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Nicole (20) – Mein Leben mit Borderline, Schizophrenie und Asperger

In der Reihe „Diagnose: Mensch.“ erzählen Betroffene von psychischen Erkrankungen ihre Geschichte. Die Einleitung und den ersten Beitrag findest du hier

 

Nicole (20)
„Denn ich habe lange genug versucht, wie alle anderen zu sein. Ich möchte einfach ich sein. Egal wie seltsam ich auch bin.“

 

Die Erkrankung, die ich schon am längsten habe ist die Schizophrenie. Die wurde festgestellt, als ich 10 Jahre alt war. Damals habe ich das alles abgetan als normale Fantasie. Doch dann wurde es schlimmer. Ich begann Leichen zu sehen und wahrhaftige Monster, ich konnte nicht schlafen und hatte vor allem Angst. Und ich hörte Stimmen. Schizophrenie ist für mich, als wäre der Teufel in einem Selbst. Es fühlt sich an, als hätte sich mein Körper gegen mich verschworen. Aber manchmal ist es auch so, dass mich das „Monster“ in meinem Inneren versteht. Oft rede ich tagelang nur mit ihm. Schizophrenie ist für mich nicht immer schlecht.

Die Borderlinestörung habe ich zum ersten Mal wirklich bewusst wahrgenommen, als ich mir bereits meine Arme und Beine aufgeschnitten habe und mich bewusst umbringen wollte. Damals war ich 14 und bin gerade sexuell belästigt wurden. Ich kam in die Klink. Da wurde ich mehreren Tests unterzogen, die schließlich alle Borderline ergaben. Meine Borderline Störung ist für mich eine seltsame Angelegenheit. Mein Körper ist manchmal mein ärgster Feind und dann wieder mein bester Freund. Manchmal ist es wie ein Kurzschluss im Kopf, der einen verrückt macht.

Die Asperger-Autismus Diagnose habe ich erst seit kurzem. Sie wurde während meiner ambulanten Therapie diagnostiziert. Ich habe es an meinem sehr schlechten Sozialverhalten gemerkt. Ich habe kaum bis gar kein Verständnis für Dinge, die in meinem Alter ganz normal sind. Für mich ist Asperger ein Zeichen von wahrer Besonderheit. Es ist zwar anstrengend, aber dennoch lohnenswert. Denn Asperger hat mich oft beschützt, mich Menschen einfach so an den Hals zu werfen.

Mein Alltag gestaltet sich oft schwierig, da ich manchmal nicht weiß, in welcher Stimmung ich heute sein werde. Wenn ich in guter Stimmung bin, kann das auch schnell mal umschlagen und ich bin sofort aggressiv und verletzend. Aber wenn ich dann meinen Verlobten um mich habe, weiß ich, dass er mir helfen kann. Er bietet in diesen unsicheren Zeiten einen unvergleichlichen Schutz, auf den ich niemals mehr verzichten möchte. Manchmal ist es so, dass ich voller Tatendrang bin und am liebsten alles sofort erledigen möchte. Aber dann gibt es wiederum Tage, an denen ich noch nicht einmal aufstehen kann.Wenn es mir halbwegs gut geht, kann ich sogar für ein paar Minuten außerhalb der Arbeit mit Menschen umgehen. Aber meistens habe ich Angst vor ihnen.
Beziehungen sind auf vielen Ebenen schwer. Zu meinen Eltern habe ich ein gutes Verhältnis, auch wenn ich manchmal sehr bösartig auf scheinbar harmlose Dinge reagiere. Ich bin seit kurzem erst geschieden, nachdem ich 2 Jahre lang von meinem Ex nur geschlagen und misshandelt wurde. Einen Job habe ich auf den normalen Wegen nicht gefunden, aber eine sehr liebe Betreuerin des Arbeitsamtes hat mich schließlich in eine Ausbildung für Menschen mit psychischen Erkrankungen eingliedern können. Dort lerne ich den Beruf der Mediengestalterin und habe dabei verlässliches Betreuungspersonal an meiner Seite. Auch später werde ich diese Betreuung haben, denn ich gelte als behindert und kann nicht wie andere Menschen arbeiten.

Durch meine Asperger Störung habe ich eine Inselbegabung. Das heißt, dass ich auf einem Gebiet besonders begabt bin. Das ist bei mir die Sprache. Ich habe einen sehr hohen IQ und das merkt man auch. Leider, muss ich dazu sagen. Denn durch mein Verhalten und meine Wortwahl gelte ich als arrogant und bin selbst auf der Arbeit unbeliebt. Aber das macht mir nichts aus. Denn ich habe lange genug versucht, wie alle anderen zu sein. Ich möchte einfach ich sein. Egal wie seltsam ich auch bin.
Gefühle sind oft Mangelware bei mir. Aber wenn sie mal auftreten, dann heftig und mit allen Facetten. Oft führt das auch dazu, dass ich mich vor lauter Stress selbst verletzen muss. Für solche Situationen habe ich immer ein Buch bei mir. Ebenso mein Smartphone, um mir alles genau aufzuschreiben, damit ich es später mit meiner Therapeutin durchsprechen kann.

Seit 7 Jahren bin ich in Therapie – heute bin ich 20. Es hilft mir sehr, wenn ich Ratschläge bekomme, wie ich mit  mir selbst und den Menschen da draußen umgehen kann. Ich habe mich früher oft selbst verletzt. Wollte sterben, um endlich die Menschen von der Qual meines Daseins zu befreien. Wenn ich frische Narben habe, dann ziehen die Eltern ihre Kinder immer weg und schauen mich böse an. Das ist sehr verletzend.
Mit Mobbing wurde ich in der Schule auch oft konfrontiert. Das waren scheußliche Sachen, die tief in der Seele weh tun.
Heute verletze ich mich ab und zu immer noch selbst, aber es ist sehr viel besser geworden. Ich habe meinen Verlobten, der mich versteht und mich nimmt wie ich bin. Und ich habe eine Familie, die immer hinter mir steht.

