz zu fühlen.
Morgen vielleicht.

VA

Mit anderen Augen

Sie war schon lange gefangen. Eine Gefangene ihrer immer wiederkehrenden Gedanken.
Oft umzingelt. Bedrängt. Von eigenen Erwartungen. Erwartungen, welche lauerten. Sich später aufbäumten. Den richtigen Moment abwarteten, um ihr erneut das Kleid der Enttäuschung überzustülpen. Dann trug sie es. Mit Fassung. Schließlich waren Kleider dazu da.

Er verstand nicht viel von Kleidern. Kannte ihre, aber kannte diese nicht. Er wusste, wie man sie beseitigte. Nur wenn sie aus Stoff waren. Sehen heißt nicht immer wahrnehmen. Heißt nicht immer begreifen. Gut, dass Liebe nicht nur blind macht, sondern man auch blind lieben kann.

Jeder Blick in den Spiegel war Hass. Jeder erkenntliche Makel wurde mit Verachtung bestraft. Perfektion. Alles andere kam nicht in Frage. Alles andere würde ihr nur noch mehr Kleider beschaffen, die sie nicht haben wollte. Enttäuschung, Enttäuschung, Enttäuschung. In rot und gelb und grün. Wut, Eifersucht, erdrückte, sich windende Hoffnung.

Er sah sie jeden Tag. Und er nahm sie wahr. Er nahm sie, wie sie war. Er liebte es, ihre Kleider zu beseitigen. Die aus Stoff. Jede Berührung war Bewunderung. Jeder Makel wurde mit Küssen überhäuft. Perfektion. Er hatte nie zu träumen gewagt, sie in dieser Form zu finden. In ihrer Form.

Sieben Dinge würde sie an ihrem Körper ändern. Wenn sie könnte. Sie hatte sie gezählt. Um ja nicht zu vergessen. Erwartungen.
Der Körper war nur die Fassade. Die Fassade der Enttäuschung. Dahinter war noch mehr. Zu wenig Ehrgeiz, zu wenig Konsequenz, zu chaotisch, zu orientierungslos, zu unentspannt, zu wenig beste Freundin, zu kompliziert. Sieben Dinge.

Er sah sie leiden. Aber sehen heißt nicht immer begreifen. Er wollte helfen. Verstand nicht wie. Für ihn war es ein Helfen, wo keine Hilfe benötigt wurde. Ihre Erwartungen, ihre Enttäuschungen. Er war einer alleine. Allein, gegen das ihm Unbekannte. Gegen das ihm vollkommen Absurde.

Weißt du, dass das kompletter Wahnsinn ist? Weißt du, dass das einfach nicht fair ist?
Was ist nicht fair?
Das was du tust. Das was du sagst. Weder dir, noch all den anderen Frauen gegenüber.
Warum den anderen Frauen gegenüber?
Wenn du sagst, du wärst hässlich, du wärst fett. Was sind dann bitte die? Wie sollen die sich dann fühlen? Wenn sie nicht so schön sind. Nicht so schlank.

Weißt du, ich habe das Gefühl, dass ich alles was ich mache, so viel schlechter als alle anderen mach.
Dann haben wir ein Problem. Denn ich habe ständig das Gefühl, dass du alles was du machst, so unglaublich gut machst. Ich wäre gerne so gut wie du.

Ein Blick in den Spiegel. Sie hasste sich nicht immer. Er
hatte schon recht. Mit dem Wahnsinn. Sie hasste sich meistens dann, wenn
sie wieder einmal wahnsinnig geworden war. Den Boden unter den Füßen
verloren hatte. Wenn eine Leere sie heimsuchte, welche sie mit immer
besser, immer schöner, immer erfolgreicher
zu füllen versuchte.
Erwartung, Enttäuschung. Höhere Erwartung, größere Enttäuschung.

Sie ist schon ziemlich neidisch auf dich.
Auf mich?
Ja klar auf dich. Weißt du eigentlich wie viele neidisch sind auf dich?
Auf mich?

Manchmal, wenn sie hörte, wie andere über sie dachten. Manchmal war das für sie wie eisig kaltes Wasser mitten ins Gesicht. Ein Erwachen. Die Erkenntnis ihres Wahnsinns. Ihrer Gefangenschaft in sich wiederkehrenden Gedanken. Erwartungen. Enttäuschungen. Viel zu beschäftigt sich selbst ‚zu…‘ und ’nicht genug…‘ zu finden. Keinen freien Kopf mehr. Weil das Kleid viel mehr ein Korsett war und jedem klaren Gedanken die Luft abschnürte.
Sehen. Aber nicht wahrnehmen. Das Falsche wahrnehmen. Verzerrte Realität.

