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Jakobsweg: FAQ, Tipps und Packliste

Trotz des Jammerns über meine nahezu unerträglichen Schmerzen während meiner Reise auf dem Jakobsweg (Nachzulesen hier und hier), bekam ich von mehreren Leuten zu hören, ich hätte ihnen den Weg schmackhaft gemacht. Generell wurde ich von allen Seiten mit Fragen bombardiert. Da diese sich immer sehr ähnlich waren, habe ich sie nun in einem kleinen FAQ zusammengefasst.

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Von wo bist du losgegangen und wie viele km sind das bis Santiago de Compostela?
Gestartet bin ich in León – eine wunderschöne kleine Stadt in Spanien, in der man auf jeden Fall zuerst einen Tag verbringen sollte, bevor man weitergeht. Bis Santiago sind es von hier auf dem Jakobsweg ein bisschen mehr als 300km.

Wann bist du morgens immer gestartet?
Das war unterschiedlich. Am ersten Tag „erst“ um 20 vor 8. An den anderen Tagen klingelte der Wecker meist um 6 Uhr und sobald ich dann fertig war ging ich los. Am letzten Tag startete ich sogar noch früher, da ich es kaum erwarten konnte in Santiago anzukommen. Die Stimmung am Morgen beim Losgehen fand ich immer einzigartig und wunderschön.

Wie macht man das mit Wecker stellen?
Dies ist ehrlich gesagt eine Frage, die ich von niemandem gehört habe, mir jedoch selbst im Vorfeld gestellt habe. Weil wenn ich mit mehreren Menschen im Schlafsaal bin, dann kann ich doch keinen Wecker stellen und damit alle wecken, oder?! Tatsächlich war diese Sorge jedoch eher unbegründet. Denn so rücksichtsvoll meine Gedanken auch waren – meine Wanderkollegen waren es zum Großteil nicht.
In den ersten zwei Tagen hatte ich ein angenehmes 4er-Zimmer und so konnte man im Vorfeld gut besprechen wann denn wer vorhat aufzustehen und ob das mit dem Wecker eh in Ordnung ist. In den größeren Sälen war man mit 6 Uhr eigentlich eh schon fast bei den Spätaufstehern dabei und musste sich keine Sorgen machen, andere mit dem Klingeln des Handy zu wecken. Diesen Job hatten schon andere mit ihrem lauten Rucksack-packen erledigt.

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Wie weit bist du jeden Tag gegangen und wie lange warst du insgesamt unterwegs?
Die kürzeste Strecke war 20km, die längste 33km. Dazwischen haben sich die Distanzen abgespielt und somit waren es 12 reine Wandertage. Von der Dauer her waren es zwischen 4 und 8,5 Stunden pro Tag (inklusive Pausen).

Wie sind die Herbergen? Gibt es Bettwäsche? Muss man reservieren?
Die Herbergen waren hygienischer als ich es erwartete hatte. Vor allem für 5-9€ pro Nacht darf man sich da echt nicht beschweren. Meine einzige Angst waren jedoch sowieso nur die Bettwanzen. Seit meine Cousine sich die einmal in einem Airbnb in Neuseeland eingefangen hatte, bin ich da ziemlich paranoid und kontrolliere zuerst jede Matratze in der ich schlafe – egal wo. In manchen Herbergen gab es jedoch sogar extra Einweg-Überzüge. Zudem sollte man -eben um die unliebsamen Viecher zu vermeiden- den Rucksack nie aufs Bett stellen. Das steht sogar im Wanderführer und wird eben auch von den Herbergs-Besitzern nicht gerne gesehen.
Bettwäsche gab es sehr selten. Ein Kissen war meistens da und manchmal auch einfache Filzdecken. Ich war jedoch sehr froh über meinen Schlafsack, vor allem weil es in den Herbergen in der Nacht schrecklich kalt wurde.
Da ich im Mai unterwegs war und dies noch nicht als Hochsaison gilt, war es noch nicht so stressig ein Bett zu bekommen. Ich bekam zwar einmal das letzte und einmal das vorletzte Bett – das war allerdings an den Tagen an denen ich vor Schmerzen nur noch gekrochen bin. Von anderen habe ich gehört, dass sie tatsächlich 1-2 Mal keinen Platz mehr bekommen haben und dann weitergehen mussten. Dies kann also durchaus schon in der Nebensaison passieren. Reservieren ist scheinbar inzwischen bei manchen Herbergen möglich und vermeidet somit sicher auch den Stress so schnell wie möglich ans „Ziel“ zu kommen – was schließlich ja nicht der Sinn sein sollte.

jakobsweg herberge
Wie ist das mit den Wertsachen in den Schlafsälen?
Ich hatte meine wenigen Wertsachen in der Bauchtasche und habe diese in der Nacht in den Schlafsack zu meinen Füßen gelegt.

Findet man den Weg leicht?
Auf meiner Strecke war der Weg immer sehr gut mit Pfeilen markiert. Trotzdem war ich froh, dass ich zusätzlich meinen Wanderführer dabei hatte. Manchmal gibt es nämlich mehr als nur einen richtigen Weg und in solchen Fällen weiß das schlaue Buch immer Bescheid welcher wie weit ist, worauf man achten muss etc.

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Hast du Blasen an den Füßen bekommen?
Nein, keine einzige. Bereits vor der ersten Wanderung habe ich alle gefährlichen „Blasen-Stellen“ mit Tape bearbeitet. Ich weiß nicht ob dies der ausschlaggebende Punkt war, aber hilfreich war es bestimmt. Zusätzlich sollte man versuchen die Füße trocken zu halten und somit das Abkühlen in Bächen möglichst vermeiden.
Auch wenn ich im Vorfeld dachte, dass das einzige Problem eh die Blasen sein könnten, so wurde ich eines Besseren belehrt. Auch Sehnen können gröbere Probleme bereiten. Vor allem wenn sie die monotone Dauerbelastung nicht gewohnt sind.

Wie hast du dich vorbereitet?
Gar nicht. Dafür war der Beschluss zu spontan. Wer weiß, vielleicht hätte ein bisschen Vorbereitung den Sehnenentzündungen entgegengewirkt. Jedoch lassen sich gewisse Schmerzen wohl nie gänzlich vermeiden. Ich habe mit Leuten gesprochen, die sich monatelang vorbereitet hatten und trotzdem Probleme mit dem Knie oder irgendetwas anderem hatten.