Wenn ihr auch betroffen seid, ist mein Rat für euch: Niemals aufgeben. Niemals Nachgeben. Kämpft um euer Leben.

 

Nicole schreibt auf dem Blog: nicolelostinbooks

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Anni (22) – Mein Leben mit Depression und Sozialphobie

In der Reihe „Diagnose: Mensch.“ erzählen Betroffene von psychischen Erkrankungen ihre Geschichte.
Die Einleitung und den ersten Beitrag findest du hier.

 

Anni (22)
„Nach dem Aufwachen habe ich meist starke Schuldgefühle und fühle mich wie eine Versagerin. Der Wille zum frühen Aufstehen ist da, aber ich schaffe es einfach nicht. Es ist, als ob ich in meinem eigenen Körper gefangen bin.“

 

Einen konkreten Zeitpunkt oder Auslöser gab es eigentlich nicht. Ich hatte eine relativ schwierige Kindheit. Seit Beginn der Pubertät fühlte ich mich dann so wie die meisten in meinem Alter – hässlich, fett und ungeliebt. Richtig schlimm wurde es dann nach dem Tod meiner Oma. Da war ich 18 und hatte zum ersten Mal Selbstmordgedanken. Es war eine furchtbare Zeit für mich. Nachts konnte ich nicht schlafen, tagsüber fühlte ich mich schlapp, unnütz und konnte mich zu nichts aufraffen. Ich verbrachte sehr viel Zeit in Online-Communities, die ich vor allem zum Chatten mit anderen Depressiven nutzte. Im Nachhinein kann ich sagen, dass mir dieser Austausch sehr geholfen hat. Auch weil ich im realen Leben keine Freunde hatte.

Damals hatte ich schon die Vermutung, dass ich krank bin, wurde von meinem Umfeld jedoch nicht ernstgenommen. Durch meine starke Sozialphobie war es mir auch unmöglich, Therapeuten anzurufen.
Auf Empfehlung der Psychologin meiner Uni wagte ich mich schließlich nach dem Tod meiner Mutter zu einer Therapeutin, bei der ich seitdem in Behandlung bin. Da war ich 20 Jahre alt. Sie diagnostizierte mich mit Depression und Sozialphobie.

Die Symptome meiner Depression bestehen vor allem aus Antriebsstörungen. Das muss man sich so vorstellen, dass ich hin und wieder morgens nicht aus dem Bett komme. Auch wenn ich früh genug ins Bett gegangen bin, geht es einfach nicht. Ich stelle dann meistens den Wecker aus und schlafe bis mittags. So verschlafe ich Unterrichtsstunden, Arzttermine und Vorlesungen. Nach dem Aufwachen habe ich meist starke Schuldgefühle und fühle mich wie eine Versagerin. Der Wille zum frühen Aufstehen ist da, aber ich schaffe es einfach nicht. Es ist, als ob ich in meinem eigenen Körper gefangen bin.
Des Weiteren leide ich unter unbegründeten, negativen Gedanken. Damit meine ich zum Beispiel Versagensängste und plötzliche Stimmungsumschwünge, die wie aus dem Nichts zu kommen scheinen. In letzter Zeit kommen auch noch Aggressionen dazu, unter denen ich sehr leide.

Meine Sozialphobie habe ich inzwischen gut im Griff. Darunter versteht man Angst vor sozialen Situationen. Während meiner Schulzeit war ich immer „die Stille“ und traute mich nicht, mich im Unterricht zu melden. Referate waren der reinste Horror für mich. Ich zog mich immer zurück. Einkaufen, telefonieren, Small Talk – was für andere Menschen zum Alltag gehört, konnte ich nicht ohne starkes Herzklopfen und Zittern und drückte mich daher meistens davor. Seit ich studiere und lernen musste, selbstständig zu sein, ist es jedoch sehr viel besser geworden. Viele meiner Probleme habe ich überwinden können.

Medikamente kommen für mich als Therapie nicht in Frage. Sehr oft wähle ich jedoch den Weg der Verdrängung: Ich stürze mich in Arbeit. Früher kam noch das Lesen dazu, heute ist es der Computer. Zudem mache ich eine tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie. Dabei wird tief ins Innere des Patienten geguckt und versucht, in seiner Vergangenheit Gründe und Auslöser für seine heutigen Symptome zu finden. Das ist teilweise nicht so schön, da dabei auch viele negative Erinnerungen hochkommen. Als gut empfinde ich jedoch die Betreuung von meiner Therapeutin. Anfangs kam ich mit ihrer distanzierten, professionellen Art nicht klar, doch inzwischen kann ich damit gut umgehen.

Depression und Sozialphobie sind zwei ernstzunehmende Krankheiten. Ich würde mir wünschen, dass die Gesellschaft aufhört, sie zu verharmlosen. Ich will auf gar kein Fall Mitleid, aber ich hätte gerne, dass man verständnisvoll mit mir umgeht, wenn ich Hilfe brauche.
Was ich auch überhaupt nicht leiden kann sind Sprüche wie „Stell‘ dich nicht so an!“. Das zeigt nur, wie wenig sich jemand Gedanken darüber gemacht hat was meine Krankheit überhaupt bedeutet. Viele meinen ich bin halt traurig. Sie verstehen nicht, dass ich krank bin.

Wenn ihr auch betroffen seid, dann scheut euch nicht Hilfe in Anspruch zu nehmen. Depressiv bzw. sozialphobisch zu sein ist nichts wofür man sich schämen muss.