Abstand.

Ein Blick in den Spiegel. Ein Blick auf ihr Leben. Nicht als sie selbst. Als eine andere. Beobachterin. Sie sah sich Bilder von sich an, so wie sie die von anderen ansehen würde. Sie dachte über ihre Erfolge nach, so wie sie die von anderen beurteilen würde.

Abstand.
Distanz.
Kein Korsett.

Mehr Platz zum Atmen.

VA

Ganz ihr Fall

Die Tage tarnten sich als Monate. Morgens war sie voller Euphorie. Abends kam die Ernüchterung. Morgens belebte sie die Chance des Neubeginns. Abends erniedrigte sie die Erkenntnis der Endlichkeit. Die Endlichkeit der Tage. Der Monate. Die Grenzen ihrer Fähigkeiten. Die Unendlichkeit der Dummheit dessen was ‚Menschen‘ genannt und auf die Erde geschickt wurde.

„Wir steuern auf die Endlichkeit zu, weißt du das?“, sagte sie zu ihrem Freund.
„Was meinst du?“
„Eh nur das.“
„Dass die Welt untergehen wird?“
„Nein.“
„Was dann?“
„Lass es.“
„Okay.“

Es war einer dieser jämmerlichen Versuche ihre innere Welt nach außen zu tragen. Versuche, die inzwischen so selten geworden waren wie Schnee an Weihnachten. Diese ihre Welt, sie war zu langsam. Diese ihre Gedanken, sie waren zu abnorm. Sie wollte es ihnen nicht antun. Sie wollte das was täglich in ihr umherschwirrte nicht ungeschützt nach draußen lassen.
„Kondome für Gedanken.“, dachte sie sich. Sie lächelte. Und war wieder in ihrer Welt. War wieder an einem sicheren Ort.

Das war am Montag. Montag war gut.
Montag kam in ihrer Rangliste gleich nach dem ersten Tag eines Monats. Am liebsten hatte sie jedoch den 1. Jänner. Den 1. Jänner verbrachte sie nie im Bett. Nie mit Schmerzen im Kopf und Übelkeit im Magen. Am 1. Jänner war sie voller Euphorie. Nie schien die Endlichkeit ferner. Auch wenn es Abend wurde, wusste sie, es gäbe noch viele Abende. Auch wenn das Ende des Monats nahte, wusste sie es gäbe noch viele Monate.

Es war Montag. Montag war gut. Sie sah nur ein Problem in diesem Montag. Es war der letzte Montag des Jahres. Es war Dezember. Dezember konnte sie nicht ausstehen.
„Eigentlich sollte ich den Dezember dafür lieben, dass er mit den 1. Jänner näher bringt.“, sagte sie zu ihrem Freund.
Wo war das Kondom für ihre Gedanken?
„Was meinst du?“
„Eh nur das.“
„Eh nur was?“
„Lass es.“
„Okay.“

Diese Autofahrt. An diesem Montag.
Dem letzten Montag im Dezember, war anders als sonst. Bereits zwei Mal hatte sie einen Schritt vor die Tür gewagt. Bereits zwei Mal hatte sie etwas aus ihrer Welt preisgegeben. Das war zwei Mal zu viel. Er war ihr Freund. Seit fünf Jahren.
Kennt man einen Menschen nach fünf Jahren? Ist es Liebe, wenn man sich nach fünf Jahren noch immer ein Badezimmer teilt?
Sie hatte einmal gelesen Kommunikation wäre das Wichtigste in einer Beziehung. Sie dachte sich dann, man sollte Kommunikation besser definieren.
Manche Paare kommunizieren aneinander vorbei. Manche Paare reden. Aber sie kommunizieren nicht.
„Erst wenn man gemeinsam angenehm schweigen kann, kann man gemeinsam angenehm reden.“, hatte ihr Freund einmal gesagt.
Vielleicht mochte sie ihn darum so gerne.  Er war der einzige Mensch, der angenehm war. Der einzige Mensch, vor dem sie nur ihre abnormen Gedanken verstecken wollte, nicht aber ihre Existenz. Bei ihm konnte sie sein. Wer auch immer. Wie auch immer. Vielleicht war das keine Liebe wie die von anderen. Aber es war immerhin ihre.