Was für Schuhe hattest du?
Ich habe ganz bewusst keine neuen Schuhe gekauft, sondern meine alten, ausgelatschten Wanderschuhe verwendet. Dies soll ja am besten den Blasen vorbeugen. Diesbezüglich hatte ich dann auch keine Probleme, jedoch wären für mich ab Tag 3 weniger hohe Schuhe wohl besser gewesen (und keine Boots). Da mein Knöchel zu schmerzen begann, war es für diesen nicht sonderlich förderlich, dass der Schuh die ganze Zeit noch zusätzlich auf ihn drückte.

Wie war die Landschaft/der Weg?
Die Landschaft und der Weg waren wunderschön und sehr vielseitig. Manchmal war es ein gerader Kiesweg, manchmal ging es auf einem steinigen, schmalen Weg über Berge, manchmal durch Wiesen und Felder und manchmal aber auch an der Straße entlang.

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Wie ist das mit dem Essen und Trinken auf dem Weg?
Ich muss sagen ich habe mich auf dem Jakobsweg nicht sonderlich ausgewogen ernährt. Morgens stoppte ich im nächsten kleinen Ort und trank einen Kaffee und aß ein (Schoko)Croissant. Je nachdem wann ich Hunger bekam, aß ich dann noch auf dem Weg ein Bocadillo oder eine Tortilla. Abends gab es manchmal ein Pilgermenü in der Herberge. Wenn es das gab, aß ich es, ansonsten nichts. Proviant hatte ich auch keinen dabei, damit ich beim Gewicht des Rucksacks so viel wie möglich sparen konnte. Nur Notfalls-Mandeln und Kekse gab es -für den Fall, dass ich länger kein Essen bekommen würde. Im Normalfall kam man jedoch -in zu verkraftenden Abständen- an irgendeinem Dorf mit einem Supermarkt, Café oder kleinem Restaurant vorbei. Einmal kam ich jedoch nach einem langen Tag in der Herberge an und die nächste Möglichkeit Essen zu bekommen war 1,5 km entfernt. Das mag im Prinzip nicht viel sein, wenn man aber schon 30km hinter sich hat, verzichtet man halt lieber auf das Essen und gönnt sich Notfalls-Mandeln. Generell hatte ich -vor allem zu Beginn- sehr viel weniger Appetit als sonst. Vielleicht lag das aber auch an meinen Schmerzen.

Ich hatte immer eine 1,5l Wasserflasche dabei, habe sie jedoch meistens nicht ganz aufgefüllt -wieder um Gewicht zu sparen. Trinken ist unglaublich wichtig, aber man kommt sowieso immer wieder einmal an einer Trinkwasser-„Station“ vorbei. Manche bevorzugen es jedoch das Wasser zu kaufen. Ich hatte mit dem Wasser aus den Trinkwasser-Brunnen keine Probleme, habe jedoch auch schon andere Meinungen dazu gehört.

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Wie ist das mit dem WC auf dem Weg?
Eine für mich sehr wichtige Frage und ich war froh, dass ich kein einziges Mal irgendwo in Büsche pinkeln musste, weil ich dazu echt unfähig bin. Da man aber immer wieder einmal durch kleine Städte/Orte geht, kommt man auch an WCs vorbei.

Ist es alleine als Frau sicher?
Ich habe mich immer sehr sicher gefühlt und es gab keine einzige bedrohliche Situation. Zwar war ich manchmal wirklich ganz alleine unterwegs, aber in den meisten Fällen sah man irgendwo vor und/oder hinter sich andere Pilger.

Wie schwer war dein Rucksack?
Jeder fragt wie schwer der Rucksack war und ich habe ehrlich gesagt keine Ahnung. Ich war wohl die Einzige auf dem Jakobsweg, die ihren Rucksack im Vorfeld nicht auf die Waage gestellt und auch am Flughafen nicht darauf geachtet hatte. Solange ich ihn tragen konnte war es mir eigentlich ziemlich egal. Ich hatte einen sehr großen Rucksack – 65l, der eigentlich meiner Mum gehört und für so kleine Menschen wie mich auch nicht gedacht ist. Trotzdem konnte ich ihn, nachdem ich ihn richtig eingestellt hatte, ohne Probleme tragen und ich habe ihn im Laufe der Zeit meistens nicht einmal mehr gespürt.

Packliste

– 2 Wander-Zipphosen
– 3 Paar Wandersocken, 1 Paar normale Socken
– 2 dünne langärmlige Shirts
– 3 Unterhosen
– 2 BHs
– 3 kurze Funktions-Shirts
– 1 langes Funktions-Shirt
– 1 Softshell Jacke
– 1 Regenjacke
– 1 lange Leggins
– 1 kurze gemütliche Hose
– 1 Pyjama-Shirt
– 1 ärmelloses Top
– 1 Schlafsack
– 1 Regenponcho
– 1 Regenschutz für den Rucksack
– 1 Paar Wanderschuhe
– 1 Paar Flip Flops
– 1 Paar normale, leichte Schuhe
– Toilettartikel: 1 Minideo, 1 normale Seife, 1 Feuchtigkeitscreme, 1 Zahnbürste, 1 Minizahnpasta, 1 Minishampoo
– Sonnencreme, Sonnenbrille & Sonnenhut
– 1 Haarbürste (Tangle Teezer)
– 1 Packung Ohropax
– Kamera, Handy, Handyladekabel
– 1 Rolle Tape
– Wanderführe
– 1 Notizblock + Stift
– 1 superfancy Bauchtasche
– Pass, E-Card, Bargeld & Reisedokumente

auf dem Weg dazugekommen:
– Voltaren Creme
– Ibuprofen Tabletten
– Magnesium Brausetabletten