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Vom Suchen und gefunden werden

Da ich dieses Jahr Teil der Osterparade von und mit einigen österreichischen Bloggerinnen bin, soll der heutige Beitrag einen Bezug zum nahenden Osterfest haben.

Nun wurde mein Bastel-Talent in der Kindheit zwar als äußerst vielversprechend eingeschätzt, ist dann aber irgendwie im Kokon stecken geblieben und hat sich leider nicht zum prächtigen Schmetterling entwickelt…
Nun backe ich zwar (wenn ich es tue) gut und gerne, nur leider habe ich gestern beim Versuch einen eher speziellen Kuchen zu backen die Kenwood meiner Mum zum Rauchen, Stinken und Ableben gebracht (sie wurde aber reanimiert – thank god)…

Ich weiß jetzt wann und wo das doofe Sprichwort „Schuster, bleib bei deinen Leisten!“ tatsächlich Sinn macht. Weshalb ich genau das tue und einfach „nur“ schreibe.
Weil wir an Ostern Dinge verstecken, sie suchen und dann finden.
Weil ich trotz Google den Sinn/Ursprung des Brauchs immer noch nicht ganz verstanden habe, aber für euch heute eine besondere Geschichte zum Thema „suchen und gefunden werde“ zu erzählen habe und gerne meine Gedanken dazu mit euch teile.  

Er war 7. Vielleicht auch erst 6 und was die Erwachsenen da so lange über ihn redeten, langweilte ihn. Es war ihm generell ein Rätsel wieso er überhaupt hier war. Bei dieser Frau, die so intensiv die Aufmerksamkeit seiner Mutter in Anspruch nahm und bei dieser zweiten, jüngeren Frau, die daneben saß. Aber immerhin schien diese bereit zu sein mit ihm zu spielen. Und obwohl er die Frau erst seit 5 Minuten kannte, begann er langsam sich mit ihr vertraut zu machen und seine Optionen auszutesten. Nicht lange dauerte es, bis er sich für sein liebstes Spiel entschied.
„Ich verstecke mich und du stehst da.“, sagte er und positionierte mich mit dem Gesicht zur Wand.
„Du zählst bis 10 und dann suchst du mich.“
Er sah mich von unten mit seinen vor Aufregung leuchtenden Augen an und hüpfte nervös auf und ab.
„Also, los geht’s!“
Ich hörte wie er mit seinen kleinen Füßen davon tapste, zählte langsam bis 10 und drehte mich dann um. Obwohl ich sein Versteck natürlich sofort entdeckt hatte, begann ich zuerst an den unwahrscheinlichsten Stellen zu suchen. Im Mülleimer. In der Schublade. Unter der Couch. Aber mein kleiner neuer Freund konnte nicht ruhig bleiben, gab Laute von sich und rief schon nach den ersten 10 Sekunden meiner Suche: „Hier bin ich. Ich bin doch hier!“. Man merkte auf Anhieb, wie wichtig es ihm war auch wirklich gefunden zu werden. 
Umso größer war die Freude, als ich tatsächlich sein Versteck entdeckte und ihn erkannte. Ein Strahlen über das ganze Gesicht. Gequietsche. Die Aufforderung sofort noch einmal zu spielen.
Wir wiederholten das Spiel gefühlte 50 und reale 20 Mal. Während ca. die ersten 10 Mal nach dem gleichen Schema abliefen wie der erste Durchgang, war es erstaunlich zu beobachten, wie er nach und nach an Sicherheit gewann. Die Sicherheit, dass ich ihn immer finden würde. Die Sicherheit, dass er nicht verloren gehen würde. Die Sicherheit, dass er schlussendlich immer gesehen und erkannt werden würde. 
Gegen Ende unserer „Spielphase“ gab es keine nervösen „Hier bin ich doch!“-Rufe mehr. Er ertrug das Verstecktsein. Er ertrug das Stillsein, das Alleinsein. Denn er hatte Vertrauen gefasst. Vertrauen darin, dass er nicht im Stich gelassen werden würde.

Wir wollen alle gefunden werden. Erkannt für das was und wer wir in unserem tiefsten Innern sind.
Gerade gestern habe ich ihn wieder gehört. Den Satz: „Ich suche jetzt nicht mehr, ich lasse mich finden.“
Ich erkenne darin fast schon konstruktivistische Züge. Es erinnert mich an: „Wenn ein Baum im Wald umfällt, und keiner hört es, gibt es dann ein Geräusch?“
– „Bin ich auch wenn ich einfach nur bin, oder nur wenn ein anderer mein Sein wahrnimmt?“

Im besten Fall können wir alleine sein. Im besten Fall genügen wir uns selbst. Sind wir selbst unser Freund. Aber letzten Endes sind wir alle soziale Wesen. Sich nach Liebe sehnende Wesen. Wir brauchen das Miteinander, das Füreinander und gewisse Facetten unseres Selbst lernen wir erst im Umgang mit anderen kennen.
Wir müssen nicht von allen gefunden werden. Manchmal reichen auch drei. Oder zwei. Einer.
Einer der uns sagt: „Ich sehe dich. Ich habe dich gefunden. Egal wie oft du dich verkriechst. Egal wo du dich versteckst. Ich lasse dich nie dort zurück. Ich finde dich. Immer.“

„You found me
When no one else was lookin‘
How did you know just where I would be?
Yeah, you broke through
All of my confusion
The ups and the downs
And you still didn’t leave
I guess that you saw what nobody could see
You found me.“
Kelly Clarkson – „You found me“

 VA

Alle Teilnehmerinnen der Osterparade im Überblick (20.03.-27.03):