Diese Autofahrt. An diesem Montag.
Dem letzten Montag im Dezember war also anders.

„Aber.“, sagte sie.
„Aber?“
„Aber ich mag den Dezember nicht.“
„Den mögen viele nicht.“

„Ich mag ihn besonders nicht.“
„Warum nicht?“
„Lass es.“
„Okay.“

Er war ihr unbekannt. Dieser Drang verstanden werden zu wollen. Damals vielleicht. Mit neun oder zehn. Da hatte sie es ständig probiert. Bei ihren Eltern. Bei ihren Freunden. Damals wollte sie verstanden werden. Damals offenbarte sie ihre verrücktesten Gedanken. Sie wollte die Welt begreifen. Das Leben verstehen und vom Leben verstanden werden.
Als Kind war das noch okay. Irgendwie zumindest. Sie fand keine Antworten. Kein Verständnis. Aber immerhin war es okay. Sie war ja ein Kind. Kinder sind ‚halt Kinder‘. Nicht verrückt.
Mit 16 war dann nichts mehr okay. Menschen sagten, sie wäre komisch. Menschen sagten, sie solle aufhören so viel zu denken. So viel zu sagen. Über das Leben. Über den Sinn. Über so viel Tiefgründiges. Sie solle normal sein. So wie alle anderen.
Ein Mensch, den sie zu dieser Zeit besonders mochte, sagte: „Der Einzige, der dich je ficken wird, ist dein beschissener Verstand.“
Seitdem wollte sie niemanden mehr mögen. Seitdem wollte sie für niemanden mehr existieren. Niemanden mehr an ihrer Welt teilhaben lassen. Die Kindheit war vorbei. Ihr Schutzschild. Es war endlich. Sie war jetzt eine Verrückte. Und begann sich verrückt mit der Endlichkeit zu beschäftigen.
Irgendwann kam ein Mann und sagte ihr, er möge sie. Sagte ihr, sie könne schweigen, wenn sie das wollte. Das war angenehm.

An diesem letzten Montag im Dezember war alles anders. Sie redete öfters. Das war nicht das Problem.
Sie hatte sich ein ganzes Repertoire an Sätzen wie „Mir geht es gut, danke, dir?“ und „In der Arbeit läuft es gut, aber es gibt viel zu tun.“ und „Ja, unfassbar was wieder überall auf der Welt passier

t.“ und „Ja, mir hat der andere Tatort-Hauptdarsteller auch besser gefallen.“ zurecht gelegt.
Sie redete, aber sie kommunizierte nicht. Sie hatte es perfektioniert. So überlebte sie.
Mit ihrem Freund kommunizierte sie öfters. Das war nicht das Problem. Sie kommunizierte mit ihren Umarmungen.  Mit dem Tonfall, in dem sie Sätze formulierte. Mit Handlungen. Mit ihrem Gesichtsausdruck. Er war ein guter Zuhörer.

Ihre kleine innere Welt. Diese behielt sie jedoch beinahe immer für sich. Zumindest wollte sie diese vor ihm nicht in Worte verpacken. Worte konnten nicht zurückgenommen werden, sobald sie einmal ausgesprochen waren. Sie wollte nicht, dass sie Worte wieder zur Komischen, zur Verrückten machten. Manchmal schenkte sie ihm Sätze aus ihrer Welt. Dann ließ sie sie stehen. Er wusste, dass er sie stehen lassen musste.
Sie hatten ausgemacht, sie bräuchte nur „Lass es.“ zu sagen. Dann würde er es lassen. Immer. Das war ihre Absicherung. Sie nahm diese ernst. Er
sagte es wäre okay.

„Wann hört man auf sich so richtig zu freuen?“
„Worüber?“
„Generell. Wieso freuen sich erwachsene Menschen nicht mehr?“
„Ich freue mich über manche Sachen.“
„Aber so richtig, weißt du.