Anmerkungen zur Packliste:
Die normale Seife habe ich mitgenommen, um die Kleidung unterwegs auch immer wieder waschen zu können. Es gab jedoch auch in den Herbergen sehr häufig die Möglichkeit günstig in einer Waschmaschine zu waschen. Dies habe ich zusätzlich einmal in Anspruch genommen und bin so auch gut mit meiner Kleidung ausgekommen.
Tatsächlich habe ich sogar nur eine meiner Wanderhosen verwendet. Zuerst die lange Variante, aber schlussendlich hat sich dann doch die kürzere als praktischer herausgestellt.
Bei den T-Shirts war ich jedoch froh drei dabei zu haben. Schließlich kommt man obenrum auch viel schneller ins Schwitzen. Am Morgen bin ich immer mit mehreren Schichten losgestartet. Kurzes Funktions-Shirt + langes Funktions-Shirt + Softshell-Jacke und wenn es ganz kalt war, dann sogar noch das ärmellose Top ganz unten drunter. Ich war im Mai unterwegs und so war es morgens doch oft noch sehr frisch. Im Juli und August kann man daher bestimmt auch mit noch weniger Kleidung reisen.
Die lange Leggins und die kurze gemütliche Hose waren für die Anreise/Abreise bzw. auch für abends oder als Pyjama. Auch die dünnen langärmligen Shirts habe ich bei Anreise/Abreise und abends getragen, da man nach dem Duschen definitiv nicht mehr in die verschwitzte Kleidung zurück möchte.
Über meine Regenausrüstung war ich auch sehr froh. Ein Rucksack-Regenschutz würde ich also jedem empfehlen, die Regenjacke sowieso und wenn es ganz stark regnet ist auch ein zusätzlicher Poncho hilfreich.
Bargeld ist insofern wichtig, da es in manch kleineren Orten keinen Automaten gibt und man nicht immer alles mit Karte bezahlen kann.
Die billigen Flip Flops waren hauptsächlich fürs Bad gedacht, da man dieses ja doch mit vielen teilt und es so ein bisschen hygienischer ist.
Die Packung Ohropax habe ich nie verwendet – hätte es aber auf jeden Fall tun sollen. Ich hatte immer Angst, ich würde dann am Morgen nicht aufwachen. Dies hatte allerdings wiederum zur Folge, dass ich ca. 6 Mal pro Nacht von Schnarchern und Klogängern geweckt wurde.
Ich empfehle allen Frauen kein unnötiges Make-Up-Zeugs mitzuschleppen. Das braucht ihr da wirklich nicht und es kann zudem unglaublich befreiend sein, einfach einmal für eine Zeitlang auf das Äußere komplett zu scheißen und am Morgen einfach so zu starten wie man halt grad aussieht. Was jedoch vielleicht sinnvoll gewesen wäre, ist eine gute Fuß-Salbe, um die Füße damit abends massieren zu können.

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Falls noch Fragen offen geblieben sind, könnt ihr euch -wie immer- jederzeit gerne bei mir melden!

VA

Travel Diary: Der Jakobsweg von León bis Santiago de Compostela (Teil 2)

Tag 7: La Faba – Triacastela (26km)

„Vielleicht muss ich einfach vollkommen gebrochen werden, damit ich mich dann neu aufbauen kann.“

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Nach La Faba war ich äußerst motiviert. Wie ihr aus Teil 1 wisst, hatte ich an diesem Ort das Gefühl endlich am Weg angekommen zu sein. Und dieses Gefühl hielt sich. Wieder hatte ich wenig geschlafen und wieder startete ich früh. Aber es machte mir nichts aus. Im Gegenteil. Denn in mir trug ich diese überwältigende Zufriedenheit. Eine Zufriedenheit, die ich gar nicht wirklich beschreiben konnte. Die einfach da war und ich aber auch gar nicht länger in Frage stellen wollte. Ich würde diesen Weg schaffen, ja, ihn sogar genießen. Was noch vor zwei Tagen unvorstellbar gewesen war, stand jetzt außer Frage.

Ein Leser meinte, er hätte gerne gefühlsmäßig einen besseren Einblick erhalten, wie es denn in den ersten 6 Tagen zu dieser Veränderung von negativ zu positiv kam. Und ich kann das verstehen. Denn es war tatsächlich eine kafkaeske Verwandlung. Von der vor sich hin leidenden Person, die am liebsten jeden mit „Buen Camino, in deinen Arsch!“ angeschrien hätte, zur begeisterten Vollblut-Pilgerin, die Bäume umarmen möchte. Aber ich glaube, dass man das alles auch nur ganz schwer in Worte fassen kann. Dass man es erleben muss. Dass das Erzählen davon nur eine billige Kopie ist. Am besten beschreibt es für mich jedoch das Gefühl, dass sich besonders an Tag 3 & 4 hatte: Irgendetwas in mir zerbricht hier gerade. Irgendetwas in mir wird so richtig zerstört. Lässt Schmerzen frei und schlägt sie mir mit voller Wucht ins Gesicht. Auch in den schlimmsten Momenten hatte ich jedoch das Gefühl: Das muss jetzt grad sein. Es muss alles raus. Und dann lass ich es hier liegen. Vielleicht muss ich einfach vollkommen gebrochen werden, damit ich mich dann neu aufbauen kann. Um dann mit einer neuen Stärke aus dem Ganzen heraus zu kommen.
An Tag 7 war mir dann klar, dass es genau so war. Und dass ich diese Zufriedenheit, diese neue Stärke, unbedingt am Ende mit nach Hause nehmen wollte.

Ein weiteres Highlight an diesem Tag war der Mann, der in einem kleinen Café auf mich zu kam und meinte, sein Foto wäre in meinem Wanderführer. Er nahm ihn zu sich, blätterte darin herum und zeigte schlussendlich auf eines: „Das bin ich!“. Der fröhliche Mann bei der Arbeit war mir beim Lesen des Buches schon positiv aufgefallen. Nun stand er genauso fröhlich vor mir und erzählte mir stolz, dass das Foto von ihm international verwendet wird. Seine einfache und ehrliche Freude machte mich direkt auch fröhlich. Am liebsten hätte ich noch den ganzen Tag mit ihm über sein Leben geredet.

Tag 8: Triacastela – Barbadelo (21,5km)

„Es war schon zur Routine geworden. Eine aufregende Routine.“

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Leichter Regen, Nebelschwaden, die Dörfer noch verschlafen. Du packst im Dunkeln deine Sachen und machst dich auf den Weg. Ja, Sonne ist toll, aber auch das ist wunderschön. Ich liebe solche Vormittage. Für mich haben sie etwas Mystisches.

Es ist schon verrückt wie wenig Aufmerksamkeit wir unseren Füßen schenken, obwohl sie uns ständig durchs Leben tragen. Jeden Tag merke ich, was noch alles weh tun kann. Inzwischen denke ich mir jedoch „Whatever“ und gehe weiter. Der Schmerz ist nämlich auch an Tag 8 noch nicht weg und langsam realisiere ich, dass es sehr unwahrscheinlich ist, dass sich die Füße erholen, wenn ich einfach immer weitergehe. Aber ich habe mich damit abgefunden. Ich creme sie jeden Abend ein, lagere sie hoch oder massiere sie. Ich gehe auch nicht mehr zu viel im Ort herum, damit sie nicht noch unnötig belastet werden. Zudem habe ich mir Schmerztabletten gekauft. Ich habe tatsächlich noch nie in meinem Leben Schmerztabletten genommen. Zumindest nicht so weit ich mich erinnern kann. Das muss dann schon sehr, sehr lange her sein. Aber wenn ich nicht ein paar Tage Pause einlegen wollte, dann ging es wohl nicht anders. Ganz verschwand der Schmerz trotzdem nicht. Aber ich konnte ihn ertragen. Vor allem mit meiner neugewonnenen Motivation. Oft wachte ich sogar in der Nacht auf. Entweder wegen der Schmerzen, oder weil sich mein Fuß auf einmal wie komplett betäubt/tot anfühlte. Aber meine Überzeugung, dass ich alles schaffen konnte, würde mir nichts und niemand so schnell nehmen.