Sonntag

Jasmin von Mary Jay und Jasmin von Viennalicious

 
Montag

Caro von Gute Güte und Lina von Glittery Peonies

 
Dienstag

Sonja von Ginger in the Basement und Alicja von duftlos

 
Mittwoch

Katii von Süchtig nach, Martina & Elisabeth & Marjorie von Vienna Fashion Waltz und Trixi von Amigaprincess

 
Donnerstag

Heli von Lavender Province und Jasmin & Beatrice von Jatrice

 
Freitag

Valeria Anna von valeriannala und Nelli von ELLEUNDSPEICHE

 
Samstag

Sonja von Cupcakes&Balloons und Vanessa von Vrban Diaries

 
Sonntag

Melli Seltmann von SIEMUND und und Corinna von wingsaregolden

Sebastian (26) – Mein Leben mit Depression

Heute geht es mit dem zweiten Teil der „Diagnose: Mensch“-Reihe weiter. Sebastian spricht über seine Geschichte mit Depressionen. Die Einleitung und den ersten Teil der Reihe findet ihr hier.

 

Sebastian (26)

„In solchen Situationen fühlt man sich komplett hilflos, weil einem genau diese Sachen vorgehalten werden, die man doch eigentlich selbst loswerden möchte und wofür man aber Unterstützung brauchen würde, weil man es alleine gerade nicht schafft.“

 

Wirklich gemerkt habe ich davon selbst zuerst nichts. Mir war schon bewusst, dass ich irgendwie immer nur eine gedrückte Stimmung hatte, die sich nie wirklich anheben ließ. Mit den Anfängen fielen damals auch meine Leistungen in der Schule ab. Man nannte das dann Faulheit und sagte ich hätte ja immer nur schlechte Laune. Aber dass da etwas nicht zu stimmen schien, konnte und wollte mir keiner sagen.
Da ich die Schuld für das alles an einem bestimmten Ereignis festmachte, habe ich mich anfangs nur noch zurückgezogen und mir dadurch eine Grube gegraben, aus der ich nicht mehr von alleine heraus kam. Und da ich damals dann keine Freunde mehr hatte, konnte ich auch mit niemanden so richtig darüber reden. Also fraß ich alles in mich hinein und mied andere Leute, weil ich immer die Angst hatte, ich kann niemandem vertrauen und man würde mich dann doch nur weiter verletzen.

Durch Zufall habe ich eine Person kennen gelernt, die ebenfalls diesen Leidensweg durchmachen musste und mit der ich immer noch darüber reden kann, wenn es mal wieder soweit kommt, dass ich in ein Tief falle. Ich versuche zwar sehr viel alleine zu kämpfen, aber ich bin aktuell trotzdem noch nicht soweit, dass ich sagen kann, dass ich das alleine schaffe.
Manche Leute sagten mir, ich solle doch zum Arzt gehen. Ja, das könnte ich machen, aber leider bin ich immer noch durch diese ganzen Vorurteile gebremst. Vorurteile die da heißen, dass man sich das doch alles einbilden würde und dass man damit nicht zu einem Arzt geht. Warum auch? Der Arzt würde einem auch nicht helfen können, und man sei dann ein Fall für eine psychiatrische Einrichtung, man sei also geisteskrank. Da haben wir es doch schon -es ist eine Erkrankung des Geistes. Aber anstatt dem gegenüber eine offene und respektvolle Haltung einzunehmen, wird man dann gleich ins schlechte Licht gerückt.

Ich bin kein Mensch, der wegen jeder Kleinigkeit zum Arzt geht. Depressionen wurden mir als solche Kleinigkeiten vermittelt. Ich bin ja eh nur schlecht drauf, sagen alle. Mir würde es eigentlich schon reichen, wenn das Thema um diese Krankheit nicht länger totgeschwiegen wird. Ich würde mir wünschen, dass die Leute verstehen, was diese Krankheit mit einem Menschen anstellt und wieso man den Betroffenen oft auch gar nichts anmerkt.
Es gibt viele Menschen, die meine Erkrankung nicht verstehen. Sie beschweren sich darüber, dass ich immer nur schlechte Laune hätte, nur gereizt sei, immer so traurig schaue und faul sei ich ja sowieso. Solche unreflektierten Vorwürfe sind schon verletzend, weil die Leute nicht wissen, was sie einem damit antun. Sie kippen damit quasi noch mehr Salz in offene Wunden oder reißen gar bereits verheilte Wunden damit wieder auf. In solchen Situationen fühlt man sich komplett hilflos, weil einem genau diese Sachen vorgehalten werden, die man doch eigentlich selbst loswerden möchte und wofür man aber Unterstützung brauchen würde, weil man es alleine gerade nicht schafft.
Man müsse selber klar kommen, das ist dann das, was einem beigebracht wird. Ja, ich habe gelernt, vieles selber zu machen. Aber gleichzeitig übertreibe ich es auch. Ich bin zu einem Einzelkämpfer geworden, der inzwischen nur schwer in einem Team arbeiten kann.

Anderen Menschen mit Depressionen würde ich zuerst einmal einen verhassten Satz mit auf den Weg geben: „Lass den Kopf nicht hängen und schau immer nach vorne.“ Denn ich bin tatsächlich immer mit dem Blick gen Boden rumgelaufen, was mir gar nicht bewusst war. Außerdem möchte ich sagen, dass man ruhig offen mit seiner Erkrankung umgehen sollte, wie man es auch mit einer Erkältung macht. Man sieht einem eine solche Erkrankung nur schwer an, einen Schnupfen kann man dagegen recht einfach erkennen. Redet ruhig darüber wie ihr euch fühlt und über eure Gedanken. Aber passt auf, mit wem ihr wie darüber sprecht. Denn nicht jeder hat entsprechend Verständnis und reagiert vielleicht sogar anders als man es sich wünscht. Und dennoch: man sollte sich nicht wieder in die Ecke drängen lassen, aus der man sich selber mit eigenen Kräften heraus getraut hat.