Wie ein Kind. Ein kleines. Es freut sich über die winzigsten Dinge so sehr, dass es beinahe durchdreht. Es freut sich von innen und strahlt nach außen. Ich sehe selten solche Menschen.“
„Hm.“
„Menschen freuen sich über Dinge. Kurz. Und dann wollen sie mehr.“
„Oft schon. Aber immer?“
„Wann hast du das letzte Mal richtige Schmerzen gespürt?“
„In meinem Fuß.“
„Ich meine nicht deinen Fuß. Ich meine dein Herz. Dieses Gefühl, das einem den Atem raubt.“
„Gott sei Dank schon länger nicht mehr. Ich freue mich, dass alles gut läuft. Siehst du, erwachsene Menschen freuen sich noch!“ Er lächelte.
„Aber wieso spürt man den Schmerz nicht mehr so wie früher? Wenn man verletzt wird zum Beispiel. Warum lässt mich das kalt?“
„Man lernt. Erfahrung macht stark. Der Schmerz ist trotzdem noch da. Wir können einfach besser damit umgehen.“
„Aber das Gefühl. Wir müssen doch Freude und Schmerz fühlen können. So richtig.“
„Wieso müssen wir Schmerz fühlen können?“
„Heißt das, Gefühle sind endlich?“
„Wie meinst du das?“
„Lass es.“
„Ich will es verstehen.“
„Lass es.“
„Okay.“

Sie ärgerte sich darüber, dass an diesem letzten Monat im Dezember alles anders war. Sie saß im Auto. Neben ihm.
Sie saß und wollte Antworten. Zum ersten Mal seit vielen Jahren. Weil sich Tage als Monate tarnten. Jeder Tag war gleichzeitig ein 1. und ein 31. Der Morgen war schön, der Mittag befremdete sie und der Abend machte ihr Angst.

Und jetzt war Montag. Das war gut.
Eigentlich. Aber es war Dezember. Das war schlecht. Es war der letzte Montag im Dezember und dieser Montag war gefühlt ein ganzer Monat. Es wurde ihr zu viel. Sie verstand nicht einmal mehr ihre eigene Welt. Ihr eigenes kleines System.
Weil in letzter Zeit alles intensiver geworden war. Eine intensive Langeweile. Ein intensiver Trott. Sie wusste nicht mehr wo die Unendlichkeit aufhörte und die Endlichkeit begann. Oder war es umgekehrt?

Es war der Dienstag nach dem Montag.
Der Tag nach der Autofahrt ohne Gedankenkondom.
Sie saß am Nachmittag alleine zu

Hause. Eigentlich wollte sie sich die Jane Austen DVD ansehen. Bevor sie es jedoch schaffte die Fernbedienung zu finden, sah sie eine Dokumentation. Über Fallschirmspringer. Solche die einfach aus einem Hubschrauber oder Flugzeug springen. Freier Fall. Ein endlicher Fall. Denn schließlich öffnet sich dann ja der Fallschirm.

An diesem Dienstag nach dem Montag begann sie nachzudenken. Über das Fallen.
Das Fallen war eines der endlichsten Dinge, über die sie je nachgedacht hatte. Man fällt vom Stuhl, vom Tisch, aus dem Bett. Manche fallen einfach um. Nie jedoch fällt man lange. In dem Moment in dem man merkt, dass man fällt, ist das Fallen meist schon wieder vorbei.
Aber wenn man irgendwo fallen würde. Bewusst. Lange. Ohne Fallschirm.

Sie könnte Unendlichkeit erreichen, dachte sie sich. Sie könnte fallen und würde das Ende des Falles nie miterleben.
Sie fragte sich, warum sie diese Idee noch nicht früher gehabt hatte.
27 Jahre war sie nun. Noch nie war ihr der Gedanke gekommen die Qual der Endlichkeit mit einem solch simplen Prinzip der Unendlichkeit zu durchbrechen.
Das Gefühl einen Platz auf dieser Welt zu finden hatte mit ihrer Kindheit geendet. Aber dieses Fallen, diese Unendlichkeit würde sie nutzen. Das konnte ihr niemand nehmen.