Deshalb fühlte sich Tag 8 phasenweise sogar fast wie ein Sonntagsspaziergang an. Aufstehen, Rucksack packen und gehen. Einfach gehen. Immer weiter. Immer wieder neue Eindrücke. Neue Landschaften. Pausen machen in immer wieder neuen, kleinen spanischen Orten und nie weiß man was an der nächsten Ecke auf einen wartet. Es war schon zur Routine geworden. Eine aufregende Routine. Auch wenn das fast schon ein Oxymoron ist.

Tag 9: Barbadelo – Hospital da Cruz (29,6km)

„Der Weg gibt dir nur das, was du von ihm verlangst.“

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„Wow, you walk fast!“ – Witz des Tages. Wenn die wüssten. Nur weil man schon weit ist, heißt das noch lange nicht, dass man schnell gegangen ist. An Tag 9 waren es auf den letzten km auch wieder sicher nicht die Füße, die mich ins Ziel gebracht haben. Reine Willenskraft. Und wenn ich etwas habe, dann eine enorme Willenskraft. Ich glaube man hätte mir schon beide Beine brechen müssen, um mich davon abzuhalten weiter zu gehen. „You just can’t beat the person who never gives up.“, las ich irgendwo auf dem Weg. Wie passend.

Anderes Thema: Die 100km-Pilger. Es gibt da am Ende in Santiago dieses Ding, auf das alle ziemlich scharf sind. „La Compostela“ nennt es sich. Sozusagen eine Urkunde, welche bestätigt, dass man den Jakobsweg auch wirklich gegangen ist. Dazu muss man von jedem Tag auf dem Weg mindestens einen Stempel vorweisen können. Diese sammelt man in einem Stempelpass („La Credencial“). Was sich jetzt wie eine Kindergeburtstags-Schatzsuche anhört, läuft tatsächlich auch ein bisschen so ab. Immer wenn bei einer Kirche, einer Bar oder sonst wo ein Schild mit „Sello“ hängt, rennen die meisten hin. Denn wer zu wenige Stempel hat, könnte am Ende Probleme bekommen. In Santiago angekommen kann man sich dann in die Schlange stellen. Von 30min über 1,5h bis 3h habe ich schon alles gehört. Ich selbst habe sie nicht abgeholt. Denn mir persönlich sagt so ein Stück Papier nicht viel.

Jedoch zurück zu den 100km-Pilgern. Die Sache ist die: 100km müssen es mindestens sein, um die Compostela auch wirklich abholen zu dürfen. Über diese 100km-Pilger wurden dann im Vorfeld schon Schauermärchen erzählt. Schauermärchen im Sinne von: „Die gehen da in Flipflops und tragen Schmuck und Makeup.“.
An Tag 9 passierte ich die 100km Marke. Ich war auf das Schlimmste gefasst. Dann kam der Reisebus. Und das war dann doch ein bisschen zu viel des Guten. Vor dem Bus wurden komische Dehn-/Aufwärmübungen praktiziert. Die Kameras der Pilger waren größer als ihre Rucksäcke. Ein paar gingen mit Turnbeuteln. Einer mit einem Plastiksack. Tatsächlich kann man sich den Rucksack nämlich dank CORREOS Etappe für Etappe „nachschicken“ lassen. Und auch wenn ich zu Hause gerne die bin, die bei Wandertagen die Wasserflasche dem Bruder in den Rucksack steckt, damit sie unbeschwert gehen kann, glaube ich, dass es beim Jakobsweg einfach dazu gehört. Ganz im Sinne von „Jeder hat sein Päckchen zu tragen“. Die Tatsache, dass man ihn selber tragen muss, führt natürlich auch dazu, dass man sich ganz genau überlegt, was denn wirklich gebraucht wird. Man beschränkt sich auf das Wesentliche.

Aber noch einmal: Zurück zu den 100km-Pilgern. Die wurden also ausgelassen. Mit ihren Pseudo-Rucksäcken. Dann rannten sie in einer Horde los und wurden immer wieder an bestimmten Stellen von ihrem Bus und ihrem Reiseführer erwartet. Wahrscheinlich um zu kontrollieren, ob sie eh noch am Leben waren. Ich hatte das Gefühl, sie sahen das Ganze eher als Touristenattraktion und weniger als Reise. Ich merkte, wie mich das selbst innerlich wütend machte und wie ich ziemlich genervt auf sie reagierte. Genau an solchen Menschen sollte ich jedoch für mich Gelassenheit üben. Denn wem schadet es schlussendlich, sich über eigentlich unnötige Dinge aufzuregen? Nur mir selbst. Es soll doch jeder diesen und somit seinen Weg gehen wie er möchte. „Der Weg gibt dir nur das, was du von ihm verlangst.“ las ich auf eine Wand gekritzelt. Und dabei kann es mir egal sein, was die anderen machen. Mein Weg, mein Tempo, meine Art damit umzugehen, meine Erwartungen und meine Erkenntnisse.

Tag 10: Hospital da Cruz – Mélide (28km)

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Tag 10 war ein sehr ruhiger Tag. Es waren auch kaum Leute unterwegs. Zumindest sah ich um einiges weniger als sonst.
In den letzten Tagen hatte ich immer wieder Menschen getroffen, die ich bereits kannte. Da war der Kanadier, der mir häufig über den Weg lief, die zwei Polen, die ich bereits am zweiten Tag kennen gelernt hatte und auch noch einige andere. Man trifft sie dann, geht vielleicht eine Weile gemeinsam, verabschiedet sich wieder, sieht sich zwei Tage lang nicht und auf einmal sitzen sie wieder irgendwo oder man trifft sie direkt auf dem Weg.
An Tag 10 waren es jedoch kaum bekannte Gesichter. Dafür auch kaum Schmerzen, kaum Anstrengung. Zur Abwechslung ein sehr entspannter Tag.
Etwas Außergewöhnliches passierte dann aber doch noch: Nach einer langen Phase der Appetitlosigkeit hatte ich endlich wieder so richtig Lust zu essen. Ein sehr gutes Zeichen.