 

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Anonym – Mein Leben mit Depression

Wenn wir durch die Straßen gehen, sehen wir Menschen. Überall. Wir sehen ihre Kleidung, ob sie dick sind oder dünn. Wir sehen ihre Haare, nehmen ihre Ausstrahlung wahr, hören manchmal ihre Worte, Gesten, ihre Mimik. Doch viele bleiben nur flüchtige Bekanntschaften und bei den meisten sehen wir nicht genauer hin.
Wenn wir von psychischen Erkrankungen hören, dann denken wir immer noch viel zu häufig an Verrückte. Das, was keiner sein will. Das, was eh nur den anderen passiert und einem selbst bestimmt niemals. Das, womit sich keiner beschäftigen will und leider immer noch oft ein großes Tabu-Thema ist. Erst neulich las ich, wie in einer Boulevardzeitschrift ein psychisch kranker junger Mann als „Irrer“ bezeichnet wurde.

Niemand schämt sich für eine Grippe. Die hat man halt. Das erzählt man auch feierlich jedem, weil man dann sogar die Lizenz zum Jammern hat und mit ein wenig Glück eine große Ladung Mitleid abbekommt. Es weiß auch jeder wie eine Grippe abläuft. Was da passiert. Die Zeichen sind körperlicher Natur und man kann damit umgehen. Wahrscheinlich ist es genau das, was vielen Angst macht, wenn es um psychische Erkrankungen geht. Sie entziehen sich unseres Verständnisses. Wir können nicht damit umgehen, weil wir es nicht begreifen können. Da ist es leicht, einfach jedes Mal den Stempel „Spinner“ auszupacken, wenn man damit konfrontiert wird.

Menschen mit psychischen Störungen sind jedoch in erster Linie immer noch eines: Menschen. Und die meisten würden sich wundern, wenn sie wüssten wie viele in ihrem Umfeld tatsächlich unter einer psychischen Erkrankungen leiden bzw. litten.

Es ist mir ein großes Anliegen, dass die Gesellschaft nicht mehr wegschaut. Nicht vor allem schreiend davon rennt was mit „Psycho“ beginnt, weil man ja selbst alles ist, aber bestimmt kein solcher. Es ist mir wichtig, dass Betroffene sich nicht schämen, sondern sich trauen Hilfe zu suchen. Hilfe annehmen können ist eine Stärke – keine Schwäche.
Genau darum möchte ich mit der neuen Reihe „Diagnose: Mensch“ auf meinem Blog die Personen, die hinter einer psychischen Erkrankung stehen hervorheben und ihnen eine Stimme verleihen. Ich hoffe dadurch eine neue Betrachtungsweise von psychischen Erkrankungen in der Allgemeinbevölkerung hervorzurufen, damit eine Basis für weniger Berührungsängste geschaffen werden kann.

Immer wieder einmal werde ich euch Geschichten von Menschen mit psychischen Erkrankungen vorstellen. Den Anfang macht heute eine junge Frau, die gerne anonym bleiben möchte und uns über ihr Leben mit Depressionen erzählt.

 

„Ich möchte nicht anders behandelt werden, ich möchte kein Mitleid. Ich möchte einfach nur in schwierigen Situationen ein bisschen Verständnis haben, das ist alles. Ich habe nichts ansteckendes, lediglich eine Phase der Unruhe mit mir selbst.“

 

Angefangen hat alles damit, dass ich schonlänger bemerkt hatte, dass ich sehr schnell reizbar bin. Ich habe viel geweintund habe mir oft Gedanken darüber gemacht, wieso ich eigentlich noch hier bin. Letztendlich so richtig aufgerüttelt wurde ich jedoch, als mir mein Freund gegen Mai letzten Jahres ein Gespräch „aufgezwungen“ hat. Es hat ihn sehr belastet, dass es mir nicht gut ging und er war sehr besorgt, weshalb er eine Beziehungspause wollte, damit ich einfach Zeit für mich habe und die Sorgen und Probleme nicht in Streiten innerhalb unserer Beziehung austrage.

Ich war anfangs wirklich schockiert über die Tatsache, dass ich es selbst kaum wirklich gemerkt hatte, wie schrecklich ich zu mir selbst und insbesondere zu den Menschen war, die ich liebe. Ich habe mich erst einmal eine Weile verkapselt, bin dann, als es mir besser ging, wieder mit Freunden weg gegangen und habe die Beziehung gemeinsam mit meinem Freund wieder aufgebaut. Dieser gesamte Aufbauprozess, gefühlt nochmal von 0 anzufangen, hat mir sehr geholfen und ich weiß jetzt umso mehr, wie wichtig es ist zu reden, reden, reden.
Ich nehme in besonders anstrengenden Phasen noch Antidepressiva, wie etwa jetzt vor den Abiturklausuren. Sie sind in diesen Zeiten wie eine kleine Krücke.

Wenn ich Personen von meiner Krankheit erzähle, bin ich meistens nur genervt von den Aussagen, wie schlimm das ja sei und wie schade und traurig und ach, ich hätte ja keine Gründe dazu. Die Menschen wissen nicht, wie es in einem aussieht, weshalb ich dem Thema in der Öffentlichkeit meistens aus dem Weg gehe.
Wenn ich die Depression mit 3 Wörtern beschreiben müsste dann wären das: anstrengend, Selbstfindung & Dankbarkeit.