„Ich werde fallen.“, sagte sie zu ihrem Freund an diesem Abend.
„Dann werde ich dich auffangen.“
„Das wirst du nicht können.“
„Das werde ich müssen.“
„Das wirst du nicht können.“
„Wohin fällst du?“
„Lass es.“
„Okay.“

Er hatte Angst gehabt vor diesem Tag.
Er hatte ihn kommen sehen. Er hatte immer schon gespürt, dass diese Welt nicht die ihre war. Dass irgendetwas an dieser Frau zu besonders war. Selten hatte sie im Außen gelebt. Manchmal schenkte sie ihm Sätze aus ihrer Welt. Er liebte es, wenn sie das tat. Er liebte es, sie zu kennen und doch immer Neues über sie zu erfahren. Sie hatte ihn vom ersten Tag an fasziniert. Weil sie anders war. Auf eine wunderbare Art und Weise. Weil sie manchmal Fragen stellte, die sich keiner fragen traute. Weil sie nie nur an der Oberfläche blieb, sondern in allem was sie tat die Tiefe suchte.

Er hatte Angst gehabt vor diesem Tag.
Vor dem Tag, an dem sie beschließen würde wo anders hin zu gehen. An einen Ort, an den er sie nicht begleiten können würde. An einen Ort, an dem man bemerken würde wie wertvoll ihr Lächeln ist. Wie intensiv ihre Umarmungen und Küsse sind. Wie bedeutsam ihre Gedanken aus ihrer eigenen kleinen Welt sind.

Er war sich nicht sicher, ob er sie aufhalten durfte. Ob es fair war, sie hier weiter kämpfen zu lassen. Aus egoistischen Gründen. Nur weil er die Trostlosigkeit eines Lebens ohne ihr nicht ertragen würde.

Sie wollte am Freitag fallen. Am letzten Tag des Monats. Im Dezember. Kein Tag eignete sich besser.
Sie wollte tief fallen. Nicht einfach nur von einer Mauer. Auch nicht von einer Brücke. Das Wasser schien ihr für die Unendlichkeit kein guter Ort zu sein.

Sie wollte am Freitag fallen. Am letzten Tag des Monats. Im Dezember.
Am Morgen.
Das passte zwar nicht ganz in ihr System. Aber sie wollte nicht, dass ein Feuerwerk ihren Weg in die Unendlichkeit begleitete.
Sie beschloss ganz früh zu gehen, damit es noch dunkel war. Sie würde sich sagen können, es wäre Abend. Der letzte Abend der letzten Woche im letzten Monat des Jahres.

Sie wusste von welchem Aussichtspunkt sie fallen wollte. Er war ganz in der Nähe und sie war vor fünf Jahren mit ihrem Freund dort hinauf gewandert. Sie merkte an diesem Tag zum ersten Mal, dass er ein angenehmer Mensch war.

Es war Freitag. Drei Uhr morgens. Sie brauchte keinen Wecker. Ihr Körper fühlte, dass es Zeit war.
Sie putzte sich die Zähne, kämmte ihr Haar. Sie zog ihre Kleidung an. Sie hatte sie sich vor dem Schlafengehen zurecht gelegt.
Kurz bevor sie das Schlafzimmer verlassen wollte, hörte sie ihren Freund.
„Bevor du fällst. Sieh bitte in deine Hosentasche.“
„Okay.“
„Ganz sicher?“
„Versprochen!“
„Gut. Dann fall schön!“
„Das werde ich.“

Sie wanderte den Weg hinauf. Setzte einen Fuß vor den anderen. Sie war gespannt wie es sich anfühlen würde. Das Fallen. Und die Unendlichkeit. Gespannt wie es sein würde ohne Menschen. Ohne die Gewissheit, die Komische unter ihnen zu sein.
Dann dachte sie an den angenehmen Menschen in ihrem Leben. Sie überlegte, ob sie ihn vielleicht fragen hätte sollen, ob er mit fallen möchte. Aus Höflichkeit.

Es war noch nicht hell geworden.
Der Aussichtspunkt und sie. Sie waren ganz alleine.
Unter ihnen lag das Dorf. Mitten in der Nacht strahlte es eine Ruhe aus, die ihr gefiel. Es war eine wunderbare Nacht um zu fallen.
Sie konnte die Unendlichkeit des 1. Jänners beinahe riechen.

Sie kletterte über das Geländer und hielt sich von der anderen Seite fest. Sie blickte hinunter. Es würde ein langer Fall werden. Genauso wie sie es wollte.
Sie war bereit.
Sie griff in ihre Hosentasche. Das hatte sie ihm versprochen.
Sie zog einen kleinen, gefalteten Zettel hervor.
Hatte er vergessen, dass sie im Fallen keine Einkaufslisten mehr brauchen würde?
Sie stand an der Kippe. Zwischen stehen und fallen. Sie musste nur noch springen. Nur noch einen ganz kleinen Schritt nach vorne gehen.
Sie warf den Zettel ohne ihn zu öffnen den Abhang hinunter.
Er segelte.
Sie sah wie er das Fallen genoss.