Tag 11: Mélide – O Pedrouzo (33km)

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Ich setze auf meine Liste der Leute an denen ich Gelassenheit üben kann: Radfahr-Pilger. Weil: denken sie sind coole Downhill Racer. Pilger mit Wanderstöcken. Weil: hektisches Tic, Tac, Tic, Tac.
Tag 11 waren 33km und somit die längste Strecke. Ich war anfangs voll motiviert. Diese unglaublich innere Zufriedenheit war immer noch da. Ich dachte darüber nach, wie fantastisch es doch wäre, eine Karriere als hauptberufliche Pilgerin zu starten. Ein paar Minuten später meldete sich meine Achillessehne lautstark zu Wort und erinnerte mich daran, dass dies aus diversen Gründen vielleicht doch keine so gute Idee wäre. Ich hatte wirklich schon das Gefühl, dass da unten jetzt irgendetwas gerissen ist, als aus dem Nichts von der Sehne aus ein Schmerz durch den ganzen Körper schoss. Ich tröstete mich mit einem Magnum Mandel und weiter ging es. Es war der vorletzte Tag, aufgeben kam weniger denn je in Frage.

Die letzten km bis nach O Pedrouzo waren dann wieder mehr verbitterter Kampf als innere Zufriedenheit. Als mich dann auch noch einer ansprach, wie es mir denn geht, war ich im ersten Moment furchtbar genervt. Ich meine was fiel ihm auch ein, eine Person anzusprechen, die sich gerade mühsam Schritt für Schritt nach vorne kämpfte. Ich hatte in diesem Moment wohl kurz vergessen, dass ich nicht zu Hause und er keiner dieser primitiven Vollidioten war, die einen auf der Straße dumm anpfeifen. Er wollte einfach wirklich nur wissen, ob alles in Ordnung war und so ging ich mit ihm und seinem spanischen Wegbegleiter noch das letzte Stück gemeinsam. Wieder eine sehr angenehme Unterhaltung, die wir dann später noch bei einem Glas Sangría fortsetzten. Die offene und unkomplizierte Art und Weise wie man hier immer wieder einfach spontan komplett unterschiedliche Menschen kennen lernt ist wirklich großartig.

Tag 12: O Pedrouzo – Santiago de Compostela (20km)

„Der letzte Tag. Die letzte Etappe. Die letzten 20km. Und du kommst kaum vom Fleck.“

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Ich startete früh. Sehr früh. So früh wie es sonst nur immer die Verrückten machten, die dadurch den ganzen Schlafsaal weckten. Aber es war der letzte Tag. Das Ziel so nah und ich konnte sowieso nicht mehr schlafen. Ich musste einfach los.

Bereits am Abend zuvor hatte ich bemerkt, dass auf einmal mein Knie ziemlich schmerzte. Ich dachte es würde über Nacht bestimmt vergehen. Tat es aber leider nicht. Bereits auf den ersten paar Metern merkte ich, dass nur noch humpeln in Frage kam. Wieder einer dieser Momente, in denen man losheulen könnte. Der letzte Tag. Die letzte Etappe. Die letzten 20km. Und du kommst kaum vom Fleck. Ich wollte eigentlich keine Schmerztablette mehr nehmen, tat es dann aber doch. War jetzt ja auch schon egal.

Wie gesagt war es noch sehr früh und somit stockdunkel. Sowohl die vier Leute vor mir als auch ich übersahen dadurch einen Pfeil. Gott sei Dank bemerkten sie es jedoch noch rechtzeitig. 100m in die falsche Richtung humpeln war schon dumm genug. Danach folgte ein Weg durch den Wald. Stockdunkel. Die anderen -nicht humpelnden- waren bald außer Sichtweite. Dann waren es nur noch ich und meine Handy-Taschenlampe. Mit 13 fand ich Horror-Filme noch super cool. Inzwischen bin ich kein Fan mehr davon und wollte in diesem Moment auch wirklich gerade nicht in der perfekten Situation für eine tolle Horror-Story sein. Obwohl ich mich bis dahin immer sicher gefühlt hatte, fielen mir in diesem Moment die zwei Frauen ein, die ein paar Tage zuvor energisch auf Spanisch auf mich eingeredet hatten. Ich dürfe als junge Frau NIE ganz alleine gehen. Es müsse immer jemand vor oder hinter mir gehen, weil vor zwei Jahren eine amerikanische Frau entführt und ermordet worden sei. Man habe ihr davor sogar die Hände abgehakt. Ich fand diese Damen ehrlich gesagt fast noch angsteinflößender als die Geschichte an sich.
Ich schaffte es jedoch aus dem Gruselwald und bald ging dann auch die Sonne auf. Das Knie spürte ich immer weniger und mir war klar, dass eine Pause nicht in Frage kam. Es würde danach nur wieder weh tun. Fast schon wehmütig ging ich an den kleinen spanischen Cafés vorbei, in welchen ich bisher immer so gerne meinen Café con leche, einen Zumo de Naranja und ein Croissant bestellt hatte. Der letzte Tag. Der letzte Weg. Das wurde mir in diesem Moment klar und so sehr ich endlich ankommen wollte, so sehr wollte ich nicht, dass dieses Erlebnis schon vorbei war.

„Da war ein Platz. War das eine Kathedrale? War das die Kathedrale? War ich da?“

Ich traf die Italiener wieder. Ich hatte sie ein paar Tage nicht mehr gesehen, jetzt waren sie auf einmal wieder da. Gut gelaunt wie immer. Eine Gruppe von 6 Männern – ältere und jüngere bunt gemischt. Immer wenn sie mich sahen grüßten sie mich, als würden sie mich schon ewig kennen.

Und kurze Zeit später war es dann da. Dieses Santiago. Der gefühlt meist herbei gesehnte Ort der Welt. Mit großen roten Buchstaben stand da ‚Santiago de Compostela‘. In diesem Moment weiß man, man ist da und gleichzeitig aber doch noch nicht. Denn schließlich ist man ja erst wirklich da, wenn man auf diesem Platz vor der Kathedrale steht. Ich ging durch die Stadt und hatte das Gefühl, dass hier jetzt doch eigentlich lauter Leute stehen sollten, die uns anfeuern. Machen die bei einem Marathon ja schließlich auch. Aber bei so vielen Pilgern, die jeden Tag einmarschieren, ist es natürlich nichts Besonderes mehr für die anderen, wenn es halt wieder einmal jemand schafft.