Die Worte sind sicherlich im Widerspruch zueinander, beziehen sich aber generell auf die einzelnen Phasen, die ich mit Depressionen schon durchlaufen bin. Ich habe sicherlich keine der schweren Formen, allerdings war es trotzdem immer sehr anstrengend, wenn ich unzufrieden war, ständig gestritten und geweint habe – nicht nur für mich. Es zehrt an den Kräften und ist ungeheuerlich belastend für alle Beteiligten.
Selbstfindung, weil ich während meiner Therapie mich selbst immer mehr kennengelernt habe – und immer noch kennenlerne. Ich bin zu keinem Psychotherapeuten gegangen, da ich  mich nie wirklich öffnen konnte und starke Probleme damit hatte, an einem fixierten Termin über meine Sorgen und Ängste zu berichten. Ich bin letztlich nur bei meiner Ärztin in Behandlung. Jedoch ist sie wirklich wunderbar und sie gibt mir sehr viel Kraft und hört einem zu. Ich hatte wirklich Glück!
Dankbarkeit deshalb, weil ich gelernt habe, wie viele schöne Dinge das Leben bereithält und wie doof es ist, wenn man diese verpasst weil man sich einigelt, versteckt und mit sich selbst einfach so unzufrieden ist, dass man nicht an die Öffentlichkeit möchte. Ich habe gelernt, umso dankbarer für meine Familie, insbesondere meinen Freund und Freunde zu sein, für die kleinen Dinge und die zweite Chance, die sie mir nach all meinen Hoch- und Tiefpunkten gegeben haben.

Wenn ich anderen Menschen, die auch an Depressionen bzw. depressiven Verstimmungen leiden etwas mit auf den Weg geben kann, dann: Redet, redet, redet mit den Personen, denen ihr vertraut, die euch am Herzen liegen und von denen ihr wisst, dass sie euch verstehen. Ich hätte es ohne meine Familie und meinen Freund niemals geschafft, wäre wohl immer noch ein Kloß in der Ecke, der vor sich hin schimpft und kurz danach in Tränen ausbricht, weil es alles zu viel ist.
Depressionen sind nicht das Ende der Welt. Ich bin ehrlich gesagt dankbar, habe viel besser zu mir selbst gefunden, als ich es sonst wohl getan hätte. Sucht euch die Unterstützung, die EUCH gut tut und nicht die, die andere für gut halten. Es geht bergauf – ganz sicher!

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Was ich in 10 Wochen Kinder- und Jugendpsychiatrie gelernt habe

10 Wochen Praktikum in einer kinder- und jugendpsychiatrischen Praxis und du bekommst mehr Geschichten und Schicksale von Familien mit als du dir vorstellen kannst.
Es war für mich wirklich eine große Bereicherung einen so tiefen Einblick in die Arbeit einer Kinder- und Jugendpsychiaterin zu erhalten. Diese Zeit ging auf keinen Fall spurlos an mir vorbei, weshalb ich an dieser Stelle ein Resümee ziehen möchte.
Was nimmt man mit wenn man so viele Menschen und ihre Krankheitsbilder erlebt? Inwiefern bewegt es einen und welche Gedanken kommen hoch?

Der erste Tag war wie ein Sprung ins kalte Wasser. Wo erlebt man es sonst, dass komplett fremde Menschen in deiner Gegenwart ihre komplette Lebensgeschichte preisgeben? Wo sonst wird einem ein so großer Vertrauensvorschuss entgegen gebracht?
Ich saß mit dabei in jeder Sitzung. Manchmal einfach nur zum Zuhören, manchmal spielte ich mit den Kindern und machte Verhaltensbeobachtungen, manchmal half ich den Patienten mit den Fragebögen. Über die Wochen hinweg habe ich so viele Menschen und ihre Geschichten kennen gelernt, so viel über die Menschheit, aber auch mich selbst nachgedacht wie selten zuvor.

Was ich mitgenommen habe:


Ich will dich einfach nur in den Arm nehmen
Natürlich hatte ich
Mitgefühl mit jedem Kind das zu uns kam. Aus dem einfachen Grund, dass man
wirklich jedem davon wünscht, dass es glücklich in seiner eigenen Haut sein kann. Es gibt jedoch
einige Kinder, die mich innerlich besonders berührt haben.
Herzensgute, liebevolle und kluge Kinder, die bereits in ihren jungen
Jahren mit so viel Schmerz bestraft wurden und der Hilfeschrei direkt
aus ihren Augen abzulesen war.
Bei einem Mädchen war dies sehr stark der Fall. Ich saß ihr gegenüber und während sie so erzählte dachte ich mir: „Ich will dich jetzt einfach nur in den Arm nehmen. Dich
festhalten und dir zeigen, dass du gut so bist wie du bist.“ Und
gleichzeitig wusste ich aber, dass ich das nicht kann, nicht darf. Dass
auch eine Umarmung in so einer Situation nicht das ganze Leid, welches
sich über Jahre hinweg angesammelt hatte wegnehmen konnte, und ich selbst
dafür sowieso nicht die richtige Person war.

Genau dieses Mädchen war auch ein Paradebeispiel für die unglaubliche Stärke, die selbst Kinder schon in sich haben können.

„Ich will einfach nur, dass es weggeht!“, sagte sie immer wieder und sah uns dabei so verzweifelt und gleichzeitig voller Tatendrang an.
Bei
Kindern (besonders bei kleinen) sind es natürlich in erster Linie die
Eltern die sich melden und sich eine Änderung wünschen. Jedoch gibt es
genauso auch Kinder, die selbst einen unglaublichen Willen haben, wovon sich einige
Erwachsene eine Scheibe abschneiden könnten.

Nimm nichts persönlich
Wichtig in der Arbeit mit Kindern bzw. vor allem mit Jugendlichen ist es, nichts persönlich zu nehmen. Pubertäre Anwandlungen können sich nämlich auch -oder gerade besonders- gegen psychiatrisch/psychologisch behandelnde Personen richten. Schließlich will keiner ein „Psycho“ sein.