Er hatte Angst gehabt vor diesem Tag und er würde sie nicht gehen lassen.
Nicht nur aus egoistischen Gründen. Nicht nur weil er sie brauche.
Weil die Welt sie brauchte. Mehr Menschen wie sie. Mehr Wunder.
Er überlegte wie er es auf ihre Art machen konnte. Er überlegte wie er sie aufhalten konnte, ohne sie erst recht zum „Fallen“ zu bringen. Wie sie es nannte.
Er dachte nach. Dann lächelte er. So würde es auf jeden Fall funktionieren. Auch in ihrem.
Er schrieb einen kleinen Zettel, faltete ihn und steckte ihn in ihre Hosentasche:

Lass es!

Der Dämon in ihr

Im Streben nach Perfektion fühlt sich die Absurdität am wohlsten.

Mia ging die Straße entlang. Es war dunkel. Wieder einmal hatte sie es getan. Ohne, dass sie es wollte. Ohne, dass sie es verhindern hätte können.
Sie weinte innerlich. Ein klarer Blick, ein starrer Mund, ein schneller Schritt. Das hatte sie gelernt. Ohne, dass sie es wollte. Ohne, dass sie es verhindern hätte können. Es war Selbstschutz und verbitterte Gleichgültigkeit in einem.

Sie weinte innerlich. Abgebrüht. Sie kannte das ja schon. Das was vorgefallen war. Sie wusste, dass es jedes Mal wie immer ablaufen würde. Sie nahm sich vor, stärker zu sein. Stärker als das was sich in ihr breit machte. Sie versuchte jedes Mal diesem Dämon in ihr klar zu machen, dass sie ein guter Mensch war. Dass er bei ihr nichts verloren hatte.

Sie weinte innerlich. Abgebrüht. Weil sie es wieder einmal nicht geschafft hatte. Weil er wieder einmal stärker war. Der Dämon in ihr. Weil es ein unfairer Kampf war. David gegen Goliath. Nur ohne Steinschleuder.

Mia ging die Straße entlang und versuchte zu verstehen. Wenn jemand sie kannte, dann sie selbst.
So sollte es doch sein?

Vielleicht war sie ein schlechter Mensch. Vielleicht war diese fröhliche, hilfsbereite und liebevolle Frau nicht das was sie war. Nur das was sie sein wollte.

Wieder einmal hatte sie es getan. Sie hasste sich für all die Worte, die sie nicht mehr rückgängig machen konnte. Für die Worte, die wieder Narben hinterlassen würden. Irgendwann würden sie zu tief sein.
Sie hasste sich dafür, dass sie wieder einmal die Kontrolle über sich selbst verloren hatte. Dieser Dämon in ihr. Er schnappte sich manchmal die Zügel. Übernahm das Kommando. Fragte nicht lange. War irrational. Versetzte sie in einen Rausch und ließ sie danach mit den Schäden zurück.
Allein.

Je mehr sie dagegen ankämpfte, desto öfter verlor sie. Verlor ihre Geduld, verlor ihren Stolz, verlor ihre Kraft.
Zurück blieb bittersüßes Bedauern. Gepaart mit Hilflosigkeit. Hilflosigkeit so stark, dass sie nur noch Zuversicht zuließ. Zuversicht, dass sie es das nächste Mal schaffen würde. Dass sie besser war als das Schlechte in ihr.

Innere Tränen trocknen nicht. Sie durften nie fließen.

Mia dachte über Blickwinkel nach. Dachte darüber nach, ihren zu ändern.
Das Kämpfen war eine Einbahnstraße. Eine lange Einbahnstraße, mit Dornbüschen an beiden Seiten.

„Denn…“, so dachte sie sich „wenn dieser Dämon, kein Dämon ist. Wenn dieser Dämon ich bin. Ein Teil von mir…“
Sich selbst zu bekämpfen ist paradox. Das wusste sie. Das klang so süß simpel.
Blickwinkel ändern. Hatte nicht so David auch Goliath besiegt? 