Ich hielt kurz bei einer Bäckerei und kaufte mir ein Stück von einer Tarta de Santiago. Ich hatte sie noch nie probiert. Ich wollte es mir für den Schluss aufheben.
Dann war es nicht mehr weit. Ich kannte die Kathedrale nur von Bildern. Ich ging weiter und weiter und stellte mir immer wieder vor, wie ich auf diesem Platz davor liegen würde. Noch eine Gasse nach unten. Dann nach links. Da war ein Platz. War das eine Kathedrale? War das die Kathedrale? War ich da? Noch weiter? Ja ehrlich gesagt hatte ich mir den Moment des Ankommens anders vorgestellt. Ich hatte mir gedacht ich würde es wissen, wenn ich da bin, aber ich war mir ehrlich gesagt im ersten Moment nicht 100% sicher. Die Kathedrale war nämlich dank dem Gerüst davor nicht wirklich zu erkennen. Ich sah dann aber schon ein paar Pilger „Siegesfotos“ machen und am Boden auf ihren Rucksäcken liegen. Es musste der Platz sein. Ich musste hier sein.
Rucksack hinlegen. Schuhe aus. Auf den Boden sitzen. Entspannen. Kuchen essen. Ich war da.

Ich dachte an diesen einen Moment in Foncebadón zurück. Komplett am Ende. Physisch und psychisch. Ich dachte an diesen Moment der kompletten Verzweiflung. Und daran, wie ich mir versprochen hatte, dass ich den Boden küssen würde, wenn ich es irgendwie nach Santiago schaffte. Ich lächelte. Denn ich war da. Hatte es geschafft. Ganz allein.
Und weil ich Versprechen immer halte, wurde der Boden geküsst.

jakobsweg santiago de compostela

Ich habe noch vier tolle Tage in Santiago de Compostela und Finisterre am Meer verbracht. Den wunderschönsten Sonnenuntergang gesehen und wieder nette Menschen kennen gelernt.

Ich bereue diese Reise keine Sekunde. Ganz im Gegenteil. Ich bereue auch nicht, dass ich vollkommen unvorbereitet gegangen bin. Es war schon richtig so. Ich bereue nicht einmal die Schmerzen. Denn wie ihr wisst – No pain, no glory. Und das Ganze wäre sicher nicht so eindrücklich gewesen, wäre ich ohne Probleme einfach nach Santiago gerannt.

Was ich auf diesem Weg erfahren habe?
Ich glaube einer der auf die Wand gekritzelten Sätze in der ersten Herberge bringt es auf den Punkt:

„Nichts was ich nicht schon wusste. Aber ich glaube es jetzt.“

VA

Travel Diary: Der Jakobsweg von León bis Santiago de Compostela (Teil 1)

Tag 1: León – Villar de Mazarife (20,7km)

„Ich will doch gar nicht alleine sein. Ich will doch gar nicht über 300km wandern.“

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Ich war nervös. Ziemlich nervös. Als ich nach einem Tag in León von meinem Airbnb aus startete. Die Ungewissheit war es, die mich verunsicherte.
Ich sah bereits untertags viele PilgerInnen in der Stadt. Sie waren überall, wirkten alle sehr positiv. Diese ganzen Leute wussten schon, was sie am nächsten Tag erwarten würde. Das Einzige was ich sicher wusste war, dass ich von León ca. 20km weiter nach Villar de Mazarife gehen würde. Wo auch immer das war.
In der Nacht schlief ich kaum. Es war eine Mischung aus unbequemem Bett, Nervosität und der Angst zu lang zu schlafen, die mich wach hielt.
Um 07:40 Uhr war ich dann bereit. Die Füße an allen gefährlichen Blasen-Stellen eingetapet und sehr motiviert. Der Weg von meiner Unterkunft aus war gut markiert und nicht zu verfehlen. Bereits auf den ersten paar Metern hupte und winkte mir ein Autofahrer zu. In diesem Moment fühlte ich mich zum ersten Mal offiziell als Pilgerin. Denn jeder grüßt die PilgerInnen. Alle wünschen ihnen einen „Buen Camino!“.
Einige waren ziemlich schnell unterwegs und ich musste mich daran erinnern, dass ich mir vorgenommen hatte am ersten Tag nicht gleich los zu sprinten. Ich ging also ein mäßiges Tempo. Nicht sonderlich schnell, nicht sonderlich langsam. Ich machte keine Pause, weil ich das Gefühl hatte ‚das macht hier eh keiner‘ und es wäre eh easy.
Ich war bereits um kurz vor 12 bei der Herberge, checkte in mein 4er-Zimmer ein und fragte mich ziemlich bald, was ich denn hier nun den ganzen Tag machen sollte. Zwei meiner „Mitbewohnerinnen“ legten sich gleich einmal schlafen. Ich war aber nicht wirklich müde, beschloss nach dem Duschen dem Mini-Supermarkt einen Besuch abzustatten und war von der Auswahl eher enttäuscht. Zurück in der Herberge war es überall einfach nur kalt und ich wusste nicht wo ich hingehen sollte, um nicht zu frieren. Ich setzte mich in die Sonne, bevor es dann zu regnen begann. Ich kuschelte mich in meinen Schlafsack und fühlte mich ziemlich verloren. Warum genau war ich noch einmal hier? Wieso musste ich schon wieder eine dieser dummen Spontan-Aktionen machen? Ich will doch gar nicht alleine sein. Ich will doch gar nicht über 300km wandern.
Mein Problem ist, dass ich wenn ich mich unwohl fühle, nicht unter Menschen gehe. Ich ziehe mich zurück. Da lag ich also und hinterfragte meine Reise am ersten Abend bereits zum ersten Mal.

Tag 2: Villar de Mazarife – Astorga (31,3km)