„Ich bin kein Psycho!“
Erschreckend ist die in der Gesellschaft immernoch weitverbreitete Ansicht, dass jeder der
sich professionelle Hilfe holt „nicht mehr ganz dicht“ und somit zu
verachten ist. Besonders schlimm ist dies dann, wenn sich die 15-jährige
Tochter ritzt, keinen Sinn mehr im Leben sieht, immer wiederkehrende
Selbstmordgedanken hat und die Mutter einem mit „Aber ist das nicht
normal in der Pubertät?“ daher kommt. Es kann gefährlich sein, von allem
davon zu rennen was das Wort „psycho“ beinhaltet, nur weil so viele immer
noch nicht begriffen haben, dass es nichts ist wofür man sich zu schämen
braucht und es vielmehr lobenswert ist, wenn man das eigene Leben oder
das Leben seines Kindes in die Hand nehmen und aktiv verbessern möchte.

Wer ist Schuld? Wer leidet?
„Ich hatte selbst auch ADHS.“
„Na dann hatten Sie es bestimmt auch schwer!“
„Nein, ich eigentlich nicht. Aber meine Mutter!“
Prinzipiell
ist mir aufgefallen, dass es zwei verschiedene Arten von Patienten
gibt. Jene, bei denen man unglaublich viel Mitgefühl für das Kind
empfindet, aber auch jene wo man sich selbst fragt wie die Mutter/der
Vater/die Großmutter/… so stark sein konnte das ganze eigene Leben nach dem
Kind zu richten, ohne dabei selbst komplett durchzudrehen.
Die Gründe
warum ein Kind psychisch erkrankt sind vielfältig. Traumatische
Erlebnisse, ein instabiles Umfeld, mangelnde Ressourcen, eine gestörte
Bindung zur Mutter, jedoch genauso auch nicht wirklich kontrollierbare
Einflüsse wie z.B. genetische Defekte.
Nicht jedes auffällige Kind hat unfähige Eltern. Ich habe genügend liebevolle, besorgte, motivierte und starke Eltern oder Großeltern erlebt. Genauso aber auch das Gegenteil. Mütter, die sich nicht dafür schämen ihre Kinder öffentlich niederzumachen. Mütter mit einer gefühlslosen Härte, die nicht einmal wissen wie man mit dem eigenen Kind spielt. Und warum? Meistens weil sie es selbst nicht anders kennen…
Es gibt viele Einflussfaktoren. Es gibt nicht nur die eine Schublade.

„Du bist damit nicht alleine!“
Wenn man selbst Psychologin und Psychotherapeutin in spe ist, dann weiß man welche Krankheitsbilder es gibt, was die Symptome sind, wie häufig sie vorkommen. Umso mehr ist man dann überrascht wie sehr für die Patienten die einfachen Worte „Du bist damit nicht alleine.“ eine unglaubliche Last von den Schultern nehmen können.
„Was, da gibt es echt auch noch andere Kinder die das haben? Ich dachte ich wäre die Einzige!“
Es
wird mir immer in Erinnerung bleiben, wie überrascht, erleichtert und
aufgeregt sie das sagte und wie wichtig diese neue Information für sie und ihr Selbstbewusstsein war. Manchmal ist für einen selbst etwas ganz logisch, während es für andere eine völlig neue Betrachtung der Dinge bedeuten
kann.

Man kann sie nicht alle retten
Egal wie sehr man es will, man wird niemals in der Lage sein all diese Kinder und Jugendliche von ihrem Leid zu befreien. Man sieht in so viele verzweifelte und gleichzeitig hoffnungsvolle Gesichter. Gesichter, die sich einen Wundertrank wünschen, die glauben ein Besuch bei der Psychiaterin genüge und dadurch lösten sich alle Probleme in Luft auf. Doch egal ob Psychiater, Psychologe, Psychotherapeut oder sonst wer. Wir sind alle nur Menschen. Und das Einzige was man als Mensch in einer solchen Rolle tun kann, ist so viel wie möglich Tropfen auf den brennend heißen Stein zu träufeln, um zumindest so viel zur Besserung der Situation des Kindes beizutragen wie die Umstände es erlauben. Sich auf das konzentrieren was besser wird und nicht auf das was immer noch schlecht und nicht zu ändern ist.



Die kranken Kinder von heute sind die gestörten Erwachsenen von morgen
Dieses Praktikum hat mich sehr darin bestärkt, irgendwann einmal in diesem Feld tätig sein zu wollen. Psychische Erkrankungen sind der Auslöser für so viel Leid auf dieser Welt. Ob dies ein Mann ist, der 150 Menschen in einem Flugzeug mit in den Tod reißt, oder einer der in Graz mitten in der Stadt mit seinem Auto eine Amokfahrt begeht…. Oder aber unzählige IS-Kämpfer, die in ihrem Leben irgendwie nicht richtig landen konnten und den Sinn nun in einer hasserfüllten Terrormiliz gefunden haben…
Wo ansetzen, wenn nicht bei den Kindern? So früh wie möglich auffangen und auf den richtigen Weg begleiten, damit eine „normale“ Entwicklung möglich ist.

So viele Kinder, so viele Menschen, mitten unter uns. Jeden Tag. Im Bus, beim Warten auf den Zug, im Park, in der Schule… Überall sind Menschen, die einen Rucksack zu tragen haben. Wir alle haben einen. Und manchmal, da ist dieser Rucksack eben zu schwer, um ihn noch länger alleine zu tragen. Vor allem wenn man noch ein kleiner Mensch ist und nicht weiß wohin mit so viel Last.

Ich will irgendwann einmal so eine Person sein, die ununterbrochen und mit nicht zu bremsender Leidenschaft Tropfen der Hoffnung auf brennend heiße Steine wirft. 