Vielleicht musste sie dieses Böse in ihr annehmen. Nicht abstoßen. Vielleicht musste sie sich mit ihm anfreunden, ihm seine Berechtigung nicht abstreiten. Es würde dann mit sich reden lassen. Sie würde es dann vielleicht verstehen.

Sie würde kein perfekter Mensch sein. Sie würde weiterhin Narben hinterlassen.
Vielleicht aber war das was sie innerlich weinen ließ kein Dämon.
Vielleicht war das ein Teil von ihr.
Ein Teil, der gehört werden wollte.
Ein Teil, der manchmal keinen anderen Ausweg sah.
Das Kommando übernahm, irrational war.
Sie in einen Rausch versetzte und sie danach mit den Schäden zurück ließ.

Mia ging die Straße entlang. Es war dunkel.
Sie weinte.
„Mia, was willst du mir sagen?“

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Die Liebe und das Weiß

Sie starrte wieder einmal auf Weiß.
Ohne Worte.
Sie starrte wieder einmal auf Weiß.
Alles schien bereits gesagt.
Wiederholungen langweilten sie.

Das Schreiben, das war ihre erste große Liebe.
Das Schreiben half ihr mit 12 den ersten Liebeskummer zu überwinden.
Es ließ sie Welten erschaffen in denen sie nicht alleine war.
Welten, in denen sie ihre Schmerzen in Buchstaben verpacken und loslassen konnte.
In Worten fühlte sie sich verstanden, auch wenn ihr sonst keiner zuhörte.

Sie reihte Worte aneinander.
Manchmal nur in Gedanken.
Und manchmal mitten in der Nacht auf Papier.
Einsam. Und doch nicht alleine.
Das Schreiben, das war ihre erste große Liebe.

Und jetzt starrte sie wieder einmal auf Weiß.
Ohne Worte.
Und sie merkte wieder einmal wie scheu diese Liebe war.
Keine die man groß zur Schau stellt.
Keine die sich aufdrängte.
Sie war immer da und doch oft so verborgen.
Nicht zugänglich.

Wenn sie sich zum Schreiben zwang, dann wehrte sich etwas.
Wenn sie ungeduldig den nächsten Text zu Ende bringen wollte, dann sträubte sich alles.
Diese Liebe war sanft.
So zart, dass sie unter Druck schnell zerbrach.
Nur mit viel Zeit formten die Scherben wieder ein Ganzes.

Sie versuchte immer mehr hinzuhören.
Zuhören.
Das Geheimnis jeder gut funktionierenden Beziehung.
Sie wollte verstehen, was diese Liebe brauchte.
Sie wollte verstehen, wie sie sie noch größer, noch stärker machen konnte.

Sie merkte, wann die Liebe sich zeigte.
Sie zeigte sich in den Momenten in denen sie intensiv lebte.
Intensives Leben. Der Nährboden, die Quelle dafür, dass das Schreiben und sie sich begegneten.

„There is nothing to writing. All you do is sit down at a typewriter and bleed.“, sagte Hemingway.
Sie dachte sich, er hätte recht.
Wenn sie sich an den Tisch saß. Vor dieses Weiß. Dann blutete sie. Jedes Mal.
Sie blutete das Gute.
Die Momente in denen sie sich völlig eins mit der Welt fühlte. Die Momente der Unsterblichkeit.
Sie blutete das Schlechte.
Die Momente in denen sie nicht mehr atmen konnte, weil ihr die Verzweiflung die Luft raubte. Ihr den Halt nahm.
All you do is sit down at a typewriter and bleed.
Bluten heißt Leidenschaft.

Sie starrte wieder einmal auf Weiß.
Ohne Worte.
Sie wusste, dass es sich nicht verändern würde, wenn sie versuchte die Liebe zu erzwingen.
Sie wusste, dass diese Liebe Zeit brauchte. Jedes Mal aufs Neue.
Dass sie vom intensiven Leben genährt wurde und sich nur durch geduldiges Hinhören entfalten konnte.

Sie starrte wieder einmal auf Weiß.
Sie ließ es wirken.
Einen kurzen Moment.
Hörte hin.
„Jetzt ist nicht die Zeit.“

Und das ist okay.