„Darum kämpfte ich. Und nichts anderes war es dann auch nur noch. Ein Kampf.“

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Am nächsten Tag standen ca. 11km mehr auf dem Programm. Ich machte mir keine Sorgen, dass ich das nicht schaffen würde. Das einzige Problem das ich sah, war der Rucksack, der zwar eigentlich gar nicht so schwer war, aber trotzdem ziemlich auf die Schultern drückte. Ich fragte mich, wie das alle anderen machten.
Um exakt 06.39 Uhr war ich bereit für den Aufbruch. Am Morgen war ich auch noch sehr gut gelaunt. Ich mag diese Morgenstimmung generell sehr gerne. Es schwingt dieses „Alles ist möglich!“ mit.
Alles war möglich. Und ich war auf dem Weg.
Irgendwann auf der Strecke traf ich einen netten älteren Mann. Wir gingen gemeinsam ein längeres Stück und durch ihn erfuhr ich auch was es mit meinem Rucksack-Problem auf sich hatte. Ein paar Handgriffe später und ich fragte mich, wie man so bescheuert sein konnte, den Rucksack so sehr falsch zu tragen. Der Unterschied war enorm. Hätte ich Ed nicht getroffen, hätten meine Schultern wohl ziemlich schnell aufgegeben.
Nachdem er in einem kleinen Ort beschloss eine Herberge aufzusuchen, ging ich noch weiter. Das Tagesziel war für mich noch nicht erreicht. Schon bald kam mir der Weg endlos vor. Ich ging weiter und weiter.
Kurz vor dem Ziel traf ich auf eine Frau aus Australien, die sich auch noch die letzten Meter bis zum Ort hinauf kämpfte. Ich unterhielt mich mit ihr und sie erzählte mir, sie würde nicht in Herbergen schlafen, sondern habe bereits im Voraus Hotels gebucht. Es wäre ihr sonst zu viel „unknown“ auf einmal gewesen. Ich bewunderte sie dafür. Weil es heißt, dass es sie sehr viel Überwindung gekostet hatte hier alleine her zu kommen. Und trotzdem hat sie es getan. Auf ihre Art.
Der Weg endete schlussendlich doch noch. Im wunderschönen Astorga. Die Herberge war schnell gefunden. Wieder ein 4er-Zimmer. Wieder war es in der ganzen Herberge furchtbar kalt und ungemütlich. Ich schlenderte ein wenig durch die Stadt, kaufte Essen, setzte mich in die Küche zu den anderen, um dieses Mal nicht wieder den Fehler zu machen ganz alleine zu bleiben. Aber wieder fühlte ich mich nicht richtig wohl. Und mir war kalt. Richtig kalt.
Die Füße waren zu diesem Zeitpunkt zwar sehr müde, aber noch den Umständen entsprechend ganz okay. Lediglich am rechten Knöchel spürte ich ein bisschen einen Schmerz und merkte, dass er anschwoll.

Tag 3: Astorga – Foncebadón (25,3km)

„No pain, no glory.“

jakobsweg foncebadon spanien

Wieder lag eine Nacht mit schlechtem Schlaf hinter mir. Die Stockbetten, der Schlafsack, die Geräusche der anderen – obwohl es bis dahin nur 4-Bett-Zimmer waren: Ich kam nicht wirklich damit klar. Ich wachte in der Nacht unzählige Male auf und war auch schon eine Stunde vor dem Wecker um halb 6 hellwach. Nach einem kleinen Frühstück ging es weiter. Wieder diese wunderschöne Morgenstimmung. Positive Gedanken. Leider spürte ich jedoch schon zu Beginn, dass die Gegend am Knöchel nicht so war, wie sie sein sollte. Der stechende Schmerz wurde dann auch noch stärker und stärker.
Eine Strecke ging ich mit einem jungen Australier, mit dem ich mich sehr gut unterhielt. Das Reden rückte die Schmerzen ein wenig in den Hintergrund. Danach waren sie jedoch wieder voll da. Inzwischen nicht mehr an der ursprünglichen Stelle am Knöchel, sondern auch am anderen Fuß.
In dem Ort vor meinem Etappenziel hätte ich eigentlich schon bleiben können. Ich wollte aber nicht. Das war so typisch ich. Wenn ich mir etwas vorgenommen hatte, musste es genau so passieren. Alles andere war nicht vertretbar. Darum kämpfte ich. Und nichts anderes war es dann auch nur noch. Ein Kampf. Ich gegen diesen unerträglichen Schmerz.
Ich fragte mich, wann ich jemals bisher solche Schmerzen gehabt hatte. Mir fielen die zwei starken Blasenentzündungen ein. Sonst aber nichts. Ich glaube was mindestens genauso sehr schmerzte wie der physische Schmerz war die Realisation, dass es Grenzen gab. Auch für mich. Dass ich nicht alles erzwingen konnte. Dass auch ich mir vielleicht einmal eingestehen musste: „Ich kann nicht mehr.“ ‚Aufgeben‘ wäre das für mich gewesen. ‚Vernünftig sein‘ vielleicht für andere.
Im beginnenden Regen hatte ich es dann tatsächlich geschafft. Ich war oben auf diesem Berg. Ging zur Herberge, aber freute mich nicht einmal so richtig. Ich musste auf den letzten Metern fast erbrechen. Ich fühlte nur noch Schmerzen, ich fühlte mich allein, stinkend, durchnässt und mir fiel beim besten Willen kein Grund ein, warum ich mir das Ganze überhaupt antat. Für mich war es ein Albtraum, in dem ich gefangen war und ich wollte nur noch Eines: nach Hause.
Das einzige freie Bett in der Herberge war direkt neben der Tür in einem Schlafsaal mit 25 Leuten auf einem furchtbar instabilen Stockbett und mit einer dreckigen Matratze. Ja, eindeutig, ich war gefangen in einem Albtraum.
Ich telefonierte mit meiner Mum und sagte ihr, dass ich das Ganze hier nicht sonderlich lustig fand und brauchte eine ganze Weile, um mich selbst wieder zu beruhigen und aus diesem Loch der Verzweiflung heraus zu holen.
Ich organisierte mir dann etwas, um die Schwellungen an meinen Füßen zu kühlen. Einer der Besitzer der Herberge sah sich die Füße an und meinte ganz klar: Sehnenentzündung. Er holte eine selbstgemachte Creme, massierte meine Füße. „No pain, no glory.“, sagte er. Und ich werde genau diesen Satz in dieser Situation wohl nie wieder vergessen.
Es tat gut, dass jemand da war, der sich um mich kümmerte. Und obwohl ich mich normalerweise wieder mit meinem Elend verkrochen hätte, beschloss ich dieses Mal genau das Gegenteil davon zu tun. Ich wollte am Gemeinschafts-Abendessen teilnehmen und das war die beste Entscheidung überhaupt.
Ich lernte zwei nette Schwedinnen kennen, das Essen war hervorragend und danach wurde auch noch Gitarre gespielt und gesungen. Genau so etwas liebe ich. Genau so etwas hatte ich gebraucht, um wieder Hoffnung zu schöpfen. Ich konnte meinen linken Fuß zwar nicht einmal belasten und auch der andere tat weh. Ich konnte zwar in diesem riesigen Schlafsaal wieder gar nicht schlafen, aber ich fühlte mich immerhin nicht mehr einsam. Ich war nicht mehr so sehr in Abbruchs-Stimmung.