VA

Hinter jeder Diagnose steckt ein Mensch

Wir machen das gerne. Sticker verteilen. Label drauf und ab damit auf die Stirn. „Geisteskranker“, „Psychopath“, „Behinderter“,… Kurzum: etikettiert mit „weniger wert“. Fast so wie die S-Budget-Produkte oder die Mode bei Kik.
Vor denen muss man dann Angst haben, sich schützen. Denn sie fallen andere Menschen auf der Straße an, sind eine Bedrohung, sind anders und darum gefährlicher als wir. Wir, die Normalen. Wir, die Gesunden, wir haben unser Leben natürlich immer vollkommen unter Kontrolle. Sind stärker, unabhängiger, wichtiger für die Gesellschaft. Praktisch der Weizen, der sich selbstverständlich stets von der Spreu abhebt.

ICD-10 nennt man das Ding. Das ist für die lieben Psychologen etwa so wie die Bibel für die Katholiken oder der Kodex für die Richter-Töchter mit ihren Louis Vuitton Täschchen am Juridicum (Achtung, Sticker verteilt!). Eine Kategorisierung soll es sein. Eine statistische. Eine internationale. Damit jeder einheitlich darüber Bescheid weiß, welche Symptome zu welcher (psychischen) Krankheit gehören. Man könnte es auch als eine Art Kommode betrachten. Für jede Krankheit eine Schublade. Für die Diagnostik ungeheuer wichtig -ja gar nicht wegzudenken. Und wir brauchen sie wirklich, diese Klassifikation, die uns tatsächlich einiges erleichtert. Aber dennoch, wenn ich eines rückblickend auf mein gerade beendetes Praktikum sagen kann, dann: Hinter jeder Diagnose steckt ein Mensch!

Diese weisen Worte kommen nicht von mir und wahrscheinlich auch nicht von der Klientin, von der ich sie lesen durfte, welche wiederum meinte sie von ihrer Therapeutin gehört zu haben. Aber nichtsdestotrotz. Genau darum geht es. Egal ob man als F 20.0 laut Klassifikations-Kommode oder als „Deppatar“ laut Durchschnitts-Wiener bezeichnet wird, der Mensch dahinter bleibt immer noch Ludwig, Isidora oder Liesbeth. Und Ludwig mag vielleicht Fisch, Isidora liebt Fleisch und Liesbeth ist Vegan. Möglicherweise hat Ludwig seine Mutter verloren, Isidora ihre nie gekannt und Liesbeth hat dafür gleich zwei. Und trotzdem tummeln sie sich alle auf derselben Seite des ICD 10. Und trotzdem teilen sie sich dieselbe Schublade in der Kommode. Versteht ihr?

Eine psychische Krankheit lässt keinen Menschen verschwinden, keine Individualität. Schizophren ist nicht gleich schizophren und nur weil es einen Typen mit einer vermeintlichen Depression gibt, der ein Flugzeug benutzt um einen „erweiterten Suizid“ durchzuziehen (wenn das denn alles so wirklich stimmt), heißt das nicht, dass jeder Depressive eine Gefahr für die Menschheit darstellt.
Wir, die Normalen, sind natürlich alle verschieden. Da darf man nicht über einen Kamm scheren. Aber sie, die Anderen, die Komischen, die die gesellschaftlich als „krank“ beschrieben werden, sie sind alle gleich. Eben krank. Und ein Kranker kann und darf nicht arbeiten. Ein Kranker bedeutet Gefahr. Einen Kranken muss man immer ganz anders ansehen. Ach nein, angaffen. Angaffen, aber sich ja nicht zu auffällig verhalten. Schließlich will man nichts riskieren. Ist ja gefährlich. Möglicherweise auch ansteckend. Oder? ODER?

Einer meiner lieben ehemaligen Klienten, welchen ich aus schweigepflichttechnischen Gründen jetzt einfach einmal Konstantin nenne, hat mich nach der Arbeit noch eine Straßenbahnstation begleitet. Gesprächig wie er ist, konnte er sich auch hier nicht zurück halten. Und da habe ich sie bemerkt. Diese Blicke. Diese Blicke die doch beinahe schon tödlich sein müssen, wenn man den Sticker „anders“ trägt. Zwei junge Mädchen. Ihre Gedanken mit Edding ins eigene Gesicht geschrieben. „Oh Gott sie dir den an. Haha. Lächerlich. Widerlich. Und was macht die mit dem? Wieso redet sie so normal mit ihm? Freak… Ach Gott sei Dank steigt er jetzt eh schon aus.“…

Wir machen das gerne. Sticker verteilen. Label drauf und ab damit auf die Stirn. „Geisteskranker“, „Psychopath“, „Behinderter“,… Kurzum: etikettiert mit „weniger wert“.
Doch hinter jeder Diagnose steckt ein Mensch. Ein Mensch wie du und ich. Ein Mensch der kämpft. Jeden Tag. Der tödliche Blicke überlebt und versucht den Sticker auf der Stirn mit einer Baseballkappe tief im Gesicht zu verstecken.
Hinter jeder Diagnose steckt ein Mensch. Ein Mensch der seine Eigenheiten hat, seine Stärken, seine Schwächen und ich verrate euch etwas -sogar seine unerfüllten Träume, Wünsche, Hoffnungen und Ängste.

Und wenn wir ganz kleinkariert sind, dann steckt im Grunde nicht nur hinter jeder Diagnose ein Mensch. Dann ist die Diagnose nicht das, was im Vordergrund stehen sollte.

Hinter jedem Mensch steckt eine Diagnose.

Und auch wenn die Diagnose heißt „normal“. Oder wie es mein Lieblings-Psychiater und -Lehrender immer so schön sagt „normopathisch“.
Denn seien wir uns ehrlich. Ganz normal sein, ist schon auch irgendwie krank…

VA