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Der Liebende und das Biest

Er sah sie an und sie kannte diesen Blick. Sie hatte ihn schon oft gesehen und doch bedeutete er jedes Mal etwas anderes.
Es war der Blick des schönsten Momentes. Bei ihm in der Küche, wie er seine Hände um ihre Hüften legte. Sie ansah. Und ihr sagte: „Ich will nie wieder ohne dich sein.“.
Es lag keine romantische Stimmung in der Luft. Weder davor, noch danach. Jedoch war dieser eine Moment perfekt. In der Küche. Kurz vor dem Mittagessen. Am Nachmittag.

Es war der Blick des schlimmsten Momentes. Bei ihm vor der Tür, wie er seine Hände in seine Hosentaschen steckte. Sie ansah. Aber gleichzeitig durch sie hindurch. Und ihr sagte: „Ich will dich nicht mehr sehen.“
Davor Unverständnis, danach Verzweiflung und in diesem einen Moment Kälte.

Er sah sie an und sie kannte diesen Blick. Sie hatte ihn schon oft gesehen und doch bedeutete er jedes Mal etwas anderes. Es war immer der gleiche Blick, doch in unterschiedlichen Farben. Manchmal auch nur Nuancen.
Sie wusste auch dieses Mal was er bedeutete. Er war die Verschmelzung von „Ich will nie wieder ohne dich sein.“ und „Ich will und kann dich nicht mehr sehen.“. Er war ein Hilfeschrei voller Kämpfergeist und gleichzeitig eine qualvolle Resignation. Dieser Blick, der sie alles wissen ließ, ohne dass er es merkte. Ohne, dass er ein Wort sagen musste.

Denn auf Worte zu verzichten ist manchmal wie Striptease.
Worte können überbrücken. Ein unerträgliches Schweigen.
Können kaschieren. Jede Schwäche, von der man nicht will, dass sie ein anderer erfährt.
Nicht umsonst reden häufig die, die nichts zu sagen haben.

Doch diesen Blick kannte sie. Keine Worte die ihn schützten.
Diesen Blick kannte sie. Sie kannte seine Farben. Seine Nuancen.

Es gibt wohl Millionen Geschichten, Songtexte und Gedichte von Menschen mit Liebeskummer. Weil sich dieses Gefühl, wenn einem das Herz aus dem Leib gerissen und zerquetscht wird, so gut dafür eignet.
Weil es im Grunde nicht in Worte zu fassen ist, die Worte die man dafür verwendet aber beinahe jeder nachvollziehen kann. Nachfühlen kann.
Weil es im Grunde nicht in Worte zu fassen ist, aber jeder so genial grandios daran scheitert, dass man noch mehr Mitleid hat. Mit ihm. Mit ihr. Oder einfach mit sich selbst.

Doch sie fragte sich, wo die ganzen Geschichten, Songtexte und Gedichte von all jenen blieben, die für Blicke voller Hilfeschreie und Resignation verantwortlich waren.

„Wer ein Herz bricht, hat kein Recht traurig zu sein.“, sagte der Mann mit den immer weniger werdenden Haaren auf dem Kopf einst zu ihr.
Und sie wusste was er meinte. Und sie wusste, dass dieser Mann noch nie einem Menschen, den er auf die ‚falsche‘ Art und Weise liebte, das Herz herausreißen musste und dadurch das eigene in schuldbewusste Verzweiflung ausbrechen ließ.
Weil man sich Gefühle nicht aussuchen kann. Weder wen man liebt, noch wen man nicht (mehr) liebt.

Er sah sie an und sie kannte diesen Blick. Sie hatte ihn schon oft gesehen und doch bedeutete er jedes Mal etwas anderes. Farben. Nuancen. Dieses Mal schrie er: „Tu mir das nicht an.“, „Tu uns das nicht an.“ Er schrie: „Ich flehe dich an. Ich will meinen Stolz bewahren. Aber ich flehe dich an. Lass wieder alles so sein wie früher. Lass uns in der Küche sein. Hände um die Hüften. Hoffnungsvolle Zukunft. Mittagessen am Nachmittag.“

Gerne hätte sie den Mann mit den immer weniger werdenden Haaren auf dem Kopf gefragt wie das jetzt nun mit dem Recht auf Traurigkeit aussah.

Zerrissen zwischen wohlwollender Härte und unliebsamer Fürsorge, flehte sie sich selbst an: „Tu ihm das nicht an.“, „Tu uns das nicht an.“ und war kurz davor sich selbst aufzugeben.

Um ihn wieder glücklich zu sehen.
Um offiziell das Recht zu haben traurig zu sein.

VA