Tag 4: Foncebadón – Ponferrada (27,1km)

„Wieder fragte ich mich, wie ich so bescheuert sein konnte mich so zu quälen. Das macht doch keiner.“

jakobsweg spanien

Ich hatte beschlossen für diesen Abend ein Hotelzimmer zu nehmen. Das Günstigste das es gab, aber ich brauchte einfach endlich einen Ort, an dem ich auch wirklich schlafen konnte. Die Müdigkeit machte meine Stimmung nämlich nicht unbedingt besser.
Die Aussicht auf ein eigenes Zimmer ohne laute Menschen war für mich der einzige Hoffnungsschimmer, an einem Tag, an dem ich bereits nach fünf Schritten merkte, wie schlecht es meinen Füßen ging. Wieder der Moment der Realisation der eigenen Grenzen. Und ich hätte am liebsten los geheult. Ich wollte das hier schaffen. Und es fehlte auch nicht an der Kraft oder der Kondition oder an sonst irgendetwas. Es waren einfach nur die Füße, die laut schrien: „Nein, es geht nicht!“. Und ich immer wieder: „Doch, es geht!“. Zwar langsam, wirklich langsam, aber es geht!
Ich traf eine deutsche Frau, die auch eher gemütlich unterwegs war und es ergab sich, dass wir ein sehr langes Stück gemeinsam gingen. Ich hatte das Gefühl, wir taten uns gegenseitig gut. Ich hatte das Gefühl, wieder einmal die richtige Person zur richtigen Zeit getroffen zu haben. Sie war auch alleine unterwegs und schien das Bedürfnis haben zu reden. Während ich an dieser Stelle unglaublich froh war, jemanden getroffen zu haben, der in meiner Geschwindigkeit ging und mich zudem wieder vom Schmerz ablenkte.
Immer mehr stellte ich fest, wie interessant diese Frau war. Trotz des großen Altersunterschieds war es durch und durch eine Begegnung auf Augenhöhe. Ich konnte aus den Gesprächen mit ihr sehr viel mitnehmen und bin froh sie getroffen zu haben. Wir verabschiedeten uns in dem Ort, in dem sie übernachtete und vermutlich werden wir uns nie wieder sehen. Aber trotzdem, oder vielleicht gerade deshalb, sind diese Begegnungen auf dem Weg so besonders. Solche Gespräche würden im „normalen Leben“ mit einer fremden Person wohl niemals so schnell zustande kommen.
Von da an bis nach Ponferrada war es dann wieder nur noch ein Kampf. Wieder fragte ich mich, wie ich so bescheuert sein konnte mich so zu quälen. Das macht doch keiner. Die letzten paar Meter bis zum Hotel waren die reinste Tortur. Ein Kampf von Körper gegen Geist. Jeder Schritt bestand nur noch aus 3 Zentimetern -ich übertreibe nicht. Als ich dann dort war, fragte ich mich, wie ich diesen langen Weg zurück legen hatte können. Noch am Abend zuvor war ich nur in der Lage gewesen zu humpeln.
Eines war für mich an diesem Abend jedoch klar: So konnte es nicht weitergehen. Den ganzen Tag nur leiden. Das bringt nichts.

Tag 5: Ponferrada – Villafranca del Bierzo (25km)

„Schlussendlich beschloss ich dann für mich, dass die Schmerzen in zwei Tagen weg sein würden. Und glaubte daran.“

Ich hatte endlich gut geschlafen. Ich ging los und nach ein paar Schritten wieder die Verzweiflung. Wieder Schmerzen. Ich ging langsam. Sehr, sehr langsam. Ihr wisst ja, aufgeben kam für mich nicht in Frage. Und wenn man das nicht will, dann muss man wohl oder übel Wege finden, um Kompromisse einzugehen.
Bereits im Hotel hatte ich eine kanadische Gruppe getroffen, die mir auch den ganzen Tag über wieder begegnete. Sie waren unglaublich nett und ich legte mit ihnen eine kleine Pause ein.
Irgendwann bemerkte ich, dass ich eigentlich ganz dankbar sein sollte. Dankbar dafür, dass ich gezwungen war langsam zu gehen. Wäre ich den ganzen Weg nur ohne Pausen durch gerannt, hätte mir das Ganze sicher nicht viel gebracht. Aber so machte ich die Pausen, ich genoss die Landschaft, ich gönnte mir ein gemütliches Frühstück, eine Cola auf dem Weg. Es war kein reines Leiden mehr. Auch wenn da trotzdem noch Schmerzen waren.
Immer mehr versuchte ich trotz allem einfach positiv zu sein. Schlussendlich beschloss ich dann für mich, dass die Schmerzen in zwei Tagen weg sein würden. Und glaubte daran. Das gab mir Kraft. Kraft, die ich dringend brauchte.

Tag 6: Villafranca del Bierzo – La Faba (22,9km)

„Die Freude darüber, dass ich endlich angekommen war. Nicht am Ziel. Am Weg.“

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Mit einem positiven Gefühl startete ich in den Tag. Die Strecke war dieses Mal zwar nicht so schön, aber ich hatte zumindest nicht schon am Morgen Angst ich könnte den Weg aufgrund der Schmerzen nicht schaffen. Das letzte Stück war dann im Wald und es ging ziemlich steil bergauf. Bergauf kann ich gut, bemerkte ich in diesem Moment. Und zum ersten Mal seit zwei Tagen überholte ich doch tatsächlich mühelos andere Leute.
In der Herberge bekam ich glücklicherweise das letzte freie Bett und auf die Frage nach der Teilnahme am Gemeinschafts-Essen beantwortete ich sofort mit „JA!“.
Schon vor dem Essen überkam mich dann diese große Freude. Die Freude darüber, dass ich da war. Die Freude darüber, dass ich endlich angekommen war. Nicht am Ziel. Am Weg. Und die Freude darüber, dass ich mir sicher war, dass ich alles, wirklich alles, schaffen konnte.
Das 3-Gänge-Menü inklusive Wein war fantastisch und auch die Gesellschaft wieder toll. Man trifft hier so viele wunderbare Menschen und es herrscht einfach eine ganz eigene Atmosphäre, in der jeder mit jedem so umgeht, wie es eigentlich immer und überall passieren sollte. Es gibt hier keine komischen Fremden. Jeder ist im wahrsten Sinne des Wortes ein Wegbegleiter.
Wir saßen dann danach auch noch länger draußen und genossen den Abend mit leckerem Wein. Ich konnte in dem 10-Bett-Zimmer zwar wieder nicht schlafen. Aber ich war glücklich. Und zum ersten Mal wusste ich auch ganz sicher: „Das hier, diese Reise, ist das Allerbeste, was du zum jetzigen Zeitpunkt machen hättest können!“

VA